1500 Euro gibt Lisa B. im Monat für Heroin aus (Symbolbild) | Bild: www.istockphoto.com/Rachaphak

Reportagen Motiviert für ein Leben ohne Drogen
„Meine große Liebe und mein größter Hass“

1500 Euro gibt Lisa B. im Monat für Heroin aus (Symbolbild) | Bild: www.istockphoto.com/Rachaphak

19 Sep 2018

Mit 13 fängt Lisa B. an, Heroin zu nehmen. Sie will immer wieder aufhören und schafft es nicht. Die Sucht siegt immer wieder. Jetzt möchte die 25-jährige in einer Fachklinik einen Drogenentzug machen. Über das Leben von Lisa B., vom ersten Schuss bis zur Motivation für ein Leben ohne Heroin.

Lisa* denkt zurück: In dem Park, in dem sie jetzt sitzt, fing vor zwölf Jahren alles an. Dort lernte sie die zehn Jahre älteren Männer kennen. Irgendwann waren sie alle betrunken im Park und einer der Männer setzte ihr, ohne zu fragen, einen Schuss. Drei Stunden lang musste sie sich übergeben. Noch nie hatte sich das so schön angefühlt. Am nächsten Tag wollte sie mehr und bekam den Stoff noch umsonst. „Das machen die Dealer immer so, bis du süchtig bist!“, erzählt Lisa. „Wie kann man einem Kind so etwas antun?“, fragt sie. „Das Substitutionsprogramm habe ich abgebrochen, ich versorge mich gerade noch selbst.“ Ihr Blick geht ins Leere.

„Selbst versorgen“ heißt unter den Abhängigen, sich das Heroin illegal zu beschaffen. Wer sich für ein Substitutionsprogramm entscheidet, erhält vom Arzt einen passenden Ersatzstoff. Dabei handelt es sich um Opiate wie Methadon oder Subutex. Vorteil: die Mittel haben eine längere Wirkungsdauer, erzeugen keinen „Kick“ und sind legal.

 „Es gibt die sogenannte Ein-Drittel-Regel“, erklärt Dr. Michael Parys, ehemaliger Suchtmediziner und Pionier der Substitutionsbehandlung aus Stuttgart. Ein Drittel der Patienten schafft es, nur das Substitut einzunehmen, ohne Bei-Konsum. Das zweite Drittel greift auf mäßigen Bei-Konsum wie Alkohol, Kokain oder auch Heroin zurück. Das letzte Drittel übt immer wieder einen exzessiven Bei-Konsum aus. Hier versucht man die Patienten besonders stark zu motivieren, indem man ihnen Alternativen wie eine Langzeittherapie, Entzug oder das Diamorphin-Programm anbietet.

An die Grenze gehen

Alle zwei Wochen fährt Lisa sechs Stunden mit dem Zug nach Holland, um Heroin zu holen. An der Grenze kostet es nur die Hälfte. Die Hin- und Rückfahrt, eine Qual! Angespannt sitzt sie am Fenster, die Kapuze hochgezogen, den Kopf an die Scheibe gelehnt. Ein konzentrierter Blick: Jetzt gilt es nicht einzuschlafen, um die Kontrolle zu behalten, falls der Schaffner kommt. Ihre Augen fallen trotzdem immer wieder zu. Mit ihren braunen langen Haaren, dunklen Augen und ihrer zierlichen Figur wirkt sie unauffällig. Lisa überlegt, was sie dem Schaffner sagen würde. „Falls mal jemand fragt, was ich in Holland gemacht habe, muss ich mir echt noch überlegen, was ich sage“, sie lacht kurz.

„Die große Frage bei der illegalen Beschaffung ist, wie lange die Quelle und der Konsum stabil bleibt“, so Dr. Michael Parys. Hinzu kommt, dass bei einem Abhängigen die Tendenz zur Dosissteigerung kommt. „Ich habe meine Zweifel, dass illegale Beschaffung auf Dauer stabil bleibt. Abhängige gelangen immer wieder an den Punkt, an dem es schwierig wird.“

Lisa hat sich schon oft entgiften lassen. „Eine Entgiftung muss man öfter mal machen, sonst kann man den Stoff nicht mehr zahlen“, erzählt sie. „Nach der Entgiftung braucht der Körper erstmal viel weniger Heroin, sodass man die Dosis reduzieren kann. Danach darf man auf keinen Fall mit der gleichen Dosierung weitermachen. Das kann im Himmel enden.

Zum Beruf trotz Heroin

„Dass ich es noch jeden Tag zur Arbeit schaffe, ist ein Wunder! Ohne meinen Vater hätte ich die Ausbildung niemals geschafft“, erklärt Lisa. „Um meinen Job überhaupt beginnen zu dürfen, musste ich nachweislich clean sein.“ Während ihrer Prüfungsphase musste Lisa einen Bericht in der Entgiftungsklinik schreiben. Ihr Vater holte den Bericht ab, ließ ihn korrigieren und gab ihn schließlich beim Prüfer ab. Nach der Entgiftung fuhr er Lisa dann sofort zum Arzt, um den Drogentest durchzuführen.

Heroin beherrscht Lisas Alltag

Nach drei Stunden im Park spürt Lisa ein Kribbeln. „Es fühlt sich so an, als würden dir die Beine einschlafen“, erklärt sie. „Dann wird es schlimmer, die Gelenke fangen an zu schmerzen“, fügt sie hinzu. Mit der Toiletten-Infrastruktur in der Stadt kennt sie sich bestens aus. Auf der Toilette hat sie oft wenig Zeit, um sich einen Schuss zu geben. Andere Besucher klopfen an der Toilettentür, wenn es zu lange dauert. Den Schuss kann sie dann nicht genießen.

Starke Pulserhöhung, starkes Schwitzen, Angst, Schweißausbrüche und Durchfall – ein Heroinentzug ist äußerst unangenehm“, erklärt Dr. Michael Parys. „Wie ein schwerer Magen-Darm-Effekt. Der körperliche Entzug geht jedoch in der Regel nur ein paar Stunden. Ein Heroinentzug ist zwar anstrengend und sehr unangenehm, aber in der Regel nicht lebensbedrohlich.“

Mit Motivation in die Klinik

Lisa ist nun fest entschlossen, clean zu werden: „Dieses Mal möchte ich es ernsthaft angehen. Ich möchte eine Langzeittherapie machen“, sagt sie. Ihr Drogen-Berater empfiehlt ihr eine Fachklinik. „Ich habe trotzdem Angst. Ich kenne mein Leben nicht ohne Heroin. Heroin hat mir immer Zuflucht, Sicherheit und Liebe gegeben. Auch wenn das zu hundert Prozent eine Illusion ist. Heroin ist eben meine große Liebe und mein größter Hass“, Lisa weint fast.

„Das Wichtigste ist die Motivation und die Veränderungs- und Leidensbereitschaft der Patienten“, erklärt Dr. Michael Parys. Das Ganze ist eine ambivalente Geschichte. Auf der einen Seite hat der Patient die Sucht, die oft mit Kriminalität und Krankheiten einhergeht. Auf der anderen Seite geht es dem Patienten für kurze Zeit gut mit der Droge. Deshalb fragen sich Patienten oft: Warum sollte ich damit überhaupt aufhören? Das bedeutet doch, nur noch mehr zu leiden. Wenn der Veränderungsdruck von außen oder vom Arzt kommt, ändert sich nichts. „Man kann Hilfe anbieten, ja. Patienten zu einem Entzug zu drängen, hat keinen Sinn.“ Der Arzt spricht aus langjähriger Erfahrung.

Ruhe bewahren

„Papa, ich bin richtig nervös“, Lisas Hände zittern. Sie lässt die Unterlagen für die Klinik beinahe fallen. „Ich hoffe, dass ich alle Medikamente, die ich einnehme, richtig eingetragen habe!“ Unruhig wippt Lisa auf dem Beifahrersitz hin und her. „Immer mit der Ruhe, heute ist nur ein Vorgespräch“, versucht ihr Vater sie zu beruhigen. Während der Fahrt lässt ihr Vater sich dann doch etwas aus der Ruhe bringen und drückt einige Male ordentlich aufs Gaspedal. „Das wirst du nie lassen“, sagt Lisa. „Das macht einfach unheimlich Spaß“, lacht er.

 „Es lässt sich vor der Therapie keine Prognose abgeben, ob die Familienmitglieder eine hilfreiche Rolle einnehmen können oder nicht“, so Parys. Gerade bei Familienverhältnissen spielen so viele Emotionen eine Rolle, die können auch kontraproduktiv sein. Der Patient und der Therapeut finden zusammen heraus, inwiefern das Familiengefüge die Sucht begünstigt hat oder nicht. Man spricht in dem Zusammenhang auch von Co-Abhängigkeit. Die Familie kann also während der Therapie oder nach der Entlassung aus der Klinik eine große Rolle spielen – oder auch nicht.

„Es steckt viel Potential in Ihnen“

Die Frau von der Rezeption bringt uns in einen großen Wartesaal, in dem auch andere Besucher auf ein Beratungsgespräch warten. „Wenn Sie auf die Toilette wollen, geben Sie bitte Tobias* Bescheid. Die meisten Besucher haben nämlich etwas dabei, unsere Patienten sollen dadurch nicht in Versuchung kommen“, sie betont den letzten Satz. Tobias, ein Patient, der schon fünf Monate in Therapie ist, achtet darauf, dass jeweils eine Person zur Toilette geht. Man möchte wohl verhindern, dass die Besucher den Patienten Drogen geben, denke ich mir.

Später hält der Leiter der Suchtklinik einen Vortrag. „Sie können hier alle möglichen Drogen mit reinnehmen, keiner wird Sie kontrollieren. Unser Konzept hat es jedoch in sich: Der Konsum von Drogen wird mit einem Rausschmiss und einer Anzeige bestraft.“ Nach dem Vortrag führen einige Patienten Lisa und die anderen Besucher durch die Räumlichkeiten. Nervosität macht sich breit. Ein Langzeit-Patient zeigt uns die Kreativ- und Freizeiträume, in denen man malen, trainieren oder handwerkliche Arbeiten ausüben kann. Sein Blick streift immer wieder unsere Taschen. „Die Patienten wissen, dass die Besucher etwas dabeihaben. Das macht sie nervös“, flüstert Lisa mir zu.

 „Sie wissen schon, dass ihr Job mit Opiaten wie Heroin schwer zu meistern ist, oder?“, die Psychologin schaut Lisa im Vorgespräch fragend an. „Ich weiß, aber ich liebe meine Arbeit.“ Lisa ist nervös, wirkt aber überzeugt von ihrer Antwort. „Wenn Sie ihren Job mit Heroin mehr oder weniger vereinbaren können, dann steckt viel Potential in Ihnen“, beendet die Psychologin das Gespräch.

Das Tal der Tränen

Lisa geht aus der Klinik und atmet tief durch. Der Vater fragt Lisa nach einer Zigarette. „Eigentlich wollte ich nur noch E-Zigaretten rauchen. Wenn du in die Klinik gehst, Lisa, dann höre ich ganz auf zu rauchen“, verspricht er. „Dann hoffen wir mal für uns beide, dass mein Termin für die Klinik nicht allzu schnell vergeben wird“, erwidert Lisa. Kurze Stille. Dann lachen beide.

„Eine Entzugstherapie ohne Opiate ist ein Tal der Tränen“, betont Dr. Michael Parys. Ein Opiatentzug bedeutet, dass man zunächst in eine tiefe Depression hineingerät, die ein Jahr lang dauern kann. Die Frage ist dann, ob und wie man das durchhält. In der Klinik ist man im Reagenzglas, im geschütztem Rahmen, mit Tagesablauf und Programm. Wenn man draußen ist, muss man alles alleine machen. Die allesentscheidende Frage ist: Was mache ich unmittelbar bevor ich rückfällig werde? Nach dem Klinikaufenthalt muss die Therapie ambulant weiterlaufen. Das ist das A und O. Wichtig ist, dass man Freude an Dingen findet. Am besten ist ein umfangreiches Programm mit vielen positiven Erlebnissen.

„Papa, wie findest du die Klinik?“, fragt Lisa, als wir im Auto sitzen um nach Hause zu fahren. Er erklärt seiner Tochter, dass er es sehr gut fände, wenn sie dort hinginge. Doch der Wille, die Therapie zu machen, müsse von ihr kommen. Nur sie habe das in der Hand. Zwanzig Minuten lang herrscht Stille. Dann antwortet Lisa: „Ich will das machen. Ich brauche aber deine Hilfe.“

*Name geändert. Lisa heißt eigentlich nicht Lisa, sondern anders. Die Autorin dankt ihr und ihrem Vater hiermit für die große Offenheit und für die Möglichkeit, bei der Besichtigung der Entzugsklink dabei zu sein.