Inhaltswarnung für Leser*innen
Dieser Artikel kann Themen enthalten, die als sensibel empfunden werden könnten, darunter Drogenkonsum und Sucht sowie psychische Gesundheit. Bitte sei dir dessen bewusst und lies den Artikel entsprechend deiner persönlichen Sensibilität. Unsere Absicht ist es, respektvoll und einfühlsam zu berichten, um die Würde der betroffenen Personen zu wahren.
Der Bass dröhnt. Die Körper der Wartenden in der Schlange vibrieren. Als er die Treppen hochsteigt, schwingt er automatisch mit dem Takt. Rote Lichter wandern über seinen freien Oberkörper. Langsam tanzend schiebt er sich durch die Menschenmassen in Richtung Tanzfläche. Vor dem DJ-Pult angekommen, schließt er die Augen und gibt sich komplett dem Techno hin.
So erinnere ich mich an einen Abend vor ein paar Monaten, als ich Martin zufällig beim Feiern traf. Heute sitzen wir auf der Terrasse meiner Eltern. Um uns herum blühen Oleander und ein Schirm schützt uns vor der heißen Julisonne. Dass wir beide zuletzt hier saßen, ist bestimmt 13 Jahre her. Aufmerksam lausche ich seinen Worten, die härter sind als ich sie mir je hätte vorstellen können. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn als kleinen Jungen: abseits von uns anderen saß er in der Ecke auf dem Sofa. Während wir durcheinanderredeten und laut lachten, war er still in sein Handyspiel vertieft. Martin ist der große Bruder meiner Freundin Ela. Freunde wurden wir alle, weil unsere Eltern uns zu ihren Cliquentreffen mitnahmen. Wenn ich mich an den Martin von früher erinnere, sehe ich ein ruhiges, schüchternes Kind. Trotzdem: ich habe immer zu ihm aufgeschaut. 10-Jährige schauen zu 13-Jährigen nun mal auf.
Heute sitzt er vor mir. Sein Geld verdient er inzwischen als Content Creator. Wenn ich ihn nicht auf Instagram über all die Jahre verfolgt hätte, hätte ich ihn niemals wiedererkannt. Obwohl er nur ein Stück größer ist als ich, wirkt er riesig. Seine muskulösen Arme und Schultern sind von Tattoos übersät. Die Muster ziehen sich von seinem Nacken über seinen rasierten Kopf bis ins Gesicht. Piercings schmücken seine Nase, seine Lippen und von seinen Ohren baumeln zwei silberne Kreuze.
Martins Veränderung begann vor einigen Jahren auf einer Party und wirkte zunächst völlig harmlos.
Der Trampelpfad
Das erste Mal richtig Drogen konsumiert hat Martin auf einer Gartenparty. Damals war er neugierig. Er wollte wissen, wie es wirkt, was es mit einem macht. Als ihm dann MDMA, also Ecstasy, angeboten wurde, hat er es einfach genommen. „Es ist so ein Wärmegefühl von innen. Du hast alle voll lieb.“ erinnert sich Martin. Damals ist es eine positive erste Erfahrung für ihn. Genau das mache solche Erfahrungen besonders gefährlich, sagt Sozialarbeiter Samuel Winkelmann von der Suchttherapieeinrichtung Tagwerk: „Was in unserem Leben überraschend positiv ist, wird von unserem Gehirn sehr tief abgespeichert.“ Die unangenehmen Folgen, erklärt er, kämen oft erst Tage später und würden deshalb viel schwächer mit dem Konsum verknüpft als das gute Gefühl nach dem Einnehmen.
Kurz danach geht Martin das erste Mal aufs WET, ein großes Technofestival. Dort kommt er mit der Musik in Berührung und konsumiert Kokain um länger wach bleiben zu können. Das nächste halbe Jahr bleibt er clean. Darauf folgt eine Phase, in der er wöchentlich konsumiert. In dieser Zeit lernt er immer mehr Leute aus der Technoszene kennen und Konsum wird für ihn etwas ganz Normales. Drogen wie Kokain, MDMA und Ketamin begleiten Martin jetzt immer beim Feiern und er bleibt teilweise Tage lang wach. Aber für seinen Konsum macht er nicht den Techno oder sein Umfeld verantwortlich. Das Problem sieht er bei sich selbst. „Ich gehe ja schon immer so ins Extrem rein.“
Nicht nur bei den Drogen, sondern auch in anderen Teilen seines Lebens schätzt Martin das Extreme. Ob es der Sport, die Tattoos oder Drogen sind. Martin beschreibt dieses Phänomen, diesen Kick, den er braucht, als seine Art der Flucht. Flucht aus dem Alltag, Flucht vor zu vielen Aufgaben, Flucht vor Gedanken, vor dem Alleinsein.
Dann tritt eine neue Droge in sein Leben. Er nennt sie nur „G“. GBL ist eine Partydroge, die aber auch als K.o.-Tropfen missbraucht wird. Ruhiger Kopf. Emotionale Abflachung. Wärmegefühl von innen. „So als würde dein Herz umarmt werden“, beschreibt Martin es mir. Was er nicht erwähnt: Parallel zum Wärmegefühl kann Herzrasen oder starkes Schwitzen auftreten, Effekte, die im Moment einfach ausgeblendet würden, erklärt Winkelmann. G wird zu Martins täglichem Begleiter. G kann man gut dosieren, erklärt er mir. Einmal pro Stunde, öfter nicht „dann gehst du drauf“. Nachts nimmt Martin eine höhere Dosis, um zu schlafen, alle zwei bis drei Stunden wacht er auf, um zu konsumieren. Er ist ab diesem Zeitpunkt eigentlich immer drauf. So lebt er seinen Alltag. Er geht ins Gym, macht Content für seinen Instagram Kanal, sogar beim Autofahren ist er drauf. Irgendwann ist es nicht mehr nur feiern. Nicht mehr nur Party. Nicht mehr nur Spaß. Martin fällt in ein tiefes Loch. Gegraben von Drogen. Dann schließt er sich ein. Alleine zuhause. Und tut nichts anderes mehr als zu konsumieren. „Letzten Sommer habe ich komplett die Rollläden meiner Wohnung unten gelassen.“
In diesem Loch steckt Martin jedoch nicht alleine. Sein Weg vom Party-Konsum in den Alltag sei kein Einzelfall, bestätigt Winkelmann: „Das ist tatsächlich sehr häufig.“ Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen konsumierten 3,7 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland im letzten Jahr mindestens eine illegale Droge.
Die richtige Abzweigung
Dass es „zu viel“ ist realisiert er, als er das erste Mal eine Dosis auslässt. Er bekommt sofort Entzugserscheinungen. Zwei Stunden lang zittert sein Körper und sein Herz rast. Da weiß Martin, er muss irgendwie wieder raus. Aber den Absprung schafft er damals noch nicht. Zu viel beschäftigt ihn. Zu viele Gedanken, zu viel Streit mit der Partnerin, welche selbst nicht konsumiert und möchte, dass er aufhört. Es gibt zu viel vor dem er fliehen muss. Der nächste Wachrüttler ist eine Woche, in der er sich von seiner Partnerin trennt und seine Oma stirbt. Er bricht zusammen. Hier hört er auf Koks zu konsumieren.
Plötzlich kommt alles hoch, was er über die ganze Zeit verdrängt hat: der ganze Streit, die Trennung, der Verlust seiner Oma, die Erschöpfung der letzten Monate. Da wird ihm klar, um das alles zu verarbeiten, muss er clean werden. Auf der Beerdigung nimmt Martin kein Koks aber trotzdem G. Er weint viel und öffnet sich das erste Mal gegenüber seiner Mutter. Er erzählt ihr, dass er abhängig ist. Seine Eltern sind besorgt, aber verurteilen ihn nicht. Der erste Schritt weg von den Drogen ist getan.
Auch interessant
Den letzten Anstoß, um auch von G wegzukommen, gibt die Geburtstagsfeier von Martins Mutter. Am Geburtstagstisch hat er eine Überdosis. Dabei schläft er ein und gerät in eine Schlafparalyse. Währenddessen schreit er. Eine Woche später hört er auf G zu nehmen. Martin entscheidet sich für einen Entzug ohne ärztliche Begleitung. Ein Risiko, sagt Winkelmann: „Unbegleitet sollte man das nicht machen.“ Im schlimmsten Fall drohten desorientiertes Verhalten, Krampfanfälle oder Herzprobleme. Auf Martins Fall angesprochen, wird er deutlich: „Er hat aus meiner Sicht Glück gehabt.“ Die nächste Woche ist hart. Panikattacken, hoher Puls und Angststörungen. Kein Schlaf. Nach einer Woche wird es leichter, aber die Panikattacken bleiben. Viel unter Leute geht er jetzt nicht mehr. „Ich habe mich unter Menschen nicht wohlgefühlt“. Zu Hause konsumiert er gar nicht mehr. Nach einiger Zeit schafft er es auch die Drogen beim Feiern wegzulassen.
Die Schlaglöcher
Clean werden ist ein holpriger Weg mit Schlaglöchern. Er verläuft nicht immer geradeaus und ohne Hindernisse. Vor drei Wochen erleidet Martin einen Rückfall. Statt wie geplant Gras von seinem Dealer zu kaufen, nimmt er Kokain und weiß sofort, dass es eine dumme Idee ist. „Ich hatte eine schlechte Woche, hatte eigentlich voll viel zu tun, habe aber nichts davon geschafft“. Nach dem Konsum schleichen sich die Schuldgefühle ein. Er spült den Rest das Klo runter. Auf die Frage, warum er es gemacht hat, sagt er: „Das war eigentlich reine Selbstbestrafung.“
Im Nachhinein sieht er in dem Rückfall etwas Positives. „Rückfälle sind eigentlich immer so, man lernt daraus“. Aber ist das eine Verharmlosung? Nicht unbedingt, sagt Winkelmann: Rückfälle gehörten bei einer echten Abhängigkeit „ein Stück weit dazu“, besonders im ersten halben Jahr nach dem Ausstieg. Er erklärt das mit einem Bild: Durch wiederholten Konsum entstünden im Gehirn „neuronale Autobahnen“, aus einem Trampelpfad, nach dem ersten Kosum, werde eine breite Straße. „und da nicht wieder raufzurutschen, ist sehr, sehr schwierig.“ Auch Martins Erklärung, der Rückfall sei eine Art Selbstbestrafung gewesen, kennt Winkelmann: Unangenehme Emotionen seien einer der häufigsten Rückfallgründe und mit ihnen kämen legitimierende Gedanken: „Jetzt versuche ich es ohne Drogen auf die Reihe zu kriegen, und jetzt klappt es ja auch nicht.“ Auch beim Feiern ist das Aufhören kein klarer Schnitt. Bei Festivals wie dem WET gehört der Konsum für Martin einfach dazu. Außerdem sieht er das Festival auch als Probe.
Winkelmann vergleicht das mit Russisch Roulette: „Es gibt eine Möglichkeit, dass ich gewinne. Aber es gibt keine Garantie und keine begründbaren Vorhersagen, bei wem das funktioniert und bei wem nicht.“ Kontrollierter Konsum nach einer Abhängigkeit sei nicht unmöglich, aber selten: „Das sind wirklich seltene Einzelfälle.“
Emotionale Kontrolle. Das ist das Einzige, was Martin im Alltag vermisst. „Drogen geben einem das Gefühl von Kontrolle über sein Leben, aber eigentlich hat die Substanz Kontrolle über dich.“ Winkelmann bestätigt genau das: Drogen bedienten ein psychologisches Grundbedürfnis nach Kontrolle, „ein sehr einfacher Weg, sofort die eigenen Gefühle zu regulieren.“ Das funktioniert, wie Martin schon selbst erkannt hat, allerdings nur kurzfristig. Bis die Substanz die Kontrolle wieder übernimmt. Wenn die Sehnsucht mal zu stark wird, erinnert er sich an die dunklen Momente des letzten Jahres. „Letztes Jahr dachte ich echt häufig, ich gehe drauf, ich hatte so viele Überdosen, das war einfach nicht nice“. Inzwischen geht es ihm viel besser. „Ich sehe, wie viel besser es mir geht als letztes Jahr, emotional und körperlich“. Manchmal geht er trotzdem noch feiern. Auch das benutzt er als Ablenkung. „Ja, du bist einfach mit Menschen zusammen, auch wenn man nicht viel redet, es ist einfach schön, unter Menschen zu sein. Und ein bisschen Freiheit.“ Winkelmann hält das jedoch für riskant, da Orte und Menschen von früher einen unbewussten Suchtdruck auslösen könnten. Wenn man diesem jedoch standhält, könne das langfristig sein Vertrauen, clean zu bleiben, stärken.
Seine Wegbegleiter
Durch all das hindurch begleiten ihn stets zwei Pfeiler. Das ist der Sport und seine Familie. Das Krafttraining, das er im Gym macht, gibt ihm Halt. Er sieht einen Fortschritt.
Der zweite Pfeiler ist seine Familie, die immer für Martin da ist. Vor allem seine Schwester Ela, der er immer alles erzählen kann, ohne dass sie über ihn urteilt.
Während des Gesprächs schaut er mir ernst in die Augen. Beim Zuhören realisiere ich fast gar nicht, wie schrecklich alles ist, was er mir gerade erzählt. Er spricht so ruhig. Als wäre all das schon Jahre her. Erst als er schon längst weg ist und ich auf dem Bett in meinem alten Kinderzimmer sitze und das Transkript durchlese, läuft mir eine Träne die Wange herunter.
Als er dem DJ-Pult den Rücken kehrt und die Tanzfläche verlässt, ist es draußen schon wieder hell geworden. Die Türen schwingen auf und die ersten Sonnenstrahlen treffen auf sein Gesicht. Er sieht müde aus, aber zufrieden. In dieser einen Nacht vor ein paar Monaten, als ich ihn zufällig getroffen habe, hat er es nach eigenem Bekunden geschafft, komplett nüchtern die Nacht im Club zu überstehen. So hat er es sich für viele weitere Nächte vorgenommen.