Der Mann neben mir kann sich kaum noch halten. Er und viele andere sind soeben in lautes, herzliches Gelächter verfallen. Der Grund dafür: Anja Kretschmer. Seit einigen Minuten steht sie vor uns, mitten auf dem Rostocker Friedhof und erzählt von Totenbräuchen der Vergangenheit.
Sie trägt Schwarz. Einen langen Rock, einen Hut, ein historisches Trauerkostüm. Sie ist die „Schwarze Witwe“. Eine Figur aus dem späten 19. Jahrhundert, die Anja für ihre Friedhofsführungen zum Leben erweckt. Der Tod, sagt sie, müsse nicht nur schwer sein. Dann erzählt sie weiter.
Anja ist Kunsthistorikerin. Dass sie sich jetzt mit Friedhöfen beschäftigt, war für sie kein ungewöhnlicher Weg. Kunstgeschichte bedeutet nie nur Gemälde. Auch Architektur, Bildhauerei und Denkmalpflege gehören dazu. Sie interessierte sich schon immer dafür, wie Menschen in verschiedenen Epochen gelebt haben und was sie angetrieben hat.
Für Anja war schon als Kind spürbar, dass Friedhöfe davon erzählen. Sie ist auf dem Dorf aufgewachsen. Ihre Familie ging regelmäßig auf den Friedhof, um die Gräber ihrer Vorfahren zu pflegen. Sie wurde als Kind mitgenommen und lernte dadurch einen Umgang mit dem Friedhof, der für sie selbstverständlich war. Die ruhige, intensive Atmosphäre blieb ihr im Gedächtnis. Während ihrer Doktorarbeit erinnerte sie sich daran zurück und widmete sich dem Thema erneut.
„Friedhöfe kommen immer zuletzt“, sagt Anja. So wie der Tod selbst. Das empfand sie als schade. Sie beschloss schließlich in einem Friedhofsverein zu arbeiten und bemerkte, dass die Veranstaltungen dort meistens von den gleichen, wenigen Menschen besucht wurden: Heimatforschende, Familienforschende oder Menschen, die sich ohnehin für die Geschichte des Ortes interessierten. Sie fragte sich: Wo bleiben die anderen? Also überlegte sie, wie sich die Themen Tod und Friedhof anders erzählen lassen.
Ihre erste Führung bot sie 2011 während einer Kulturnacht in Greifswald an. Was damals klein begann, entwickelte sich über die Jahre weiter. Inzwischen führt sie seit 15 Jahren Menschen als Schwarze Witwe über Friedhöfe mit ihrem Programm „Friedhofsgeflüster“.
Das Kostüm ist nicht bloß Dekoration. Die schwarze Witwe ist eine historische Figur aus dem späten 19. Jahrhundert. Anja hat ihr Kostüm nach einem historischen Trauerkleid schneidern lassen. Sie steht für eine Zeit, in der Trauerkleidung und Trauerrituale viel stärker zum Alltag gehörten. Die Figur begleitet den Tod von der Vorbereitung über die Aufbahrung und Beerdigung bis hin zur anschließenden Trauerzeit und Erinnerungskultur. Doch der Name hat auch einen humorvollen Twist: Die „Schwarze Witwe“ hat auch eine zweite Bedeutung. Er erinnert nämlich auch an die Spinne und an das Bild einer Frau, die viele Ehepartner hatte. „Das soll auch einfach so ein bisschen Humor in dieses schwere Thema bringen“, erklärt Anja.
Sie erzählt geheimnisvoll von alten Bräuchen und Vorstellungen über Verstorbene. Davon, wie Menschen früher mit ihren Toten umgingen. Von Ritualen, die heute fremd wirken. So war es beispielsweise gängig, dass der Tischler bei einer Hochzeit die Maße der Eltern für den Sarg nahm und dieser dann auf den Balken der eigenen Scheune gelagert wurde. Außerdem galt es als Zeichen des Todes, wenn auf dem Weg zum Begräbnis ein Pferd in die Richtung eines Hauses wieherte oder nickte. Die Menschen glaubten, dass dort die nächste Person sterben würde. Und auch der Glaube an Wiedergänger*innen bestand: Dieser Begriff umfasste Verstorbene, die nach dem Tod nicht ins Jenseits entweichen konnten. Dafür gab es verschiedene Gründe, wie das Sterben durch einen Selbstmord oder auch zu versterben ohne den letzten Wunsch erfüllt zu bekommen. Die Menschen früher deuteten also vieles als ein Zeichen des Todes, wenn sie es sich nicht erklären konnten. Anja lächelt verschmitzt.
Der Tod vereint uns
„Meinung zum Tod? Trifft jeden, holt uns alle ein.“ Ich laufe neben einem Besucher über den Friedhof während wir uns zum nächsten Ort der Tour bewegen. Er spricht mit mir über das, worüber viele Menschen lieber nicht sprechen. Über das Ende des Lebens. Man müsse sich irgendwann mit dem Tod auseinandersetzen, sagt er. Aber man könne diesen Zeitpunkt auch ein Stück weit hinauszögern. „Ist ja heutzutage alles möglich.“
Er spricht von der Möglichkeit, relativ alt zu werden, wenn man es möchte. Seine Aussage klingt nüchtern. Fast pragmatisch. Und doch steckt darin ein Widerspruch: Der Tod ist unausweichlich. Gleichzeitig scheint der moderne Mensch ständig damit beschäftigt zu sein, ihn möglichst lange fernzuhalten. Wir ernähren uns gesund. Wir treiben Sport. Wir gehen zu Vorsorgeuntersuchungen. Medizinische Möglichkeiten werden immer weiter ausgebaut. Das sichtbare Altern, das früher als unausweichlicher Teil des Lebens akzeptiert wurde, lässt sich heute in vielerlei Hinsicht beeinflussen. Der Tod selbst ist unausweichlich, dennoch sprechen wir deutlich seltener über ihn.
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In unserem Alltag, begegnen wir dem Leben überall. Menschen sitzen in Cafés, fahren zur Arbeit, kaufen ein, gehen ins Kino. Der Atmosphäre des Todes begegnet man seltener, räumlich ist er vielerorts verschwunden. Orte wie Gedenkstätten, an denen wir ihn sehen können, müssen wir gezielt besuchen.
Früher lagen Friedhöfe häufig mitten im Ort. Bis ins 18. Jahrhundert befanden sich Gräber in vielen Städten und Gemeinden unmittelbar an Kirchen und damit im Zentrum des alltäglichen Lebens. Später wurden neue Friedhöfe zunehmend an Ortsrändern errichtet, während die älteren still gelegt oder als Denkmal erhalten wurden. Das hatte unter anderem hygienische und städtebauliche Gründe, spiegelte aber auch die zunehmende gesellschaftliche Distanz mit dem Tod wider. Er wurde buchstäblich aus dem Zentrum herausbewegt.
Heute liegen viele Friedhöfe dort, wo die Stadt leiser wird. Man muss bewusst hingehen. Und vielleicht ist das sinnbildlich für unseren Umgang mit dem Tod: Er gehört zum Leben, aber er soll möglichst weit weg bleiben. Wir wollen lange leben. Wir wollen gesund bleiben. Wir wollen den Tod hinauszögern.
Umgang mit dem Ableben
Die Gruppe bleibt stehen. Die Teilnehmenden hören zu. Mal lachen sie, mal sind sie erstaunt oder stellen eine Frage. Der Tod, der sonst so weit weg scheint, bekommt plötzlich Geschichten und Gesichter.
Eine Teilnehmerin erzählt mir, dass sie den Tod gleichzeitig mysteriös und natürlich findet. Sie arbeitet in der Pathologie und hat deshalb beruflich viel mit dem Thema zu tun. Trotzdem gebe es immer noch Dinge, die sie nicht kennt. Gerade deshalb sei sie gespannt auf diese Einblicke. Anja nutzt diese Neugier.
Das Konzept des Friedhofgeflüsters ist nicht für alle selbstverständlich. Als sie die ersten Friedhöfe mit ihrer Idee anschrieb, stieß sie dort überwiegend auf Offenheit. Die Skepsis kam eher von Bürgern, die ihre Plakate sahen. Manche fragten sich, warum eine solche Veranstaltung abends auf einem Friedhof stattfindet. Denn ein Friedhof ist für viele Menschen kein Ort, an dem man einfach so Zeit verbringt. Die meisten Menschen gehen hin, wenn jemand gestorben ist, sie ein Grab besuchen oder trauern. Aber der Friedhof kann so viel mehr sein als das: Er kann ein Ort sein, an dem die Lebenden sich mit Verstorbenen, aber auch mit sich selbst beschäftigen.
Und genau das scheint Anja auszulösen: Nach der Führung erzählt mir eine Teilnehmerin, was sie an diesem Abend erfahren hat. Von christlichen Traditionen. Von der Angst der Hinterbliebenen, dass Verstorbene keine Ruhe finden könnten. Von Ritualen, die sie teilweise aus ihrer eigenen Familie kennt. „Ich habe noch mal einen anderen Blickwinkel bekommen“, sagt sie. Sie habe viel gelernt. Und einiges habe sie überrascht. Im Zeitraum der Führung wird der Tod nicht mehr verdrängt, er wird zum Gesprächsthema.
Auch Anja selbst gibt zu weiterhin Angst vor dem Tod zu haben und geliebte Menschen zu verlieren. Aber ihr Umgang damit habe sich verändert. Als ihre Großeltern jeweils starben, wollte sie diese begleiten. Sie war im Krematorium dabei und trug selbst die Urne. Anja hat gelernt, dass der Tod nicht leichter wird, indem man möglichst lange wegschaut. Für sie wurde er dadurch eher fremder. Es war eine intensive Zeit, aber sie habe ihr geholfen. Durch das Begleiten des Todes konnte sie besser loslassen.
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Die Gruppe läuft langsam Richtung Ausgang. Hinter ihnen bleiben die Grabsteine, der Friedhof ist stiller geworden. Anja wünscht sich, dass die Menschen von hier nicht nur mit einem Verständnis für Trauer und den Tod nach Hause gehen. Sie sollen auch Freude gehabt haben. Vielleicht eine Geschichte mitnehmen, einen Gedanken an einen Menschen, den sie verloren haben – oder einen Gedanken an den eigenen Tod. Leichtigkeit und Schwere, Traurigkeit und Freude können gleichzeitig existieren. Diese ganzen scheinbaren Gegensätze würden sich beim Thema Tod nicht ausschließen, sagt Anja. Der Friedhof muss deshalb kein Ort sein, den man meidet. Er kann ein Ort sein, an dem man über das eigene Leben nachdenkt. Denn während wir versuchen, möglichst lange zu leben, bleibt eine Tatsache unverändert: Der Tod kommt irgendwann und es lohnt sich, die Ängste und Vorsicht ihm gegenüber abzulegen.