Bernd Winter ist Pfarrvikar in Miltenberg, Unterfranken. | Bild: Laura Berberich

Interviews Berufung Priester
Beichte statt Plunderstückchen

Bernd Winter ist Pfarrvikar in Miltenberg, Unterfranken. | Bild: Laura Berberich

11 Jul 2018

Unschwer zu erkennen: Bernd Winter ist ein Handwerker. Einer von denen, die anpacken können. Kräftige Hände, die jahrelang Brot und Brötchen formten, Torten bestrichen. Mit 26 Jahren hängte er seine Bäckerschürze an den Nagel.
Für ihn stand ein neuer Lebensabschnitt an – einer, der viel Mut braucht.

Seit sechs Jahren darf sich Bernd Winter offiziell Priester nennen. Als sogenannter Pfarrvikar, mitarbeitender Priester, unterstützt er den Pfarrer, der die Pfarrei leitet. Besonders die Arbeit mit jungen Menschen macht ihm Spaß: Winter arbeitet als geistlicher Begleiter in einem Jugendhaus und ist Regionaljugendseelsorger.
Nach der Ausbildung zum Bäcker legte er die Meisterprüfung ab – erfüllt hat ihn dieser Beruf allerdings nicht. 2006 verließ er die Backstube. Er traf eine Entscheidung, die sein Leben veränderte.

Die Entscheidung, Priester zu werden, führte dazu, dass Sie keine Familie mehr gründen dürfen.

Ich hab mir immer gesagt: „Schau mal, wenn du verschiedene Sicherheitsnetze hast, dann wird es für dich nicht die große Wunde, die große Lücke im Leben sein.“

Kinder wollen Sie keine?

Mein Bruder hat zwei Kinder, deren Patenonkel bin ich – das macht total viel Freude.
Ich hab auch einen tollen Freundeskreis, wo ich sagen kann, die sind für mich da. Es ist auch wichtig, Priesterkollegen zu haben, weil wir denselben Lebensweg haben. Mit denen kann ich zum Beispiel auch gut in Urlaub fahren. Das ist was Wertvolles, was ich nicht missen möchte.
Wenn ich diese verschiedenen Beziehungen immer wieder lebe und auch beachte – und meine Gottesbeziehung natürlich – dann kann ich, glaub ich, ganz gut alleine leben.

Wie kam es zu der Entscheidung?

Das war nicht nur irgend so ’ne Idee. Ich würde sagen, das hat was mit Berufung zu tun.

Das bemerkten Sie erst, als Sie schon lange Zeit als Bäcker arbeiteten.

Bei mir kam irgendwann die Frage auf: Willst du das dein Leben lang machen? Gibt es nicht auch noch etwas Erfüllenderes als den Bäckerberuf?
Durch ehrenamtliche Arbeit bin ich in das kirchliche Leben reingewachsen und währenddessen ist auch viel bei mir gewachsen. So kam der Entschluss: Das will ich hauptamtlich machen – nicht nur ehrenamtlich!

Von der Backstube ging es in den Hörsaal: Vier Jahre dauerte das Theologie-Studium, es folgte die Weihe zum Diakon, dann zum Priester. Heute ist Bernd Winter nur noch Gelegenheits-Bäcker. Mit einem Lächeln erinnert er sich an seinen alten Beruf zurück.

Was hat Ihnen als Bäcker am meisten Spaß gemacht?

Einfach Dinge herzustellen, die den Leuten gut schmecken.
Mein Chef hat das auch immer betont: „Wenn ihr das mit Liebe macht, dann wird’s auch gut, sieht gut aus und schmeckt gut“. Und dann zu sehen, wie sich die Leute freuen, wenn sie für ’ne Feier ein besonderes Stück gebacken oder ’ne Torte bekommen. Die Leute freuen sich an dem, was du geleistet hast.

Was haben Sie am liebsten gebacken?

Süße Stückchen, also Plunderstückchen und so. Er grinst.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als für Sie feststand, Priester zu werden?

Das war eine große Hürde für mich. Ich wusste, jetzt muss ich Tacheles reden.
Die Eltern waren nicht so erfreut darüber. Aber ich glaube, sie haben auch immer ein bisschen was gemerkt. Bei ihnen ist das dann auch so gewachsen. Sie haben – vor allem während des Studiums – immer mehr verstanden, dass es meine Welt ist.

Eine Welt ohne Plunderstückchen, dafür mit Beichtgesprächen und Seelsorge. Sie müssen bestimmt viele schwierige Situationen verarbeiten.

Das stimmt. Ich versuche immer, wenn meine Wohnungstüre zugeht, abzuschalten und zu sagen: Das war jetzt alles heute und das ist in Ordnung.
Was besonders gut gelingt, ist – das mache ich schon seit dem Studium – dass ich das auch vor Gott im Gebet bringe und sage: „Lieber Gott, ich hab heute das und das erlebt, das weißt du ja schon alles. Ich hab das gemacht, was in meiner Kraft gestanden ist und geb es in deine Hände. Mehr kann ich nicht machen. Vielleicht kann ich morgen an irgendwas weiter arbeiten, aber ich bitte auch drum, dass du ein bisschen was fügst.“
Das mache ich einfach, um das Ganze loszuwerden.

Klappt das immer?

Manchmal, wenn wirklich harte Tage sind, wo ich gar nicht gut mit vielen Situation zurechtkomme, dann telefoniere ich mal mit Freunden oder Priesterkollegen und tausche mich aus.
Man ist ja auch nur Mensch, man kann sich ja nicht so abschalten wie ’ne Maschine.
Ich sage mir immer: Es gibt halt nicht immer nur Hochzeiten, sondern auch mal Zeiten, da geht man durchs Tal. Wichtig ist bloß, dass man da wieder rauskommt.

Fiel Ihnen die Entscheidung, den Beruf zu wechseln, schwer?

Ja, muss ich ehrlich sagen. Ich war im Betrieb zufrieden, mir hat der Beruf Spaß gemacht. Und trotzdem kamen immer wieder diese Anfragen von mir selber. Ich habe lange mit mir gerungen und nicht viele Leute ins Vertrauen gezogen, weil ich da selber erst mal gucken musste, wie das gehen soll.
Es ist ja schon eine Art Lebensentscheidung.

2012 gab es dann kein Zurück mehr. Sie wurden zum Priester geweiht.

Ja, die Priesterweihe war ein besonderer Tag, sehr bewegend für mich. Das war ja ein ganz großer Punkt in meinem Leben. Es war einfach ein Teil der Ausbildung abgeschlossen und ich konnte ab diesem Tag sagen: „Mensch, jetzt bist du Priester!“
Und natürlich ist es sehr bewegend, so viele Leute aus dem engeren Kreis zu sehen: die Familie, die Freunde, viele Weggefährten. Ein Mitbruder, der mit mir studiert hat, ist extra über 500 km gefahren, um den Tag mit mir zu verbringen, also das fand ich schon sehr stark.

Waren Sie aufgeregt vor diesem großen Tag?

Vor der Weihe gibt’s Gott sei dank immer eine Woche Schweigen, die Exerzitien. Das war ’ne gute Woche für mich: Da schweigt man den ganzen Tag. Es gibt Gebetszeiten, Essenszeiten und einmal am Tag ein Gespräch mit dem Exerzitien-Begleiter. Das hat mir sehr geholfen, einfach runterzukommen.

Wobei entspannen Sie heute?

Ich schöpfe viel Kraft, wenn ich bete oder in Gottesdiensten. Da sind mir die schlichten Gottesdienste viel lieber, weil ich nicht so viel nachdenken muss. „Da macht man den Autopilot rein und dann geht’s so durch“ – das hat mal mein Predigtbegleiter gesagt und das beschreibt es ganz gut. Dabei kann ich mich zurücklehnen und gut entspannen.

Ist noch etwas übrig geblieben vom Bäcker in Ihnen?

Ja, wenn es eine Gelegenheit gibt, backe ich immer noch. Letztens hab ich für einen Geburtstag etwas gebacken. Als mich die Leute, die hingegangen sind, gefragt haben, ob ich einen Kuchen mitbringen würde, hab ich gesagt: „Freilich, mach ich“.

Haben Sie Ihre Entscheidung jemals bereut?

Ne, nie. Auch wenn es im Studium öfter hart wurde – gerade in Prüfungszeiten, wo man denkt: „Mensch, wie schaffst du denn das?“ Da hab ich mich zurückerinnert und gedacht: „Du hast aber auch im Beruf keine leichten Tage gehabt. Da hättest du auch um kurz nach 3 Uhr, wenn du angefangen hast, sagen können: Ne, ich zieh mein Zeug wieder aus, geh heim, es reicht.“ Aber auch das war wieder zu meistern und durchzustehen.

Nun zu den freudigen Sachen: Was ist das Schönste am Priester-Sein?

Es gibt viele schöne Sachen, vor allem auch, wenn ich mit der Jugend unterwegs bin. Da gibt es schon wichtige Momente, wo man merkt, dass Leute einem vertrauen und auch brauchen. Da kommt immer viel an Dankbarkeit zurück und man weiß oft gar nicht:
Ist man selbst der Beschenkte oder hat man wirklich selber viel geschenkt?

Ein konkretes Erlebnis, wo Sie „beschenkt“ wurden?

Wenn ich an die Ostertage zurückdenke: In der Osternacht durfte ich dieses Jahr ein Kind taufen. Das war besonders schön, weil sich die Eltern und der Pate total gefreut haben. Und ich habe mich gefreut, dass sie sich darauf eingelassen haben, das Kind am späten Abend in die Kirche zu bringen.

Kommt da nicht der Wunsch hoch, selbst Vater zu sein?

Ich denke oft: „Wie soll ich bei meinem Arbeitspensum noch ordentlich mit einer Familie umgehen?“ Da hätte ich ein schlechtes Gewissen der Frau und den Kindern gegenüber, dass ich gar nicht da sein kann wie ein normaler Familienvater. Aber ich freue mich auch an jungen Familien, ich hab ja viel mit der Jugend zu tun. Und ich bin mit vielen Leuten sehr eng befreundet, da weiß ich mich aufgehoben. Deswegen kommt mir die zölibatäre Lebensform nicht als Defizit vor.
Ich bin ja in vielen verschiedenen Beziehungen, deshalb kommt es mir nicht vor, als wäre ich einsam.