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Politik&Aktion

Ukrainekrieg
Ausnahmesituation an der ukrainischen Grenze

Blick vom Rücksitz eines Autos auf eine ukrainische Straße mit Panzersperren. | Bild: Serkan Eren

Ukrainekrieg Ausnahmesituation an der ukrainischen Grenze

Blick vom Rücksitz eines Autos auf eine ukrainische Straße mit Panzersperren. | Bild: Serkan Eren
 

12 May 2022

Chaos, Zerstörung und Angst. Die polnisch-ukrainische Grenze ist ein Ort, an dem Solidarität auf Lebenswirklichkeit trifft. Drei Menschen, die sich für eine Hilfsorganisation engagieren, erzählen davon, wie schwierig es für die Flüchtlinge wirklich ist.

Theresa Zippelt

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2021

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Es ist 22 Uhr. Nach über 1500 Kilometern kommt Dominik Merz, Journalist für den Radiosender „HITRADIO OHR“, an der polnisch-ukrainischen Grenze an. Zusammen mit der Hilfsaktion „KrisenHelfer“ aus Offenburg ist er mit einem Hilfskonvoi und einem leeren Bus dorthin gefahren, um die Menschen mit Sachspenden zu unterstützen und ukrainische Flüchtlinge mit nach Deutschland zu nehmen. Der erste Halt ist eine Station, bei der die Hilfsgüter direkt in Lastwagen verteilt und von ukrainischen Männern ins Land gebracht werden. Nebenan befindet sich ein großes Einkaufszentrum, auf dessen Parkplatz unzählige Busse stehen. Brennende Ölfässer dienen als Wärmespender. Kranken- und Versorgungszelte verteilen sich über das ganze Gelände, in denen freiwillige Helfer*innen Essen für die Geflüchteten vorbereiten. Umgeben ist das alles von bewaffneten Soldaten, Panzern und Barrikaden. „Wir haben natürlich keinen Luxus erwartet. Aber dass es so schlimm ist, war wirklich überraschend“, so Dominik Merz. Vor allem Ende Februar, zu Beginn des Krieges, beschreibt er die Atmosphäre vor Ort als sehr chaotisch. In den letzten Wochen hat sich die Koordination der Hilfskräfte an der Grenze zwar verbessert, jedoch kommen immer wieder neue Flüchtlingswellen in unregelmäßigen Abständen, da Russland weitere Städte in der Ukraine bombardiert.

Flucht ins europäische Ausland

Laut einer Erhebung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind seit dem ersten russischen Angriff am 24. Februar 2022 mehr als 5,1 Millionen Menschen innerhalb von zwei Monaten aus der Ukraine geflüchtet. Das entspricht etwa 12 Prozent der gesamten Bevölkerung. Über die Hälfte von ihnen ist in Polen untergekommen.

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Immer mehr Menschen flüchten aus der Ukraine. Fahre über die Diagramme für die genauen Daten. | Bild: Theresa Zippelt

Aktuell verlassen vor allem Frauen mit ihren Kindern die Ukraine. Nach Anordnung der Regierung in Kiew ist Männern im wehrpflichtigen Alter zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise untersagt. Sie haben entweder die Möglichkeit, als Soldat selbst in den Krieg zu ziehen oder andere Aufgaben zu übernehmen. Beispielsweise befördern sie mit Lastwagen Hilfsgüter wie Lebensmittel und Medikamente an Orte, an denen sie dringend gebraucht werden. Yannick Haldenwanger, Geschäftsführer des Gründernetzwerks „startUp.connect“ und einer der Initiator*innen der Hilfsaktion „KrisenHelfer“ berichtet: „Die sind da hingekommen mit quietschenden Reifen und haben die Sachen abgeholt. Man hat gesehen, dass sie leider echt übermüdet waren“. Auch diese Aufgabe ist mit einem sehr hohen Risiko verbunden. Viele Hilfskonvois werden angegriffen.

„Das war natürlich ein mulmiges Gefühl, irgendwo hinzufahren, wo alle raus wollen.“  – Serkan Eren

Serkan Eren, Gründer der Hilfsorganisation „STELP“ aus Stuttgart, war selbst schon mehrere Male in der Ukraine. Laut eigenen Angaben war „STELP“ die erste internationale Hilfe vor Ort. Sie bringen Hilfsgüter in die Ukraine und versuchen, so viele alte und verletzte Menschen wie möglich zu evakuieren. Schon 24 Stunden nach dem ersten Angriff Russlands waren er und andere Helfer*innen an der polnisch-ukrainischen Grenze. „Alles ging so schnell und wir haben die katastrophalen Bilder live miterlebt. Unzählige Menschen an der Grenze. Als ich in die Ukraine gefahren bin, gab es einen 40 Kilometer langen Stau gegenüber von mir und auf meiner Fahrbahn war kein einziges Auto. Das war natürlich ein mulmiges Gefühl, irgendwo hinzufahren, wo alle raus wollen“.

Flüchtlingshelfer*innen sitzen vor einem Versorgungszelt auf einem Parkplatz an der Grenze. | Bild: WRO/krisen-helfer.org
Die ukrainischen Flüchtlinge steigen in den Hilfsbus der KrisenHelfer. Ihr Ziel: Deutschland. | Bild: WRO/krisen-helfer.org
Panzerbarrikaden versperren eine ukrainischen Straße. | Bild: Serkan Eren
Versorgungszelte verschiedener Hilfsorganisationen werden aufgebaut. | Bild: WRO/krisen-helfer.org

Die Umstände in den Flüchtlingsunterkünften

Die Menschen, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind, haben die Möglichkeit, in einem leer geräumten Einkaufszentrum nahe der Grenze einen Schlafplatz zu bekommen. Das Gebäude wird von bewaffneten Soldaten überwacht, um Unbefugten den Zutritt zu verwehren. „In den Großmarkthallen waren mehrere tausend Menschen untergebracht, die Matratze an Matratze lagen“, so Yannick Haldenwanger. Zum besseren Überblick sollen die Menschen nach ihrem Wunschzielort aufgeteilt werden. Fehlende Strukturen sorgen aber für chaotische Situationen, da es keine Koordinatoren gibt, die die Leitung vor Ort übernehmen.

Der Journalist Dominik Merz beschreibt seine persönlichen Eindrücke vom 12. März 2022 an der polnisch-ukrainischen Grenze:

Raus aus dem Kriegsgebiet – Angst und Ungewissheit bleiben

Yannick Haldenwanger und Dominik Merz haben mit weiteren Helfer*innen versucht, die Flüchtlinge davon zu überzeugen, mit ihnen nach Deutschland zu kommen. Da die wenigsten von ihnen Englisch sprechen, ist es wichtig, Dolmetscher*innen dabei zu haben, um Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Durch ihre Kriegserlebnisse sind viele Ukrainer*innen traumatisiert und haben Angst, ihr Leben in die Hände einer anderen Person zu geben. Zudem trauern sie um ihre Familienmitglieder und Freund*innen, die das Land nicht verlassen können oder dürfen. Ihre Haustiere müssen sie meist an der Grenze zurücklassen. Yannick Haldenwanger erklärt, dass die Flüchtlinge nicht zu weit von der Ukraine weg wollen. Viele hoffen, nach Ende des Krieges schnell nach Hause zurückkehren zu können. Auch der Menschenhandel ist ein sehr großes Problem. Vermeintliche Hilfsorganisationen nehmen den Flüchtlingen ihre Handys und Pässe ab. Anschließend werden sie mit Bussen ins Ausland gebracht. In diesen Fällen wird von Zwangsarbeit und Zwangsprostitution ausgegangen. In den letzten Wochen wurde versucht, ein Weg zu finden, um diese Gefahr zu verringern. Dafür sollen inzwischen die Autokennzeichen der Busse und die Personalien der Fahrer*innen gespeichert werden. 

Trotz der schwierigen Situation an der Grenze sind die Geflüchteten sehr dankbar für die Hilfe. Kurz nach Abreise auf dem Weg nach Deutschland schlafen die meisten von ihnen sofort ein. Ihre Erleichterung ist spürbar. Ihnen ist es auch wichtig, schnellstmöglich Arbeit zu finden. „Wie sieht es dort aus, wo wir hingehen? Welche Möglichkeiten habe ich in Deutschland?“ – das waren die ersten Fragen, die sie an die Helfer*innen gestellt haben. Auch wenn sie der aktuellen Krisensituation entkommen konnten, ist ihre weitere Zukunft ungewiss. Für die Hilfsorganisationen ist es wichtig, die Flüchtlinge weiterhin zu unterstützen. Jeder gespendete Euro soll direkt in der Ukraine ankommen.