JUNGEN* im Blick 7 Minuten

Zwischen Manosphere und Wirklichkeit

Johannes Bayer von Jungen* im Blick
Johannes Bayer (31) ist Sozialarbeiter und seit vier Jahren bei "JUNGEN* im Blick". | Quelle: JUNGEN* im Blick
23. Juli 2026

Johannes Bayer ist Mitarbeiter bei „JUNGEN* im Blick" – der einzigen geschlechterbezogenen Einrichtung mit psychosozialer Beratung für Jungs und junge Männer in Baden-Württemberg. Ein Interview über Männlichkeitsbilder, Pornografie und Impulskontrolle.

Welche Vorgaben der Gesellschaft möchtet ihr brechen?

Stärke, Macht, ein gewisses Aussehen, Geld. Wenn ein Junge ein teures Auto fahren will, soll er das machen. Aber ist es seine Entscheidung? Oder will er das nur, weil ihm jemand sagt, dass er dann erst ein richtiger Mann ist? Wir möchten Jungs unterstützen, eine gesunde Ich-Identität herzustellen. Es geht deshalb viel ums Verstehen, Reflektieren und Einordnen.

„JUNGEN* im Blick“ gibt es seit 2008. Die Einrichtung gehört zum hauptsächlich durch Zuschüsse der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg finanzierten GesundheitsLaden e.V. Dort gibt es auch eine Beratungsstelle für Mädchen (Mädchen*gesundheitsladen) und eine Anlaufstelle für Menschen mit Essstörungen (ABAS). „JUNGEN* im Blick“ bietet geschlechtsbezogene Workshops, Beratungen, Gruppenangebote, Fortbildungen und Elternabende für und rund um Jungs an. Die Workshops finden u. a. in Kooperation mit Schulen statt. 

89 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen das Internet täglich. Was bekommen Jungs auf Social Media vermittelt? 

So hast du auszusehen, so hast du dich zu kleiden. Es geht um Red Flags, Green Flags und darum, eine bestimmte Aura zu haben. All das wird relativ plump, aber in altersentsprechender Sprache mitgeteilt. Und oft haben die Jungs Vorbilder, die sehr traditionelle Rollenbilder reproduzieren. Da ist gar nicht so wichtig, was die Person erzählt. Wichtiger ist, wie sympathisch die Jungs die Person finden.  

In manchen Social-Media-Bubbles wird suggeriert, Feminismus richte sich gegen Männer. Wie geht ihr damit um? 

Wir erklären ihnen, dass Feminismus nicht gegen Jungs ist, sondern alle davon profitieren können. Viele haben ihre Mutter oder Oma als Vorbild, weil sie alleinerziehend war und ihnen trotzdem alles ermöglicht hat. Wenn man diesen Realitätsbezug herstellt und offen darüber spricht, löst sich die Skepsis relativ schnell auf.

Wie oft fällt der Name Andrew Tate? 

Nicht mehr so oft. Es gibt viele Jungs, die Andrew Tates Werte ablehnen und sich gemeinschaftlich distanzieren. Wir geben den Jungs mit, dass sich das Patriarchat auch negativ auf Jungs auswirken kann. Dass dieser Druck, wie du als Junge zu sein hast, immens groß sein kann. 

Welche Jungs schenken der Manosphere trotzdem Glauben? 

Ich glaube solche, deren Unsicherheit und Vulnerabilität ausgenutzt wurde, denen falsche Versprechungen gemacht wurden, die immer wieder abgewertet worden sind und denen gesagt wurde, du bist so nicht richtig. 

  

Die „Manosphere” ist eine frauenfeindliche Onlineszene und wurzelt in der Annahme, dass Männer Frauen von Natur aus überlegen seien. Feminismus benachteilige und verweichliche Männer. Propagiert wird deshalb ein Männlichkeitsideal, das sogenannte Manfluencer oder Life Coaches über Selbstoptimierungs-Tipps verbreiten: sportlich, dominant, emotional verschlossen, statusbewusst und finanziell erfolgreich. Ein bekannter Manfluencer ist der u. a. wegen Vergewaltigung angeklagte Andrew Tate. Mehr dazu: www.jugendschutz.net 

Bei einer repräsentativen Umfrage (2024) der Landesanstalt für Medien NRW gab fast ein Drittel der elf bis 13-Jährigen an, schon einmal einen Porno gesehen zu haben. 

Sobald ein Kind Internetzugang hat, stößt es wahrscheinlich früher oder später unfreiwillig auf Pornografie. Spielt ein Junge beispielsweise Videospiele und möchte sich dafür eine Erweiterung herunterladen, landet er eventuell auf unseriösen Drittanbieter-Websites. Dort tauchen dann beispielsweise pornografische Werbeanzeigen auf. Geht ein Junge dann zu seinen Eltern – und die sehen diese Pop-ups – ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese den Internetzugang einschränken. Das ist kein Vorwurf, denn Sexualität ist in vielen Familien nach wie vor ein schambesetztes Thema. Aber wenn niemand mit Kindern über sexuelle Bildung spricht, wird Pornografie zum Ersatz. Und Pornografie ist kein Mittel der sexuellen Bildung. 

Wirkt sich Pornografie auf die Sexualität aus? 

Zwischen dem ersten Kontakt zur Pornografie, sagen wir mal mit 12, und dem ersten Mal Geschlechtsverkehr, liegen fünf, sechs, sieben Jahre. Schaut ein Kind Pornos, bevor es seine eigene Sexualität entdeckt oder sich damit auseinandergesetzt hat, kann es passieren, dass der Fake Einfluss auf die Realität nimmt. Sexualität kann dann zu einem Erfüllen von Abläufen, zu einer Choreografie werden. Vor allem, wenn anderweitig keine sexuelle Bildung stattfindet.

Woran zeigt sich ein „falsches“ Bild von Sexualität?

Oft sind es Äußerungen, die nicht altersentsprechend sind und überhaupt nicht eingeordnet werden können. Beispielsweise geht es um Sexualpraktiken, die fragliche Geschlechterrollen und abwertende Dinge beinhalten. Im schlimmsten Fall werden Grenzüberschreitungen normalisiert oder finden unbewusst statt. Dazu kommt, dass Pornodarsteller gezielt für eine bestimmte Rolle gecastet werden. Das hat oft wenig mit dem Durchschnitt zu tun. Nehmen Jungs das als Maßstab, stellen sie sich eventuell infrage oder fühlen sich unwohl in ihrem Körper.

Im Projekt „Netzgänger“ arbeitet ihr mit Jungs, die im Netz straffällig geworden sind. 

Netzgänger ist ein Projekt der Staatsanwaltschaft und der Jugendhilfe im Strafverfahren mit dem Haus des Jugendrechts. Da arbeiten wir mit Jungs, die im Internet in Bezug auf sexualisierte Gewalt strafbar geworden sind. Dazu zählen das Verschicken von kinderpornografischen Stickern oder Urheberrechtsverletzungen. Oft geschieht sowas aus Naivität oder Unwissenheit. Wir möchten die Jungs dann für rechtliche Grundlagen sensibilisieren und ihnen beibringen, wie sie sich und andere Personen im Internet schützen.

Welchen Vorteil hat es, mit Jungs zu arbeiten? 

Jungs sind oft sehr pragmatisch. Wenn sie merken, irgendwas funktioniert nicht so gut, dann sind sie nicht groß verkopft. Sie bringen häufig ein sehr gutes Handwerkszeug mit, um mit Themen umzugehen, die sie in ihrem Alltag beschäftigen. Da kann man gut ansetzen, indem man diesen Pragmatismus unterstützt.

Zu euch kommen Jungs zwischen sechs und 21 Jahren. Wer meldet sich am meisten bei euch?

Die Eltern. Man merkt, wie unsere Gesellschaft tickt. Mädchen und junge Frauen holen sich viel öfters selbst Unterstützung und schauen, was sie brauchen oder was ihnen fehlt. Jungs hingegen werden öfter „geschickt“. Abgesehen davon haben wir Jungs aller Schultypen in den Workshops dabei. 

2025 gab es beim Mädchen*gesundheitsladen 4.345 Kontakte, aber nur 3.904 Kontakte bei „JUNGEN* im Blick“. Das liege daran, dass es beim „Mädchen*gesundheitsladen“ mehr Stellenprozente und dementsprechend mehr Kolleginnen gebe. Wenn sie könnten, würden Johannes Bayer und seine Kollegen mehr Beratungen machen.

Im Überblick 2025 war das Nummer 1 Thema bei den Einzelberatungen mit Jungs „Impulskontrolle“. Was ist damit gemeint? 

Oft kommt es im Klassenkonstrukt oder zuhause zu Konflikten. Wenn Unsicherheit überhandnimmt, reagieren manche Jungs impulsiv. Einige werden dann laut, andere ziehen sich zurück. In der Beratung lernen sie, wie man Gefühle erkennt und einordnet. Männlichkeit wird oft auf zwei Gefühle reduziert: Freude und Wut. Aber mit nur zwei Emotionen jede Situation zu meistern, ist kaum möglich.

Wie lernen Jungs, dass alle Gefühle „okay“ sind? 

Da gibt es eine gute Übung. Wir nutzen dazu die Hand, weil sie im Alltag eine große Rolle spielt. Es gibt fünf Finger – und fünf Basisgefühle: Freude, Schmerz, Wut, Liebe bzw. Freundschaft und Angst bzw. Trauer. Wenn ich mit fünf Fingern etwas halte, funktioniert das hervorragend. Nehme ich Finger oder eben Gefühle weg, verliere ich die Kontrolle. 

Eure Einrichtung heißt „JUNGEN* im Blick“. Wo spielt das Sternchen eine Rolle? 

Unsere Gesellschaft strukturiert sich binär. Es ist nicht die Aufgabe von Kindern, die Gesellschaft umzustrukturieren. Das kann es in der Zukunft vielleicht sein, aber wenn Kinder Kinder sind, ist das nicht ihre Aufgabe. Das heißt aber nicht, dass hier nur Jungs und nur Mädchen herkommen können, sondern hier kommen Jungen* und Mädchen* her. Manchmal schauen sich Personen sowohl „JUNGEN* im Blick“ als auch den „Mädchen*gesundheitsladen“ an. Und falls die Person dann merkt – „Hey, das ist jetzt nicht mehr der richtige Ort für mich“ – dann verweisen wir auf andere Beratungsstellen. Aber Transthemen stehen hier nicht im Mittelpunkt. 

Ab dem 1. Juli 2026 greifen bei „JUNGEN* im Blick“ Haushaltskürzungen von zehn Prozent. Wie wirkt sich das aus?

Wir können das Angebot, wie es jetzt gerade ist, nicht aufrechterhalten mit zehn Prozent weniger Geld. Aber am Beratungsangebot wollen wir nicht kürzen. Die Nachfrage ist sehr groß, die Jungs haben ein Recht auf Beratung – das wollen wir weiterhin gewährleisten. 

Macht dich das sauer? 

Klar. Jungs melden sich inzwischen viel öfter selbst bei uns. Es ist gesellschaftstauglicher geworden, sich Unterstützung zu holen. Und dass man an diesem Punkt kürzt, wo es doch eigentlich gut läuft, finde ich nicht gut. 

Was würdest du unserer Gesellschaft für den Umgang mit Jungs gerne mitgeben? 

Sprecht mit ihnen, nehmt sie als Experten in ihrer Lebensrealität wahr.