Im Traum ist alles möglich. | Bild: Shirin Kittelberger

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Im Traum ist alles möglich. | Bild: Shirin Kittelberger

12 Dec 2018

Auf dem Mond spazieren gehen, sich unsichtbar machen oder fliegen – im Klartraum ist alles möglich. Vor allem, wenn man ihn selbst steuern kann. Doch wie funktioniert das eigentlich? Wir haben einen Selbstversuch gestartet.

„Was wolltest du schon immer tun, was im wahren Leben nicht möglich ist?“ Eine Frage, die im ersten Moment überfordert. Wenn alles möglich ist, wenn es keine Grenzen gibt, wenn man machen kann, was auch immer man möchte, was tut man dann? 

Gestellt hat uns diese Frage Lucas Krieg vom Traum Studio in Nürnberg. Bei ihm kann man lernen, seine Träume zu verwirklichen – und das im wörtlichen Sinne. Er bringt seinen Kunden das Klarträumen bei, was dem Schlafenden ermöglicht, sich seines Zustandes bewusst zu werden und seine Träume bestenfalls auch steuern zu können. Beherrscht man dies, wird das Unmögliche möglich und fühlt sich dabei auch noch real an. 

Das Ganze klingt sehr verlockend, doch die eigentliche Frage ist: Wie schafft man es in einen Klartraum? „Das Wichtigste ist, zum Einstieg ein Traumtagebuch zu führen. Es geht darum, die Träume zu dokumentieren. Das muss allerdings nicht unbedingt schriftlich sein – Tonaufnahmen, Videotagebücher oder Skizzen sind auch möglich“, erklärt uns Lucas Krieg. Denn das Ganze ist nur dann möglich, wenn man sich überhaupt erst an seine Träume erinnert. 

Der Selbstversuch startet

Unsere Neugierde ist geweckt und wir starten einen Selbstversuch, um das Klarträumen zu trainieren. Grundsätzlich wird dabei zwischen zwei Methoden unterschieden: der Waking-Initiated-Lucid-Dream-Methode (WILD), bei der man beim Einschlafen direkt versucht, mit wachem Bewusstsein in den Traum zu gelangen, und der Dream-Initiated-Lucid-Dream-Methode (DILD), bei der man im Traum realisiert, dass man träumt. Da wir in einigen Berichten gelesen haben, dass eine Kombination der beiden Methoden zum schnellsten Erfolg führt, haben wir uns dafür entschieden. 

Grundlegend sind neben dem Traumtagebuch vor allem die sogenannten Reality Checks. Hierbei überprüft man im wachen Zustand mindestens zehn bis fünfzehn Mal am Tag, ob man träumt. Wird dies zur Routine im Alltag, übernimmt man es auch in den Schlaf. Um das zu überprüfen, kann man sich fragen, wie man in diese Situation gekommen ist oder versuchen, seine Hände genau anzuschauen. Im Traum verschwimmen die Hände nach wenigen Sekunden, da sie nur aus einer flüchtigen Erinnerung bestehen. Außerdem kann man versuchen etwas zu lesen, denn auch das ist im Traum unmöglich. 

Zusätzlich haben wir noch weitere Techniken angewendet.

Fahre über das Bild und klicke auf die Icons. | Bild: Erstellt von Shirin Kittelberger

Im Gegensatz zu Louisa liefert mir unser Selbstversuch ernüchternde Ergebnisse. Je mehr Techniken ich ausprobiere, desto schlechter kann ich mich an meine Träume erinnern. Nach zwei Wochen vergeblicher Versuche, in denen die Müdigkeit durch die nächtlichen Weckrufe der Wake-back-to-Bed-Methode häufig überhandnahm, schwindet meine Hoffnung und Motivation.

Louisa dagegen kann ihre ersten Erfolge vorzeigen:

Die Thematik des luziden Träumens wird seit den 1980er Jahren tiefgehender erforscht. Eine wichtige Rolle hierbei spielte Stephen LaBerge, der in seiner Doktorarbeit nachwies, dass es sich bei den Klarträumen um ein reales Phänomen handelt. Außerdem gelang es ihm, durch Messungen der Hirnströme und Augenbewegungen den Zusammenhang zur sogenannten REM-Schlafphase zu erforschen. REM steht für rapid eye movement, da sich die Augen unter den Lidern schnell bewegen, erklärt uns Lucas Krieg. Diese Phase trete etwa alle 90 Minuten auf und zeichne sich durch ein reges und emotionales Traumverhalten aus, weshalb Klarträume in den häufigsten Fällen zu diesem Zeitpunkt auftreten.

Während eines Klartraums befindet sich der Träumer sowohl im Wachzustand als auch im körperlichen Schlafzustand. Dieses Phänomen lässt sich auf den Präfrontalen Kortex zurückführen. Hierbei handelt es sich um eine Gehirnregion, die für die Bewertung von emotionalen Erlebnissen verantwortlich ist. Während des Schlafens ist dieser Teil des Frontallappens nicht vollständig aktiv, weshalb bizarre Traumsituationen, wie wir sie selbst erlebt haben, dem Träumer als logisch erscheinen.

Von Angsttherapie bis Training im Schlaf

Laut einer repräsentativen Umfrage haben etwa 23 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal im Monat einen Klartraum. Vor allem in der Albtraumbewältigung hat sich luzides Träumen als hilfreiche Therapie bewährt, da der Betroffene so erkennt, dass er sich nicht in der Realität befindet. Außerdem nutzen viele Klarträumer den Schlaf, um Probleme zu lösen, kreative Inspirationen zu erlangen oder um motorische Fähigkeiten zu lernen und trainieren. Letzteres wurde 2005 in einer Studie der Universität Heidelberg nachgewiesen. Bei der Studie warfen Menschen auf eine Tasse, die einige Meter entfernt von ihnen steht. Dieser Vorgang wurde morgens und abends durchgeführt, außerdem versuchen die Protagonisten, die Aktivität in einem luziden Traum nachts zu trainieren, was auch einem Teil der Menschen gelang. Am darauffolgenden Tag wurde erneut geworfen, mit folgendem Ergebnis: Die Personen mit Traumtraining verbesserten ihre Trefferquote deutlich. Die Personen ohne Traumtraining hingegen erzielten ungefähr gleiche Ergebnisse wie am Vortag. Dies kann einerseits am motorischen Training im Traum liegen oder psychologische Gründe haben, da man sich im Schlaf mit der Aktivität beschäftigt. Es zeigt jedoch, dass das luzide Träumen Einfluss auf das motorische Training haben kann.

Am Ende unseres Selbstversuches ist folgendes klar: Bewusst zu Träumen ist allemal eine aufregende Erfahrung. Allerdings sollte dies fernab von Zeitdruck und Erwartungen geschehen. Jede Psyche ist anders gestrickt und dem einen gelingt ein luzider Traum schneller als dem anderen – doch einmal geschafft, öffnet sich eine neue Welt.