Fluglotse Felix Jocher an seinem Arbeitsplatz, dem Stuttgarter Tower in Filderstadt. | Bild: Laura Hornberger

Reportagen Fluglotse
Zwischen Simulation und Realität

Fluglotse Felix Jocher an seinem Arbeitsplatz, dem Stuttgarter Tower in Filderstadt. | Bild: Laura Hornberger

11 Mar 2018

Ein kurzer Blick aus dem Stuttgarter Tower reicht Felix, um den Flieger am Horizont zu entdecken und ihm den Weg zu weisen. Simon sitzt währenddessen in einem abgedunkelten Raum der Frankfurter Flugsicherungsakademie und lotst ein Miniaturflugzeug auf einer Leinwand. Dann erscheinen weitere Flieger am Horizont, auf dem Bildschirm. Zwei, Drei, Vier... Der Druck wächst, die Katastrophe droht.

182 Karten. Auf vier Badezimmerwänden hat er sie verteilt. In engem Abstand kleben sie auf der weißen Tür, rechts und links vom üppigen Spiegelschrank, unter den beiden milchigen Fensterscheiben und entlang der linken Wand, eine Handbreite über dem Rand der Badewanne. Wie eine Tapete verzieren die sorgfältig geordneten Karten den Raum und bilden eine endlose Bahn. Es scheint, als halte diese die vier Wände zusammen. Die Karte, auf die der Blick beim Zähneputzen wohl am häufigsten fällt, hängt rechts neben dem Spiegel. DA42.

Die vierstellige Kombination aus Buchstaben und Zahlen ist die Bezeichnung eines Flugzeuges. Anhand dieses Kürzels muss Simon Lay den Flugzeugtyp, sowie die Geschwindigkeit der Maschine wissen. Denn die europaweiten Abstände von drei Meilen sind beim Landeanflug einzuhalten. Alles Nähere ist ein Sicherheitsrisiko. Simon kommt aus Pleidelsheim und hat vor acht Monaten eine Ausbildung zum Fluglotsen begonnen. Mit weißen Sneakern schlendert er zusammen mit anderen Azubis über den Campus in Langen bei Frankfurt und kichert dabei viel. Seine breite Statur steckt in einem legeren, blauen T-Shirt und einer beige Chinohose, die oberhalb der Knöchel zu einem Bund verläuft. Dunkle Haare blitzen an den freien Stellen hervor. Ein junger, gut gekleideter Mann, wie man vielen in der Fußgängerzone begegnet. Simon war einer der 60 Bewerber, die 2017 einen Ausbildungsplatz ergatterten konnten. Die restlichen 2940 Interessenten scheiterten spätestens beim mehrtägigen Auswahlverfahren in Hamburg. „Die Erfolgsrate beim Auswahlverfahren liegt bei fünf Prozent und ist aufgrund des komplexen Anforderungsprofil mit dem Schwerpunkt kognitiver Fähigkeiten sehr gering“, so Sonja Konur, Referentin des Personalmarketings bei der Deutschen Flugsicherung (DFS).

Zweimal war der 20-Jährige im Oktober 2016 für seinen Berufswunsch in der Hansestadt. Zunächst wurden verschiedene Tests am Computer durchgeführt. Simon rekonstruiert mit den Händen eine Übung, bei der er ein Würfelnetz im Kopf zusammenfalten musste, um anschließend die Zahlen auf den Würfelseiten zu benennen. Wie war das nochmal? Am zweiten Tag wurde eine Folie mit acht Namen auf den Tageslichtprojektor aufgelegt. Wer draufstand durfte bleiben. Die Gewissheit hatte Simon nach ein paar Sekunden, als er seinen Namen in schwarzen Buchstaben an dritter Stelle fand. Nach anschließenden Fragebögen und Kopfrechenaufgaben war zwei Wochen Pause, in der unter den Bewerbern erneut aussortiert wurde. Das Schlimme sei für Simon aber nicht die zweiwöchige Wartezeit gewesen, sondern die Stunden zwischen den einzelnen Tests in Hamburg.

„Es ist wie beim Schachspiel. Das meiste passiert im Dunkeln. Wir gehen Situationen und Lösungswege im Kopf durch. Am Ende kommt nur ein Zug – ein Funkspruch dabei raus."

Felix sitzt auf einem rollenden Schreibtischstuhl und parkt auf Position 3. Hier ist er für Starts und Landungen im nahen Luftraum zuständig. Circa 400 Flugzeuge starten und landen durchschnittlich pro Tag in Stuttgart. Kontakt zum Piloten nimmt Felix in dem Moment auf, sobald die Maschine 18 Kilometer, ungefähr vier Minuten, entfernt ist und in die Kontrollzone einfliegt. Auf dem Radarbildschirm nähert sich ein Viereck mit Beschriftung. In gelb der Code GWI2460, das Rufzeichen der Airline. Die weißen Ziffern A40, stehen für die Höhe von 4000 Fuß über dem Meeresspiegel und die Geschwindigkeit von 160 Knoten wird durch eine weiße 16 verdeutlicht. Während Felix mit dem Finger in die Richtung der zwei weißen Schornsteine in Altbach zeigt, verkleinern sich die Zahlen. Seine blauen Augen sind weit geöffnet und so klar wie der Himmel über den beiden Spitzen der Türme. Wenige Sekunden später präsentiert sich die German Wings aus London. 

„German Wings 2460 wind 230 degrees 8 knots runway 25 cleared to land.“

Felix Stimme schlägt bei der Erteilung der Landeerlaubnis in einen bestimmenden Tonfall um. Seine Aussprache hört sich teilweise an wie Großelternenglisch. „Three“ wird bei ihm zu „Tri“, „Two“ zu „Zwo“. Das muss so sein. Bei schlechtem Funk dient dies der besseren Verständigung zwischen Lotse und Pilot. German Wings 2460 ... wind 230 degrees ... 8 nots ... runway 25 cleared to land“, kommt es knackend und gedämpft aus einem Lautsprecher zurück. Felix hat verstanden. Alles okay. Der Pilot bestätigt den Funkspruch durch das Wiederholen des exakten Wortlauts. Würde man diese Methode auf alle Lebensbereiche übertragen, würde das zwar viel Zeit in Anspruch nehmen aber wahrscheinlich zu weniger Missverständnissen führen.

Den nächsten Schritt übernimmt der Kollege links von Felix. Auf der zweiten Position ist er für den Rollbereich zuständig und weist der German Wings ihre Parkposition zu. Nur einen seitlichen Blick auf die Piste hat der Lotse auf der Position 1, die weniger anspruchsvoll scheint. Er spricht selten kurze Funksprüche, um das Anlassen der Triebwerke zu genehmigen und wendet sich immer wieder den aktiveren Lotsen zu. Er wartet auf den Wechsel. Im Laufe einer Schicht sitzt jeder an jeder Position, Felix heute auf 3, 2 und 1. Nach zweieinhalb Stunden wird aufgrund der notwendigen Konzentration Pause gemacht. Das ist auch in den betriebsarmen Nachtdiensten, dank einer Flugeinschränkung ab 23 Uhr, die Regel. Felix bevorzugt die Sonnenaufgänge in der Frühschicht. Durch 16 Fensterwände hindurch sieht man bis zur schwäbischen Alb und Stuttgarts Wahrzeichen, der Fernsehturm scheint bei morgendlicher Röte beinahe zu brennen.

Raum C.0.26, ebenerdig, stockdunkel. Auch in Langen ist es ein warmer Sommertag. Für Simon und die anderen Azubis lässt sich das lediglich an den Sonnenstrahlen erahnen, die durch die grauen Rollläden quer auf den Boden des Raumes fallen und kleine Striche auf den Teppichboden zaubern. Simon lässt den Knopf an seinem Mikro nach jedem einzelnen Funkspruch schnallen, wie eine Art der Bestätigung. Es ist 10:30 Uhr und er befindet sich im Tower-Simulator, mitten in einem Run. Das bedeutet, dass er eine halbe Stunde lang für den nahen Flugraum am fiktiven Flughafen Langen zuständig ist. Er schaut auf sein Fenster, die 2 x 2 Meter große Leinwand. Der Kurs aus 13 Auszubildenden hat sich in drei Gruppen aufgelöst, die jeweils von zwei Coaches betreut werden. Blaue Trennwände bilden die Mauern zwischen den Towern. Jeder Schüler schlüpft einmal in die Rolle des Piloten, sowie in die des Lotsen. Die Entfernung zwischen ihnen beträgt nur einen Meter Luftlinie. Sie kommunizieren durch Mikrofone und verbreiten konfuse Fliegersprache im ganzen Raum, der damit für jeden Laien zu einem anderen Planeten wird. Wenn Simon seiner Mutter von Prüfungen erzählt belässt er es meist bei einem gut gemeinten: „Ja, war viel los auf dem Bildschirm.“ Alles andere hat er aufgegeben.

Simon hat die linke Hand am Mikrofon. Sein rechtes Bein liegt mit der Ferse auf dem linken Knie auf, während er einen leichten Buckel nach vorne macht. Er soll das auf der Leinwand überdimensional große Flugzeug auf die Piste 36 zufliegen, aufsetzen, starten und in eine Platzrunde fliegen lassen. Er wechselt den Touchstift in seiner Hand, mit dem er alle Daten auf einem Screen notiert, von Finger zu Finger. Sein Fuß beginnt zu wippen

„Delta Romeo Sierra make direct approach runway 36 after touch and go ... join traffic circuit runway 07 right ... äh ... wind 050 degrees 11 knots runway 36 ... cleared touch and go.“

„Freeze mal“, kommt der Einwurf von Coach Alex Gola. Simon lässt die Flugbewegungen mit einem Knopfdruck erstarren. „Warum hast du gezögert?“, fragt der Coach. Ab und zu schaut Simon noch unsicher zu ihm und manchmal muss noch „gefreezt“ werden, um ein Szenario zu verbessern oder nochmals durchzuspielen. Doch das wäre in der Realität niemals möglich. „Das ist das Schicksal eines Lotsen, er dreht Däumchen und wenn dann schwubs viel los ist kann er sich nicht erst einmal sammeln. Das muss dann laufen“, so Alex Gola. Nach dem Run lobt er Simons Überblick. Er vergebe nicht immer ein „Ü“, was in der Notenskala für „Übertroffen“ steht.

Ende August steht eine praktische Prüfung an. Ein Run. Komplexer und länger. Danach wird bis Ende Januar 2018 im 3D-Tower-Simulator weitergeübt und mit dem Bestehen der Abschlussprüfung die Lizenz zum DFS-Lotsen erworben. Zehn Prozent brechen die 12-monatige Ausbildung ab. Meistens liegt das an den anspruchsvollen Prüfungen. Simon ist aber auch ein Fall bekannt, bei dem einem Auszubildenden die Verantwortung zu groß wurde.

„Es muss einem bewusst sein, dass man Verantwortung für Menschenleben trägt. ATC (Air Traffic Control) ist kein Computerspiel. Gleichzeitig darf man aber auch keine Angst davor haben.“ 

Alex Gola sieht die Herausforderung auch darin, dass man mit unterschiedlichem Klientel rechnen muss. Vom Flugschüler, über den Zahnarzt der nur einmal im Monat fliegt, bis hin zum Profi, müsse man alles unter einen Hut bringen. Das kennt Felix. Von seinem Platz aus lenkt er viele Sportflieger, die langsamer jetten als Passagierflugzeuge. Mit den Piloten spricht er oftmals deutsch, weshalb er innerhalb von Minuten mehrmals zwischen den Sprachen wechselt. Er mag das Denglisch, die Abwechslung. Nach seiner Ausbildung hat er zunächst vier Jahre im Nürnberger Tower gearbeitet, bis er auch aus diesem Grund nach Stuttgart wechselte.

Stuttgart – das könnte sich Simon gut vorstellen. Nach der Abschlussprüfung geht es für ihn an einen Standort der DFS, auf den die Auszubildenden jedoch keinen Einfluss haben. Hier findet dann das sogenannte „Training on the job“ statt, welches Teil der Ausbildung ist und je nach Einsatzort sechs Monate bis zwei Jahre dauert. Bis dahin wohnt Simon mit einem Kollegen in einer 3-Zimmerwohnung nahe dem Bahnhof in Langen. „DA42 steht für Twin Star, das Flugzeug fliegt bis zu 180 Knoten“, sagt Simon, der sich mit dem Rücken zum Spiegel am Waschbeckenrand anlehnt. Noch ist er sich nicht bei allen Karten so sicher. Bis zum Training müsse das sitzen, denn die Karten im Badezimmer will er bei seinem Umzug nicht mitnehmen.