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Eine Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer - vor allem auf dem Dorf. | Bild: Alina Braun

Blickwinkel Sprichwörter
Wie ein Lauffeuer

Eine Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer - vor allem auf dem Dorf. | Bild: Alina Braun

30 Jun 2020

In der Kolumne „Nimm´s wörtlich“ werden Sprichwörter unter die Lupe genommen. „Eine Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer“ - gerade auf dem Dorf. Damals wie heute machen Gerüchte schnell die Runde und werden zu Klischees. Kann ich diesen entfliehen? 

Alina Braun

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
Gesellschaft SportGesundheit

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Feuerwehrsirenen durchbrechen die Stille. Blaulicht erhellt mein Zimmer. Ein Hubschrauber kreist am Nachthimmel. Einige Male standen diese nächtlichen Unruhen für mich und die anderen 2764 Bewohner meines kleinen Dorfs auf dem Abendprogramm. Szenen wie in einem Actionfilm erspähe ich durch mein Fenster. Ein Auto wird vor dem Haus meiner Familie angehalten und durchsucht, dem Täter auf der Spur. Ich fühle mich wie meine Oma, die zwei Häuser weiter wohnt und den ganzen Tag Menschen durch ihre Gardinen beobachtet. Schon das dritte Feuerspektakel innerhalb zwei Wochen lässt Brandstiftung vermuten. Die Polizei ist verzweifelt. Die Feuerwehr ständig bereit für einen neuen Einsatz. Bei dem letzten Brand werden die beiden Täter geschnappt. Ich male mir dunkele Gestalten aus, einer skrupelloser als der Andere.

Wie in einem Dorf üblich, weiß spätestens am nächsten Tag die gesamte Umgebung Bescheid, um wem es sich bei den beiden Brandstiftern handelt. Auch ich habe um ein paar Ecken eine Verbindung zu ihnen, sie sind mit mir in die Grundschule gegangen. Einer der beiden, feuerrote Haare, freche Sommersprossen, ist damals in der zweiten Klasse schon negativ aufgefallen und von der Schule geflogen. Als ich noch brav Fangen im Schulhof gespielt habe, hat er nämlich andere Kinder mit einem Taschenmesser bedroht und Hakenkreuze an die Tafel gemalt. Überraschend unüberrascht reagierte ich demnach, als sich die Identität der „Bad Boys“ enthüllt hat. Ich musste fast schon lachen: Ernsthaft, so offensichtlich? Ich erwische mich dabei, wie ich in die Klischee-Falle tappe. Hat unser Dorf den Pumuckl nach all den „Jugendstreichen“ ein für alle Mal als Rüpel abgestempelt? Denn auch ich habe ihn direkt mit der Tat assoziiert, schon bevor die Neuigkeiten die Runde gemacht haben. Uns sind scheinbar allen Rollen zugeschrieben, denen wir nicht entfliehen können.

Ein Rüpel kommt selten allein

Auch der zweite Täter wird wohl auf ewig im Rebellen-Klischee gefangen bleiben - zumindest in unserem Dorf. Dabei ist Papi engagiert in der evangelischen Gemeinde, der Bruder übt regelmäßig Orgelspielen in der Kirche. Die Scheinheiligkeit der Familie übertüncht trotzdem nicht die kleinen Jugendsünden von Klassenkamerad Nummer zwei. Im gemeinsamen Konfirmationsunterricht gab es immer wieder herablassende Kommentare und Respektlosigkeit. Sechs Jahre später zündet er nun Wälder an. Hat so jemand überhaupt verdient aus dem Klischee „Kindheitsrüpel“ zu entfliehen, wenn er doch nun offensichtlich nicht dazu gelernt hat?

Paradoxer Weise sind beide meiner ehemaligen Zweitklass-Engel Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr in unserem Dorf, in dem sie gezündelt haben. Ob aus Corona-Langeweile heraus oder einfach nur aus purer Dummheit, ein Lagerfeuer hätten sie auch bei sich im Garten machen können. Das hätte ihnen zumindest die Untersuchungshaft erspart - und den Dorf-Tratsch. Denn hier verbreitet sich eine Nachricht wie ein Lauffeuer.

Einen weiteren Teil der Kolumne „Nimm´s wörtlich" findest du hier.