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Kultur&Gesellschaft

Bestatterin
Von der Krankenpflege zur Totenpflege

Ute Züfle hat zusammen mit ihrer Kollegin Chantal Häfner ein eigenes Bestattungsinstitut in Stuttgart. | Bild: Heike Press

Bestatterin Von der Krankenpflege zur Totenpflege

Ute Züfle hat zusammen mit ihrer Kollegin Chantal Häfner ein eigenes Bestattungsinstitut in Stuttgart. | Bild: Heike Press
 

02 Feb 2022

Ute Züfle ist seit über 15 Jahren Bestatterin. Davor war sie allerdings Krankenschwester auf einer Intensivstation. Doch wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Berufswechsel und was erlebt man alles als Bestatterin? Darüber habe ich mit ihr im Interview gesprochen.

Lina Quotschalla

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
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Sie waren früher Krankenschwester auf einer Intensivstation. Wie kam es dazu, dass Sie vom Menschenleben retten zur Arbeit mit Toten gewechselt sind? 

Nach meiner Ausbildung habe ich auf einer Intensivstation im Krankenhaus gearbeitet. Dort wurde ich schon ziemlich viel mit den Themen Sterben, Tod und Trauer konfrontiert. Es ging ums Gewinnen oder Verlieren – wird der Patient auf die Normalstation verlegt oder landet er im Kühlraum des Krankenhauses? Heute habe ich eine gegebene Sache. Ich kann die Person nicht mehr lebendig machen, aber ich habe die Chance, den Verstorbenen wieder etwas Würde zurückzugeben, indem ich ihnen zum Beispiel nach Monaten Krankenhaushemd wieder eine Jeans anziehe. Eigentlich war es mein Plan, nach einiger Zeit auf der Intensivstation noch zu studieren, dann habe ich aber ein Angebot von einem Bestattungsunternehmen bekommen. Dort wollte ich zunächst nur meinen Horizont erweitern, aber es stellte sich heraus, dass Bestatterin meine absolute Berufung ist. 

Das heißt, Sie sind also eher durch Zufall zu dem Beruf Bestatterin gekommen?

Ja. Früher war ich auch ganz anders. Ich habe mit 14 Jahren meine Großcousine verloren und fand die Beerdigung und den anschließenden Leichenschmaus schrecklich. Es wurde gar nicht richtig über sie geredet. Heute nenne ich das auch nicht mehr Leichenschmaus, sondern einfach Beisammensein. Man trifft sich gemeinsam um an den Verstorbenen zu denken, mit dem, was zu dem Verstorbenen passt. Damals habe ich beschlossen, ich werde nur noch auf eine Beerdigung gehen, wenn es unbedingt sein muss. Heute bin ich eigentlich jede Woche auf mehreren Beerdigungen.

Sie haben sich dann vor 15 Jahren mit Ihrer Kollegin selbstständig gemacht. Ich stelle mir das schwer vor, so eine berufliche Umstellung, und dann auch noch den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. 

Das Gute war, dass ich als Backup meine Krankenpfleger-Ausbildung hatte. Dadurch, dass wir die Firma nicht geerbt, sondern uns alles selbst aufgebaut haben, war es aber auch mit schlaflosen Nächten und Risiko verbunden. Es hat geholfen, dass ich damals nur für mich sorgen musste und meine Ausgaben so gut es ging herunterfahren konnte. Ich finde, wenn man eine Firma gründet, muss man auch 100 Prozent dabei sein, oder es lassen. Meine Kollegin Frau Häfner und ich haben dann auch wirklich reingeklotzt und die ersten fünf Jahre ohne Urlaub und mit Dauer-Bereitschaftsdienst durchgeschufftet. 

Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?

Ehrlich gesagt nicht wirklich, aber an meinen ersten Sterbefall schon. Wir wollten einen Verstorbenen abholen, der im Erdgeschoss lag. Als wir dort ankamen, wurden wir allerdings darauf hingewiesen, dass im oberen Stockwerk eine ältere Dame vor ihrer Türe liegt. Zuerst dachte ich du meine Güte, unten mein erster Sterbefall und oben stirbt gleichzeitig eine Frau. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Rentnerin, die übrigens bestimmt schon 80 Jahre alt war, nur betrunken war. Als ehemalige Notfallmedizinerin konnte ich Erste Hilfe leisten. Ich habe dann einen Krankenwagen und die Polizei verständigt, weil sie auch ein bisschen aggressiv war. Das war eine skurrile Geschichte.

Da konnten Sie also bei Ihrem ersten Sterbefall gleich beide erlernten Berufe anwenden. 

Das stimmt. Die Ausbildung zur Krankenpflegerin ist immer gut. Zum Beispiel wenn Leute bei der Beerdigung Kreislaufprobleme haben. Viele sind beruhigt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich auch Krankenschwester bin.

Wie kam es damals in ihrem Umfeld an, als Sie erzählt haben, dass Sie Ihren alten Beruf aufgeben wollen um Bestatterin zu werden?

Witzigerweise haben viele Leute gesagt: Was glaubst du, was du da alles sehen musst? Ich habe dann immer geantwortet: Was glaubst du eigentlich, was ich bis jetzt auf der Intensivstation schon alles gesehen habe?

Und wie reagieren die Menschen heute?

Heute sind alle im privaten Umfeld sehr froh, dass ich da bin und sie nur die Ute anrufen müssen, wenn was passiert. Ansonsten werde ich in der Regel mit Fragen gelöchert, wenn ich erzähle, dass ich Bestatterin bin. Wenn ich darauf aber keine Lust habe, sage ich einfach ich organisiere Events oder bin Reisebegleiterin (lacht).

Das ist auch eine gute Idee.

Ich finde es aber immer lustig, dass der Tod immer noch als Tabuthema gilt, sobald ich aber erzähle was ich beruflich mache, werde ich mit Fragen bombardiert. Ich finde auch, dass wir Bestatterinnen und Bestatter einen Auftrag haben, dieses Thema in die Gesellschaft zu bringen. Man sollte einfach normal darüber reden. 

„Kein Tag ist wie der andere.“ – Ute Züfle

Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? 

Man weiß nie was einen erwartet. Wir sind mittlerweile ein größeres Team und besprechen uns morgens, was für den Tag ansteht. Ich mache heute auch vor allem das Drumherum, also Seminare, Trauerberatung, Organisation, E-Mails beantworten. Bei einer Beerdigung müssen viele Dinge geklärt werden. Kein Tag ist wie der andere. 

Inwiefern hat sich das Corona-Virus auf Ihren Berufsalltag ausgewirkt? 

Es gab sehr krasse Bestimmungen und jeder war anfangs natürlich sehr unsicher. Zu Beginn gab es auch viel zu wenig Schutzmaterial. Die Verstorbenen mussten in weiße Leichensäcke gepackt und der Sarg dann desinfiziert werden. Außerdem sollte es im Idealfall eine Feuerbestattung sein. Für die Angehörigen war auch kein richtiger Abschied möglich, da die Toten direkt zum Friedhof gebracht werden mussten. Ich weiß ja, wie viel Abschied nehmen im Trauerprozess helfen kann, das war dann schon eine schwierige Geschichte. 

Ich stelle mir das sehr schrecklich vor. 

Trotzdem haben wir immer versucht, den Abschied für die Angehörigen so würdevoll wie möglich zu gestalten. Als Bestatterin musste ich aber viel dafür kämpfen, dass zumindest die engsten Verwandten bei der Beerdigung dabei sein konnten. 

Welche Bestattungsmethoden gibt es eigentlich?

Grob unterteilt man in Erd- und Feuerbestattungen. Aber es gibt viele weitere Optionen, zum Beispiel eine Seebestattung oder eine Baumbestattung. Man kann sich aber auch aus der Asche eines Toten einen Diamanten anfertigen lassen oder sich von den USA aus ins Weltall schießen lassen. Es ist also für jeden was dabei. Mir ist es einfach wichtig, den Menschen vorurteilsfrei zu begegnen und sie neutral zu beraten. 

Was ist der aktuelle Trend? 

In Stuttgart sind fast alle Baumgräber ausverkauft. Das ist also definitiv sehr beliebt. Das Kolumbarium, also eine Urnenwand, ist in Stuttgart eher rückläufig. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Toten irgendwann umziehen müssen, da die Urne ja nicht verrottet. Die werden dann teilweise in einem ganz anderen Friedhof beigesetzt. 

Zu sehen ist eine große weiße Tafel auf der verschiedene Bestattungsformen aufgelistet und erklärt sind. Es wird in die Feuerbestattung und die Erdbestattung kategorisiert. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, sich bestatten zu lassen. | Bild: Ute Züfle

Gab es auch schon den Moment, wo Sie ihre Entscheidung Bestatterin zu werden, bereut haben? 

Nein.

Gar nicht?

Ich habe es tatsächlich noch nie bereut. Ich war mit Leib und Seele Krankenschwester, aber ich würde nicht mehr zurück gehen. 

Was gefällt Ihnen an Ihrem jetzigen Beruf am meisten?

Die Abwechslung. In einer aktuellen Stellenausschreibung von uns steht: „Ich bin Zuhörer*in Begleiter*in, Taxifahrer*in, Dekorateur*in, Friseur*in, Gestalter*in, Gewichtheber*in, Kosmetiker*in, Sekretär*in, Organisator*in, Event-Manager*in, Schriftsetzer*in, Fels in der Brandung.“ Ich kann mir keinen abwechslungsreicheren Beruf vorstellen.

Und was gefällt Ihnen am wenigsten?

Dass ich so viel am Schreibtisch sitze (lacht). 

Welcher Fall ist Ihnen besonders nah gegangen? 

Viele Fälle von der Anfangszeit waren natürlich besonders prägend. Einmal haben wir einen Mann beerdigt, der aus dem 20. Stock gesprungen ist und die Familie aber unbedingt noch persönlich Abschied nehmen wollte. Das war sehr herausfordernd, aber nach mehreren Stunden der Versorgung konnten wir den Angehörigen den Wunsch erfüllen. Ein anderes Mal haben wir ein verstorbenes Kind noch bei uns im Trauersaal taufen lassen. Das war sehr berührend. 

Das kann ich mir vorstellen.

Mir fällt aber auch eine schöne und hoffnungsvolle Geschichte ein. Einmal wollte ein junges Mädchen, deren Vater ich beerdigt hatte, bei mir im Leichenwagen mitfahren. Wir sind dann zusammen zu dem Krankenhaus gefahren, wo er gestorben war. Als wir dort ankamen, bildete sich über dem Krankenhaus ein riesiger Regenbogen, obwohl es nicht geregnet hatte. Die Mutter des Mädchens hat mir später erzählt, dass ihre Tochter nach dem Ausflug das erste Mal wieder in ihrem eigenen Bett geschlafen hat. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich diese Geschichte erzähle. Das zeigt mir auch, dass wir als Erwachsene nicht aufhören sollten, zu hoffen und vor allem Fragen zu stellen. Kinder fragen mich einfach: Darf ich mal in die Urne reinschauen?

„Man kann eigentlich alles planen, außer das Datum.“     – Ute Züfle

Ich bin erst 23 Jahre alt und habe mich ehrlich gesagt noch nicht viel mit dem Thema Tod oder meiner eigenen Beerdigung befasst. Haben Sie einen Tipp, was ich jetzt schon vorbereiten könnte, um meinen Angehörigen den Prozess der Beerdigung etwas leichter zu machen?

Also ich finde es schon mal super, dass Sie sich jetzt mit dem Thema beschäftigen. Wenn man selbst vorsorgen möchte, kann man gewisse Dinge schon im Voraus aufschreiben. Also zum Beispiel welche Musik bei der Beerdigung laufen soll oder welche Kleidung man anhaben möchte. Aber man kann auch einen Termin ausmachen und unverbindlich alles von A bis Z mit uns besprechen. Man kann eigentlich alles planen außer das Datum (lacht). 

Nehmen Sie Ihren Beruf manchmal nach der Arbeit mit nach Hause? Und was machen Sie dann um sich abzulenken?

Ich finde es wichtig, das gut abzugrenzen. Es wäre aber falsch zu sagen, dass alles weg ist, sobald ich nach Hause komme. Ich achte aber darauf, wie ich es mit nach Hause nehme. Ich kann nicht jeden Tod auf mich beziehen. Mir helfen mein Glaube und meine Hobbies Sport und Musik. 

Was, glauben Sie, passiert nach dem Tod?

Ich denke, dass uns alle auf der anderen Seite etwas Gutes erwartet. Ich glaube auch an einen liebenden Gott und hoffe, Verwandte und Freunde wieder zu sehen. Aber wissen tun wir das alle nicht, bis jetzt ist noch keiner wieder zurückgekommen.