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Kultur&Gesellschaft

Sterbebegleitung
Der lebenswerte Weg zum Tod

Seit fünf Jahren arbeitet Nicole im Stuttgarter Hospiz als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. | Bild: Clara Waldbauer

Sterbebegleitung Der lebenswerte Weg zum Tod

Seit fünf Jahren arbeitet Nicole im Stuttgarter Hospiz als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. | Bild: Clara Waldbauer
 

16 Sep 2021

Da sein, zuhören, annehmen. Sterbebegleiter*innen sind da, wo Leben enden. Sie begleiten schwer kranke Menschen und deren Angehörige auf ihrem letzten gemeinsamen Weg. Um die letzten Tage eines jeden mit Leben zu füllen, braucht es fast nichts und doch so viel.

Clara Waldbauer

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
CR

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"Die Stimmung im Hospiz ist sehr… ja, wie kann ich dir das jetzt am besten beschreiben… es ist eigentlich fast nicht in Worte zu fassen." Das erste Mal seit Beginn des Gesprächs kommt Nicole ins Stocken. Bis zu diesem Augenblick antwortete sie ohne zu zögern, ruhig und gelassen auf jede Frage. Ganz gleich, wie schwer sie zu beantworten schienen. Doch jetzt ringt selbst sie mit den Worten. Ihre warme Stimme und ihre Erfahrung, die sogar durch das Telefon zu spüren ist, sorgen dafür, dass Nicole trotz ihres Stockens nicht hilflos oder ausweichend wirkt. Es scheint ihr eine Herzensangelegenheit zu sein, Außenstehenden den Ort verstehen zu lassen, der vor fünf Jahren zu einem Teil ihres Lebens wurde. Seit 2016 arbeitet Nicole ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Aber wie beschreibt man die Atmosphäre eines Hospizes jemandem, der selbst noch nie dort gewesen ist. Ein Ort, an dem Menschen ihre letzten Schritte gehen. Ein Ort, an dem Menschen sterben. Für Außenstehende ist dies eine nur schwer auszuhaltende Vorstellung voller Trauer und Schmerz. Doch im Laufe des Telefonats sollte noch deutlich werden, wie sehr sich die Realität von dieser Annahme unterscheidet.

Die moderne Hospizbewegung (hospitium = lat. Herberge) hat ihren Ursprung in den Herbergen, die ab dem Ende des 4. Jahrhunderts entlang der Pilgerrouten in ganz Europa entstanden und die damals noch gesunden und kranken Pilgern Gastfreundschaft boten. Erst im Laufe der Zeit wurden in den Herbergen vorrangig kranke Menschen gepflegt.

In Deutschland gibt es circa 270 stationäre Hospize für Erwachsene sowie für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband e. V. (DHPV) beschreibt die moderne Hospizbewegung als Einrichtung, die sicherstellen will, dass schwer kranke und sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg ihren Wünschen entsprechend versorgt und begleitet werden. Sie sollen schlussendlich in Würde Abschied nehmen können. Mehr als 120.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich oder hauptamtlich und unterstützen die Arbeit rund um das Hospiz. Nicole ist eine davon.

"Sowas kommt nicht von ungefähr." 

Schon ganz zu Beginn des Telefonats kommt die Frage nach Nicoles Beruf auf. Sie hakte noch mal nach, ob sie wirklich von ihrer hauptberuflichen Tätigkeit berichten solle. Sie schien zu ahnen, dass das Kommende nicht ins Bild passen würden. Trotzdem fing sie an zu erzählen, sie sei seit 14 Jahren Europasekretärin und Office Managerin in einem Konstruktionsbetrieb. Ihre dortigen Tätigkeiten lägen im Bereich Personal und Marketing. Das klingt erst mal überhaupt nicht nach Hospizarbeit. Doch wie so oft gibt es einen Grund dafür, dass Nicole vor fünf Jahren entschied, sich ehrenamtlich als Hospizbegleiterin im Stuttgarter Hospiz zu engagieren. "Ich sag immer, so was kommt nicht von ungefähr." So leitet Nicole die Geschichte über das Schicksal ein, das zu ihrem ersten Berührungspunkt mit dem Hospiz wurde. 2014 verstarb die Mutter ihrer besten Freundin und nur zwei Jahre später ihre beste Freundin selbst. Beide erkrankten an Lungenkrebs und verbrachten ihre letzte Zeit in Begleitung ehrenamtlicher Helferinnen des Stuttgarter Hospizes. Zu diesem Zeitpunkt spürte Nicole es zum ersten Mal. Diese besondere Atmosphäre des Hospizes, welche sie dazu inspirierte eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin zu beginnen.

Wie wird man Sterbebegleiter*in?

Hospizbegleiter*innen begleiten und betreuen Schwerstkranke, Sterbende und deren Angehörige. Die dazugehörige Ausbildung dauert ein Jahr und nimmt jede Woche ein bis zwei Tage ein. Neben Grundlagen der Pflege geht es in der Ausbildung auch darum, sich selbst kennenzulernen und zu reflektieren. Inhalte wie Sterben, Tod und Trauer werden als Themen des Lebens vermittelt. Ein großes Ziel während der Ausbildung ist es herauszufinden, ob man für die Tätigkeit als Sterbebegleiter*in geeignet ist. Nicole wurde schnell klar, dass sie der Aufgabe gewachsen ist. Als wichtigsten ihrer Charakterzüge nennt sie ihre Empathie. Diese Eigenschaft würde ihr ganz besonders bei der Arbeit als Sterbebegleiterin helfen. Aber nicht jeder verfügt über die passende Persönlichkeit, um den emotional aufwühlenden Berufsalltag verarbeiten zu können. Nicoles Ausbildungskurs startete mit zwölf Teilnehmer*innen. Die Ausbildung abgeschlossen haben neun. Dass Teilnehmer*innen gezielt von dem Abschluss der Ausbildung und somit der Tätigkeit als Begleiter*in abgeraten wird, hält Nicole für sinnvoll: "Ich finde es gut, dass das so gemacht wird. Man hat ja nichts davon, wenn man sich nachher in so eine Aufgabe begibt und sich selbst damit Probleme schafft." Die eigene Gesundheit muss, wie in jedem anderen Beruf auch, an erster Stelle stehen. Im Stuttgarter Hospiz stehen die Begleiter*innen deswegen im engen Austausch sowohl untereinander als auch mit anderen Mitarbeiter*innen der Einrichtung. Außerdem werden monatliche Treffen angeboten, die der seelischen Entlastung, der Supervision und der Reflexion dienen.

Der Wunsch zu Hause zu sterben

Für viele Menschen ist es der große letzte Wunsch, zu Hause zu sterben. Laut einer Studie der Deutsche-Angestellten-Krankenkasse (DAK) wüschen sich 60 Prozent der Deutschen einen Tod in den eigenen vier Wänden. Die gewohnte Umgebung erleichtere vielen Sterbenden den Gedanken ans Loslassen. Deswegen bietet das Hospiz in Stuttgart neben den acht Zimmern für stationäre Gäste auch einen ambulanten Dienst an. Nicole ist hauptsächlich für Hausbesuche zuständig. Fünf Hospizkoordinator*innen nehmen hierfür die Anfragen der Menschen entgegen, um dann individuell zu entscheiden, welche*r Begleiter*in sich für die Anfrage eignet. Wird die Begleitung an Nicole weitergegeben, kann sie selbst entscheiden, ob sie bereit ist, den Dienst zu übernehmen. Im ambulanten Hospizdienst besucht Nicole die Menschen oder Familien meistens einmal die Woche. 

"Es ist die Chance, dass jemand so sein darf, wie er das möchte und das auch noch in den letzten Tagen." – Nicole M.

Bei den Besuchen geht es nicht unbedingt nur um den sterbenden Menschen, sondern oft auch um die Entlastung der Angehörigen. Nicole spricht über ihre Hausbesuche ruhig, gelassen und ohne erkennbare Emotionen. Dass diese Emotionen aber durchaus ein großer Teil ihrer Arbeit sind, daraus macht die langjährige Hospizbegleiterin kein Geheimnis. Auch sie kommt in Situationen, in denen "es auch ganz oft nur ums Aushalten geht". Situationen, die einen "förmlich zerreißen" und in denen es das Wichtigste ist, die Echtheit zu gewahren und den Emotionen freien Lauf zu lassen. Denn Nicoles Erfahrungen haben ihr eines besonders deutlich gemacht: "Du kannst einem Menschen, der kurz vor dem Sterben ist, nichts vorspielen." Und auch diese Erkenntnis, hilft Nicole die Gefühle im Hospiz näher zu beschreiben: "Es ist die Chance, dass jemand so sein darf, wie er das möchte und das auch noch in den letzten Tagen."

Der Tod - ein gesellschaftliches Tabuthema 

Dass der Tod zu unserem Leben gehört, ist wohl jedem bekannt. Und trotzdem gehören Sterben, Tod und Trauer bei den meisten Menschen zu den Tabuthemen schlechthin. Der Tod löst Ängste aus und erinnert mehr als alles andere an die eigene Vergänglichkeit. Auch der Zeitraum vor dem Tod, der Prozess des Sterbens, löst bei vielen schamvolle Gefühle aus. Nicht mehr die Kontrolle haben über den eigenen Körper, sich abhängig machen und eine Last für die eigenen Angehörigen darstellen. Auch Nicole erfährt immer wieder, dass "die meisten Menschen egal welchen Alters diese Gedanken verdrängen". Durch ihre Tätigkeit ist sie selbst viel sensibler geworden, was das Thema Tod angeht. Ihre Sichtweise auf das Lebensende hat sich vor allem hinsichtlich der Vorbereitungen auf das Sterben verändert. Man müsse sich schon zu Lebzeiten mit dem Tod auseinandersetzen und sich die Frage stellen: "Was möchte ich eigentlich und was nicht?" Als Stichwort nennt sie bürokratische Elemente wie eine Patientenverfügung, die ein würdevolles Sterben gewährleisten kann. Aber auch über private Angelegenheiten macht Nicole sich seit der häufigen Konfrontation mit dem Sterben und dem Tod vermehrt Gedanken. Beispielsweise gute Beziehungen innerhalb der Familie zu schaffen auch in Zeiten, in denen es allen gut geht. Diese Angelegenheiten nicht aufzuschieben, um in der Zeit des Sterbens nicht damit konfrontiert zu sein.

In einer Patientenverfügung wird dokumentiert, welche medizinischen Maßnahmen in welchen Situationen gewünscht werden, wenn Patient*innen nicht mehr in der Lage sind, den eigenen Willen zu kommunizieren.

Trotz allem ist und bleibt der Tod etwas Unbekanntes. Auch Nicole kann die Angst vor dem Lebensende nicht von sich weisen und trotzdem ist sie sich ihrer Möglichkeiten eines schönen Sterbens sicher, ganz ohne "Angst Schmerzen zu erleiden oder Dinge zu bekommen, die ich nicht möchte". Auch dieser Gedanke ist geprägt von der Hospizatmosphäre, die nach und nach greifbarer wird. Ein Ort der Ungezwungenheit, welche Nicole an einem Beispiel deutlich macht: "Man muss nichts mehr. Der Raucher raucht weiterhin seine zwei Schachteln Zigaretten. Das ist alles in Ordnung und wird auch nicht hinterfragt."

Ein Ort des Schreckens? Ganz im Gegenteil. Natürlich wird im Hospiz getrauert und Schmerz empfunden. Auch hierfür bietet das Hospiz den nötigen Freiraum. In erster Linie aber ist das Hospiz ein Ort des Lebens. Durch Nicoles letzten Erklärungsversuch wird dieses Bild fast komplett: "Im Hospiz wird den Tagen mehr Raum und mehr Leben gegeben. Es ist so, dass man sich die Zeit nimmt. Das ist der große Unterschied zu allem anderen."