Musiktexte-Kolumne 3 Minuten

Video Games: Im Echo der Vergangenheit

Ein Mädchen blickt melancholisch auf eine Schallplatte
Video Games, die Melancholie und Ich. | Quelle: Quelle: Golnaz Bayati
09. Jan. 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. ,,Video Games" – über die Kraft musikalischer Nostalgie und die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die wir nie erlebt haben.

Es ist das Jahr 2011. Ich erinnere mich an ein dunkles Wohnzimmer, die einzige Lichtquelle war der Fernseher. Der Bildschirm zeigte eine wunderschöne Frau, mit einem fast leidenden Gesichtsausdruck, eine Stimme aus Samt. Eine Stimme, die schon fast ein Gegenstück zu ihrem jugendlichen Äußeren bildete. Sie klang tief und rau und schien von der Zeit gezeichnet zu sein. In dem Moment war ich mir sicher, dass diese Frau aus einer anderen Ära stammen musste. ,,It's you, it′s you, it's all for you. Everything I do.“ Ich fühlte mich so, als würde sie mit mir reden. Mein 11-jähriges ich war verzaubert von ihr, mich überfiel eine Art Trance. Ich dachte: ,,Das muss eine Schauspielerin aus den Sechzigern sein, vielleicht ist sie französisch?“ Aber nein, es war keine Ikone aus dem alten Hollywood, es handelte sich um Lana Del Rey. Man hörte die sanften Klänge eines Streichquartetts, das leise Weinen einer Harfe im Hintergrund. 

Der Moment fühlte sich an wie in einem Film und plötzlich sehnte ich mich nach einer Zeit, die ich nie erlebt habe. Darin steckt die Magie von ,,Video Games“.  Aber warum sehnen wir uns oft nach einer Zeit, die es nicht mehr gibt?

Die Sehnsucht nach Damals

,,Singing in the old bars, swinging with the old stars, living for the fame.“ Es ist leicht, die Nostalgie des Liedes nur als ein Stilmittel abzutun, aber ich höre darin das Echo all unserer Sehnsüchte. Es gibt kein Entkommen, wir alle verfallen den Klauen der Vergangenheit. Durch den Einfluss meines Vaters war meine Kindheit schon immer geprägt vom Charme der älteren Popkultur. Marilyn Monroe, Charlie Chaplin, James Dean. Menschen, die lange vor mir lebten und es trotzdem schafften, mir das Gefühl zu geben, ich wäre ein Teil ihrer Welt. Komischerweise schöpfte ich schon immer Trost in der Unnahbarkeit der Vergangenheit, denn darin liegt das Besondere. 

Die Musik und das Fernsehen waren beispielsweise vor dem Internet nicht leicht zugänglich und das machte sie so besonders. In der Langsamkeit der Dinge lag ihre Schönheit, während die Moderne immer mehr auf Geschwindigkeit bedacht ist. Damals kaufte man beispielsweise Schallplatten oder man ging öfters ins Kino. Heutzutage ist alles „on-demand“, auf Knopfdruck bereit und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie gelangweilt ich bin, obwohl mir immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Wie als würde mir jemand die Erdkugel vor die Nase halten und als Reaktion würde ich erstmal Gähnen und mich eine Runde hinlegen.

Nostalgie als Pop-Phänomen

Lana schafft es, die Nostalgie in einer Weise zu ästhetisieren, die auch die heutige Generation anspricht. Wir haben allen Fortschritt der Welt, vor allem in einer Zeit von Social Media, in der man eher zukunftsorientiert denkt. Wozu riskieren wir also einen Blick in die Vergangenheit, wenn sie uns scheinbar nichts mehr bringt? Lana redet beispielsweise von einem Leben, das nur mit der großen Liebe Sinn zu haben scheint: „They say that the world was built for two, only worth living if somebody is loving you.“ Sie tut dies jedoch in einer Art, in der man sich selbst wiedererkennt. Denn das ist der Kern ihres Stils: Ein kollektiver Schmerz, der in jedem von uns widerhallt. Eine Melancholie, die man nicht selbst erleben muss, um sie zu verstehen.

Die Zeitlosigkeit von Schmerz

Nun sind 14 Jahre vergangen, seitdem ich das Lied zum ersten Mal gehört habe. Die Wahrheit ist, dass ich mich jedes Mal beim Anhören immer noch wie das selbe elfjährige Mädchen fühle. Es bleiben stets dieselben Sehnsüchte, die so viele vor mir gespürt haben. Trotzdem wird mit „Video Games“ ein Weg gefunden, sie ins Moderne zu übertragen. Egal in welchem Alter oder Lebensabschnitt man sich befindet, Lana zeigt mit ihrer Musik, dass die Welt sich zwar verändert, aber unsere Sehnsüchte kein Verfallsdatum haben. 

Video Games – Lana Del Rey