„Corona hoch für die Chargierten“, tönt es durch den Saal. Die Türe öffnet sich und drei festlich gekleidete junge Männer betreten den Raum. Mit traditioneller Uniform und Degen an der Hüfte schreiten sie zum Kopf des Tisches. Einer dieser drei ist Murun. Geboren wurde er in der Mongolei. Heute findet die sogenannte Semesterabschlusskneipe statt. Genau für diesen Anlass erheben sich nun die versammelten Mitglieder des Stuttgarter Wingolfs. Als Chargierter, einer der leitenden Verantwortlichen der Verbindung, ist es heute Muruns Aufgabe, die anwesende Teilnehmerschaft, genannt Corona, durch den Abend zu führen.
Zwei Stunden vorher ist im Haus des Stuttgarter Wingolfs noch kaum etwas los. Murun allerdings ist bereits in die Vorbereitungen des Abends vertieft. Kerzen aufstellen und die Auswahl der Lieder besprechen, die später gesungen werden. Als Kneipwart ist es seine Aufgabe, sämtliche Veranstaltungen der Verbindung zu planen und vorzubereiten. Etwas, was ihm nicht von Anfang an leichtgefallen ist. „Für mich war es am Anfang schwer mit der Planung und Organisation. Denn ich bin nicht so der Typ, der alles plant.“ Denn Murun trägt die komplette Verantwortung für alles, was die Verbindung an offiziellen Veranstaltungen während des Semesters unternimmt. Das bedeutet, sowohl Tickets für die Oper mit Abfahrtszeiten und Treffpunkt zu planen als auch das Haus auf Events vorzubereiten.
Von der Jurte in die Großstadt
Die sehr korrekte Planung ist eins der Dinge, die laut Murun Deutschland von seiner Heimat, der Mongolei, am meisten unterscheidet. Einem Land, das über 6.000 Kilometer von Deutschland entfernt liegt. Dort ist er die ersten Jahre seines Lebens in nomadischer Tradition bei seiner Großmutter aufgewachsen. In einer Jurte, dem traditionellen Zelt zentralasiatischer Nomaden. „Wir haben nicht in der Stadt, sondern sogar mit Vieh in der Steppe gewohnt. Mongolische nomadische Kultur ist schon ganz anders. Wegen der Jahreszeiten zieht man immer mit dem Vieh. Zum Beispiel Schafe, Pferde oder Kühe. Immer dorthin, wo es Essen für die Tiere gibt“, erklärt Murun. Mit vier Jahren ziehen er und seine Großmutter dann in die Großstadt Ulaanbaatar zu seiner Mutter. Doch die mongolische Steppe lässt er nicht völlig hinter sich. In den kommenden Jahren sei er immer ein- bis zweimal seine nomadischen Verwandten besuchen gegangen. Gerade in den Sommerferien wird die Steppe zum Erholungsort für Murun. „Ich vermisse es schon. Dort kann man einfach frei sein und ein oder zwei Monate lang einfach richtig abschalten. Einfach die Natur genießen, weil dort auch der Rhythmus anders ist.“
Mittlerweile sind die Vorbereitungen für den Semesterabschluss der Studentenverbindung weiter fortgeschritten. Murun ist als Kneipwart auch für die Verpflegung der Teilnehmenden zuständig. Denn für solche Anlässe versammeln sich aktive und inaktive Mitglieder, die sogenannten Philister, alle zusammen im Stuttgarter Stammhaus. Da darf es natürlich an ausreichend Essen nicht fehlen. Rund anderthalb Stunden vor Beginn zieht deshalb ein schmackhafter Grillgeruch durch die Räume. Murun steht selbst am Feuer und bereitet das Abendessen zu und unterhält sich entspannt mit anderen Mitgliedern. Von seiner Uniform ist hier noch nichts zu sehen. Erst wenn seine Pflicht, für Verpflegung zu sorgen, erledigt ist, kann er sich konkret für die kommenden Stunden ankleiden.
Murun ist fleißig am Werk und bemüht, die ankommenden Gäste bestmöglich zu versorgen. Sein Engagement wird auch von den älteren Wingolfsmitgliedern sehr geschätzt. Es sei nicht selbstverständlich, wie Murun sich einbringe, gerade auch, weil es in der Vergangenheit nicht immer gute Erfahrungen mit ausländischen Mitgliedern gegeben habe. Und trotz der anfänglichen Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache habe er sich mit der Zeit super integriert und sei jetzt mit Begeisterung Teil der Verbindung. So beschreiben ihn einige der bereits inaktiven Wingolfiten.
Eine komplett neue Welt
Von Studentenverbindungen und all dem wusste Murun überhaupt nichts, als er vor sieben Jahren zum Studieren nach Deutschland kam. Erst vor etwa drei Jahren macht er Bekanntschaft mit dem Wingolf: „Ich wusste gar nichts“, gibt er lachend zu. „Ich habe bei WG-Gesucht eine Anzeige gesehen und hab mir gedacht: Ah ok, Studentenverbindung. Da hatte ich erstmal gar keine Ahnung.“ Der Vorteil von geringer Miete und die Möglichkeit, Anschluss außerhalb der Universität zu finden, wecken dennoch sein Interesse. Auf Einladung besucht er spontan das Verbindungshaus. Begrüßt wird er von einem damaligen Bewohner mit den Worten: "Wer bist du?", wie Murun grinsend erzählt. Nach einer kurzen Hausführung ist klar, er will einziehen.
„Also für mich war es eine komplett neue Welt.“ So beschreibt Murun seine ersten Veranstaltungen in der Verbindung. Aber gerade das Prinzip der lebenslangen Bruderschaft und die Gemeinschaft gefallen ihm sehr, weswegen er sich zum Wintersemester 2024 aktiv meldet und dem Stuttgarter Wingolf beitritt. Eine Entscheidung, die er bisher nicht bereut hat, denn gerade der Austausch mit seinen „Wingolfs-Brüdern“ ist für den gebürtigen Mongolen eine der wichtigsten Eigenschaften der Verbindung. Der sogenannte Lebensbund ist eine weitere Säule des Wingolfs. Eine Art Netzwerk aus jetzigen und ehemaligen Studenten, den Aktiven und den Alten Herren. „Ältere und jüngere Leute sitzen alle zusammen und singen, trinken und tauschen sich miteinander aus. Alle sind so nett und hilfsbereit und genau deswegen habe ich mich in der Verbindung aktiv gemeldet.“
Laut Murun ist der Alltag beim Wingolf nicht von strengen Verpflichtungen geprägt. Als nichtschlagende Verbindung wird im Wingolf nicht gefochten und es gibt keine Verpflichtung zum Christentum. Zwar gilt in einigen anderen Häusern in anderen Städten die Taufe als Voraussetzung, um überhaupt eintreten zu können. In Stuttgart sei dies aber keine Voraussetzung, wie einer der anderen Chargierten erklärt. Es gehe allein darum, sich offen und respektvoll mit dem Christentum als Teil der Verbindung zu beschäftigen. Murun selbst wurde zwar als Kind evangelisch getauft, sei aber nach eigener Aussage „kein regelmäßiger Kirchengänger“. Den christlichen Bezug im Wingolf findet er allerdings trotzdem gut: „Für mich bedeutet das auch nicht, dass man besonders streng religiös sein muss. Ich sehe darin eher gemeinsame christliche Werte und eine gewisse Grundlage, die die Verbindung zusammenhält.“
Zwischen Tradition und Kritik
Der Wingolf entspreche nicht dem Klischee einer Verbindung, in der die Mitglieder immer „Blödsinn machen“ und viel Zeit mit Alkohol zubringen, sagt Murun. Und dennoch Stehen Studentenverbindungen in Deutschland immer wieder in der Kritik. Vor allem einzelne Burschenschaften, national-konservativ ausgerichtete Studentenverbindungen, weisen immer wieder Verbindungen zu Rechtsextremisten auf. Zudem wird immer wieder der Vorwurf von Diskriminierung in solchen Verbindungen laut, da in bestimmten Fällen bei der Mitgliederaufnahme zwischen „deutscher“ und „nicht-deutscher“ Abstammung unterschieden worden sein soll. Der Wingolf allerdings hatte nie irgendwelche Regeln bezüglich der Herkunft, wenn es um neue Mitglieder ging. Ein weiterer Punkt ist, dass viele Verbindungen weiterhin Frauen die Mitgliedschaft verbieten. Auch der Wingolf nimmt zum jetzigen Zeitpunkt keine Frauen in die Verbindung auf. Auch Murun findet es sinnvoller, wenn sich Männer und Frauen in eigenständige Verbindungen organisieren. Es gehe dabei um bestimmte Traditionen, Strukturen und ein eigenes Prinzip. Eine gemischte Verbindung würde den ursprünglichen Charakter der Gemeinschaft grundlegend verändern. „Das bedeutet für mich nicht, dass Frauen grundsätzlich ausgeschlossen oder unerwünscht sein sollen – sondern eher, dass unterschiedliche Verbindungsformen auch ihre eigene Identität und Tradition behalten können“, klärt Murun auf.
Die gute Stimmung ist auch auf der Semesterabschlusskneipe zu spüren. Auch hier wird gesungen und über alles Mögliche geredet. Murun, mittlerweile in traditioneller Chargierten-Montur, ist nicht nur mittendrin, sondern übernimmt als einer der Leitenden aktiv Verantwortung. Als Kneipwart fällt ihm die Aufgabe zu, alle Versammelten zu begrüßen und den Auftakt in den offiziellen Veranstaltungsteil einzuleiten. Es ist zwar zu erkennen, dass ihm die deutsche Sprache immer noch nicht perfekt über die Lippen geht, aber das stört hier niemanden mehr. Murun ist längst ein fester Bestandteil und als Chargierter ein geschätztes Mitglied der Verbindung.
Als Chargierte werden die Vorstände einer Studentenverbindung bezeichnet. Die Charge wird jeweils für ein Semester gewählt und umfasst je nach Position verschiedene Führungsaufgaben. Bei nichtschlagenden Verbindungen sind diese der Senior (Repräsentant der Verbindung nach außen), der Fuchsmajor (Betreuer der neuen Anwärter) und der Kneipwart (zuständig für Kasse und Organisation).
Nach der formellen Begrüßung, die einem festen Ablauf folgt und durch traditionelle Floskeln wie dem Ansingen der Lieder ergänzt wird, sagt Murun das erste Kolloquium an. So nennt man die Zeit zwischen den offiziellen Programmpunkten, in denen sich die Versammelten miteinander austauschen können. So etwas kennt Murun auch aus der mongolischen Kultur.
Auch Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft, Dinge, die er an der Mongolei liebt, findet Murun in der Studentenverbindung wieder. Er beschreibt sie als eine Familie außerhalb der Familie. Denn wenn Kinder erwachsen werden, gehen sie in Deutschland oft ihren eigenen Weg – so erlebt es Murun. In der mongolischen Steppe sei das anders – dort kümmere sich die jüngere Generation immer um die Alten. Die Generationen seien näher zusammen und näher an der Natur. Ein Gedanke, der im Wingolf ebenfalls großgeschrieben wird: lebenslange Bruderschaft. „Wenn ich hier im Studium Schwierigkeiten habe, bei der Wohnungssuche zum Beispiel, dann gibt es immer noch die Möglichkeit, hier zu fragen und Unterstützung zu bekommen.“
So beschreibt es Murun, dem erst beim genauen Nachdenken über diese Eigenschaften klar wird, wie ähnlich sich Kulturen und Traditionen sein können. Genauso, was das Feiern von Festen angeht: Man sitzt zusammen, trinkt und tauscht sich aus. Und man singt natürlich. Zwar sind die Themen in der Verbindung andere, aber der Grund ist derselbe. Weil man Freude daran hat und etwas besingen möchte. Murun beschreibt mongolische Lieder so: „Meistens singt man über die Pferde. Über ein gutes oder schnelles Pferd. Oder über die Mutter, wie lieb sie zum Beispiel zu ihren Kindern ist.“ Für die Veranstaltungen der Verbindung hat er sich auch schon von einem mongolischen Lied inspirieren lassen. Denn viele Lieder in der Verbindung handeln auch von Freundschaft, Familie und Freiheit in der Gemeinschaft des Wingolfs und anderer Studenten.
„Mittlerweile bin ich ein bisschen eingedeutscht“
Insgesamt hat die Verbindung Murun sehr viel geholfen, nicht nur die Sprache und Kultur schneller zu verstehen und sich daran zu gewöhnen, sondern auch sich persönlich weiterzuentwickeln. „Ein Punkt ist zum Beispiel, Kritik anzunehmen. Als ich hier mehr Verantwortung übernommen habe, kam auch recht viel Kritik. Auch wegen der kulturellen Unterschiede. Wenn es irgendwo eine Veranstaltung gab, wollen alle genau wissen, um wie viel Uhr man sich trifft und mit welcher Bahn man fährt. Das hatte ich nicht so exakt geplant gehabt und dann kam Kritik. Am Anfang hatte ich da auch viele Probleme gehabt, weil ich damit nicht umgehen konnte.“ Mittlerweile hat er sich aber gut zurechtgefunden.
Nach einigen weiteren Reden und der offiziellen Aufnahme neuer Mitglieder in den Stuttgarter Wingolf, neigt sich der offizielle Teil des Abends langsam dem Ende zu. Murun kündigt noch einige Grußworte anwesender Wingolfiten an. Nach jeder der kurzen Reden bedankt er sich und prostet dem Sprechenden zu. Ganz nach Vorschrift eben. Und wenig später ist dann der offizielle Teil vorbei. Aber einige der Mitglieder bleiben noch beisammen für den inoffiziellen Teil des Abends, der eher auf lockere Gespräche und Singen setzt. Hier wird auch das Lieblingslied des Mongolen gesungen: „Hoch auf dem gelben Wagen“.
Auch sein Leben geht weiter, egal ob in der Verbindung als Student oder als Mongole in Deutschland. Als solcher hat er mittlerweile auch schon eine „typisch deutsche“ Eigenschaft übernommen: das kleinliche Planen. „Wenn ich mit ein paar mongolischen Freunden etwas machen will, muss ich genau wissen, wann und wo. Nicht einfach so „ja klar, treffen wir uns heute Abend.“ Da bin ich schon ein bisschen eingedeutscht.“
Und das wird sich wahrscheinlich auch nicht ändern. Denn für Murun ist klar: Er will in Deutschland bleiben, sein Studium abschließen und hier eine Familie gründen. Aber zwei Dinge werden feste Konstanten bleiben. Der Wingolf und seine mongolische Herkunft. „Auch wenn ich schon länger hier bin, ich bin trotzdem ein Mongole. Meine Mutter ist auch hier und wenn ich bei ihr bin, dann ist so die Atmosphäre genau so, als ob ich in der Mongolei wäre.“ Und auch den Wingolf beschreibt Murun als Heimatort, der ein Leben lang bleibt. Auch später bleibt man mit den anderen Mitgliedern verbunden und kann sich auch treffen, auch wenn das Studium schon lange vorbei ist.
Die Veranstaltung zieht sich noch etwas in den Abend hinein. Murun scherzt und lacht mit den anderen, während gesungen und getrunken wird. Murun ist Teil dieser traditionellen deutschen Kultur. Trotz seiner fernen Herkunft, die er auch manchmal in der Gemeinschaft der Verbindung wiederfindet.