Pirmasens galt einst als Schuhmetropole. | Bild: Pixabay

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Der Untergang einer Schuhmetropole

Pirmasens galt einst als Schuhmetropole. | Bild: Pixabay

20 Feb 2018

Die niedrigste Lebenserwartung, die meisten Schulden und alarmierend viel Kinderarmut – Pirmasens geizt im deutschlandweiten Vergleich nicht mit negativen Superlativen. Die einst stolze Stadt gilt als eines der ersten Opfer der Globalisierung in Deutschland. Den Grund für die Misere der ehemaligen pfälzischen Schuhmetropole liefert ein Blick in die Vergangenheit.

Bis in die 1980er Jahr boomte die Schuhindustrie in der pfälzischen Kleinstadt. Zu Blütezeiten der Schuhproduktion entwickelten und produzierten etwa 32 Tausend Arbeiter, was Millionen Deutsche an den Füßen trugen. Pirmasens war Zentrum der Schuhindustrie, fast 300 Betriebe in der Stadt und im Umland machten die Region und ihre Bewohner zu reichen Bürgern.

Umsatz der Schuhindustrie in Rheinland-Pfalz | Bild: datawrapper.de

Nach großflächigen Bombardements der Alliierten in der Südwestpfalz erholte sich die Schuhindustrie nach dem zweiten Weltkrieg in rasantem Tempo und zu zahlreichen wiederaufgebauten Fabriken kamen viele neue Unternehmen dazu. Dabei waren viele Anlagen zerstört oder im Zuge der Demontagemaßnahmen der Besatzungsmächte entnommen worden. Im Zuge der bundesweiten Währungsreform 1948 fielen das unter französischer Hoheit stehende Saarland sowie Ostdeutschland weg und Rheinland-Pfalz wurde lukrativer Standort für neu generiertes Kapital. Bereits 1950 zählte jeder vierte Betrieb zum schuhverarbeitenden Gewerbe. In den 1980ern erreichte der Umsatz seinen höchsten Nachkriegsstand, welcher mit Beginn der 80er Jahre jedoch in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale geriet.

Die Schuhindustrie im Jahr 1958 im Ländervergleich | Bild: datawrapper.de

Allein von 1958 bis 1960 wuchs der Umsatz des schuhverarbeitenden Gewerbes in Rheinland-Pfalz umgerechnet um 80 Tausend Euro. Über 30 Prozent der Arbeiter in der gesamtdeutschen Schuhindustrie waren zu diesem Zeitpunkt in dem zwischen Rhein und Frankreich gelegenen Bundesland beschäftigt. Alleine 3000 Paar Pumps und Damenstiefel produzierte die die Schuhfabrik Peter Kaiser täglich. Vor allem hochwertige und hochpreisige Schuhe wurden produziert und fanden dank der Hochkonjunktur der 50er und 60er hauptsächlich deutsche Abnehmer.

Für viele Pirmasenser und Pfälzer ging es direkt nach der Schule in die Fabriken: Es lockte eine Festanstellung ohne Ausbildung sowie ein mehr als ordentlicher Lohn. Die Schuhunternehmen boten nur zwei Ausbildungsberufe: Zuschneider und Stepper. Schneller und unkomplizierter war eine direkte Anstellung, große Firmen wie beispielsweise Salamander und Adidas ließen in der Pfalz produzieren.

Die Schuhindustrie Pirmasens. Hier werden die Betriebe und der Umsatz in Tausend Euro verglichen. | Bild: datawrapper.de

Von 1970 bis 1985 steht der Rückgang der Betriebe um fast 45 Prozent, einem Anstieg des Gesamtumsatzes um fast 48 Prozent gegenüber. Ein vermeintlicher Widerspruch, der sich mit einem Begriff erklären lässt: Outsourcing. Obwohl viele Betriebe nicht mehr rentabel wirtschafteten und schließen mussten, überlebten andere. Viele Unternehmen verlagerten die Produktion zunächst nach Portugal und Osteuropa. Billige Löhne und gleichbleibende Preise sorgten für ein lukratives Geschäft.

Fast alle Schuhfirmen hier im Umkreis haben zugemacht und sind ins Ausland, nach Osteuropa oder Asien“, erklärt Uwe Hartmann, Betriebsleiter bei der Carl Semmler Schuhfabrik in Pirmasens. Grund für den Abgang der Firmen ins Ausland waren laut Hartmann die teuren Produktionsbedingungen, die in Deutschland herrschen. Wer nur in Deutschland produzieren würde, können am Markt nicht auftreten, da es unmöglich sei, marktkonforme Preise zu erzielen. Die Carl Semmler Schuhfabrik hat sich deshalb für einen Mix entschieden. Es wird sowohl hier, als auch in Ungarn produziert. „Ungefähr zwei Drittel werden in Ungarn produzier und ein Drittel hier in Pirmasens“, erläutert Hartmann. Mit der Produktion in Deutschland ist  Schuhfabrik heute eine von drei Schuhfirmen in Pirmasens, die noch lokal produzieren.

Die Beschäftigten in Rheinland-Pfalz in der Schuhindustrie im Jahr 1987 je 1000 Einwohner | Bild: datawrapper.de

Trotz der sinkenden Betriebs- und Umsatzzahlen konzentrierte sich selbst noch in den 80er Jahren das komplette deutsche Schuhgewerbe auf Rheinland-Pfalz. 81 Prozent der Arbeitsplätze der rheinland-pfälzischen Schuhindustrie befanden sich im Kreis Primasens und mehr als die Hälfte der arbeitenden Pirmasenser war im Schuhgewerbe tätig. 1987 hatten noch 65 Betriebe ihren Sitz in der Stadt, der Kreis kam auf insgesamt 120 Betriebe. Auch wenn die Industrie bereits in der Krise steckte, meldete das Arbeitsamt Pirmasens jeden Monat mehr offene Stellen in den Schuhfabriken als in jedem anderen Wirtschaftszweig.

Bruttoinlandsprodukt in Deutschland 2015 | Bild: datawrapper.de

Die Arbeitslosenquote in Pirmasens ist mit knapp 13 Prozent die höchste in Rheinland-Pfalz und auch das Bruttoinlandsprodukt zählt zu den niedrigsten in Westdeutschland. Die wirtschaftliche Monokultur im Hochlohnland Deutschland sorgte nach wenigen Jahrzehnten für den Untergang der Stadt. Zwar wohnen einige wenige Schuhbarone immer noch in den Villen am Neuffener Park, doch der Stadt fehlt es an einer Mittelschicht. Leerstand, fehlende Kaufkraft und der Wegzug junger Leute zählen heute zu den Problemen von Bürgermeister Markus Zwick.

Das schuhproduzierende Gewerbe in Rheinland-Pfalz und Pirmasens | Bild: Datawrapper

Doch es gibt auch positive Nachrichten aus Pirmasens. Einige Überbleibsel aus der Zeit als Schuhhochburg erleben heute eine Renaissance, so zum Bespiel die alte Rheinberger Fabrik. Die insgesamt 24 000 Quadratmeter große Halle stand über Jahre hinweg leer. Hier entstand 2008 mit 25 Millionen Euro nach der Sanierung ein Fitnessstudio und ein Wissenschaftsmuseum.

Im "International Shoe Competence Center“, ein altes US-Kasernengelände in Pirmasens, werden Schuhpatente entwickelt, die irgendwann wieder den Weltmarkt erobern sollen. Das Center wird von der Stadt Pirmasens gemeinsam mit der Deutschen Schuhindustrie getragen.  Zu Forschungs- und Ausbildungszwecken wurde hier deshalb in einer nagelneuen Werkshalle eine komplette Schuhfabrik nachgebaut – mit den modernsten Maschinen, die es derzeit gibt. Auf diesen Maschinen lernen Studenten der Fachhochschule Kaiserslautern das Handwerk für den Studiengang „Industrielle Schuhproduktion“.

Auch wenn die Betriebe immer weniger werden, stieg der Umsatz der Schuhindustrie zuletzt an. Im Umland Pirmasens arbeiten aktuell noch circa 1200 Menschen im Schuhgewerbe. Ganze sieben Betriebe sind in der ehemaligen Schuhmetropole noch übrig. Die Altlasten der ehemaligen „Schlabbeflickerstadt‘, wie die Einheimischen Pirmasens früher nannten, belasten die Stadt noch immer schwer.