Arbeit 5 Minuten

Produktivität mit Milchschaum

Eine Frau steht an einer Ampel. In einer Hand hält sie einen Laptop, in der anderen ein Fahrrad.
Arbeit findet heute oft nicht mehr an festen Orten oder zu bestimmten Zeiten statt. Selbst der Weg ins Café kann dabei zum Arbeitsort werden. | Quelle: Ida Haaf
21. Mai 2026

In Cafés wird gearbeitet, geredet und gelebt. Zwischen Laptop und Cappuccino verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Wie sich unser Verständnis von Arbeit verändert und warum Cafés dabei mehr sind als nur Orte für eine Auszeit vom Alltag. 

Kaffee wird in kleinen, hellen Tassen auf Holztabletts serviert, während im Hintergrund die Espressomaschine zischt. Dazwischen klirren Porzellantassen, Stühle kratzen über den Boden und Stimmen füllen den Raum. Immer wieder bricht ein kurzes Lachen aus der Geräuschkulisse hervor, dann hört man wieder das Tippen einer Tastatur, nebenbei läuft Musik. Im Stuttgarter Café „Wyld“ ist der Morgen bereits in vollem Gange. In einer Ecke des Raums sitzt Marcel. Er hat sich diesen Platz bewusst ausgesucht. Von hier hat er das gesamte Café im Blick: den Eingang, die Theke, die Menschen, die kommen, bleiben und wieder gehen. Vor ihm liegt sein aufgeklapptes Laptop, daneben steht eine kleine Tasse, gefüllt mit Cappuccino. Sein Blick schweift immer wieder zwischen seinem Bildschirm und dem Geschehen im Raum hin und her. Marcel wohnt eigentlich in Stockholm und ist nur für ein Klassentreffen in Deutschland. „Mein Hotelzimmer ist weniger inspirierend als dieses Café“, behauptet er. Er arbeitet bewusst hier, nicht trotz der Geräuschkulisse, sondern wegen ihr. „Ich will hier sein, um Leute zu sehen, also mich nicht abschirmen, sondern ein bisschen mitkriegen, wer hier reinkommt, die Leute, das Movement.“ Für ihn ist es ein Arbeitsplatz, der sich ständig verändert. Arbeit ist hier kein abgegrenzter Teil des Lebens, sondern findet mitten im Leben statt.

Wie verändert sich Arbeit?

Was Marcel hier lebt, ist längst kein Einzelfall mehr, sondern Teil eines grundlegenden Wandels. „Die Grenzen lösen sich auf“, erklärt Regina Kempen, Professorin für Arbeitspsychologie. Früher waren Arbeit und Freizeit klar voneinander getrennt. Arbeit fand an festen Orten statt und war an bestimmte Zeiten gebunden. Heute ist das oft anders: Durch digitale Technologien kann Arbeit jederzeit und von überall aus stattfinden – im Homeoffice, im Büro, in der Bahn oder eben auch in einem Café wie dem Wyld. Diese Flexibilität verändert nicht nur die Arbeitsorte, sondern auch das Verständnis davon, wann Arbeit beginnt und wann sie endet.

Infografik zur Homeoffice-Nutzung in Deutschland: Anteil der Beschäftigten sowie Häufigkeit der Nutzung in Prozent.
Die Entwicklung zeigt: Homeoffice wird seltener dauerhaft, aber weiterhin regelmäßig genutzt.
Quelle: Statistisches Bundesamt | Grafik: Ida Haaf

Ein entscheidender Beschleuniger dieser Entwicklung war die Corona-Pandemie. „Das war einfach der Schock, das ganz abrupte Umstellen auf solche Formate“, so Kempen. Gleichzeitig habe diese Phase gezeigt, dass vieles möglich ist. Viele der damals entstandenen Arbeitsformen – insbesondere mobiles und hybrides Arbeiten – haben sich etabliert und sind geblieben. 

Wie viel Trennung ist nötig?

Wie Menschen mit diesen Veränderungen umgehen, ist unterschiedlich. Während sogenannte „Segmentierer*innen” klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben bevorzugen, integrieren andere beide Bereiche stärker miteinander. Diese Muster sind jedoch nicht fest. „Das ist sehr dynamisch und kann sich verändern“, betont Kempen. Je nach Situation, Belastung oder Lebensphase kann sich das Bedürfnis nach Trennung oder Integration verändern. Entscheidend ist also nicht, ob Arbeit strikt vom Privatleben getrennt oder darin integriert wird, sondern ob das jeweilige Modell zur Person passt. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang von „Boundary Fit“, also der Passung zwischen individuellen Bedürfnissen und äußeren Rahmenbedingungen wie Arbeitsanforderungen oder den Möglichkeiten der Arbeitgeber*innen. Ist diese Passung gegeben, können sowohl Integration als auch Trennung zu Zufriedenheit führen.

Eine zentrale Rolle spielt auch das sogenannte „Detachement“, also die Fähigkeit, nach der Arbeit mental abzuschalten. Gelingt das nicht, kann die Erholung beeinträchtigt werden, was langfristig zu Stress oder Erschöpfung führen kann. Im Zusammenhang damit steht auch der Begriff der „Work-Life-Balance“, den Forscher*innen zunehmend kritisch sehen. „Ich finde den Work-Life-Balance-Begriff sehr problematisch, weil er ja suggeriert, dass auf der einen Seite die Arbeit ist und auf der anderen Seite das Leben“, kritisiert Kempen. Arbeit wird häufig als wichtiger Teil der eigenen Identität verstanden, sie vermittelt Selbstwert und Selbstverwirklichung. Deshalb erscheint eine klare Trennung zwischen Arbeit und Leben oft nicht möglich.

„Ich finde den Work-Life-Balance-Begriff sehr problematisch.“
Regina Kempen, Professorin für Arbeitspsychologie

Kempen plädiert dafür, den Begriff auszutauschen, da er eine klare Trennung voraussetzt, die der heutigen Realität oft nicht mehr entspricht. Sie spricht stattdessen von „Life-Domain-Balance“. Dieser Begriff ist passender, weil er verdeutlicht, dass Arbeit nicht zwangsläufig vom Leben getrennt ist, sondern Teil verschiedener Lebensbereiche ist, die sich je nach Situation verändern und unterschiedlich gewichtet werden können.

Und was ist mit den Cafés?

Diese Entwicklung wird im Café Wyld im Alltag sichtbar. Die Inhaberin Jacintha Talmon Gros führt das Café seit fünf Jahren und beobachtet eine klare Veränderung. „Es ist zunehmend auch so ein bisschen Working Space geworden“, stellt sie fest. Das Café ist heute nicht mehr nur ein Ort der Begegnung und der Freizeit, sondern wird zunehmend auch als Arbeitsplatz genutzt. Das Café zieht Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und Berufsfeldern an: Studierende, Menschen aus Kreativberufen, Anwält*innen und viele mehr. „Dass wir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Leuten haben, die hier arbeiten, sich privat treffen, aber auch einfach lockere Gespräche führen“, das ist ihr sehr wichtig. Wenn eine Nutzung überwiegen würde, verändere sich die Atmosphäre. „Am Laptop bist du in der Regel stumpf“, beschreibt sie. Gerade deshalb sei Balance wichtig. Auch wirtschaftlich brauche es Balance. Längere Aufenthalte von Gästen, die zum Arbeiten kommen, seien kein Problem, solange das Café nicht ausschließlich als Arbeitsort genutzt wird. Es versteht sich also als ein offener Ort, der unterschiedliche Nutzungen zulässt – solange nicht nur eine dominiert. 

Der Nachmittag ist längst in den Abend übergegangen, als sich das Licht im Wyld verändert. Die Sonne steht tief, fällt durch die großen Fenster und legt einen warmen Streifen über die Holztische. Die Geräusche haben sich verändert: Weniger hektisches Klappern und das gleichmäßige Summen der Espressomaschine ist seltener zu hören. Marcel klappt seinen Laptop langsam zu, verstaut seine Kopfhörer und zieht seine Jacke an. Er geht zur Tür, öffnet sie und verlässt das Café. Er hat Feierabend.

Langsam leert sich das Wyld. Die letzten Gäste trinken ihren Kaffee aus, schieben ihre Stühle zurück an die Tische und verlassen das Café. Die Mitarbeiterin hinter der Theke dimmt das Licht und schließt die Tür ab. Um 18 Uhr endet der Tag im Café. Ruhe kehrt ein. Doch schon am nächsten Morgen wird das Leben im Café weiterlaufen - zwischen Gesprächen, Pausen und Arbeit bleibt nichts stehen, es fügt sich nur neu zusammen.