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Nutri-Score – Alles im grünen Bereich?

Frau hält Pudding mit Nutri-Score in der Hand
Nicht mal jedes zweite Produkt besitzt einen Nutri-Score. Aber ein Vergleich ist erst möglich, wenn mehr Produkte das Siegel tragen. | Quelle: Mario Morrone
15. Mai 2024

Alle möchten sich gesund ernähren. Ein Blick auf die Zutatenliste und Nährwerttabelle von Produkten würde reichen. Aber im stressigen Alltag muss es schnell gehen. Deshalb sollen Verbraucher*innen auf den Nutri-Score vertrauen. Ein Siegel, das besser übersehen wird. Ein Kommentar.

Seit Ende 2020 kennzeichnen Lebensmittelhersteller freiwillig ihre Ware mit dem Nutri-Score. Das Siegel soll Verbraucher*innen helfen, sich gesünder zu ernähren. Dabei vergleicht es das Nährwertprofil von verarbeiteten Lebensmitteln einer Produktkategorie. Also Pizza mit Pizza oder Joghurt mit Joghurt. Ein grünes A oder B symbolisiert den Kund*innen ein vermeintlich „gesundes“ Produkt. Aber nicht alles, was grün ist, ist auch gesund.

Die Tricks der Hersteller

Der Nutri-Score basiert auf einem Punktesystem. Bestimmte Nährwerte wie Zucker oder der Ballaststoffgehalt eines Produkts ergeben eine Endpunktzahl. Mithilfe der Endpunktzahl wird das Produkt in einen Bereich von einem guten A bis schlechten E eingestuft. Das Problem dabei ist, dass schlechte Werte sich durch gute Werte ausgleichen lassen. Hersteller nutzen das Prinzip aus, um durch minimale Veränderungen in einen besseren Bereich zu kommen. Besonders gut lässt sich das an Schoko-Cornflakes erkennen. Der Zuckergehalt wird hierbei minimal verringert und der Ballaststoffgehalt deutlich erhöht. Ebenso Tiefkühlpizzen können durch die Zugabe von etwas Gemüse eine bessere Bewertung bekommen. Infolgedessen müssen Kund*innen dem Hersteller vertrauen, dass er den Nutri-Score gewissenhaft verwendet. Auch, wenn der Hersteller dabei eher seinen Umsätzen vertraut.

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Beispielrechnung Nutri-Score. Bereits ein bisschen Gemüse genügt, um ihn zu verbessern. | Quelle: verbraucherzentrale.de

Vor allem bei Produkten mit festgelegter Zubereitung ist der Nutri-Score sinnlos. Dazu zählen Tiefkühlpommes oder Kakaopulver. Beide Produkte sind mit einem grünen Nutri-Score gekennzeichnet. Auf Nachfrage bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist das Prinzip leicht erklärt: Bei den Pommes wird das später hinzugefügte Salz und Fett nicht einberechnet. Wer isst schon Pommes mit Salz? Aber bei dem Kakaopulver ist die Milch schon drin. Natürlich wird das Pulver ausschließlich mit Kuhmilch zubereitet, oder? Absurde Berechnungsansätze. Bei solchen Methoden braucht es keinen Nutri-Score.

Eine Kontrolle mit zwinkerndem Auge

Hält sich ein Hersteller nicht an die Vorgaben des Nutri-Scores und berechnet ihn beispielsweise falsch, so muss er mit Strafen rechnen. Jedoch sind die möglichen Konsequenzen für Hersteller lächerlich. Die RAL LOGO LIZENZ kontrolliert stichprobenartig die richtige Verwendung des Nutri-Scores in Deutschland. Sie können die Hersteller dazu auffordern, ihre Fehler zu korrigieren oder ihnen das Siegel komplett entziehen. Eine Strafe, die die Hersteller nicht interessiert. Ihre Produkte liegen trotzdem im Regal. Auch ohne Nutri-Score.

Alles andere als empfehlenswert

Der Nutri-Score ist für Verbraucher*innen leicht verständlich und bietet ihnen Orientierung bei einer Vielzahl an Produkten. Dabei verweist er aber lediglich auf das kleinere Übel. Er berücksichtigt keine enthaltenen Aromen oder Zusatzstoffe. Eine Ausnahme dabei sind Süßstoffe. Mit der neuen Berechnungsmethode des Nutri-Scores werden auch sie berücksichtigt. Allerdings geschieht das spätestens Ende 2025. Leider fünf Jahre zu spät. Der verbesserte Nutri-Score ist aber um einiges besser, oder? Nein. Er stimmt längst nicht mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation überein. Sie empfiehlt bei Zucker beispielsweise einen Höchstwert von 50 Gramm am Tag. Dem neuen Nutri-Score ist das aber egal. Er bleibt bei einem Referenzwert von 90 Gramm am Tag. Viel zu hoch.

Übergangssiegel Nutri-Score
Auch das Übergangssiegel ist für Hersteller freiwillig. Es zeigt, dass das Produkt mit dem verbesserten Nutri-Score berechnet wurde.
Quelle: Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Der Nutri-Score ist auf keinen Fall ein Ersatz für die Zutatenliste und Nährwerttabelle eines Produkts. Wer sich gesund ernähren möchte, isst Produkte ohne Nutri-Score. Das sind vor allem unverarbeitete Lebensmittel wie Obst, Gemüse oder Fleisch. Wer dabei auf ein ausgewogenes Verhältnis achtet, ist gut versorgt. Bei den Lieblingsprodukten, wie Müsli, hilft ein Blick auf die Rückseite der Verpackung. Damit der Nutri-Score eine wirkliche Hilfe für Verbraucher*innen wird, muss er verpflichtend werden. Dabei sollte er weiterhin verbessert werden. Er muss es Herstellern erschweren, zu tricksen. Erst dann können Verbraucher*innen dem Siegel vertrauen.

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