Im Kessel kocht's: Hitzeschutz für Obdachlose
Hinweis
Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema „Die Sommer werden immer heißer - wie gut ist Stuttgart vorbereitet?"
Zum Dossier gehören auch folgende Beiträge:
- „Kühl bleiben im Kessel: Fünf Orte im Hitze-Check" - Ein Listicle über kühle Rückzugsorte in Stuttgart und wie sie genutzt werden.
- „Sommer, Sonne, Hitzestress: Ein Blick in Stuttgarts Zukunft" - Ein Podcast darüber, wie das Stuttgarter Stadtklima 2025 aussehen könnte.
Dienstag Nachmittag: Die Sonne prallt auf die Betonwüste Stuttgart. Es treibt einem den Schweiß auf die Stirn. Eine Besucherin in eva’s Wärmestube erkundigt sich nach den Duschen, die es in der Tagesstätte gibt. Birgit Auer, Bereichsleiterin der Stadtmission, muss sie wieder zurückschicken. Die Duschliste für heute ist voll. Sie kann morgen wiederkommen.
Ein Wohnzimmer für alle
Die Nachfrage nach Angeboten wie der Evangelischen Gesellschaft, kurz eva, ist hoch. Wer keine Wohnung hat oder in einer überhitzten Wohnung lebt, kann sich im Sommer kaum zurückziehen. Hier können sie mittags bei eva’s Tisch für einen Euro Essen bekommen und sich aufhalten. 130 Portionen können laut der eva pro Tag verteilt werden.
Doch in der Tagesstätte in der Büchsenstraße geht es nicht nur um körperliche Bedürfnisse. Auch um Gesellschaft. „Das Wichtige daran ist, dass sie einfach eine Anlaufstelle haben, so einen Treffpunkt wie ihr Wohnzimmer”, erzählt Birgit Auer, Bereichsleiterin der Stadtmission Stuttgart. Sie kennt die Besucher*innen. Seit sechs Jahren arbeitet sie schon für die eva.
Das Gemurmel im Raum ist groß. Die einen erkundigen sich nach der Gesundheit von Bekannten, die anderen tauschen sich über die heutige Zeitung aus. Um die 50 Leute besuchen die Tagesstätte täglich. Birgit beobachtet, dass immer mehr Menschen Unterstützung brauchen. Zahlen der Liga der freien Wohlfahrtspflege stützen diesen Eindruck:
Immer mehr Wohnungslose
Im September 2025 wurden rund 400 mehr Hilfesuchende bei der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg registriert, als im Vorjahr. Innerhalb von zehn Jahren stieg der Bedarf für Hilfsangebote um mehr als 15 Prozent.
Quelle: Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg
Auch interessant
Ein kühles Plätzchen
Seit 2024 kühlt eine durch Spenden mitfinanzierte Klimaanlage einen Nebenraum der Wärmestube. „Das beißt sich zwar wieder”, meint Birgit, „weil die eva ja eigentlich nachhaltig und umweltschonend unterwegs sein will. Aber den Schutz der Menschen muss man auch beachten.” Denn Klimaanlagen verbrauchen sehr viel Energie. Wird diese aus fossilen Brennstoffen gewonnen, schadet der entstehende CO₂-Ausstoß Umwelt und Klima.
Die Klimaanlage der eva kühlt meist auf 23 bis 24 Grad herunter. Die Jalousien sind unten, Stühle und Tische laden zum Verweilen ein und in einem stummen Fernseher läuft „Bares für Rares”. Die Besucher*innen können in dieser „Kältestube” in einem reizreduzierten Raum zur Ruhe kommen. Die Kältestube stellt außerdem Wasser, Duschen und saubere Kleidung zur Verfügung, sowie auch Caps, Sonnencreme und Trinkflaschen.
Birgit scherzt mit einem Gast über seinen Duschtermin. Gerade im Sommer ist Körperpflege wichtig. Wer tagelang schwitzt und keine Möglichkeit zum Duschen hat, wird oft zusätzlich ausgegrenzt. „Also jetzt wird es Zeit, dass es Viere wird.” „Stinkt’s etwa? Das tut mir aber leid”, antwortet er ironisch mit einem schrägen Lächeln. Auch Wäsche waschen können die Menschen hier.
Wohin, wenn die Hitze bleibt?
Doch Schutz kann die Kältestube nur für ein paar Stunden bieten. Sobald die Menschen wieder draußen sind, beginnt das Problem von vorne. „Die Innenstadt hier ist in der Hitze kein Spaß”, sagt Birgit. In einer Pressemitteilung zur aktuellen Hitzewelle erklärte Stefan Ehehalt, Leiter des Gesundheitsamtes: „Besonders belastend sind sogenannte Tropennächte, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad sinken. Dann kann sich der Körper von der Tageshitze kaum erholen.“
Ohne Wohnung gibt es jedoch kaum Rückzugsorte, um herunterzukühlen. Daher werden im Hitzeaktionsplan für Stuttgart 2026 wohnungslose Menschen neben älteren und kranken Menschen als besonders gefährdet eingestuft.
Der Hitzeaktionsplan
Der Hitzeaktionsplan für Stuttgart 2026 informiert über die Risiken extremer Hitze und über geeignete Schutzmaßnahmen. Dabei relevant für Wohnungslose sind vor allem Aufklärung, die Ausstattung der Wohnungslosenhilfe und Informationsangebote über kühle Orte oder öffentliche Trinkwasserstellen.
Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart, Gesundheitsamt & Amt für Umweltschutz
„Da kommt mehr Hitze von unten als von oben”, meint Petra, die seit einigen Jahren die eva besucht. Sie erzählt, dass sie drei Jahre in Hungersnot gelebt hat. Inzwischen lebt sie in einer Wohnung, die sie sich mit ihrer Rente kaum leisten kann.
Mit ihr am Tisch sitzen noch drei andere Besucher*innen. Sie treffen sich regelmäßig. Karin, eine der Frauen, erzählt: „Wenn ich zu viel in der Sonne bin, dann krieg ich Kopfschmerzen und dann wird mir schwindelig. Und ich hab auch mit dem Blutdruck Probleme. Da muss ich aufpassen.” Sie sei zuvor schon einmal ohnmächtig geworden.
Um sich abzukühlen: „Da springst’e in den Neckar!”, witzelt Hans, der auch regelmäßig die eva besucht. Er hat sechs Jahre in Afrika gearbeitet. „Da bei 40 Grad ist man Hitze gewöhnt. Aber jetzt merke ich es auch ein bisschen”, erzählt er. „Wenn’s heiß wird, dann wird es schwierig. Dann bleiben wir hier.” Bei der eva gibt es günstigen Kaffee, kostenloses Wasser und kühlen Tee. Denn bei Hitze stellt vor allem Dehydrierung ein hohes Risiko dar.
Der öffentliche Zugang zu Trinkwasser ist wichtig, löst aber nicht alle Probleme. „Dann sagt die Person, aber wo soll ich denn nachts aufs Klo gehen?”, meint Birgit. Besonders Frauen würden sich laut ihr in geschützten Anlagen sicherer fühlen. In Stuttgart gibt es aktuell rund 70 öffentliche Toiletten, die von der Abfallwirtschaft Stuttgart betreut werden. Jedoch schließen einige Anlagen nachts. Öffentliche Toiletten müssen außerdem robust gestaltet sein, um möglichem Vandalismus standzuhalten und die Hygiene aufrechtzuerhalten.
Wer schützt vor der Hitze?
Den Hitzeaktionsplan allein empfindet Birgit daher als unzureichend. „Man bräuchte einfach mehr Orte, die frei zugänglich sind und wo man’s aushalten kann”, sagt sie. In einer Großstadt wie Stuttgart findet man stattdessen versiegelte Flächen und Beton, der Wärme bis in die Nacht hinein speichert.
Der Aktionsplan informiert zwar über Maßnahmen, doch die Umsetzung liegt bei anderen Akteur*innen. Obdachlose sind daher auf Wohlfahrtsverbände wie die eva angewiesen. Zum Teil werden diese Verbände auch staatlich unterstützt, im Falle der eva zu 70 Prozent. Der Rest sind Spenden. Doch die Angebote stehen unter Druck.
Kürzungen im sozialen Bereich
Seit Mai 2026 öffnet die eva dienstags nur noch Nachmittags. Aufgrund von Kürzungen im Bereich Kultur und Soziales durch Stuttgarts Sparhaushalt für 2026/27 kann sie an einem Tag der Woche kein Mittagessen mehr anbieten.
„Die Kürzungen von zehn Prozent der Zuwendungen durch die Stadt Stuttgart lassen uns keine andere Wahl“, äußerte sich die eva in einer Pressemeldung.
Auch andere Einrichtungen haben am selben Tag geschlossen. Das liegt daran, dass keine der Tagesstätten mehr Menschen als die übliche Zahl an Besucher*innen versorgen könnte. Wenn Gäste von geschlossenen Tagesstätten zu den geöffneten kommen würden, müssten sie abgewiesen werden.
Birgit versteht nicht, warum es nicht mehr Förderung für Hilfsangebote im Sommer gibt - Im Winter gäbe es sie auch: Aus Art. 2 Abs. 2 GG und ordnungsrechtlichen Schutzpflichten wird abgeleitet, dass Kommunen bei Lebensgefahr Unterbringung sichern müssen. In Stuttgart gibt es dafür den Erfrierungsschutz. Bei gesundheitsgefährdenden Temperaturen unter Null Grad müssen Obdachlosen deshalb Notunterkünfte gestellt werden.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. erfasste im Winter 2025/26 mindestens 14 erfrorene wohnungslose Menschen. In sechs weiteren Fällen besteht Verdacht. Eine Regelung wie der Erfrierungsschutz gibt es im Sommer nicht. Obwohl auch die Zahl der Hitzetoten in Deutschland nicht zu vernachlässigen ist: Nach Berichten des Robert-Koch-Institutes wurden 2025 hitzebedingt rund 2.500 Hitzetote geschätzt. Extreme Temperaturen können für jeden ein Risiko werden und nicht nur Menschen ohne Wohnung können von Angeboten wie der eva profitieren.
Denn während draußen der Asphalt vor Hitze flimmert, wird die Kältestube für ein paar Stunden zu dem, was vielen draußen in der Hitze fehlt: Ein kühler Ort, zum Bleiben. Ein Wohnzimmer für alle, die es brauchen.