Im eigenen Studio produziert Tim Eiermann Songs aufstrebender Künstler. Vielleicht das nächste „Narcotic“? | Bild: privat

Interviews Pop-Musik
Hinter dem Hit

Im eigenen Studio produziert Tim Eiermann Songs aufstrebender Künstler. Vielleicht das nächste „Narcotic“? | Bild: privat

05 Jun 2019

Doppel-Gold und Doppel-Platin, weltweit über acht Millionen verkaufte Einheiten: „Narcotic“ von „Liquido“ ist einer der bekanntesten unbekannten Songs der Welt. Hinter ihm stecken vier Schulfreunde aus einem unscheinbaren Dorf bei Sinsheim. Einer von ihnen ist Tim Eiermann, damals Gitarrist und Sänger, heute Produzent mit eigenem kleinen Studio. Im Interview berichtet er über den Welterfolg und das Leben danach.

Euer größter Hit „Narcotic“ feierte letztes Jahr seinen 20. Geburtstag. Kannst du den Song noch hören?

Absolut. Er ist Teil meines Lebens. Also ich würde ihn mir jetzt privat nicht anhören, aber ich freu mich natürlich, wenn man irgendwo hin geht und da läuft er. Es freut mich natürlich auch, dass mich der Song überdauern wird. Der wird noch laufen, da liegen wir alle schon sechs Fuß tiefer.

Kratzt es nicht ein bisschen an der Musikerehre, wenn der eigene Song zwischen Party- Schlagern im Oktoberfestzelt läuft?

Da bin ich komplett schmerzfrei. Das ist mir komplett Schnuppe, Hauptsache er läuft. Wo er dann läuft, das hast du ja als Musiker gar nicht in der Hand. Also ich persönlich hab jetzt mit Ballermann-Musik überhaupt nichts am Hut, aber wenn die DJs den da laufen lassen, dann ist das halt so. Das macht mir nichts aus.

Durch die GEMA und Streaming kommt da doch sicher auch noch einiges an Geld zusammen. Kann man heute noch von einem Welthit leben?

Es kommt darauf an, wie viel Anteil du an dem Song hast. Es ist schon der Fall, dass man mehr daran verdient, als wenn man 20 neue Platten macht, oder 50 oder 100. Ob das reicht für vier Mann, dass die dann ausgesorgt haben, das steht auf einer anderen Seite.

„Heutzutage kennt man ja die Gesichter oft gar nicht zu den großen Songs.“ – Tim Eiermann

Deine musikalischen Wurzeln liegen ja eher in härteren Musikgenres. Wie ist es da für dich, dass der größte eigene Hit eine eher poppige Rock-Nummer ist?

Das härtere Zeug wäre bestimmt kein Hit geworden. Was ich mir privat gerne anhöre, ist schon im ganz extremen Bereich. Diese Musik mache ich aus Leidenschaft und nicht um damit die Charts zu stürmen.

Obwohl man sagen muss, als wir damals „Liquido“ angefangen haben, da war uns natürlich auch noch nicht bewusst, dass wir mal einen der größten Hits aus Deutschland aller Zeiten schreiben. Man ging in den Proberaum mit Kumpels und hat mal irgendwie ein bisschen Musik gemacht. Im Endeffekt ist es genau das gleiche, wie mit meiner Grindcore-Band, nur, dass das halt andere Musik ist.

Würdest du sagen, du hast streckenweise ein Rockstarleben geführt?

Joa, das kann man schon sagen. Auf jeden Fall habe ich über viele, viele Jahre mitgemacht, was da eben so dazugehört. Wir waren ja jung und haben es schon auch krachen lassen. Ich würde es auch jederzeit wieder genauso machen, das steht fest. Es war ja auch ein großes Privileg.

Aber das waren natürlich auch die goldenen Zeiten, das darf man auch nicht vergessen. Wir reden hier von Mitte-Ende Neunziger, da war Musik noch richtig wertig, was ja heutzutage leider anders ist. Durch das ganze Streaming und so hat Musik die Wertigkeit verloren. Damals hat halt auch jeder deine Fresse gekannt. Da hockst du abends bei Harald Schmidt, dann am Donnerstag, wenn die neue Bravo rauskommt, ist da ein Riesenposter von dir drin. Heutzutage kennt man ja die Gesichter oft gar nicht zu den großen Songs.

Vermisst du es?

Nein, ich vermisse es gar nicht. Ich könnte es mir jetzt auch gar nicht mehr vorstellen. Ich bin froh, wenn mich keiner mehr kennt. Der Personenhype, das war nie meins. Das war mir damals auch schon zum Teil wirklich zu viel.

Da bin ich einfach Vollblutmusiker, mir geht’s um die Musik und nicht um irgendeinen Personenkult. Da kann ich gut drauf verzichten.

„Das Hörverhalten heute ist eben ganz anders.“ – Tim Eiermann

Inzwischen betreibst du selbst ein Studio und produzierst kleinere Künstler. Kannst du mit deiner Erfahrung schon vorher einschätzen, welche Bands Potential für den großen Erfolg haben?

Wenn es mal wirklich jemanden gibt, der ansatzweise so den Hunger hat, wie wir ihn damals hatten, dann würde mir das schon auffallen. Allerdings ist das wirklich super selten. Die meisten machen das halt, weil es ihr Hobby ist, weil es Spaß macht. Aber dass sie wirklich die Vision haben, um überhaupt ansatzweiße eine Chance zu haben auf dem Markt, das ist meistens nicht der Fall.

Es ist nicht so, wie ich es von uns kenne, dass, bevor der erste Ton geschrieben ist, es schon die perfekte Strategie gibt. Ich predige es zwar immer wieder, aber das gibt es wirklich ganz, ganz selten.

Sind Streamingdienste für dich eher Fluch oder Segen?

Es ist halt so wie es ist, ich will mich ja dem Modernen nicht verschließen. Wir haben uns damit abzufinden. Natürlich fand ich es viel toller, als man damals noch los ist und sich die Platte gekauft hat, da man die Musik sonst überhaupt nicht hätte hören können. Und wenn man sie sich dann gekauft hatte, dann hat man sie auch wirklich rauf und runtergehört, weil man als Teenager nur Geld hatte für vielleicht eine Vinyl im Monat.

Das Hörverhalten heute ist eben ganz anders. Da hat man sich das ganze Album angehört, da ging es um Übergänge zwischen den Songs, die ganze Atmosphäre eines Albums, das gibt es ja gar nicht mehr. Es geht nur noch um Einzeltracks, am besten zwei Minuten lang, damit die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass die auch mal jemand zu Ende hört.

Würdest du lieber nur noch Musik hören die es schon gibt, oder nur noch Musik, die noch kommt?

Ich gebe ganz ehrlich zu, die Sachen die ich mir kaufe sind zu 95 Prozent vor 2000 produziert worden. Das Problem von neuerer Musik, gerade im härteren Bereich, ist eben, es klingt alles gleich. Das gibt es nur ganz selten, so ein ganz neues Hörerlebnis. Also wenn ich mich für etwas entscheiden müsste, dann für Musik die es schon gibt.