offene Beziehungen 5 Minuten

Liebe ohne Grenzen

Drei Personen, die sich liebevoll umarmen und Hände halten
Einblicke in eine offene Beziehung: Begegnung mit einem Paar, das dieses Beziehungsmodell seit einem Jahr lebt. | Quelle: Selina Nghiem
04. März 2024

Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Fittkau und Maaß glauben 32 Prozent aller 18- bis 69-jährigen Männer und Frauen, dass offene Beziehungen in Zukunft häufiger werden. Diese Form der Beziehung erfordert viel Kommunikation, bietet aber auch große Chancen. Paula* und Max* erzählen, welche Erfahrungen die beiden als Paar mit dieser Beziehungsform machen und an welche Grenzen sie dabei stoßen.

Die Töne des Podcasts über verschiedene Beziehungsmodelle klingen noch in Max' Ohren nach – die Idee von offenen Beziehungen hat sich in seinem Kopf festgesetzt. Die Gedanken daran begleiten ihn durch die Nacht. Als der Morgen anbricht, setzt sich Max mit einem klopfenden Herzen zu Paula, bricht das Schweigen und teilt seine Gedanken über offene Beziehungen mit ihr. 

Für die 25-jährige Paula und den 29-jährigen Max war das Thema bereits seit Anfang ihrer Beziehung präsent. Paula war zunächst zurückhaltend, doch während ihres Auslandssemesters stellte sie sich die Situation konkreter vor und war bereit, es auszuprobieren. 

Gemeinsam ins Unbekannte

Beziehungen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt – heute gibt es eine Vielfalt von Beziehungsmodellen jenseits der traditionellen Vorstellungen. So hatten beispielsweise doppelt so viele Männer wie Frauen bereits eine offene Beziehung. Insbesondere junge Paare entscheiden sich für dieses Beziehungsmodell, genau wie Paula und Max. Sie sind bereits seit drei Jahren zusammen und seit einem Jahr bewusst in einer offenen Beziehung. Die Wahl, eine offene Beziehung zu führen, gleicht einem Schritt in unbekanntes Terrain – doch es kann auch ein Abenteuer voller Entdeckungen und Herausforderungen sein. Für die beiden war es keine impulsive Entscheidung, sondern wohlüberlegt. 

Geschlechterungleichheiten in offenen Beziehungen | Quelle: Anita Moser (erstellt mit Canva)

Doch was versteht man eigentlich unter einer offenen Beziehung? Laut der Beziehungcoachin Irina Wrettos zeichnet sich diese Beziehungsform dadurch aus, dass Partner*innen gemeinsam entscheiden, ihre Bindung zu öffnen und romantische oder sexuelle Beziehungen außerhalb der Partnerschaft zu erlauben. Diese Form der Beziehung setzt auf Offenheit, Kommunikation und das Festhalten an gemeinsamen Werten. Offene Beziehungen werden häufig als Synonym für Polyamorie oder polyamore Beziehungen gebraucht, jedoch besteht ein Unterschied in der Definition der beiden Begriffe: Offene Beziehungen beschreiben vorrangig den sexuellen Aspekt mit möglichen wechselnden Partnern. Polyamorie hingegen erlaubt, mehrere Bindungen sexueller und auch emotionaler Natur einzugehen, die zu langfristigen Beziehungen führen können.

„Es hat immer Vorrang, womit sich der andere wohl oder unwohl fühlt und das wird akzeptiert. Und dann muss die eigene Meinung auch in den Hintergrund rücken.“

Paula

Die Rolle von Kommunikation und Vertrauen

Natürlich werfen offene Beziehungen auch Fragen auf: Wie geht man mit Eifersucht um? Welche Rolle spielen Treue und Verbindlichkeit? Wie beeinflusst dies das gesellschaftliche Bild von Liebe und Partnerschaft? Dazu haben Paula und Max klare Meinungen: „Vertrauen gegenüber dem Partner und in die Beziehung. Ohne dieses Vertrauen kann eine offene Beziehung unserer Meinung nach nicht funktionieren.“ Über Treue in Beziehungen sagt Paula: „In monogamen Beziehungen nimmt oft die sexuelle Treue den höchsten Stellenwert ein. Doch wir verstehen Treue im weiteren Sinn.“ Für Paula sei es wichtiger, bedingungslos füreinander da zu sein, sich zu vertrauen und offen miteinander sein zu können, dabei steht das Wohl der beiden immer im Vordergrund. In diesem Punkt sind sich die beiden völlig einig: Kommunikation sei das A und O. 

Grenzen setzen und Vereinbarungen einhalten

Klare Grenzen sind in einer offenen Beziehung sehr wichtig, da sie das Gerüst bilden, auf dem die Partnerschaft ruht. Diese Grenzen sind nicht nur Wegweiser, sondern schaffen auch Respekt und Vertrauen. Paula erklärt: „Die Grenze ist, dass es nicht über Sex mit einer anderen Person hinausgeht, sodass man zum Beispiel keine Gefühle für eine andere Person entwickelt.“ Dabei betont sie die Wichtigkeit, dass alle Handlungen im Einvernehmen mit dem Partner geschehen. Dem Paar ist es wichtig, dass die Beziehung und der Partner an erster Stelle stehen. Daher haben die beiden Regeln aufgestellt, wie beispielsweise Verhütung zu verwenden oder keine Treffen mit anderen Personen in der gemeinsamen Wohnung. 

Wie in jeder Beziehungsform gibt es auch bei den beiden Zeiten von Unsicherheiten. Paula merkt an, dass sie ein Gefühl von Unsicherheit verspürt, wenn sie weiß, dass Max auf einem Date ist. Sie beschreibt es als „komisches Gefühl“, das oft mit einer negativen Gedankenspirale verbunden ist. Um diesem Gedankenkarussell entgegenzuwirken, macht Paula sich bewusst, wie robust ihre Liebe und Beziehung zu Max ist. Sie betont die Wichtigkeit, sich daran zu erinnern, wie stark sie ihrem Partner vertrauen kann. Max hebt dabei hervor, dass er in der Lage sei, Gefühle und Sex effektiv voneinander zu trennen. 

„Ich sehe es, wie gesagt, als ein physiologisches Bedürfnis, von daher bin ich nicht eifersüchtig. Ich kann Gefühle und Sex sehr gut voneinander trennen.“

Max

Chance und Verlockung

Jeder zweite Erwachsene unter 30 Jahren prophezeit dem Modell der „offenen Liebesbeziehung“ eine rosige Zukunft. Das ergab eine bevölkerungsrepräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Fittkau und Maaß im Auftrag der Partnervermittlung ElitePartner. Demnach glauben 49 Prozent der Männer und 48 Prozent der Frauen zwischen 18 und 29 Jahren, dass „offene Beziehungen in Zukunft häufiger werden.“

Etwa jede fünfte Frau in dieser Altersspanne kann sich grundsätzlich vorstellen, eine offene Beziehung zu führen, bei den Männern hingegen fast jeder Dritte.

Mit 14 Prozent hatten der Studie zufolge doppelt so viele Männer wie Frauen bereits – zumindest zeitweise – eine offene Beziehung. Bei den 18- bis 39-Jährigen sind es 19 Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen.

DIE HÄUFIGSTEN GRÜNDE, IN EINER OFFENEN BEZIEHUNG ZU LEBEN

  • Wunsch nach mehr Freiheit
  • Sex mit einer anderen Person
  • Neue Wege der Liebe erforschen
  • Grundbaustein des Vertrauens bereits gegeben

Der Tag, der mit einem Podcast begann, stellte sich als entscheidender Moment des Umdenkens für Max und Paula dar. Die Idee von offenen Beziehungen öffnete eine Tür zu einer neuen Dimension ihrer Liebe. Statt sich in den konventionellen Mustern zu bewegen, wagten sie einen gemeinsamen Schritt in Richtung Offenheit. In dieser neuen Form der Beziehung finden Max und Paula nicht nur Glück, sondern auch die Möglichkeit, ihre Liebe auf ihre eigene Art zu leben. 

 

 

* Sowohl aus Datenschutz- als auch aus persönlichen Gründen wurden die Namen der Interviewpartner*innen geändert. Die Identitäten der Protagonist*innen sind der Redaktion bekannt. Die Protagonistin steht in freundschaftlicher Beziehung zur Autorin.

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