Es riecht nach Frittierfett und Zigarettenrauch. Man hört mindestens drei Ballermann-Songs gleichzeitig und die Radautrommler machen ihrem Namen alle Ehre. Trotz leichter Schäden der letzten Party-Nacht ist Ronja schon seit zehn Uhr hier und hat zusammen mit anderen Mitgliedern der Triberger Narrenvereine die Buden und Zelte aufgebaut. Mit ihren langen, neongrünen Haaren sticht sie selbst aus dem bunten Haufen der Narren heraus. Die 22-Jährige wirkt auf den ersten Blick nicht, als wäre sie Mitglied eines Traditionsvereins. Trotzdem fühlt sie sich hier im "Narrendorf" als Teil der Gemeinschaft. Als Wahl-Freiburgerin kommt sie extra für die fünfte Jahreszeit zurück in ihre Heimat.
Ronja ist Teil einer Hexenzunft. Die fand sie schon immer am coolsten, sagt sie. Im Mittelalter, wo viele Fastnachtsbräuche ihren Ursprung haben, gab es zwar schon Männer, die sich als "alte Weiber" verkleidet haben. Die stereotypische Hexe mit langer Nase und Warzen auf der Maske ist aber erst seit weniger als 100 Jahren teil der schwäbisch-allemanischen Fastnacht. Nicht Fasching und erst recht nicht Karneval. Hier in Triberg im Schwarzwald am liebsten „Fasnet“. Dieses Jahr zur Fasnet ist Ronja das erste Mal bei den „Tryberger Burghexen” dabei. Schon immer hat Geschichte sie fasziniert. Vor allem Hexenverbrennungen und Martyrerinnen wie Jeanne d'Arc beeindrucken sie. Selbst auf Zeit zur Hexe zu werden, war deshalb naheliegend.
Fastnachts-Lexikon:
Fastnacht: Zeitraum vor der christlichen Fastenzeit, wo historisch gefeiert und alles konsumiert wurde, was in der Fastenzeit tabu ist
Häs: Tracht der Zunftmitglieder, wird nicht von anderen getragen
Narren: alle Hästragenden, die sich in Zünften sammeln, oft für alle teilnehmenden der Fastnacht verwendet
Zunft: Vereine, in denen sich hästragende Narren sammeln und organisieren, jede hat ihr eigenes Häs und eigene Brauchtümer
Larve: hochwertige, meist aus Holz handgefertigte Maske, die zum Häs dazu gehört
Quelle und weitere Definitionen: https://www.narrenlexikon.de/
Hexenzünfte allgemein sollen nicht an die Opfer der Hexenverbrennung erinnern, sondern an die Märchenhexen, wie die aus Hänsel und Gretel. Jede Zunft hat aber auch ihre eigene Legende mit mehr oder weniger wahren Wurzeln. Die Burghexen beziehen sich in ihrer Gründungsgeschichte auf das reale Triberg im 17. Jahrhundert. Der damalige Herrscher, Obervogt Johann Friedrich Fabri, ließ über 100 Menschen hinrichten, viele von ihnen als „malefiz personen” – also Hexen. Er war auch verantwortlich für einen Burgbrand, dessen Schäden die Triberger beheben sollten. Daher kommt das Emblem mit der brennenden Burg vorne auf dem Häs, so nennt man die traditionellen Verkleidungen der Zünfte. Auch der Name „Burghexen" leitet sich aus diesem Teil der Stadtgeschichte ab. Seit 1994 sind sie Teil des närrischen Treibens in Triberg und Umgebung.
Hexen-Mindset
Ohne erkennbares Signal kommt Bewegung in die Gruppe – es ist Zeit für die Aufstellung. Nach und nach strömen alle Richtung Straße, noch etwas entfernt von den Zuschauenden um die Ecke. Die Burghexen sind unter den ersten, die die Leute sehen werden. So langsam werden die Besen gezückt, Taschentücher finden ihren Platz in Ärmeln oder Handschuhen und die Masken wandern von den Rücken auf die Köpfe. Das Neongrün verschwindet und weicht grau und schwarz.
Jetzt muss Ronja ins „Hexen-Mindset” kommen. Manche Zunftmitglieder geben der Figur, die sie eineinhalb Wochen im Jahr spielen, auch Namen. Für Ronja fühlt sich die Hexe eher an, wie ein Teil von ihr, den sie sonst nicht zeigt. Immer noch sie, aber eine andere Facette. „Die Hexe ist das, was ich in meinem Inneren auch bin, aber zu schüchtern bin, zu zeigen. Ein Freigeist, jemand, der gerne Quatsch macht, Leuten Freude macht und Kinder gerne strahlen sieht.”
Die Zeit, kurz bevor es losgeht, beschreibt sie wie das Warten auf eine Achterbahnfahrt. Für sie als Neuling ist jeder Umzug noch eine ungewohnte Erfahrung. Im Moment muss sie sich erst jedes Mal wieder mit der Maske vertraut machen. Die ersten Schritte als Hexe sind noch zögerlich, wie das Erklimmen des Berges kurz vor der ersten Talfahrt. Dann biegt der Zug ab, raus aus der Seitenstraße und auf die Umzugsroute. Der Narrenmarsch beginnt und die ersten Bonbons fliegen durch die Luft. Abfahrt.
Im Flow
Außenstehende sehen jetzt keine Menschen in Kostümen mehr – sie sehen Hexen. Sie laufen gebückt, neigen die Köpfe, knurren und johlen und krächzen. Es gelten nun andere Regeln. Frisuren verwuscheln, Gesichter mit Viehmarkern beschmieren, Schnürsenkel aufmachen, Haarreife klauen – Narrenfreiheit eben. Nur die Wenigsten nehmen den Hexen das übel. Dafür sind sie schließlich da, um einen Moment lang den Ernst abzustreifen, der außerhalb der fünften Jahreszeit gilt.
Durch die Anonymität der Masken und die Zusammengehörigkeit der Gruppe sinkt die Hemmschwelle und Tabus werden gesprengt. Dazu kommen die unzähligen Eindrücke von so einem Umzug – eingeschränktes Sichtfeld durch die Maske, Rauch in der Nase, Trommler und Boomboxen und Bläser, Leute ärgern, Süßes verteilen. Es ist ganz schön viel los, auch wenn das Publikum dieses Mal nicht das größte ist. Es versetzt Ronja in eine Art Trance, sie ist im Hexen-Flow.
Viel hat sie sich von den erfahreneren Hexen abgeschaut. Den breitbeinigen Stand, das Hin- und Her-Schwingen, wenn sie kurz halten müssen, wie man den Besen am besten handhabt. Vieles kommt aber auch von alleine. Die Interaktionen mit Kindern fallen Ronja als Erzieherin besonders leicht. Sie möchte ihnen positive Erfahrungen geben und will, dass sie Spaß haben. Viele Kinder haben Angst vor den doch ein bisschen gruselig aussehenden Hexen. Die lässt sie lieber in Ruhe, oder winkt ihnen nur zu. Ein sowieso schon verängstigtes Kind erschrecken würde sie nie.
Grenzen der Narrenfreiheit
Ronja setzt ihre Grenzen klar. Keine Kinder verschrecken, keine teuren Gegenstände stibitzen (auch wenn alles Geklaute wieder zurückgegeben wird) und erst recht niemanden verletzen. Sie orientiert sich an der viel zitierten Goldenen Regel – „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu." Trotz der Anonymität behält sie ihren moralischen Kompass. Unter der Maske bleibt man trotzdem ein Mensch. Bei den Burghexen gab es noch keinen Vorfall, bei dem jemand über die Stränge schlug, erzählt sie. Doch das ist nicht überall so.
Im „Hexenkessel-Prozess” musste sich 2018 ein Mann vor Gericht für die schweren Verletzungen einer jungen Frau verantworten. Bei einem Nachtumzug in der Nähe von Heilbronn hoben Mitglieder der Gruppe „Bohbrigga Hexenbroda” sie über einen mit heißem Wasser gefüllten Kessel, den sie beim Umzug als Requisite dabei hatten. Ihre Beine gerieten in das Wasser und sie erlitt Verbrühungen, die wochenlang im Krankenhaus behandelt werden mussten. Die Schuld will der damals 33-Jährige dafür nicht tragen. Ob er derjenige war, der die Frau über das kochend heiße Wasser hielt, konnte das Gericht nicht herausfinden. Doch seine Beteiligung reichte offenbar für eine Geldstrafe und Zahlungen an das Opfer. Die anderen Hexen schwiegen zu dem Vorfall.
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Ronja schockieren solche Vorfälle. Den Hexenkessel-Prozess kannte sie noch nicht. Wie es so weit kommen kann, ist ihr unverständlich. In den meisten Fällen tut es das auch nicht. Trotzdem haben die oft männlich dominierten Hexenzünfte einen schlechten Ruf. Vor allem junge Frauen und Mädchen am Straßenrand werden zur Zielscheibe für die Schikanen, die oft unter „Narretei” abgetan werden. Sie berichten von öffentlichen Bloßstellungen, die nachgeahmten Vergewaltigungen ähneln. Männer reißen sie zu Boden, nehmen ihnen die Schuhe ab und zwingen sie, barfuß über den winterkalten Boden zu laufen. Hier beseitigt die Anonymität nicht nur soziale Hemmungen, sondern auch jegliche Impulskontrolle und offenbar das Gespür dafür, wo Spaß aufhört und Übergriffigkeit beginnt.
Patriarchat im Häs
Doch auch wenn es nicht zu Übergriffen kommt, hat das Patriarchat seine Finger im Spiel. Eigentlich kommt Ronja aus Schonach, einem Nachbarort von Triberg mit eigener Zunft. In die wollte sie aber nicht eintreten. Es gibt dort zwei verschiedene Häs: den Geisenmeckerer und die Geisenmagd. Ronja gefällt das weibliche Häs der Schonacher aber nicht. Und damit ist sie nicht allein. Eine andere junge Schonacherin nennt die gleichen Gründe, warum sie dem Verein nicht beitreten möchte, obwohl sie gerne eine närrische Gemeinschaft hätte.
Verstehen kann Ronja die scheinbar sexistische Trennung auch nicht. „Männer ziehen sich als Frauen an, Frauen ziehen sich als Männer an, junge Leute ziehen sich als Rentner an. Scheißegal. Aber bei den Zünften heißt es dann: ‘Nee, das darfst du nicht.’” Eine konkrete Regel zur strikten Trennung gäbe es laut Oberzunftmeister nicht. Man drücke auch mal ein Auge zu. Der Erfinder der Geisenmagd, ein Mann, pitchte die Idee wohl selbst bekleidet im neuen Häs mit Rock und Zöpfen. Im Narrenrat, also die Führungspositionen, sitzen aber schon immer nur Männer. Auf die Frage, warum das so ist, antwortet die Zunft mit der guten alten Tradition. Außerdem gäbe es keine konkreten oder adäquaten Bewerberinnen. Das wird in naher Zukunft also wohl so bleiben.
Endstation
Der Trupp aus Hexen, Teufeln und allen anderen Kreaturen schunkelt noch eine letzte Anhöhe hinauf, dann verstummt die Musik. Die Masken heben sich und zum Vorschein kommen Ronja mit ihrem Grün und all die anderen Menschen, die die unzähligen Figuren der schwäbisch-alemannischen Fastnacht zum Leben erwecken. Die Achterbahnfahrt ist vorbei. Langsam klingt das Adrenalin ab, doch es dauert ein bisschen, bis man wieder im Hier und Jetzt ankommt, wie Ronja findet.
Zurück im Narrendorf geht es trotzdem gleich weiter hinter die Bar. Die Mitgliedschaft in einer Zunft bedeutet nicht nur Partys und Umzüge, sondern auch Beteiligung am Verein. Alle packen mit an. Auf die Frage, ob sie ohne Zunft nicht mehr Freiheit hätte, fällt ihr nur mehr Schlaf ein. Das stört sie aber nicht. „Mir ist das dieses Jahr ganz egal, weil es macht so viel Spaß mit den Leuten und ich glaube, ich würde da auch nicht gerne wieder darauf verzichten, in der Zunft zu sein.”
Mit dem Kittel und der Maske hat sie auch ihr Hexen-Mindset auf den Bierkisten hinter der Theke abgelegt. Trotzdem trägt sie die Hexe immer irgendwie mit sich. Als ein Teil von ihr, der bald wieder einschläft, bevor er in einem knappen Jahr wieder durch die raucherfüllten Straßen ziehen darf. Die Maske gibt ihr die Freiheit, diesen Teil auszuleben.