Abwärtstrend 7 Minuten

FDP - Fall der Partei

Auf dem Bild sieht man ein Sticker der FDP, in welchen <5% eingeschnitten ist.
Die FDP scheiterte zum ersten Mal in ihrer baden-württembergischen Parteigeschichte an der Fünf-Prozent-Hürde. | Quelle: Malena Zimmermann
21. Mai 2026

Vom Ministerpräsidenten in die Bedeutungslosigkeit – die FDP hat es zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht in den Stuttgarter Landtag geschafft. Was sind die Gründe für das Abspringen der Wählerschaft?

Der Absturz der FDP bei der baden-württembergischen Landtagswahl am 8. März 2026 markiert eine politische Zäsur. Erstmals in ihrer Historie verpasst die Partei den Einzug in den Landtag. Damit findet eine mehr als 70-jährige Geschichte vorerst einen neuen Tiefpunkt. Die Liberalen konnten im Wahlkampf die Wählerschaft nicht von ihren Positionen überzeugen und nicht ausreichend Rückhalt mobilisieren. Der Abwärtstrend kommt aber nicht unerwartet. Schon vor dem entscheidenden Urnengang deuteten Umfragen auf einen knappen Wahlausgang hin. Und nach Auszählung aller Wählerstimmen stand fest: Die FDP wird kein Teil der neuen Regierung sein. „Wir haben natürlich gehofft, zumindest über die fünf Prozent zu kommen, aber das war dann am Ende nicht der Fall“, erklärt FDP-Landesvorsitzender und Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke.

Mythos Stammland

Lange war Baden-Württemberg als FDP-Stammland bekannt. Seit der ersten Landtagswahl 1952 war die Partei durchgängig im Landtag vertreten. Mit Reinhold Maier stellten die Liberalen sogar den ersten Ministerpräsidenten. In elf von insgesamt 24 Kabinetten war die Partei an der Landesregierung beteiligt. Zuletzt hatte die FDP zwischen 2006 und 2011 einen Teil der Regierungsverantwortung in ihren Händen. Damals in der Rolle des Juniorpartners unter der Führung der beiden CDU-Ministerpräsidenten Günther Oettinger und Stefan Mappus. 

Bereits bei der Landtagswahl 2011 hat die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde gekratzt. Damals sicherte sich die Partei aber mit 5,3 Prozent der Wählerstimmen den Einzug in den Landtag. | Grafik: Malena Zimmermann

Die tiefe Verwurzelung der FDP zeigt sich auch in prominenten Bundespolitikern, die ihre politische Karriere in Baden-Württemberg begannen. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss war neben seinem Amt als bundesdeutscher Staatschef auch Gründungsmitglied und erster Bundesvorsitzender der FDP. Auch der ehemalige Justizminister und Präsident des Bundesnachrichtendienstes Klaus Kinkel stammt aus dem Südwesten. Im Laufe seiner Amtszeit als Bundesaußenminister prägte er die deutsche Außenpolitik der 90er Jahre. 

Grün-schwarzer Zweikampf

Für die FDP wurde der Wahlkampf um den Stuttgarter Landtag zunehmend zum Problem. Denn dieser entwickelte sich immer mehr zu einem Duell der beiden Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Manuel Hagel. Dem Grünen-Politiker Özdemir und seiner Partei gelang es, sich kontinuierlich in Umfragen zu verbessern. Am entscheidenden Wahltag sicherte sich seine Partei mit 30,2 Prozent die meisten Stimmen. Laut Sebastian Bukow, Professor für Politikwissenschaft, sorgte vor allem Özdemirs hoher Bekanntheitsgrad als ehemaliger Bundeslandwirtschaftsminister für seinen Sieg. Für mehr als die Hälfte der Grünen-Wählerschaft war der Kandidat ein wichtiger Faktor für ihre Wahlentscheidung. Einen solchen Kandidaten-Effekt gab es beim Gesicht der FDP Rülke nicht.

„Es hat sich dann eine sehr starke Polarisierung ergeben, die alle kleinen Parteien oder kleineren Parteien erfasst hat“, beschreibt Rülke die letzten Tage des Wahlkampfes. Die grün-schwarze Zuspitzung habe neben der FDP auch der SPD und der Linkspartei geschadet. Ebenso wie die FDP scheiterte die Linke an der Fünf-Prozent-Hürde. Mit 5,5 Prozent der Stimmen erzielten auch die Sozialdemokraten ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg. 

Das gelbe Licht der Ampel erlischt

Landesvorsitzender Rülke sieht den Hauptgrund für das historisch schlechte Wahlergebnis im Scheitern der Ampel-Regierung. „Ich glaube, die FDP leidet unter einer Vertrauenskrise in der Bevölkerung, die sehr mit der Ampel zu tun hat.“ Der Vertrauensverlust, der durch das vorzeitige Aus der ehemaligen Bundesregierung entstand, hatte ihm zufolge großen Einfluss auf das Ergebnis der Landtagswahl. 

Das Aus der Ampelregierung

Am 6. November 2024 zerbrach die als Ampelregierung bekannte Koalition zwischen SPD, FDP und Grüne nach ungefähr drei Jahren Regierungszeit. Der zentrale Konfliktpunkt war der Bundeshaushalt 2025. Während SPD und Grüne mehr Finanzierungsmöglichkeiten für Investitionen befürworteten, hielt die FDP an der Einhaltung der Schuldenbremse fest.

Kurz vor dem Bruch der Regierung veröffentlichte Finanzminister und FDP-Vorsitzender Christian Lindner ein Grundsatzpapier, in welchem er die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Ampelregierung infrage stellte. Lindner forderte eine Wirtschaftswende und befürwortete Einsparungen bei Sozialausgaben und eine Verschiebung der Klimaziele.

Als Reaktion auf das Grundsatzpapier entließ Bundeskanzler Olaf Scholz den Finanzminister. Daraufhin traten die weiteren FDP-Mitglieder Bettina Stark-Watzinger (Bildung) und Marco Buschmann (Justiz) von ihren Ministerialämtern zurück.

Quellen: tagesschau.de, stern.de, spiegel.de

In Umfragen vor der Landtagswahl gaben 71 Prozent der Befragten an, dass die FDP mit ihrer Politik in der Ampel dauerhaft Vertrauen verspielt habe. Viele betrachten den Regierungsbruch als von der FDP provoziert. Neben dem Bekanntwerden des Grundsatzpapiers von Christian Lindner schadete der Partei auch die Veröffentlichung eines als „D-Day-Papier“ bekanntes Dokument der FDP-Spitze.

Das „D-Day-Papier“ war ein internes Strategie-Dokument aus dem Umfeld der FDP, in dem mögliche Szenarien für einen Ausstieg aus der Ampelkoalition diskutiert wurden. Es wurden politische und kommunikative Schritte dafür skizziert, wie ein Koalitionsbruch vorbereitet und öffentlich vermittelt werden könnte.

Daraufhin wurde der FDP vorgeworfen, dass parallel zur laufenden Regierungsarbeit aktiv ein Ende der Koalition geplant und bewusst auf den Koalitionsbruch hingearbeitet wurde.

Quelle: tagesschau.de 

Aber auch während der Ampelregierung konnte die Partei ihre Erfolge nicht an die eigene Anhängerschaft übermitteln, erklärt Deniz Anan, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität München. Anstatt beim eigenen Kernthema Wirtschaft marktliberale Umgestaltungen anzusetzen, verhinderten die freien Demokrat*innen eher Projekte der Koalitionspartner. Rülke behauptet, dass sich nach dem Scheitern der Ampelregierung die Wählerschaft ein festes Urteil über die FDP gebildet hätte. „Die Partei schafft es nicht, in Regierungsverantwortung das umzusetzen, wofür die Wählerschaft sie gewählt hat“, so Rülke. Die Folgen davon spüre die Partei nun auch auf Landesebene. 

Liberale unter Druck

In Umfragen zur Landtagswahl gaben 29 Prozent der Befragten an, dass die Lage der Wirtschaft entscheidend für ihre Wahlentscheidung war. Bei der Frage welcher Partei Wählende am ehesten zutrauen würde, die Wirtschaft voranzutreiben, rangierte die FDP hinter CDU, Grüne und AfD jedoch nur auf Platz vier. 

Die Hauptwählergruppe der FDP bei der Landtagswahl waren Männer zwischen 16 und 24 Jahren. Mit ihren Positionen erreichte die Partei vor allem Selbstständige Personen, während sie bei Personen im Ruhestand am schlechtesten abschnitt. Stimmen verlor die FDP in zahlreiche Richtungen. Die meisten Verluste verzeichnete die Partei an die CDU. Der Konkurrenzkampf um die bürgerlich-liberale Wählerschaft hat die FDP mit 145.000 abgewanderten Wähler*innen klar verloren. Ebenfalls musste die FDP 65.000 Stimmen einbüßen, die stattdessen an die AfD gingen. Die Ergebnisse der Landtagswahl zeigen, dass sich die Partei nicht gegen ihre politische Konkurrenz durchsetzen konnte und die Wählerschaft nicht ausreichend ansprach.

Rülke sieht in der Auswahl der Themen keinen Fehler. „Ich glaube, für all diese Themen gibt es ein erhebliches Wählerpotenzial.“ Dieses könne ihm zufolge aufgrund des Vertrauensverlustes aktuell nicht ausgeschöpft werden.

„Das Ausscheiden aus dem Landtag markiert einen weiteren Schritt in die bundesdeutsche Bedeutungslosigkeit.“
Sebastian Bukow, Professor für Politikwissenschaft und Leiter des Referats für Politik- und Parteienforschung der Heinrich-Böll-Stiftung Berlins

Das Abschneiden der FDP bei der baden-württembergischen Landtagswahl ist ein Zusammenspiel aus bundes- wie landespolitischen Ursachen. Vor dem Hintergrund der tiefen Verwurzelung der Partei im Bundesland bewertet Bukow das Wahlergebnis als „weiteren Schritt in die bundesdeutsche Bedeutungslosigkeit“. Das Wahlergebnis reiht sich dabei in eine Liste von weiteren Wahlniederlagen ein. Auch bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März 2026 verpassten die Freien Demokrat*innen den Einzug in den Mainzer Landtag. Bereits im vergangenen Jahr scheiterte die FDP bei dem Wiedereinzug in den Bundestag.

Das große Comeback?

Rülke fordert von der FDP grundlegende Veränderungen. Nur so könne ein Comeback seiner Partei gelingen. „Ich glaube, dass die FDP erst dann wieder Erfolg hat, wenn sie nach einem Markenrebranding an den Start geht.“ Ein Beispiel dafür kann der Wiedereinzug in den Bundestag 2017 sein. Zum ersten Mal seit der Staatsgründung 1949 lag die FDP nach der Bundestagswahl 2013 unter der Fünf-Prozent-Hürde. Nach personellen Erneuerungen und einer Veränderung des Programms erreichte die Partei 10,7 Prozent der Wählerstimmen und war in der folgenden Legislaturperiode wieder im deutschen Bundestag vertreten. Manche sagen, dass der Erfolg des Comebacks maßgeblich mit dem neuen Bundesvorsitzenden Christian Lindner zusammenhing.