Menü
Archiv

Bioökonomie
Einmal Bestäubung bitte! – Die Natur als Dienstleister

Das Bestäuben von Pflanzen ist Aufgabe von Bienen und anderen Insekten, ohne die es viele unserer Nahrungsmittel nicht geben würde. | Bild: Beverly Buckley auf Pixabay

Bioökonomie Einmal Bestäubung bitte! – Die Natur als Dienstleister

Das Bestäuben von Pflanzen ist Aufgabe von Bienen und anderen Insekten, ohne die es viele unserer Nahrungsmittel nicht geben würde. | Bild: Beverly Buckley auf Pixabay
 

07 Aug 2020

Ökologie und Wirtschaft passen ungefähr so gut zusammen wie Greta Thunberg und SUVs. Oder etwa nicht? Laut der nationalen Bioökonomiestrategie können nämlich genau diese gegensätzlichen Felder zum Schutz der Natur vereint werden und zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen.

Lena Klasen

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
seit Wintersemester 2019
Journalismus

Zum Profil

Fabienne Schackert

Crossmedia Redaktion und Public Relations
seit Wintersemester 2019/2020

Zum Profil

Ökonomie und Ökologie miteinander verbinden, um nachhaltiges Wirtschaften möglich zu machen – das und nicht weniger ist Ziel der Bioökonomie, unter deren Motto das Wissenschaftsjahr 2020 läuft.

Ökosysteme werden hierbei als Vermögen oder Kapital gesehen, das definitiv erhalten werden muss. Denn sowohl die Wirtschaft als auch der Mensch sind abhängig von diesen sogenannten Ökosystemdienstleistungen.

Was die Natur für uns leistet. | Bild: Fabienne Schackert

Aber die Natur als Kapital? Ist es nicht ganz schön egoistisch zu denken, die Bestäubung von Pflanzen oder Reinigung von Luft und Wasser seien Dienstleistungen, die von der Natur für den Menschen erbracht werden? Zumal hierbei immer nur ein kleiner Teil unserer Umwelt betrachtet werden kann und nie die Gesamtheit. Damit besteht das Risiko, dass die Vorteile der bereits erfassten Ökosystemdienstleistungen zu Nachteilen für diejenigen werden, deren Wert nicht ökonomisch erfasst wurde.

Laut dem Projekt  „Naturkapital Deutschland“ der TEEB-Initiative (The Economics of Ecosystems and Biodiversity), deren Hauptaufgabe in der ökonomischen Bewertung der Natur liegt, ist die Bewertung nicht nur im Interesse der Natur, sondern sogar notwendig, um dem anhaltenden Artensterben entgegenzuwirken und in Sachen Naturschutz die nötige Aufmerksamkeit zu erregen.

„Es geht nicht darum, dass die Natur einen Preis bekommt und wie ein verkaufbares Gut gehandelt wird. Ziel ist es ihr einen Wert beizumessen, der dann durch Regulierungen in der Politik gesichert werden muss. Nicht die Märkte sind gefragt, sondern staatliches Handeln.“ – Prof. Dr. Bernd Hansjürgens, Universität Halle-Wittenberg

Denn nur wenn man die sogenannten Ökosystemdienstleistungen der Natur auch als solche anerkennt, ist es möglich, diese messbar zu machen. Erst durch die wirtschaftliche Bewertung und Einordnung kann teilweise bewusst gemacht werden, was für einen hohen Stellenwert die Prozesse der Natur für den Menschen haben. Das kann helfen, unsere grundsätzliche Wertschätzung gegenüber der Natur zu steigern. „In der Wirtschaft herrscht ein falscher ökonomischer Kompass. Die Natur wird in der Regel bei öffentlichen und privaten Entscheidungen nicht berücksichtigt. Ziel ist es, das zu ändern“, sagt Prof. Dr. Bernd Hansjürgens, Studienleiter des Projekts „Naturkapital Deutschland“.

Nehmen wir als Beispiel die Honigbiene, deren natürliche Aufgabe es ist Blüten zu bestäuben. Diese Leistung erbringt sie kostenlos, sie erhält also keine Gegenleistung von beispielsweise dem Bauern. Dieser wiederum profitiert aber zu hundert Prozent von der Bestäubungsleistung der Biene, ohne auch nur einen Cent dafür zu bezahlen. Diese Tatsache kann losgelöst von wirtschaftlichen Aspekten einfach als gegeben angesehen werden. Fakt ist aber, dass laut dem Hemholtz-Zentrum für Umweltforschung der globale ökonomische Nutzen von Bestäubungsleistungen jährlich ca. 150 Milliarden Euro beträgt. Mit dem Wissen über diese enorme Summe, die am Bestehen von Bestäubungsinsekten hängt, werden die Wichtigkeit der Insekten für die Wirtschaft viel plastischer und die Maßnahmen für deren Erhalt relevanter. Denn dass Bienen wichtig sind, ist zwar nichts Neues, dass sie aber gemeinsam mit anderen Bestäubern zehn Prozent der Weltnahrungsproduktion ausmachen, wird in vielen ökonomischen Entscheidungen zu Gunsten der Natur berücksichtigt werden.

Ein gedeckter Frühstückstisch mit und ohne die Dienstleistung der Bienen | Bild: Fabienne Schackert

Damit der Erhalt dieses Kapitals gelingt, darf Naturschutz nicht länger als lästiger Kostenfaktor gesehen werden, sondern muss vielmehr als notwendige Maßnahme betrachtet werden, um alle wirtschaftlichen Prozesse am Laufen zu halten. Die Lebensmittelindustrie ist ebenso abhängig von der Bestäubung durch Honigbienen und anderen Insekten wie wir Menschen vom Trinkwasser, das einer immer größer werdenden Stickstoffbelastung zum Opfer fällt.

Wenn es gelingt, die Naturleistungen kalkulierbarer zu machen, können zudem Synergieeffekte genutzt werden, auf die sonst niemand achten würde. So erscheint es auf den ersten Blick aus Sicht eines Holzproduzenten vielleicht am logischsten, einen reinen Fichtenwald anzubauen, da es sich hierbei um ein perfektes Nutzholz handelt. Hat man allerdings das große Ganze im Blick, wird schnell klar, dass selbst eine kleine Steigerung der Artenvielfalt seines Waldes, etwa durch den Anbau einer weiteren Baumart, zahlreiche positive Effekte wie mehr Grundwasserneubildung bewirken kann. So können beide Seiten profitieren.

Denn ein großes Problem unseres Wirtschaftssystems liegt darin, dass Entscheidungen oft ohne langfristige Sichtweisen getroffen werden, obwohl sich negative Effekte auf die Umwelt meist nicht sofort zeigen. Außerdem bilden die Marktpreise den wichtigsten Anhaltspunkt von ökonomischen Werten. Öffentliche Güter wie die Naturleistungen werden daher oft übersehen. Ein großer Schritt zur Lösung dieser Probleme kann also in der nüchternen Betrachtung der Natur als Dienstleister liegen. Auch wenn vielen diese Sicht wahrscheinlich auf den ersten Blick widerstrebt, zählt am Ende einzig der Schutz unserer Natur.