Luisa mit Handschellen gefesselt auf ihrem Bett. | Bild: http://www.ateliereisen.ch

edit.Edge Transgender Domina
„Ich habe schon als Kind gefesselt“

Luisa mit Handschellen gefesselt auf ihrem Bett. | Bild: http://www.ateliereisen.ch

17 Dec 2018

Luisa wurde als Junge geboren, durchlebte eine schwierige Kindheit, fand Freunde im Militär und die Befreiung im BDSM. Rollenspiele halfen ihr bei der langjährigen Identitätsfindung. Edit spricht mit der 53 Jahre alten Schweizerin über ihr Sexleben.

Wir lernen Luisa über ihren Blog kennen. Sie schreibt dort über ihre Vergangenheit, ihre Entwicklung und Erlebnisse in der BDSM-Szene. 

BDSM ist die Zusammenfassung verschiedener sexueller Vorlieben. Dazu gehören: Bondage & Discipline, Dominance & Submission (Unterwerfung) und Sadomaso.

Wann war dein erster bewusster Kontakt mit Bondage?

Als ich beim Militär war, gab es Arten von Fesselspielen, die vielleicht nicht so sehr als erotisch betrachtet wurden, da man in dem Alter eher Berührungsängste hatte mit diesem Thema. 

Waren die Fesselspiele freiwillig?

Man hat irgendwie mitgemacht, aber niemand hat explizit gesagt: „Du, komm fessle mich!“ Heute würde man es vielleicht auch eher „Playfight“ nennen. Es haben sich Spiele ergeben, die lustig waren, aber denen wir nicht viel Bedeutung zurichteten. Das war eine ganz lustige Zeit.

Akzeptanz hast du nicht nur beim Militär erfahren, sondern auch in der Zeit als Drag Queen  ist das richtig? 

Ja, ich bekam Anerkennung, aber es hat auch zwei Seiten, denn sobald du bekannt bist, polarisierst du auch. Und da gibt es immer Neider, die dir den Platz streitig machen wollen. Ich war auch bereit, viel von mir zu geben, das finde ich geil. Das ist auch im SM ganz wichtig. Und ich habe mir dann wirklich einen gewissen Namen gemacht und konnte eine Zeit lang einen Promi-Status genießen.

Gerade in den frühen Lebensjahren hat die Familie einen großen Einfluss auf uns. Wurdest du von deiner Kindheit auch in Richtung des BDSM inspiriert?

Ich wurde auf jeden Fall von der Gewalt, die mir in der Schule als klassisches Opfer angetan wurde, stark beeinflusst. Und von der Kreativität, mit der mir Leid zugefügt wurde. Ich bin in einer sehr freien Familie aufgewachsen. Ich habe mich dementsprechend nicht mit Autoritätsdenken anfreunden können und war das totale Außenseiterkind. Aber ich habe schon als Kind viel gefesselt. Ich habe viel „Fang mich“ gespielt. Insbesondere bei meinen Großeltern in Spanien, da waren viele Kinder in meinem Alter. Man hat dem noch keinen Namen gegeben, aber es war schon immer ein wichtiger Teil. 

Du schreibst auf deinem Blog sehr offen über vergangene Beziehungen. Wie finden deine Familie und deine Freunde das? 

Ich glaube, ich bin mit Leuten zusammen, die das auch cool finden, mich wertschätzen und das als wichtig erachten. Außerdem bin ich das Produkt meiner wahnsinnig witzigen Familie. Ich denke, mein Urgroßvater würde mich als langweiligsten Menschen, den es gibt, bezeichnen. Er hat sieben Jahre im Moulin Rouge gelebt und führte ein richtig freies Leben. Es gibt sicher auch andere Leute, die ein Problem mit mir und meinem Blog haben, aber das nehme ich ganz locker.

Liefen bei dir Spielbeziehungen und Liebesbeziehungen auch getrennt voneinander ab? 

Ja, das gab es. Vor allem während meiner Identitätssuche war ich mit vielen Partnern unterwegs. Trans-Menschen durchgehen eine radikale Veränderung, das ist nicht ganz einfach. Und ich verstehe auch, dass ein Partner das nicht alles allein tragen kann, deswegen hatte ich parallel zu meiner Beziehung auch Spielbeziehungen. Das bereue ich nicht, da ich finde, dass man sich gerade in jungen Jahren ausprobieren sollte. Aber aus heutiger Perspektive war diese Zeit sehr chaotisch.

Hast du dich auch in Spielpartner verliebt? 

Ja, das war natürlich tragisch, da irgendwann auch eine Trennung folgt und die war meistens einseitig. Das war wirklich nicht leicht. Ich verliebe mich generell in Menschen, die mich prügeln – oder ich hasse sie. Es sind einfach sehr starke Gefühle, die hier herrschen.

Eine DS-Beziehung besteht aus einem dominanten und einem unterwerfenden Partner. Es gibt verschiedene Formen dieser Beziehung. Einzelne, sogenannte Lifestyler, wählen, nur mit anderen D&Slern intim zu werden. Die zweite Art von Lifestylern lebt in einer festen Beziehung mit verpflichtenden Regeln. Dann gibt es noch rund um die Uhr Beziehungen. Die Rollen werden 24/7 beibehalten, wobei die Ausprägung von Unterwerfung variieren kann.

Wie hast du DS-Beziehungen in deinen Alltag integriert? 

Es gab Phasen, in denen wir das Thema sehr auf den Alltag übertragen haben. Unsere Freunde aus der SM-Szene haben das dann auch akzeptiert oder mitgemacht. Aber es ist auch klar, dass wenn die Mutter zu Besuch kommt, ich nicht gefesselt oder in Ketten in der Wohnung rumlaufe.

Was ist dann der Unterschied zu SM? 

Es geht darum, dass sich zwei oder mehrere Personen in beidseitigem Einverständnis stark ihrer Gefühlswelt hingeben. Sich der Macht, der Unterwerfung, der Schmerzerfahrung und dem Schmerz-Zufügen hingeben. SM kann den Fokus haben, nur den Schmerz zu erleben.

Was ist, wenn dabei etwas schiefgeht  fällt es schwer, wieder zu vertrauen? 

In einer Partnerschaft ist es relativ einfach: man hat Zeit, man hat sich gerne und kennt sich. Meistens sind die Abstürze schwierig, wenn ich die Leute kaum kenne. Das kam auch vor. Ich habe dann jemanden auf einer Party kennengelernt. Die Person dann aufzufangen ist schwierig, aber nicht unmöglich.

Du hast sogar beide Seiten einer DS-Beziehung gelebt, wie ist der Wechsel?

Ich persönlich mag starke Gefühle und da passt die Domina. Aber grundsätzlich gefällt mir BDSM, deswegen stehe ich auch auf beide Seiten. Mal ist die eine ausgeprägter, mal die andere. Ich finde es aber cool, wenn es eine Konstanz gibt. Heißt, es gibt für eine Spielkonstellation eine feste Rollenverteilung. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Tiefe. BDSM hat ja auch viel mit Theaterspiel zu tun. Du schlüpfst in eine Rolle, das kann die dominante oder die unterwürfige sein.

Mittlerweile lebt Luisa schon seit 16 Jahren zusammen mit ihrer Freundin ein „ruhiges“ Leben. Ihre Freunde würden aber immer noch sagen: „Luisa, du bist verrückt!“ 

„Ich war sehr lange mit meiner Identitätssuche beschäftigt, Trans-Menschen durchgehen eine radikale Veränderung, das ist nicht ganz einfach.“ – Luisa
1988: Luis in der Zeit beim Militär. | Bild: http://www.luisa.net/?page_id=34
1997: Luis als Drag Queen Luisa | Bild: http://www.luisa.net
2009: Luisa veranstaltet ein „Bondage-Happening“ in den Ruinen eines Untertagskieswerks. | Bild: http://www.ateliereisen.ch
2009: Einer von Luisas Fetischen sind Handschellen. | Bild: http://www.ateliereisen.ch/images/hs6gr.jpg
2012: Nach dem Osteressen wird gefesselt. Mit einer Freundin werden einige Fesseltechniken ausprobiert. | Bild: http://blog.ateliereisen.ch/?cat=43