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FemPorn
Sexuelle Selbstbestimmung durch Pornos?

Am Set eines feministischen Pornofilms | Bild: feuer.zeug films

FemPorn Sexuelle Selbstbestimmung durch Pornos?

Am Set eines feministischen Pornofilms | Bild: feuer.zeug films
 

03 Dec 2021

Gewalttätig, schambehaftet und diskriminierend – die Mainstream-Pornoindustrie hat einen schlechten Ruf. Ein feministisches Projekt aus Freiburg erklärt, was Pornos zur Erforschung der eigenen Sexualität beitragen können.

Anne Martin

Unternehmenskommunikation
seit Wintersemester 2021

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Pornografie ist kein Phänomen der Neuzeit. Schon in der Antike verbreiteten Menschen weltweit Darstellungen von nackten Körpern. Ob in Rom oder im Orient – sexuelle Motive in Kunst und Kultur waren schon damals allgegenwärtig. Pornografische Abbildungen sind auch heute ein fester Bestandteil unseres Alltags. Durch das Internet hat der Konsum von Pornografie eine neue Dimension erreicht: Erotik ist immer und überall abrufbar und kann an die eigenen persönlichen Vorlieben und Wünsche angepasst werden.

Aktuelle Nutzerzahlen von Internet-Pornografie | Bild: Anne Martin

Wandel in der Porno-Welt

Dass viele Männer pornografische Filme im Internet regelmäßig konsumieren, ist allgemein bekannt. Doch auch immer mehr Frauen interessieren sich aus unterschiedlichen Gründen für Pornografie. In der Gesellschaft wurde dieser Umstand in der Vergangenheit meist tabuisiert. Pornografische Filme gelten immer noch als etwas Schmutziges, welches das Selbstwertgefühl und das sexuelle Verhalten der Konsument*innen nachhaltig schädigt. Doch mit fortschreitender Emanzipation der Frau ist die weibliche Lust und sexuelle Selbstfindung mehr in den Fokus der Gesellschaft gerückt. Daraus hat sich eine Bewegung entwickelt, welche „feministische Pornografie“ oder kurz „FemPorn“ produziert.

Sex-positive Feminist*innen versuchen in der Produktion von Pornografie alle Seiten der Sexualität zu erforschen und ansprechend darzustellen. Sie sehen vielfältige Chancen wie sexuelle Aufklärung, das Kennenlernen von neuen Praktiken, die Ermutigung zum Ausprobieren, dem Finden der eigenen Lust und das Beleben der alltäglichen Sexualität. Das Darstellen der Vielschichtigkeit von Körpern und das Zeigen von Emotionen bilden hierbei ein fundamentales Element. Feministische Porno-Produzent*innen setzen sich dafür ein, bewusst Geschlechterrollen aufzubrechen und die Vielseitigkeit von Menschen, deren Vorlieben und ihr Lustempfinden zu zeigen.

Kira und Leon produzieren mit ihrem Projekt Feuer.zeug genau solche Filme. Kira gibt im Interview einen Einblick in das Thema.

Feuer.zeug – wer seid ihr und was macht ihr?

Wir sind ein Projekt aus Freiburg, produzieren queer-feministische Pornographie und organisieren Veranstaltungen zum Thema Porno.

Seit wann interessiert euch das Thema Pornografie und wie habt ihr festgestellt, dass ihr selbst Filme produzieren wollt?

Das war so Ende 2017, da haben Leon und ich miteinander gesprochen und festgestellt, dass uns das Thema beide interessiert. Und wie das so oft ist, irgendwann möchte man selbst aktiv werden und für guten Porno gibt’s einfach noch ganz viele Entfaltungsmöglichkeiten.

Was denkt ihr, warum der klassische Porno so einen schlechten Ruf hat und sich gerade Frauen oft nicht angesprochen fühlen?

Also einerseits reproduziert der Porno – wie übrigens jedes andere Medium auch, gesellschaftliche Machstrukturen und Rollenbilder. Da unsere Gesellschaft nach wie vor patriarchal geprägt ist, findet man auch im Porno Darstellungen, die mit einem modernen, feministischen Verständnis gleichberechtigter Sexualität nicht vereinbar sind. Und da kommt dann auch einfach noch eine ordentliche Portion Scham und Tabu obendrauf, was den Ruf natürlich nicht unbedingt aufbessert.

Was unterscheidet feministische Pornografie von dem, was die meisten Menschen unter Porno verstehen?

Zunächst einmal gilt zu sagen, dass es sich hier nicht um eine schwarz-weiße Abtrennung zweier Bereiche handelt, die Übergänge sind fließend und auch unter feministischer Pornographie kann man ganz unterschiedliche Dinge verstehen. In unseren Augen zeichnet sich feministische Pornographie durch eine gleichberechtigte Darstellung verschiedener Sexualitäten aus, durch praktizierten Konsent vor und hinter der Kamera und durch Frauen in Schlüsselposition am Set.

Feminismus und das klassische Frauenbild in Pornos – wie passt das für euch zusammen?

Von einem „klassischen Frauenbild“ im Porno zu sprechen ist ziemlich verallgemeinernd, da man ja selbst auf den großen Hubseiten eine große Vielfalt verschiedener Darstellungen findet. Sobald ein Frauenbild jedoch Stereotyp wird oder auf ein normiertes Körperbild abzielt, ist es aus unserer Sicht schwer mit Feminismus vereinbar.

Ist feministische Pornografie nur für Frauen gedacht oder wer sind die Personen, die ihr ansprechen wollt?

Genauso könnte man fragen, ob Feminismus nur für Frauen ist. Ganz klar nein. Feminismus setzt sich für die Gleichberechtigung aller Geschlechter ein und feministische Pornographie richtet sich an alle volljährigen Menschen.

Wo seht ihr den Mehrwert für die Konsument*innen von Feministischer Pornografie?

Pornographie kann bei der Erforschung der eigenen Sexualität helfen und empowernd wirken. Wenn ich mich mit den gezeigten Rollenbildern identifizieren kann, fällt das leichter.

Wie reagieren Menschen in eurem Umfeld auf das, was ihr macht?

Tatsächlich sehr positiv! Sobald man die Hintergründe erklären kann, treffen wir auf großes Verständnis.

Wo seht ihr aktuell noch Hindernisse oder Probleme im Umgang mit dem Thema?

Das Thema ist oft noch sehr schambehaftet, was einen offenen Diskurs erschwert. Momentan tut sich aber viel, die Berichterstattung wird differenzierter und der Blick auf Pornographie wertfreier.

Was würdet ihr Menschen raten, die sich für feministische Pornos interessieren, aber nicht wissen wie und wo sie sich informieren können?

Super sind hierfür Pornfilmfestivals, zum Beispiel in Berlin, Basel oder Wien.

Mehr zu feuer.zeug auf www.feuerzeugfilms.de