Drag Queens – Zwischen Kunst und Politik

Theresa Hunker

Drag Queens – Zwischen Kunst und Politik

Theresa Hunker
15. Apr. 2026

Schon zum zweiten Mal bereitet Show Organisatorin Veronica Mont Royal eine Dragshow in Filderstadt vor, doch es geht um weitaus mehr als nur performen.

Es ist ein verregneter Februarabend an der Alten Mühle Filderstadt, eine Stunde vor Einlass. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen, Perücken werden eilig in den Backstage-Bereich getragen und Absprachen mit den Technikern getroffen. Der Gesang, der von den Soundtests kommt, füllt die nasskalte Luft vor der Tür. Von außen würde man nicht vermuten, dass in diesem Gebäude gleich eine Drag Show stattfinden wird. 

Das Innere der Alten Mühle wurde im Rahmen der Valentinstags-Show geschmückt. Die Beleuchtung setzt lila und rosa Akzente auf den imposanten Gebäudepfeilern, die mit Rosengestecken versehen sind. Die Stuhlreihen geben einen Mittelgang, von der Bühne hinweg, frei, auf dem die Drag Queens später durchs Publikum schreiten und performen können. Im hinteren Teil der alten Mühle befindet sich eine kleine Bar, in der die letzten Getränkekisten verräumt werden. Nach und nach füllt sich der Saal mit dem Publikum, das sich herzlich begrüßt und in großen Teilen schon kennt. 

Die letzten Minuten vor dem Auftritt: Die Gespräche klingen langsam aus, etwas liegt in der Luft.

Theresa Hunker

Die letzten Minuten vor dem Auftritt: Die Gespräche klingen langsam aus, etwas liegt in der Luft.

Theresa Hunker

Vom Zuschauer zur Kunstfigur

Veronica kam 2019 durch die Show „RuPaul's Drag Race” zur Kunstform Drag. „Es war für mich eine Challenge es selber auszuprobieren, weil ich mir dachte, das würde mir Spaß machen, mich kreativ auszuleben”, erzählt mir Veronica vor der Show. Veronicas Künstlername ist von ihrer Lieblings-Künstlerin Madonna inspiriert, die mit bürgerlichem Namen Madonna Louise Veronica Ciccone heißt. Mont Royal ist von der Stadt in Kanada abgeleitet und soll ihre Vielsprachigkeit widerspiegeln. 

Das Ganze sei natürlich ein längerer Prozess, man perfektioniere das Make-up und das Erscheinungsbild durch Übung, durchs Dazulernen und durch den Austausch mit anderen Drag Artists. Man müsse alle Etappen durchlaufen, am Anfang seien bestimmte Schminktechniken schwierig gewesen, wie zum Beispiel das Augenbrauen abdecken, funktionierten jetzt aber problemlos, erzählt Veronica. 

Make-up-Tutorials seien hilfreich, weil man sie beliebig oft zurückspulen kann. Ein anderer Aspekt, der ihr geholfen hat, sei die Stuttgarter Drag Community gewesen. „Ich möchte bewusst nicht von einer Drag Familie oder einer Dragmutter sprechen, da das eine Hierarchie impliziert, aber wir unterstützen uns gegenseitig, auch wenn es darum geht, Requisiten für einen Auftritt auszuleihen”, sagt Veronica. 

Für das detailreiche, farbenfrohe Make Up habe sie zuhause über zwei Stunden gebraucht. Nach dem Schminken steigt sie ins Auto und fährt zum Show-Ort, wo sie sich umzieht und die weiblichen Kurven durch Padding herstellt. Beim sogenannten Padding werden durch eingenähte oder unter der Kleidung getragene Polster Hüften und Gesäß betont, um eine weiblich gelesene Körperform zu erzeugen. „Also man muss sich vorstellen, da steht ein erwachsener Mann, der normalerweise nicht mit Highheels und drei Lagen Strumpfhosen rumläuft. Es ist ein längerer Prozess”, so Veronica. Vor der Show rasiert sie sich noch die Brust und beklebt durchsichtige Handschuhe mit passenden Kunstnägeln. Die Lipsync-Songs wählt sie Wochen im Voraus aus. Auf dieser Grundlage plant sie ihre Schritte. Man müsse aber keine ausgebildete Tänzerin sein, sagt sie, man entertaine mit seiner Bühnenpräsenz und die könne vielfältig sein. 

Mit durchdachten Posen zieht Veronica das Publikum in ihren Bann.

Theresa Hunker

Mit durchdachten Posen zieht Veronica das Publikum in ihren Bann.

Theresa Hunker

In der Menge ist Ruhe eingekehrt, der Blick ist nach vorne auf den schwarzen Bühnenvorhang gerichtet. Zuerst werden die vier Drag Queens hinter der Bühne angekündigt, dann tritt Veronica Mont Royal, die Show-Organisatorin und Moderatorin hinter dem Vorhang hervor und eröffnet den Abend mit einer Lipsync Routine zu Dua Lipas „Love again“. Sie trägt ein schwarzes, figurbetontes Kleid mit Glitzer-Pailletten und dazu eine schwarz-rote Federboa. Die rote Perücke ist zu einem hohen Zopf frisiert und die großen, mit steinbesetzten Ohrringe, schwingen bei jedem Schritt. Das Publikum klatscht und folgt ihren Bewegungen wie gebannt, einige zücken das Handy und fangen an zu filmen. Doch Veronica bleibt nicht auf der Bühne. Sie nutzt den gesamten Raum, bezieht die Pfeiler der Bühne mit ein, lehnt sich an sie, dreht sich um sie, setzt gezielt Posen. Schließlich schreitet sie durch den Mittelgang durchs Publikum, sucht die Nähe, posiert für einzelne Fotos, bevor sie schließlich die Performance zurück auf die Bühne holt. Gegen Ende ihrer Darbietung wendet sie sich kurz vom Publikum ab, greift in ihren Ausschnitt und streut eine Handvoll Rosenblütenblätter zu den Zuschauenden. 

Zwischen Performance und Politik

„Jeder Auftritt erzählt eine Geschichte, die man auch mit den Outfits und Songs erzählen möchte”, sagt Veronica. Es habe immer mit der Drag Persönlichkeit zu tun. „Die Drag-Figur Veronica Mont Royal steht für eine starke Weiblichkeit, wie eine Art Superheldin, die sich für Menschenrechte einsetzt”, so Veronica. Das Drag Makeup diene ihr als Eyecatcher, um die Aufmerksamkeit auf das zu ziehen, was sie zu sagen hat, erzählt sie. So wird es am Abend in Filderstadt auch politisch, die Moderatorin stellt den Drag Artists, ganz im Rahmen des Valentinstags, die Frage, was für sie Liebe bedeutet. Die Drag Queens positionieren sich klar gegen rechts und versuchen ein Zeichen für die Liebe in Zeiten von Hass zu setzen – so drückt es die Drag-Kollegin Cherry Bliss, aus. Dass sie diese Themen betonen, ist kein Zufall, die Zahl der Straftaten im Bereich sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Diversität hat sich, laut dem Bundeskriminalamt (BKA), seit 2010 nahezu verzehnfacht

Veronica nutzt den Moment, um an Menschen in der LGBTQIA+ Community zu erinnern, denen es gerade nicht so gut geht. „Man muss nur über den Ozean schauen, wie es mit den Rechten für trans Personen in Amerika aussieht”, sagt Veronica. Beim Publikum der Alten Mühle trifft sie dabei auf große Zustimmung. 

Kunst mit Haltung: Die Bühne wird politisch.

Theresa Hunker

Kunst mit Haltung: Die Bühne wird politisch.

Theresa Hunker

Die Planung & eigene Ansprüche

Als Show Organisatorin fallen für Veronica noch andere Aufgaben an. Es gehe darum, die Erwartungen des Veranstalters zu erfüllen. Bei dem Event in Filderstadt wünschte sich die Alte Mühle zum Beispiel zwei Drag Queens, die live singen. In diesem Fall frage Veronica in ihrer Community, wer Interesse habe. Die Drag Queens würden sich mit ihren unterschiedlichen Talenten ergänzen. Die anderen Performerinnen schicken Veronica im Voraus die Songs, zu denen sie performen möchten. Daraufhin überlege sie sich eine passende running order, in der das Programm ablaufen soll. „Ich habe meine Moderationskarten, aber mittlerweile geht das viel aus dem FF, ich kenne meine fellow Drag sisters gut und weiß wie ich sie ins Gespräch einleite”, erzählt Veronica. „Ich erwarte einen gewissen Grad an Professionalität“, sagt sie. Das bedeute, dass alle rechtzeitig beim Auftritt hinter der Bühne seien. Die Werbeflyer für das Event entwerfe Veronica selbst, zudem posten die Drag Queens Aufrufe an ihre Community zu den Veranstaltungen zu kommen. Auch die interaktiven Elemente mit dem Publikum wurden geplant. Hierfür hat sie einen herzförmigen Ball vorbereitet, der durch die Reihen geworfen wird, sowie an jedem Platz Stifte und Zettel für die Fragerunde bereitgelegt. Probleme habe es bei den Vorbereitungen, dank Veronicas Vorerfahrung, soweit nicht gegeben.

Veronica und ihre Kollegin Madame de la Voix stellen sich Fragen aus dem Publikum.

Theresa Hunker

Veronica und ihre Kollegin Madame de la Voix stellen sich Fragen aus dem Publikum.

Theresa Hunker

Drag als Kunstform

Nach einer kurzen Pause liefern die Drag Queens den zweiten Teil ihrer Performance in neuen Outfits und Perücken ab. Veronica tritt in einem roten funkelndem Kleid und einer schwarzen Perücke auf die Bühne, sie öffnet nun, gemeinsam mit den anderen Drag Queens, nach jeder Performance ein paar von den Fragen, die das Publikum anonym in einen Korb werfen konnte. Die Menschen in Filderstadt im kleineren Rahmen mit der Kunstform Drag vertraut machen, darum gehe es an diesem Abend. „Ich spreche bewusst nicht von Akzeptanz, weil ich fordere ja auch keine Akzeptanz für Theater oder Ballet, sondern es ist einfach Drag, Drag ist Kunst”, erzählt sie mir. 

Der Kampf, Drag als Kunstform anzuerkennen, ist nichts Neues, die Kultur von Drag und Dragbällen geht bis ins 19. Jahrhundert zurück, Harlem’s Hamilton Lodge veranstaltete ihren ersten queeren Maskenball im Jahre 1869. In der Forschung wurde die Kunstform oft verkannt, Drag Queens seien professionelle Homosexuelle, die das Stigma der schwulen Welt verkörpern würden, schrieb, die amerikanische Anthropologin, Esther Newton 1979. Das Verständnis des Begriffs Drag hat sich seit Newtons Forschung stark verändert, so wird es heutzutage im deutschen Wörterbuch als: „Kunstform, bei der eine (meist männliche) Person durch auffällig stereotype Kleidung und überzeichnetes Benehmen das andere (meist weibliche) Geschlecht imitiert und karikiert”, definiert

Auch an diesem Abend hat das Publikum der Alten Mühle viele Fragen zu den Outfits der Queens von Fragen über das Makeup und den Verwandlungsprozess bis hin zu den Erfahrungen, die die Performerinnen schon mit Anfeindungen im echten Leben machen mussten. Beim letzten CSD in Esslingen seien laut Veronica Kinder dazu angestiftet worden, die Drag Queens hinter dem Bierzelt mit Eiern zu bewerfen. Aber sie habe den Kampf gewonnen, denn das Ei sei einfach von ihr abgeprallt und auf dem Boden zersprungen, erzählt Veronica. Der ein oder andere aus dem Publikum scheint auch mit der Idee zu spielen, selbst mit Drag anzufangen und holt sich Tipps für die ersten Looks ein. Insgesamt bleiben alle Fragen respektvoll und die Drag Queens widmen jeder Frage gebührend Zeit.

Zum Schluss posieren alle vier Drag Queens zusammen auf der Bühne für Fotos und Videos. Sie bleiben noch länger im Raum, um sich in den direkten Austausch mit den Besuchenden zu begeben. Nach der Show erklärt Veronica, woran sie einen gelungenen Abend festmacht. „Das größte Kompliment ist es natürlich, wenn wir von den Venues wieder gebucht werden“, sagte sie. Wichtig sei ihr auch, dass das Publikum einen schönen Abend gehabt habe und ein gutes Miteinander geschaffen wurde. Anschließend erzählte sie, sie müsse sich jetzt erst einmal setzen, nach so vielen Stunden in den hohen Schuhen könne sie nicht länger stehen.

Mit ihrem gemeinsamen Auftritt machen Veronica Mont Royal, Cherry Bliss, Madame de la Voix und Cindy Jenner deutlich: Drag ist längst Teil der lokalen Kulturszene.

Veronica Mont Royal

Mit ihrem gemeinsamen Auftritt machen Veronica Mont Royal, Cherry Bliss, Madame de la Voix und Cindy Jenner deutlich: Drag ist längst Teil der lokalen Kulturszene.

Veronica Mont Royal