Reisereportage

An den Ufern zwischen Leben und Tod

Der Totentempel von Pharao Ramses III. in Medinet Habu gehört zu den am besten erhaltenen in West-Theben. Die originale blaue Farbe symbolisiert das Wasser.
11. Dez. 2023
Wer die Geschichten und Mythen des alten Ägypten liebt, den wird es irgendwann in die Stadt Luxor verschlagen. Es ist der Ort, an dem das Leben und der Tod mit dem Sonnenaufgang und dem Sonnenuntergang symbolisiert werden. Hier treffen Welten aufeinander. Eine Reise durch Luxor.

Um Punkt 3:30 Uhr klingelt mein Wecker. Ich hatte kaum ein Auge zubekommen. Die Aufregung vor dem ereignisreichen Tag war einfach zu groß. Ich bin eigentlich kein Frühaufsteher, aber heute springe ich leichtfüßiger als sonst aus dem Bett. Meine Kleidung liegt bereits vorbereitet auf dem Hotelstuhl und mein Rucksack ist prall gefüllt mit Proviant für den Tag. Heute werden endlich die Träume meines inneren Kindes wahr werden, denn seit ich denken kann, brenne ich für die ägyptische Mythologie und die Historien Ägyptens. Es ist das erste Mal, dass ich solch eine Reise während meines Urlaubes antrete. Geplant war eigentlich, nur in der Sonne zu liegen und nichts zu tun, aber wenn ich schon in Ägypten bin, da kann ich einfach nicht anders.

Als ich aus dem Hotel in Hurghada, ein Touristenort an der ägyptischen Küste des Roten Meeres, trete erwischt mich eine warme Brise. Die Luft hier ist so viel wärmer und trockener, als ich es von Deutschland gewohnt bin. Wir sind eine kleine Gruppe aus mehreren Tourist*innen, ein Fahrer und ein Reiseführer. So kann also die vierstündige Fahrt in einem kleinen Van nach Luxor losgehen.

Durch die Wüste nach Luxor

Die ersten Stunden der Fahrt durchqueren wir im Dunkeln. Ich kann nur grobe Umrisse erkennen. Umrisse von kilometerweiten Dünen. Wüste über Wüste. Mit dem Sonnenaufgang verändert sich zwar meine Sicht, aber das Schaubild außerhalb des Vans bleibt das gleiche. Wunderschöne Wüstenlandschaften ohne jegliche Siedlungen oder Dörfer, kein Leben oder Menschen in Sicht. Wir fahren abwechselnd durch enge steinige Felswände oder weite sandige Dünen. Ein atemberaubender Anblick, getunkt in die Farben des Sonnenaufgangs. Man könnte meinen, dass ist der Beginn eines Blockbusters. „Dune“ für Arme.

Die Stadt Luxor liegt am östlichen Nilufer in Südägypten und gilt als einer der bedeutsamsten historischen Orte Ägyptens. Mit einer Population von rund 450 Tausend Einwohner*innen lebt die Stadt größtenteils von Tourismus. Sie ist weltweit bekannt für ihre archäologischen Stätten und Tempel und war einst Teil der altägyptischen Königsmetropole Theben. Sie galt als Stadt der Pharaonen und war einst das religiöse und geistige Zentrum.

Der Nil hat eine besondere Bedeutung für Ägypten. Er war und ist eine Lebensader, da er die Grundlage für Landwirtschaft und Handel bildet. Früher diente er den alten Ägyptern als Transportweg und ermöglichte den Austausch von Waren und Ideen zwischen verschiedenen Regionen.

Nach ca. 3 Stunden erreichen wir eine Raststätte. Es scheint ein typischer Spot für Tourist*innen-Kurztrips zu sein. Viele kleine Busse, wie unserer, gefüllt mit den unterschiedlichsten Menschen. Ob wir ein paar von ihnen wohl in Luxor erneut begegnen werden? Nach einer kurzen Pause setzen wir unsere Fahrt fort. Nur noch eine Stunde, heißt es. Ab hier bemerke ich plötzlich Personen auf den Straßen. Aus einzelnen Personen werden vereinzelt Häuser und irgendwann ganze Dörfer. Die Straßen sind wieder deutlicher erkennbar und man spürt, wie das Leben grün wird und zu sprühen beginnt. Wir erreichen die erste Nil-Region. Kinder, die auf den Straßen spielen. Tiere, wie Esel und Katzen, die teilweise abgemagert über die Straßen und Höfe laufen. Männer und Frauen, die an den Straßen Obst und Früchte verkaufen. Sie winken mir zurück. Die Menschen leben und bauen sich ein Leben mit den Dingen, die ihnen zur Verfügung stehen. Die Häuser sehen teilweise brüchig und gefährlich aus. Fehlende Fenster sind mit festgemachten Leinen ersetzt und Holzbalken fungieren als Türen. Ich habe das Gefühl, dass wir in eine ganz andere Welt abgetaucht sind. In eine vergangene Zeit. Das unberührte Leben der ägyptischen Dorfbewohner*innen, so authentisch und ehrlich.

Die Karnak-Tempel

Der Karnak-Tempel-Komplex besteht aus mehreren Tempeln, Schreinen und Säulenhallen, die teilweise in der 12. Dynastie ca. 2000 v. Chr. errichtet wurden und in der Kleinstadt Karnak, ca. 2,5 Kilometer entfernt von Luxor und in Theben-Ost liegen. Der Haupttempel im Karnak-Komplex ist der Amun-Re Tempel, der dem mächtigen Gott Amun-Re gewidmet ist. Weitere wichtige Tempel sind der Mut-Tempel, der für die Ehefrau des Gott Amun errichtet wurde, und der Chonsu-Tempel, der dem Sohn von Amun, Chonsu, gewidmet ist.

Wir erreichen die erste Sehenswürdigkeit. Den Amun-Re Tempel in Karnak. Ich bin erstaunt von den Menschenmassen, was aber relativ schnell übertroffen ist, nachdem ich in dem Tempel stehe. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber das sprengt all meine bisherigen Vorstellungen. Ich bin umgeben von 134 Säulen, mit einer Höhe von jeweils bis zu 24 Metern. Ich frage mich, wie die Menschen das damals bauen konnten. Teilweise sind die Farben noch genauso erhalten. Ich trete an eine Säule heran und berühre die Fugen, der in Stein gemeißelten Figuren und Schriftzeichen. Der Gedanke, dass ich die gleiche Stelle anfassen kann, die Meschen vor Jahrtausenden eingemeißelt haben, überwältigt mich. Ein unbeschreiblicher Ort.

Der Eingang des größten und bekanntesten Amun-Re Tempels in Karnak. Der Gott Amun-Re war der Hauptgott Ägyptens zur Zeit des neuen Reiches ca. 1500 v. Chr.
Der Säulensaal ist mit einer Fläche von 5000 Quadratmetern, 16 Reihen und 134 Papyrussäulen der größte der Welt. Teilweise kann man die originalen Farben in den Fugen erkennen.

Über den Nil auf die stille Seite

Wir machen uns auf den Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit. Dazu müssen wir aber erst auf die andere Seite des Nils kommen. Unsere Reise führt uns direkt an das Ufer. Mehrere kleinere Boote stehen bereits parat. Sieht wackelig aus, aber wird schon, denke ich mir. Der Bootsfahrer ist ein kleiner ägyptischer Mann, der mir seine Hand reicht und mich etwas müde anlächelt. Ich vermute, dass er bereits sehr oft an diesem Tag den Nil überquert hat. Das Boot setzt ab und unser Reiseführer beginnt zu erklären. Die beiden von dem Nil getrennten Seiten von Luxor, also West und Ost, haben eine tiefere Bedeutung. Die östliche Seite ist Sinnbild für das Leben. Der Ort, an dem die Sonne morgens aufgeht und die Götter und Pharaonen in ihren Tempeln hausten. Im Westen geht dann die Sonne unter und damit endet auch das Leben und der Tod nimmt über. Die stille Seite von Luxor beherbergt die Seelen und somit die geheimen Grabkammern der Pharaonen. Das Tal der Könige nennen sie es. Ich blicke hinaus auf den Nil und genieße den Moment. Die Sonne glitzert auf der Oberfläche des Wassers und ich stelle mir vor, wie die Menschen hier ihren Handel betrieben hatten.

Der Nil ist mit 6852 Kilometern der längste Fluss der Welt.
Viele Boote warten an den Ufern, um Tourist*innen von einer Seite auf die andere zu bringen.

Das Tal der Könige

Das Tal der Könige ist eine historische archäologische Stätte aus dem Neuen Reich, also ca. 16. bis 11. Jahrhundert. v. Chr., in der Pharaonen und mächtige königliche Mitglieder begraben wurden. Es beherbergt über 60 königliche Gräber, darunter das wohl bekannteste Grab von Tutanchamun, das 1922 entdeckt wurde. Die Stätte liegt in der Ost-Theben von Luxor und ist für ihre kunstvollen Wandmalereien und Grabbeigaben bekannt. Außerdem gibt es noch das Tal der Königinnen, welches die Begräbnisstätte für königliche Frauen war, sowie das Tal der Adligen und das Tal der Arbeiter.

Bevor wir zum Tal der Könige vordringen können, führt uns der Reiseleiter durch eine enge Einkaufspassage. Links und rechts säumen den Weg Einkaufsstände und kleinere Länden. Die Verkäufer strömen auf uns zu. Kaum Tourist*innen bleiben hier unverschont. Von Taschen über Schmuck bis hin zu Souvenirartikeln und klimpernden Stoffen und Umhängen. Ich lehne mehrmals dankend ab und erkenne langsam das Ende des Ganges und das dahinterliegende Tal. Auf den ersten Blick meine ich, dass ich umgeben von gewöhnlichen sandigen Gebirgen und Felsen bin, aber sobald wir weiter in das Innere des Tals hineinlaufen, erkenne ich die ersten Gräber. Hohe Steine und teilweise enge, riesige Felswände prägen die Landschaft. Dazwischen erkennt man dunkle Eingänge, die wie Türen offenstehen. Einzelne Wege leiten durch das Tal und rechts und links verteilen sich die größeren und kleineren Öffnungen, welche teilweise meterweit in den Boden führen. Irgendwie fühlt es sich verboten an. Ich betrete Orte, die eigentlich von keinem lebenden Menschen je wieder gesehen werden sollten. Im alten Ägypten hatten diese Grabstätten einen besonders religiösen Zweck, um die Toten auf ihrem Weg ins Jenseits zu begleiten und ihnen ein gutes Leben nach dem Tod ermöglichen zu können. Wir betreten eines der vielen Gräber. Die Treppen führen bis zu 20 Meter in die Tiefe. Es ist wie eine Zeitreise. Die Wandbemalungen erzählen die Geschichten und Heldentaten des Begrabenen. Teilweise sind die Farben noch sehr gut erhalten und pigmentiert. Die Decken sind unglaublich hoch. Von außen würde man nicht erwarten, dass solch riesige Räume unterhalb der Erde schlummern. Ganz unten erreiche ich den größten Raum. In der Mitte das verschlossene Grab. Als ich den ganzen Weg wieder zurück an die Oberfläche geschafft habe, muss ich mich erstmal setzen. Das war etwas zu viel für jemanden mit semi-guter Ausdauer. Ich sitze auf einem Stein im Schatten und blicke über die Gräber-Landschaft, während ich auf die anderen aus meiner Gruppe warte. Ich bin zutiefst beeindruckt.

Im Van auf dem Rückweg

Ich hätte wohl noch Stunden mehr in den Tempeln Luxors verbringen und unserem Reiseführer weitere fünfzig Fragen stellen können, aber wie jede Reise, endet auch diese. Es ist bereits dunkel draußen und im Van ist es wieder still. Jede*r hat es sich bequem in seiner Ecke gemacht, die Kopfhörer aufgesetzt und sich dem Schlaf hingegeben. Ich bin aber noch zu geladen, um jetzt die Augen zu schließen. Die Bilder und neuen Erkenntnisse des Tages schwirren mir im Kopf herum und ich beginne mich zu sortieren. Die Erinnerungen an diesen Tag würde ich nie wieder missen wollen. Ein Erlebnis fürs Leben.