Als Nachfahrin deutschstämmiger Siedler im Russischen Reich | Bild: Rosaline Ehrlich

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Die Heimatlosen

Als Nachfahrin deutschstämmiger Siedler im Russischen Reich | Bild: Rosaline Ehrlich

10 Dec 2019

Irina Ehrlich musste im Laufe ihres Lebens schon zweimal ihr Zuhause verlassen – alles Vertraute stehen und liegen lassen, bis auf einen Koffer und was sonst noch in ihre Hände passte. Beim ersten Mal wurde sie sogar als Flüchtling vertrieben, jedoch nicht aus Syrien, dem Iran oder dem Irak. Denn sie ist Deutsche – Russlanddeutsche.

Rosaline Ehrlich

7
seit Oktober 2016

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In ihrer Tübinger Altbauwohnung riecht es deftig nach Golubzi, einer russische Spezialität, die man am ehesten mit Krautwickeln vergleichen könnte. Sie wischt sich die Hände rasch an ihrer Kochschürze sauber und versucht sich dann daran zu erinnern, was ihre Eltern vor vielen Jahren über ihre Zeit in Wolgarussland erzählten.

„In unserer Siedlung war alles auf Deutsch: Die Schulen, die Krankenhäuser, die Theater.“

Zur Welt kam Irina Ehrlich im Jahr 1939 in Marxstadt. Gelegen an der Wolga, dem mit Abstand längsten und wasserreichsten Fluss Europas, gehörte ihr Geburtsort zum deutschen Siedlungsgebiet – mitten in Russland.

Als "Russlanddeutsche" werden die Nachfahren von Siedlern aus dem deutschsprachigen Europa beschrieben, die sich seit dem 18. Jahrhundert in verschiedenen Regionen des Russischen Reiches niedergelassen hatten.

Sie selbst verbrachte dort nur ein Jahr, war noch ein Säugling und hat deshalb keine eigenen Erinnerungen an die erste Station ihres Lebens. Über die Erinnerungen ihrer Eltern und Großeltern berichtet sie aber so klar und ausführlich, als seien es ihre eigenen. Sie ist sich sicher: In Marxstadt fühlte ihre Familie sich erfüllt und glücklich, denn noch Jahrzehnte später haben sie sich gewünscht, eines Tages zurückzukehren. In den Siedlungsgebieten standen den deutschen Volkszugehörigen weitreichende Freiheiten in allen Facetten des Lebens zu. Von der Religion, über die Kultur, bis hin zur Bildung wurde vom Russischen Reich kein strenges Regelwerk gesetzt und die Russlanddeutschen gestalteten ihr Zusammenleben so, wie es ihnen gefiel und vertraut war. Die alte Heimat und die Sehnsucht nach ebendieser spielten dabei eine große Rolle und so etablierten sich deutsche Traditionen, Werte und Kultur als festes Fundament der wolgadeutschen Gemeinschaft. Auch wegen der leeren und oft menschenlosen Weiten der russischen Landschaft war das belebte Wolgagebiet wie umgeben von einer unsichtbaren Membran: Das System war in sich geschlossen und Einflüsse der russischen Kultur hatten kein Durchkommen. Also wurde ausschließlich Deutsch gesprochen, gegessen und gebetet.

Langsam, aber sicher entwickelte sich ihre Situation weg von heimischer Geborgenheit und Freiheit, hin zu blanker Verfeindung und Hass: Die Weltkriege zeigten ihre hässlichen Auswüchse und Misstrauen überdeckte das friedvolle Zusammenleben wie ein Schatten. Die Regierung der Sowjetunion entschied: Vor den deutschen Siedlungen ist das Land nicht sicher, es könnten Feinde, Spione, Manipulanten unter ihnen sein. So kam 1940 der Tag, an dem Irina und ihre Familie nach Zentralasien, Kasachstan, vertrieben wurden.

Der kräftige Duft von Fleischtomaten

In Kasachstan spielten sich die meisten Jahre ihres Lebens und alle besonderen Schlüsselmomente ab: Jugend, Hochzeit, Kinder. Wenn sie an Kasachstan zurückdenkt, wird Irina Ehrlich nostalgisch. Sie vermisst ihren Hof, auf dem sie und ihre Familie als Selbstversorger mit Kühen, Ziegen und Hühnern lebten. Sie vermisst die wunderbar kräftig duftenden Tomaten und die süß-saftigen Wassermelonen. Sie war glücklich und erfüllt. In Merki, einem Dorf im Süden Kasachstans, sammelten sich viele verschiedenen Kulturen und ethnische Minderheiten. Unter ihnen Usbeken, Deutsche, Turkmenen, Griechen, Armenier und Georgier, um nur einige wenige zu nennen. Trotz der vielen verschiedenen Religionen, kulturellen Hintergründe und Hautfarben gingen die Einwohner respektvoll miteinander um und vor allem die herzliche Gastfreundlichkeit der Kasachen sei beispiellos gewesen, erinnert sich Irina.
Das war aber nicht immer so. Als Irina Ehrlich und ihre Familie 1940 nach der langen und schweren Reise im Güterzug endlich in nordkasachischen Oral ankamen, mussten sie feststellen, dass sie auch hier nicht bedingungslos willkommen waren.

Nach einigen Jahren der mühsamen Integration rückte das Feindbild des „Faschisten-Deutschen“ in den Hintergrund. Sie fanden in Kasachstan Arbeit, lernten russisch zu sprechen und fanden sich in der sowjetischen Kultur zurecht. Im Gegensatz zu ihren Eltern musste Irina Ehrlich sich nur selten rassistischen Anfeindungen stellen. Aber vor allem ihr Ehemann hatte Zweifel: Gehören wir hier her?

„Ich war so glücklich, als meine ersten Einreiseanträge abgelehnt wurden. Ich wollte wirklich nicht nach Deutschland.“

Zurück zu seinen Wurzeln, das war es, was ihren Mann antrieb. Er wollte seinen Kindern die Möglichkeit schenken, frei von Vorurteilen und Zweifeln zu leben und sich endlich einer Heimat zugehörig fühlen zu können. Irina Ehrlich wollte aber nicht einfach gehen, denn sie liebte Merki samt aller Schwierigkeiten, die zum dortigen Alltag dazugehörten. Trotzdem lag die Entscheidung nicht in ihren Händen, denn auch ihre Kinder waren von der Idee begeistert und redeten aufgeregt auf sie ein. Als 1989 die Anträge auf Einreise schließlich angenommen wurden, packten sie ihre Koffer und siedelten aus.
Zur Einreise in Deutschland fällt ihr nicht viel ein und sie murmelt pragmatisch „Hier lief alles ohne Probleme.“ Im Gegensatz zu den etwa zwei Millionen Geflüchteten, die der Bund seit 2013 willkommen hieß, fanden die Russlanddeutschen nicht in Containern, sondern in Aussiedlerheimen ein warmes Dach über ihren Köpfen. Irina und ihre Familie kamen zunächst in Bramsche an und wurden dann, einmal quer durch Deutschland, einem Heim in Wachendorf zugeteilt.

Ein über 8.000 km langer Weg | Bild: Infogram

Sie verrührt nachdenklich den Zucker in ihrem Schwarztee mit Milch, so, wie er in Kasachstan getrunken wird. „Noch Jahre nachdem wir in Deutschland angekommen sind, habe ich geweint.“ Es war nicht einfach, in Deutschland ein neues Zuhause zu sehen. Aber sie ist dankbar dafür, eine so große und liebevolle Familie zu haben. All ihre Kinder und Enkel, darunter auch die Autorin, leben in greifbarer Nähe und das, so Irina, sei für sie die wahre Heimat.