Das leise Sterben der Selbstbestimmung

Nils Wagner

Das leise Sterben der Selbstbestimmung

Nils Wagner

Freiberufliche Hebammen in Deutschland kämpfen seit Ende des letzten Jahres um ihre Existenz. Ausgelöst durch einen neuen Vertrag, der eigentlich „Hilfe" versprechen soll.

Nils Wagner

Freiberufliche Hebammen in Deutschland kämpfen seit Ende des letzten Jahres um ihre Existenz. Ausgelöst durch einen neuen Vertrag, der eigentlich „Hilfe" versprechen soll.

Nils Wagner

Der laute Schrei eines Neugeborenen am Ende des Flurs. Lebenswille pur. Bunte Vorhänge, orangenfarbenes, warmes Licht. An einer Wand Fotos wenige Tage alter Säuglinge, die mit Dankesworten der Eltern beschrieben sind. An einer anderen Wand Geburtsdaten mit den Namen der Kinder. Von dem nebelig-kalten Februarvormittag draußen auf der Straße ist hier nichts zu spüren. Die Station der Hebammen in der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal ist ein Ort voller Lebendigkeit und Wärme. Wärme, die sich im Lächeln von Margret Bauer widerspiegelt. Über 30 Jahre arbeitet sie bereits als Hebamme. Rund 2000 Kinder hat Margret auf die Welt geholt. Seit 2020 ist sie freiberuflich auf der Geburtshilfe-Station der Klinik in Bruchsal tätig.

Der Reiz des Berufs

Rund zehn Schichten im Monat übernimmt sie auf der Entbindungsstation. Auf dieser Ebene wird in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet. Die Tage sind lang. „Geburtshilfe ist nichts Planbares“, sagt Margret. Die Arbeit im Kreißsaal sei aber genau das, was den Beruf spannend mache. „Das Besondere ist, dass man nie weiß, was einen erwartet.“ Der nötige Respekt vor der Arbeit begleite sie dennoch bis heute jeden Tag. Neben der Arbeit im Kreißsaal kümmert sich Margret auch um Frauen im Wochenbett, also die wichtige Zeit nach der Geburt. Dabei dürfen sich Frauen mit allen Sorgen und Fragen an sie wenden. Drei bis vier schwangere Frauen im Monat besuche sie bereits ein paar Mal vor der Geburt zuhause, um auch hier wichtige Fragen zu beantworten und Frauen bei der Vorbereitung auf ihre anstehende Geburt zu unterstützen.

Margret, die ursprünglich aus Blaubeuren, einer Stadt auf der schwäbischen Alb, kommt, hat sich schon früh für Geburtsvorgänge, Geburtsberichte und den Beruf interessiert. Als Hebamme zu arbeiten, lasse sie eine ganz bestimmte Verbindung spüren. Eine „urweibliche“ Verbindung. Eine Verbindung, die Leben schafft. „Man kann süchtig werden nach der Energie, die bei einer Geburt freigesetzt wird“, erzählt die 57-Jährige mit strahlenden Augen. An der Klinik in Bruchsal erblicken jedes Jahr rund 1000 Babys das Licht der Welt. 20 Prozent aller Geburten in Deutschland werden von Beleghebammen begleitet.

Alles wird anders

Doch seit dem 1. November 2025 hat sich für Margret und alle anderen deutschen Beleghebammen viel verändert. Die Einführung des neuen „Hebammenhilfevertrags“ bringt freiberuflich arbeitende Hebammen in Deutschland in finanzielle Schwierigkeiten. „Allein das Wort ist ja schon eine Zumutung“, findet Margret. Der Versorgungsvertrag regelt die Aufgaben von Hebammen bei der Versorgung von Müttern und Babys, legt die Materialien und Arzneimittel fest und enthält Angaben zur Abrechnung von Leistungen und Honoraren. Über vier Jahre wurde zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und verschiedenen Hebammenverbänden verhandelt. Am Ende entschied ein Schiedsgericht. Nach dem Schiedsspruch im April 2025, erklärte der deutsche Hebammenverband, dessen Forderungen für Hebammen weit höher lagen, seine Enttäuschung über die neuen festgesetzten Regelungen.

„Der neue Vertrag ist nicht praxistauglich“, sagt Margret betrübt. Betreut eine Beleghebamme nur eine einzelne Frau, also in einer eins zu eins Situation, bekommt diese pro Stunde knapp 60 Euro. Kümmert sich diese um eine weitere Frau, gibt es dafür pro Stunde nur noch gut 20 Euro. Eine dritte Frau darf nur bis zu einer Stunde betreut werden. Diese wird ebenfalls mit etwa 20 Euro vergütet. Jede weitere betreute Frau kann nicht „abgerechnet“ werden. Die Verantwortung ist jedoch gleich hoch. Nur, wenn Hebammen wie Margret, eine einzelne Frau zwei Stunden vor und zwei Stunden nach einer Geburt betreuen, kann ein Zuschlag für diese vier Stunden von etwas mehr als 100 Euro zusätzlich verrechnet werden. Laut Margret ein Fall, der in der Praxis sehr selten eintritt. Vor Eintritt des neuen Vertrags wurde Margret für jede Stunde, zwar mit einem geringeren Satz, aber voll bezahlt. Das neue Abrechnungsschema führe zu massiven Einkommensverlusten von bis zu 30 Prozent, wie eine Hebamme aus Nordrhein-Westfalen berichtet.

„Uns wurde ein System genommen, das sehr gut funktioniert hat."

Margret Bauer

Wie kann so etwas sein? Margret wirft ihren Blick durch das Zimmer. Denkt nach. „Wir sind jeden Tag aufs Neue erschüttert. Uns wurde ein System genommen, das sehr gut funktioniert hat.“ In ihren sechs Jahren, die sie an der Fürst-Stirum-Klinik arbeitet, habe sie sich für ihre verantwortungsvolle Arbeit immer korrekt bezahlt gefühlt. Das sei nun anders. Laut Margret greife die Politik nur ein, wenn ein Versorgungsnotstand eintrete. So weit werde es zwar, schätzt Margret, nicht kommen. Es bestehe jedoch die Sorge, dass die Strecken zur Versorgung immer länger werden, wenn kleine Stationen schließen müssen. Darunter würden letztlich auch die werdenden Mütter leiden. Sie ist sauer und sagt: „Es wird mit unserem Helfer-Syndrom gespielt und wir haben keine Kraft, die Steine aus dem Weg zu räumen.“ Die Entwicklung ginge zu Kliniken, die eine umfassende Versorgung von Frauen anbieten und Hebammen fest anstellen. 

Zusätzlich zur Honorarkürzung regelt der „Hebammenhilfevertrag“ auch, wie die Arbeitsschritte dokumentiert werden müssen. Das neue System sieht dafür 5-Minuten-Blöcke vor. „Ein bürokratischer Aufwand sondergleichen“, so Margret.

Nils Wagner

Zusätzlich zur Honorarkürzung regelt der „Hebammenhilfevertrag“ auch, wie die Arbeitsschritte dokumentiert werden müssen. Das neue System sieht dafür 5-Minuten-Blöcke vor. „Ein bürokratischer Aufwand sondergleichen“, so Margret.

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Laut dem deutschen Hebammenverband ist die Zahl der Beleghebammen seit Einführung des Vertrags rückläufig. Seit Mitte Oktober 2025 hätten rund 260 Beleghebammen ihren Job aufgegeben.

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Laut dem deutschen Hebammenverband ist die Zahl der Beleghebammen seit Einführung des Vertrags rückläufig. Seit Mitte Oktober 2025 hätten rund 260 Beleghebammen ihren Job aufgegeben.

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Laut dem GKV-Spitzenverband soll der Hebammenhilfevertrag die Betreuung werdender Mütter und die Arbeitsbedingungen von Hebammen verbessern.

Margrets Alltag hat sich seitdem stark verändert. In der Freiberuflichkeit sah sie vor der Einführung des Vertrags viele Vorteile. Ein höherer Verdienst, mehr Flexibilität und Eigenständigkeit. Angefangen hatte sie ursprünglich auch einmal als angestellte Hebamme. Doch die personelle Besetzung wurde durch mehr und mehr Spardruck in ihrer ersten Klinik nach und nach schlechter. Stellen wurden nicht nachbesetzt. Die Verantwortung einzelner Hebammen wuchs. Der Kreißsaal wurde geschlossen. Der Beginn von Margrets Freiberuflichkeit.

Auswirkungen auf das Privatleben

In ihren vielen Berufsjahren konnte sie als Hebamme viel Erfahrung sammeln. Die Intensität ihrer Arbeit beeinflusste ihr Privatleben dabei in manchen Momenten mehr, als sie es selbst wollte. „Hebammen sind Arbeitstiere“, sagt sie und schmunzelt dabei verlegen. Sie denkt dabei vor allem auch an ihre Kinder. Die hätten manchmal unter ihren spontanen Klinik-Einsätzen gelitten. Die Zuverlässigkeit war nicht immer da. „Privat bleibt manchmal einfach nicht so viel Zeit.“ Auch für ihren Mann hätte sie manchmal gern mehr Zeit. „Mit einer Hebamme verheiratet zu sein, muss man schon wollen“, erzählt sie und kann darüber mittlerweile lachen.

Neben ihrer Tätigkeit als Hebamme ist Margret auch politisch sehr interessiert und aktiv im „Netzwerk für Demokratie Kraichgau". Wenn ihr dann mal doch alles zu viel wird, sucht und findet sie Halt in der Natur. Ein einfacher Spaziergang im Wald gibt ihr Ruhe und lässt sie manchmal mehr, manchmal weniger, von ihrem Alltag abschalten. Wenn es nicht ein Waldspaziergang ist, bringt ihr ein Saunabesuch wieder Entspannung und eine kurze Auszeit. Denn ihr Beruf bringt auch traurige Momente mit sich. Immer wieder kommt es beispielsweise zu Fällen wie Totgeburten. Ihre Erfahrungen der letzten Jahrzehnte helfen ihr, damit umzugehen. Solche Situationen nimmt sie aber auch mit nach Hause. „Ich bin nach jedem Dienst froh, wenn nichts passiert ist, das ich hätte verhindern können.“ Sie hält kurz inne und ergänzt: „Der Tod gehört zur Geburt dazu.“

Blick in die Zukunft

Margret runzelt die Stirn. Sie schaut aus dem Fenster. Denkt nach. Wie soll das alles weitergehen? „Ich weiß nicht, was mich beruflich so erfüllen würde, wie Hebamme zu sein“, sagt sie und seufzt. Seitdem der neue Vertrag gilt, finden die Hebammen in Bruchsal nur noch schwer neue Kolleginnen. Ein paar hätten bereits gekündigt. Einige Kolleginnen von Margret werden gehen. Kolleginnen, die zu Freundinnen wurden. Die ihren Job lieben. Aber die Kraft fehlt.

Margret ist müde. Übers Aufgeben hat die 57-Jährige auch schon nachgedacht. Um auf ein ähnliches Lohnniveau zu kommen, wie vor dem neuen Vertrag, müsste sie deutlich mehr arbeiten. Sie weiß nicht, ob sie das schafft. Und sie weiß nicht, ob sie das will. Die Bruchsaler Beleghebammen wollen vorerst dennoch weiter im Belegsystem arbeiten. 

Das Handy von Margret klingelt. Sie hält kurz inne und läuft zur Tür am Ende des Flurs. Eine Mutter und ihr Neugeborenes brauchen sie.