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Klimaschutz
CO2-Kompensation: Gewissensbisse im Gepäck

MEINUNG
Mit nur wenigen Klicks habe ich den CO2-Ausstoß meines Flugs von Stuttgart nach London kompensiert. | Bild: Miriam Hoffmann

Klimaschutz CO2-Kompensation: Gewissensbisse im Gepäck

Mit nur wenigen Klicks habe ich den CO2-Ausstoß meines Flugs von Stuttgart nach London kompensiert. | Bild: Miriam Hoffmann
 

19 May 2021

Reiseführer, Kamera, Badehose – erneut fliege ich in den Urlaub. Nur mein schlechtes Gewissen passt nicht in eine Reisetasche. CO2-Kompensation scheint die Lösung. Ausgestoßene Flugemissionen gleiche ich beim Kauf meines Tickets aus. Das Geld fließt in Klimaschutzprojekte.

Miriam Hoffmann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
PolitikGesellschaftUmwelt

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Nach Angaben der Weltbank nutzten 2019 etwa 4,4 Milliarden Menschen das Flugzeug. Weltweit sind an Flughäfen die Passagierzahlen bis zu Beginn der Pandemie gestiegen. In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Flugpassagiere sogar etwa verdreifacht. An den globalen CO2-Emissionen hat der Luftfahrtverkehr einen Anteil von rund drei Prozent. Damit pusten laut International Council on Clean Transportation (ICCT) alle Flüge der Erde mehr CO2 in die Luft als ganz Deutschland jährlich. Nun können Reisende ihre Flugemissionen ausgleichen. Ist damit die Umweltsünde vergessen?

Laut Kompensationsanbieter „atmosfair“ werden deutlich unter ein Prozent aller Flugreisen kompensiert.

„Destination 50“, so lautet der Plan der Luftfahrtbranche, bis 2050 klimaneutral zu werden. Der Provinzflughafen Münster-Osnabrück (FMO) ist noch ambitionierter. „Wir haben einfach erkannt, dass wir das Ziel 2050 locker einhalten werden und es mit vielen Maßnahmen sogar bis 2030 erreichen können“, verrät FMO-Pressesprecher Andrés Heinemann. Bis dahin müssen noch bestehende CO2-Restmengen kompensiert werden. Deswegen hat der Flughafen entschieden, einen sogenannten Klimawald zu pflanzen. Gut die Hälfte der geplanten 15.000 Bäume seien schon in direkter Umgebung gesetzt. Noch gleicht der Wald eher einem kargen Wäldchen. Bis ein Baum Kohlenstoff in erheblichen Mengen speichert, dauert es mehr als 20 Jahre. Die Investition des FMO bleibt somit bisher nur ein Wunschtraum. 

Neu gepflanzte Bäume im Klimawald des Flughafen Münster-Osnabrück. Was ist mein Zertifikat überhaupt wert, wenn Wäldchen wie dieses als Aufforstungsprojekt zählen? | Bild: Andrés Heinemann
„CO2-Kompensation verhindert Klimaschutz.“    – Jutta Kill

Biologin Jutta Kill bemängelt genau Waldaufforstungskonzepte wie dieses. Sie hat selbst schon rund 15 Kompensationsprojekte in unterschiedlichen Ländern besucht. Ein Problem sei nicht nur, dass die Bäume teils von Schädlingen gefressen werden oder vertrocknen könnten. Sie kritisiert ebenfalls, dass Kompensationsanbieter mit hypothetischen Zahlen rechnen würden. Am Beispiel des Klimawalds demonstriert sie, wie Emissionsberechnungen funktionieren. Man schaut sich an, wie viel Kohlenstoff auf der Waldfläche ohne das Projekt gewesen wäre und wie viel mit. Die Differenz ist der eingesparte Betrag an CO2. Eine garantiere Einsparung, wie sie Kompensationsanbieter versprechen, gäbe es aber nie. Man wisse nicht, wie sich die Kompensationsfläche in Zukunft entwickeln würde, so Kill. Wenn man hier die fiktive Zukunft emissionsintensiver beschreibe, würde auch die Diskrepanz zwischen dem, was ist und dem, was gewesen wäre, größer sein.

Die Biologin schlussfolgert: „CO2-Kompensation verhindert Klimaschutz.“ Kompensationsprojekte würden häufig sogar den Treibhauseffekt begünstigen. Was eine Doppelmoral! Das Problem: Eine Gutschrift ermöglicht, dass der Ausstoß von Treibhausgasen einen gesetzlich festgelegten Grenzwert überschreiten darf. Dies wurde 2005 im Kyoto-Protokoll festgelegt.

Das Kyoto-Protokoll verpflichtet die beteiligten Staaten, ihren Ausstoß klimaschädlicher Gase bis 2020 um 5,2 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu senken. Entwicklungsländer sind von den verbindlichen Zielen befreit. Durch Emissionshandel können Industrieländer beschlossene Emissionswerte legal überschreiten, indem sie sich von ihrer Reduktionspflicht freikaufen. Dabei müssen sie belegen, dass Treibhausgase an anderer Stelle reduziert werden. Nachfolger ist das Pariser Klimaabkommen, das die Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius festlegt.

Im besten Fall ist CO2-Kompensation also ein Nullsummenspiel. Emissionen, die angeblich an einer Stelle eingespart werden, werden dennoch anderswo freigesetzt. Zudem sind Klimaschutzprojekte dahinter oft intransparent und lediglich Zukunftsvisionen. Die Umweltsünde ist damit nicht vergessen. Auf Flugreisen muss man trotzdem nicht verzichten. Nur die Verantwortung für die Entscheidung der Flugreise muss ich selbst tragen. Ich kann nicht durch einen billigen Kompensationskauf mein Gewissen erleichtern und meine Verantwortung gegenüber der Umwelt auf Dritte übertragen. Genau hier ist das zentrale Problem der Kompensation. Sie erlaubt, Verantwortung abzugeben, obwohl wir sie bei uns behalten und die Konsequenzen selbst tragen müssen. Sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.