Musiktexte-Kolumne 2 Minuten

Bau dir dein Glück aus Sand

Strand mit vielen Sonnenschirmen im Sand. Im Meer sind Menschen die baden.
Das Meer begrüßt mich mit offenen Armen und bringt mich zum Nachdenken. | Quelle: Flávia Zöllin
11. Juni 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. Durch „In The Sun“ denke ich darüber nach, was Erfolg für mich bedeutet und was wirklich zum großen Glück führt.

Die Tür schließt sich hinter mir. Ich atme die warme, salzige Luft ein. Mit vorfreudigen Schritten durch das Getümmel aus Sonnenschirmen und Sandburgen. Warum ist dieser alte Klappstuhl hier unter der brutzelnden Sonne viel bequemer als sonst? Mit den Füßen im Sand auf das Meer blicken. Ein und aus. Die Wellen kommen und gehen, so wie mein ruhiger Atem. „In the sun, I'm waiting for the day“ höre ich Blondie im Hintergrund singen. Ein Tag ohne Termine, Abgaben, keine Probleme – naja außer, dass das Kokoswasser teurer geworden ist. Zum Glück habe ich keinen Sonnenbrand, wie einige andere eifrige Strandbesucher, die sich wohl zu lang gebraten haben. Abwarten, was der Tag bringt. Das Meer bleibt jedenfalls, es hat etwas Hoffnungsvolles und lässt meine Träume exorbitant groß werden. Vielleicht sollte ich auswandern? Der Kälte die kalte Schulter zeigen und die Hitze herzlich begrüßen. Einfach mal machen. Es fängt damit an, in der Küche zu tanzen. Oder?

„In the sun, we're gonna have some fun“ singt Blondie. Mit den Sonnenstrahlen kommen alle aus dem Winterschlaf. Cafés und Bars füllen sich, die Laufschuhe werden rausgeholt und Picknickdecken ausgebreitet. Die Temperaturen klettern allmählich nach oben, die Gemüter werden heller. Das Leben erblüht. Dem Vogelgezwitscher lauschen und sich eine Auszeit nehmen. Ich nehme mir mal wieder Zeit dafür, einen Roman zu lesen und versuche, vom ständigen Hin-und-Her und meinen immer länger werdenden To-Do-Listen Abstand zu halten.

Die Performance des Lebens

Der Song „In the sun“ ist eine Hymne des Einfach-mal-nichts-tuns. Aber darf man das überhaupt? Überall Leistungsmenschen, Over-Performer, die immer erfolgreicher und besser sind. Die haben bestimmt keinen Sonnenbrand. Was ist das Ideal? Erfolgreiche Menschen wirken für mich oft so, als hätten sie ein perfektes und einfaches Leben. Wahrscheinlich ist das nur der perfekte Schein. Was ist überhaupt schon perfekt? Zählt nicht viel mehr, wie du bist und wie du mit anderen Menschen umgehst, als alles, was du auf Papier erreicht hast? Nicht viel Zeit, sondern Energie investieren. Ich will mit Freude und Passion bei dem sein, was ich mache und trotzdem Zeit für Familie und Freunde finden. Ich denke nicht, dass Under-Performer zurückbleiben, sie genießen. Sie sind mit dem zufrieden, was sie haben. Vielleicht haben genau solche Menschen die beste aller möglichen Work-life-balances und haben ihr Glück gefunden, ohne gesellschaftliche Ideale erreicht zu haben. Mein großer Wunsch ist es, einfach glücklich zu sein – dafür muss ich nicht viel verdienen, um oft in den Urlaub fahren zu können, denn Glück finde ich auch darin, laut zu meiner Lieblingsmusik mitzusingen.

Meine perfektionistische Seite peilt natürlich auch den glatt gebügelten Lebenslauf an: Bachelor und Master mit Top-Noten, direkter Berufseinstieg – eine Biographie, die sich rückblickend wie ein gut durchdachter Plan, ohne Sinnkrisen und Irrwege, liest. Ich will immer alles perfekt machen, immer noch eine kleine Schippe drauflegen. Aber mein Zeitmanagement ist nicht top-notch und mir ist klar, dass man nicht überall im Leben gleichermaßen Vollgas geben kann. Dinge, die ich noch unbedingt schnellstmöglich erledigen sollte – den Zahnarzttermin verschieben und das Geburtstagsgeschenk besorgen –, schwirren wie lästige Mücken in meinem Kopf. Leises Surren – ein ständiger Begleiter in stressigen Zeiten. Eine Kluft zwischen zwei Hälften. Wenn ich in der Sonne am Meer liege gibt es nur die Formel fürs Glück. Ein einfaches Leben in einem Häuschen am Strand – vielleicht ohne Spitzenposition aber dafür täglich ein Lächeln auf den Lippen und Meeresrauschen in den Ohren. Eine Formel für Bestleistungen gibt es hier nicht. Doch zurück in meinem Alltag zwischen Uni und Freizeit, finden die Mücken wieder ihren Weg in meinen Kopf. Plötzlich scheint das glückselige Gefühl vom Urlaub fort. Die Pläne vom bescheidenen Paradies längst vergessen. Fortgespült. Zurück in einer Welt, in der ich das Gefühl habe, dass man ständig abliefern muss und wo keine Schwäche erlaubt ist. Muss man immer Bestleistungen erbringen? Kann man an manchen Tagen nicht einfach ein Under-Performer sein? Mut zur chaotischen Beständigkeit. Lieber erledige ich eine Aufgabe von meiner To-Do-Liste, als gar keine. Auch wenn ich heute nur das Fotoalbum vom letzten Urlaub fertig gemacht habe und nicht mehr joggen war, ist das okay – morgen kann ich weitere Aufgaben abhaken. 

„In the sun, it's for everyone“
Blondie

Die Zeile: „In the sun, it's for everyone“ lässt mich nachdenken. Spaß in der Sommersonne und das große Glück – auch für mich? Ich brauche keinen perfekt durchgetakteten zehn Jahres Plan. Kein Skript für das eigene Leben. Keinen Weg der steil geradeaus nach oben geht. Während auf meinem Weg Steine sind, liegen auf dem perfekten Weg der allerbesten Over-Performer mutmaßlich nur Kieselsteinchen. Leicht weggekickt. Problem gelöst. Dass ich nicht lache.

Die Tür schließt sich hinter mir. Ich atme aus. Ich habe noch alle Zeit der Welt, um mich neu zu erfinden. 

In The Sun – Blondie

Hinweis: 

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: