Wolle statt Fleisch: Bauernhof, mal anders
Sechs weiße Welpen springen mit wedelndem Schwanz an dem eisernen Gattertor hoch, sobald man näherkommt. Bellen und verspieltes Knurren mischen sich mit dem Blöken der Schafe, mit denen sich die jungen Hunde den Stall teilen.
Eine typische Szene auf einem Bauernhof, oder?
Aber Schaf ist nicht gleich Schaf und Hund ist nicht gleich Hund. Bei den weißen Welpen handelt es sich um junge Herdenschutzhunde. Die Schafe sind Bergschafe – eine vom Aussterben bedrohte Rasse. Darauf liegt der Schwerpunkt des „Distelhummelhofs“ in Leibertingen, den Julianna Ranzmeyer und Carsten Weber betreiben.
Ein anderer Fokus
„Ein normaler Bauernhof hat die landwirtschaftliche Nutzung im Fokus. Bei uns liegt der Fokus auf dem Erhalt und der Zucht alter Haus- und Nutztierrassen“, erklärt Julianna. Der „Distelhummelhof“ ist ein von der Gesellschaft zur Erhaltung gefährdeter Haustierrassen (GEH) anerkannter Archehof. Ziel der bundesweit knapp über 70 Archehöfe: Die sogenannten Rote-Liste-Rassen langfristig zu erhalten und ihre besonderen Eigenschaften – wie Widerstandsfähigkeit oder Langlebigkeit – zu nutzen.
Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen
Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) wurde im Jahr 1981 gegründet. Der bundesweite Verein zählt über 2100 Mitglieder, darunter Landwirte, zoologische Gärten und Privatpersonen.
Die GEH sieht sich als Ansprechpartner für die vielfältigen Belange der Erhaltungsarbeit, aktualisiert jedes Jahr die Rote Liste der gefährdeten Nutztierrassen, initiiert Projekte wie das Arche-Hof Projekt mit über 100 Betrieben bundesweit, ernennt Arche-Züchter und ist Mitglied in nationalen und internationalen Organisationen zur Erhaltung der Biodiversität.
Quelle: Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH)
Mehr als 100 Haus- und Nutztierrassen in Deutschland gelten als gefährdet. Das entspricht rund 60 % aller einheimischen Rassen.
Ein Grund dafür: Gegenüber modernen Hochleistungsrassen sind sie wirtschaftlich nicht mehr konkurrenzfähig. So hat sich die Milchleistung einer Kuh seit den 1950er Jahren fast vervierfacht. „Früher gab eine Milchkuh 1500 bis 2000 Liter. Heute müssen es mindestens 9000 Liter sein. Dabei zählt nur der Preis”, bemerkt Carsten.
Naturschutz auf vier Beinen
Auf dem „Distelhummelhof“ haben die Tiere eine andere Aufgabe. Statt möglichst viel Fleisch oder Milch zu liefern, betreiben sie als „Dienstleister im Naturschutz“ Landschaftspflege auf Naturschutzflächen. Jede Art hat ihr eigenes Spezialgebiet. „Deswegen arbeiten wir nicht nur mit einer Tierart, sondern mit mehreren. Es geht darum, Strukturvielfalt in die Flächen zu bringen“, erläutern die Hofbetreibenden. Dadurch entstehen abwechslungsreiche Lebensräume, in denen viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten leben können.
Während die Pferde und die Rinder feuchte Standorte und Waldbereiche pflegen, brauchen die Esel trockene Flächen. Dort fressen sie nach Beobachtung der Hofbetreibenden vor allem Gräser und lassen seltene Pflanzenarten stehen. So leuchten im Frühjahr ganze Wiesen gelb vor Schlüsselblumen.
Neben der Landschaftspflege ist die Verarbeitung von Wolle eine wichtige Einnahmequelle. Fleisch, Milch oder andere tierische Produkte verkauft der „Distelhummelhof“ im Gegensatz zu anderen Archehöfen nicht. Stattdessen entstehen aus der Wolle eigener Tiere und Schafen der Region Satteldecken und Teppiche. Die hofeigene Weberei baut das Paar gerade aus. Sie arbeite als einzige in Deutschland konsequent ohne Überseewolle. Derzeit unterstützen Julianna dort vier Aushilfskräfte. Nach dem Ausbau sollen es noch mehr werden.
Viel Arbeit, wenig Gewinn
Im landwirtschaftlichen Bereich fehle hingegen das Geld für zusätzliches Personal. „Da ist der Ertrag einfach nicht da“, erklärt Carsten. „Archehöfe leben von Überzeugung – Vorteile bringen sie kaum. Deshalb wird es künftig nicht viel mehr geben.”
Denn für die Auszeichnung als Archehof gibt es weder wirtschaftliche Vorteile noch Fördergelder. „Das ist Idealismus pur“, bestätigt Julianna.
Zwar erhält der „Distelhummelhof“ Unterstützung von der Aktionsgruppe Leader-Oberschwaben, dem Land Baden-Württemberg und der EU – doch diese ist unsicher. „Es gibt keinen Rechtsanspruch auf die Auszahlung der Fördermittel und sie kommen erst am Jahresende“, bedauert Julianna.
Und selbst dort, wo Förderung greift, bleibt ein zentrales Problem: Die Vermarktung. „Das ist ein Nischenmarkt“, sagt Carsten. Nur wenige Menschen seien bereit, für aufwendig erzeugte und nachhaltige Produkte wie die Satteldecken und Teppiche mehr zu zahlen.
Der Preis der Vielfalt
Auch Martin Dieterich, Professor für Landschaftsökologie und Vegetationskunde an der Universität Hohenheim, sieht diese Herausforderung. Damit Archehöfe wirtschaftlich konkurrenzfähig sein könnten, müssten Konsumierende höhere Preise akzeptieren – oder die öffentliche Hand mehr investieren. „Die Archehöfe bringen durch den Erhalt alter Nutztierrassen eine Leistung an die Gesellschaft“, beteuert Dieterich. Ihr Genpool sei wichtig für neue Züchtungen. Denn Merkmale der alten Rassen wie Genügsamkeit oder Robustheit könnten künftig wieder gefragt sein. In der modernen Zucht sind diese teilweise verloren gegangen. „Alte Nutztierrassen sind eine genetische Ressource und Teil unseres Kulturerbes. Sie zu erhalten und zu nutzen, ist eine wichtige Investition in die Zukunftsfähigkeit“, betont auch das Landwirtschaftsministerium in Baden-Württemberg.
Als Ansatz nennt Dieterich eine stärkere Förderung auf kommunaler Ebene. Städte und Gemeinden könnten gezielt Betriebe unterstützen, die Leistungen für Landwirtschaft und Naturschutz erbringen. In der aktuellen Finanzlage sei das aber schwer umsetzbar. Die Prioritäten werden anders gesetzt. „Jeder Kommunalpolitiker behauptet, er brauche das Geld für Kitas dringender“, so Dieterich. „Ich sehe das anders. Wir brauchen diese Investition, um Biodiversität und damit die Leistungsfähigkeit von Ökosystemen und der Landwirtschaft zu erhalten.“
Das zeigt, wie wenig Aufmerksamkeit der Verlust von Artenvielfalt bekommt. Dabei ist sie die Grundlage stabiler Ökosysteme, die uns mit Leistungen wie Nahrung, Wasser und Klimaregulation versorgen.
„Wir reden viel über den Klimawandel, aber die ökologische Katastrophe durch Artenverlust kommt viel schneller“, warnt auch Carsten.
Dafür zu kämpfen, den Verlust der Artenvielfalt wahrzunehmen, ist einer der Gründe, warum Carsten und Julianna trotz aller Schwierigkeiten und an 365 Tagen Arbeit im Jahr an ihrem Hof festhalten. Was sie außerdem antreibt, erzählt Carsten selbst.
Zurück auf dem „Distelhummelhof” springen die sechs Welpen immer noch am Gatter hoch. Diesmal haben sie Glück. Julianna und Carsten nehmen sie mit in den großen Garten. Mit der Nase im Gras tollen die jungen Hunde über die Wiese und tasten sich an den kleinen Teich. Jeder von ihnen hat ein Halsband in einer anderen Farbe. Die braucht das Paar aber nicht, um sie auseinanderzuhalten. Das wird höchstens bei den rund 200 Schafen schwierig.