Das geborgene Elternhaus haben die Jungs gegen ihren Zweimaster „Eira“ eingetauscht. | Bild: Vincent Goymann

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WG auf hoher See

Das geborgene Elternhaus haben die Jungs gegen ihren Zweimaster „Eira“ eingetauscht. | Bild: Vincent Goymann

11 Dec 2018

„Wow, du warst nach dem Abi ein halbes Jahr in Australien? Erzähl mir unbedingt mehr!“ Eine Aussage, die wohl schon lange keiner mehr von sich gegeben hat. Auch vier Jungs aus Oberbayern haben eine andere Vorstellung von einem Abenteuer im Ausland. Ihr Plan: drei Jahre um den Globus segeln.

Unruhig schwanken die Masten hin und her, während Eira mit den Wellen kämpft. Nur eine Armlänge Abstand schützt sie vor der scharfkantigen Betonwand. Nach zehn Minuten geben es die Jungs auf. Sie müssen abwarten, bis sie die alte Dame sicher an Land bringen können. Ein paar Stunden später hat sich das Wetter beruhigt. Nach kurzem Manövrieren schwebt das Boot an einem Kran hängend in der Luft. Der rote Bauch sieht gut aus. Es ist nur wenig Rost zu entdecken.

Drei Monate sind Tom, Michi, Vincent und Tim aus Oberbayern jetzt schon unterwegs. Hier, im Hafen der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, legen die „Segeljungs“ eine einwöchige Pause ein. Eira, ihr Segelboot, muss vorbereitet werden für die Reise, die noch vor ihnen liegt – die Welt umsegeln, in drei Jahren. Via Telefon erzählt uns die junge Crew von ihrer bisherigen Reise und besonderen Momenten.

Zwischen 18 und 20 Jahren sind sie alt und während ihre Schulkollegen nach dem Abitur die Füße baumeln ließen, haben sie bereits angefangen Geld zu verdienen, um ihr Segelboot zu finanzieren. Jeder steckte seine gesamten Ersparnisse in das Projekt und zusammen mit einem Sponsor reichte das Geld für Eira – einen Zweimaster mit 14 Tonnen auf 14 Meter Länge, Baujahr 1991.

Tim, Tom, Michi und Vincent sind keine erfahrenen Segler. An Zuversicht fehlt es ihnen trotzdem nicht. | Bild: Vincent Goymann
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Die Idee zur Weltumrundung hatten erst nur Vincent und Tom, die allerdings an Fahrräder als Fortbewegungsmittel dachten. Kurz vor dem Schulabschluss wurde im Freundeskreis dann beschlossen, man solle doch gemeinsam etwas planen. Für die Reise musste also ein Transportmittel her, das zum einen Unabhängigkeit garantierte und zum anderen auch etwas extremer sein durfte.

So manch einer mag bei einer Weltumsegelung an Action im Minutentakt mit härtesten Wetterverhältnissen, starkem Seegang und gefährlichen Meeresbewohnern denken. Zumal die Vierergruppe zuvor keine nennenswerte Segelerfahrung hatte. Lediglich zwei der Jungs haben zuvor einen Bootsführerschein erworben, einen Schein für das Segeln auf dem Meer hatte keiner. „Wir haben das eher über Learning by Doing gemacht. So schwer ist Segeln nämlich gar nicht.“

Das Leben auf dem Boot lässt sich wie eine WG beschreiben, in der man sich allerdings nur schwer aus dem Weg gehen kann, sollte mal Ärger aufkommen. „Bisher war das glücklicherweise nicht der Fall. Wenn ich mal meine Ruhe haben will, beschäftige ich mich einfach mit was anderem.“, erzählt Vincent. Er versucht sich momentan an einem neuen Instrument, der Gitarre. Auch sonst geht es bei den Jungs eher gemütlich zu. Jeder schläft so lange er möchte, eine wirkliche Routine gibt es nicht. Abends wird zusammen gekocht und auch ab und zu ein Film auf Netflix angeschaut.

„Wir haben das eher über Learning by Doing gemacht. So schwer ist Segeln nämlich gar nicht.“ – Vincent Goymann

Selbstverständlich gab es schon die ein oder andere Situation, die die Herzen der jungen Segler hat höherschlagen lassen. So wurden sie einige Stunden von Delfinen begleitet, die nur wenige Meter neben dem Boot schwammen. Und sie durften Zeugen von Meeresleuchten werden. Ein Phänomen, bei dem das Wasser blau und grün leuchtet. Wirklich gefährlich wurde es bisher noch nicht.

Für Angehörige war es natürlich besonders schwer, die Vierergruppe für eine solch lange Zeit ziehen zu lassen. Böses Blut gab es trotzdem nicht. „Unsere Freunde und Familien unterstützen uns vollkommen bei dem, was wir hier machen. Außerdem ist man ja nicht komplett aus der Welt. Besuche von unseren Leuten daheim an Orten, die wir anpeilen, sind auch schon geplant.“, sagt Vincent. Heimweh ist bisher noch nicht aufgekommen. „Wir sind aber auch noch ganz am Anfang unserer Reise.“

Die Segelroute geht vom Startpunkt in Italien bis zum Ziel im Norden Deutschlands um den gesamten Globus.

Die ungefähre Segelroute haben Tom, Michi, Vincent und Tim zwar geplant, sie kann aber jederzeit nach Lust und Laune geändert werden. „Wenn es uns beispielsweise in Neuseeland super gut gefällt, besorgen wir uns einfach einen Camper und cruisen ein halbes Jahr durch das Land. Wir wollten uns da noch nicht allzu sehr festlegen.“

Im Hafen von Lissabon hängt Eira eine Woche nach ihrer Ankunft wieder am Kran, bereit, ins Wasser gelassen zu werden. Rost und die alte Farbe wurden entfernt, neue Grundierung und Farbe aufgetragen. Ihr Bauch ist jetzt schwarz. „War billiger als die rote Farbe“, erklären die Vier lachend. Heute Abend sind sie noch einmal in der portugiesischen Hauptstadt unterwegs – Schlendern, Fotos machen, ein bisschen skaten, ein paar Bier trinken. Morgen früh um neun Uhr geht sie dann wieder weiter, die Reise um die Welt.

Auf ihrem Blog (www.segeljungs.de), Instagram Account („Segeljungs“) und sogar einem Podcast auf Spotify („Unter Deck – Podcast der Segeljungs“) können Interessierte an besonderen Momenten teilhaben und bekommen regelmäßige Updates zur Reise.