Ausbildung 4 Minuten

Wer will schon eine Ausbildung in der Bank machen?

Die Auszubildenen der Sparkasse Ludwigsburg
So sehen also glückliche Auszubildende aus - zumindest, wenn man die Sparkasse Ludwigsburg fragt | Quelle: Sparkasse Ludwigsburg
21. Mai 2026

Filialen schließen, Künstliche Intelligenz übernimmt Aufgaben und immer mehr junge Menschen priorisieren die Work-Life-Balance. Hat die klassische Ausbildung in der Bank überhaupt noch Zukunft oder ist es an der Zeit, das klassische Bild der Bankausbildung zu überdenken?

Ein tiefer Atemzug. Mit leicht zitternden Händen richte ich meine Bluse und setze ein freundliches Lächeln auf. Es ist nicht echt, aber wer ist bei einem Vorstellungsgespräch schon wirklich entspannt und glücklich? Diese 30 Minuten im November 2022 sollten die folgenden drei Jahre meines Lebens prägen. Ich bekam die Stelle und begann meine Ausbildung zur Bankkauffrau. Wie intensiv eine Ausbildung tatsächlich ist, versteht man meist erst, wenn man schon mittendrin steckt. 

Habe ich mich vorher ausführlich mit der Bank beschäftigt? Nein. Wusste ich, was ein Depot oder Fondssparen ist? Woher sollte ich? Zu dem Zeitpunkt hatte ich nicht mal ein Sparbuch. Da ich die Ausbildung bereits absolviert habe, möchte ich mich der Frage widmen, ob sich die Ausbildung in der Bank überhaupt noch lohnt.  Wir leben in einer Zeit von Künstlicher Intelligenz, fortschreitender Digitalisierung und zunehmend schwindendem Kundenkontakt, die auch den Beruf in der Bank beeinflusst.

Zwei Bankkauffrauen der Sparkasse LeerWittmund führen ein Online Beratungsgespräch mit einem Kunden durch
Kundentermine finden heute nicht mehr nur vor Ort in der Filiale statt, sondern immer öfter auch online
Quelle: Sparkasse Leer

Banking bleibt ein Geschäft mit Menschen

Digitale Inhalte spielen inzwischen eine deutlich größere Rolle. Themen wie Wertpapierberatung, Altersvorsorge oder digitale Anwendungen nehmen heute mehr Raum ein als noch vor einigen Jahren. Unterricht findet häufig papierlos statt, unterstützt durch Tablets und interaktive Lernmethoden. Dies erklärte Marc Stotz, Leiter des Personalbereichs der Sparkasse Ludwigsburg.

Parallel dazu verändert sich auch der Arbeitsalltag in den Filialen: Viele klassische Tätigkeiten am Schalter verlieren an Bedeutung, weil Überweisungen, Daueraufträge oder Kontoabfragen längst digital erledigt werden können. Nach Angaben des Bankenverbands nutzen immer mehr Kundinnen und Kunden Online-Banking regelmäßig. Gleichzeitig sinkt die Zahl klassischer Bankfilialen seit Jahren.

„Banking is people business.“
Marc Stotz, Abteilungsleiter Personalbetreuung

Für Stotz beschreibt dieser Satz ziemlich genau, wohin sich der Beruf entwickelt hat. Der Fokus liege heute weniger auf den vorher genannten standardisierten Abläufen und deutlich stärker auf dem direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden. Auch die Ausbildung habe sich verändert. Seit der Neuordnung des Berufsbildes im Jahr 2020 lernen  die Auszubildende praxisnäher als früher. Statt ausschließlich theoretischen Unterrichts begleiten sie beispielsweise fiktive Kundinnen und Kunden durch verschiedene Lebensphasen. Vom ersten Girokonto bis zur Immobilienfinanzierung. Theorie und Praxis würden dadurch enger miteinander verknüpft. 

Was bleibt, ist die persönliche Beratung. Gerade bei größeren finanziellen Entscheidungen suchten viele Menschen weiterhin den direkten Austausch, erklärt Stotz. Wenn es um individuelle Lebenssituationen gehe, brauche es auch in Zukunft Menschen auf der anderen Seite. Dies umschreibt Stotz mit den Worten „Banking is people business“.

Damit verändern sich auch die Anforderungen an Auszubildende. Fachwissen bleibt wichtig, gleichzeitig gewinnen soziale Kompetenzen zunehmend an Bedeutung. Wer in einer Bank arbeitet, muss erklären können, zuhören und Vertrauen schaffen.

Ein Weg abseits der klassischen Filiale

Wie unterschiedlich sich der Weg nach der Ausbildung entwickeln kann, zeigt das Beispiel von Michelle. Gemeinsam haben wir unsere Ausbildung begonnen, heute arbeiten wir trotzdem in völlig verschiedenen Bereichen.

Während ich merkte, dass mir der klassische Bankalltag langfristig nicht liegt, entschied sich Michelle bewusst dafür, in der Branche zu bleiben. Allerdings nicht in der Kundenberatung. Heute arbeitet sie in der Immobilienbewertung und erstellt Gutachten.

„Rückblickend würde ich die Ausbildung auf jeden Fall nochmal machen.“
Michelle Götz, ehemalige Auszubildende der Bank

Das stellt Michelle ganz klar fest und beschreibt, dass sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bank die Ausbildung ein „Türöffner“ sei. Besonders die Möglichkeit, verschiedene Abteilungen kennenzulernen und früh eigenständig arbeiten zu dürfen, habe sie geprägt. Erst während der Ausbildung sei ihr bewusst geworden, wie viele unterschiedliche Bereiche es innerhalb einer Bank überhaupt gibt. Jeglichen Zweifel daran, dass sie ihren Werdegang bereue, räumt sie mit dem Satz „Rückblickend würde ich die Ausbildung auf jeden Fall nochmal machen“ aus dem Weg.

Genau das hat auch meine Sicht auf den Beruf verändert. Viele stellen sich Bankkaufleute noch immer hauptsächlich am Schalter vor. Tatsächlich entstehen jedoch zunehmend Tätigkeiten, die mit dem klassischen Bild der Bank kaum noch etwas gemeinsam haben. Beispiele hierfür wären etwa die Bereiche Immobilienbewertung, digitale Beratung oder Datenanalyse.

Finanzdistrikt in Frankfurt
Frankfurt am Main gilt als Zentrum der deutschen Finanzbranche und steht zugleich für den Wandel des Bankensektors.
Quelle: Alisa Bohlen

Digitalisierung verändert die Branche

Trotzdem bleibt die Digitalisierung eine der größten Herausforderungen für Banken. Online-Banken gewinnen zunehmend an Bedeutung, während klassische Filialen weiter unter Druck geraten. Viele Prozesse werden automatisiert, manche Aufgaben wurden bereits vollständig von Technologien übernommen.

Michelle sieht diese Entwicklung kritisch. Ihrer Meinung nach könnten Banken sich künftig schwerer allein über persönliche Beratung behaupten. Gerade junge Menschen würden immer häufiger auf digitale Angebote und Online-Banken setzen.

Stotz bewertet die Entwicklung differenzierter. Digitale Systeme könnten Mitarbeitende entlasten und einfache Aufgaben übernehmen. Der persönliche Kontakt werde dadurch aber nicht verschwinden, sondern eher wichtiger werden. Künstliche Intelligenz werde den Beruf verändern, jedoch nicht vollständig ersetzen.

Auch ich habe diesen Wandel während meiner Ausbildung gespürt. Immer mehr Prozesse liefen digital ab, viele Kundinnen und Kunden erschienen nur noch selten persönlich in der Filiale. Gleichzeitig wurde von uns erwartet, flexibel zu sein, ständig Neues zu lernen und uns schnell an Veränderungen anzupassen.

Genau darin liegt vermutlich die größte Herausforderung der Ausbildung heute: Sie verlangt nicht mehr nur wirtschaftliches Wissen, sondern auch Offenheit gegenüber neuen Technologien und die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen.

Zwischen Sicherheit und Veränderung

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Auszubildenden in Deutschland seit 2010 deutlich gesunken – von rund 1,5 Millionen auf etwa 1,2 Millionen im Jahr 2024. Hierbei spielt eine Vielzahl von Faktoren, wie etwa die sinkende Geburtenrate sowie geringe Zuwanderung, eine Rolle. Trotz dieses negativen Trends und aller Veränderungen, bietet die Bankausbildung weiterhin Chancen. Dies liegt unter anderem daran, dass die Ausbildung an das digitale Zeitalter angepasst wird und somit auch heute noch eine Perspektive für die Gen Z darstellt. 

Viele Banken übernehmen einen großen Teil ihrer Auszubildenden nach dem Abschluss. Gleichzeitig entstehen neue Tätigkeitsfelder, etwa im Bereich digitaler Beratung oder im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Für mich persönlich war die Ausbildung am Ende trotzdem nicht der richtige Weg. Besonders die stark geregelten Abläufe und die klare Struktur haben mir gezeigt, dass ich langfristig kreativer arbeiten möchte. Trotzdem bereue ich die Entscheidung nicht. Die Ausbildung hat mir nicht nur wirtschaftliches Wissen vermittelt, sondern auch gezeigt, wie stark sich Berufe verändern können.

Die Bankausbildung ist deshalb weder ein Auslaufmodell noch ein Selbstläufer. Sie entwickelt sich weiter: Sie wird digitaler, vielseitiger und stärker auf zwischenmenschliche Fähigkeiten ausgerichtet. Für Menschen, die gerne mit anderen arbeiten, Interesse an wirtschaftlichen Themen haben und offen für Veränderungen sind, kann sie weiterhin ein sinnvoller Einstieg ins Berufsleben sein.

Meine Zukunft liegt wahrscheinlich nicht in der Bank. Der Beruf der Bankkauffrau oder des Bankkaufmanns wird jedoch auch in Zukunft relevant bleiben, nur anders, als viele ihn heute noch kennen.

*Hinweis: Die Redakteurin hat eine persönliche Beziehung zu der Protagonistin.