„Gerade im Bereich sozialer Motivation besteht noch Ausbaubedarf. Hier setzt Pact an: konsequent auf soziale Dynamik statt nur auf individuelle Disziplin.“
Weniger Screen, mehr Team: „Pact“ teilt Bildschirmzeit
Studierende kennen diese Situation: Die Prüfungsphase hat begonnen, der Laptop mit dem Gruppenprojekt ist geöffnet, das Handy liegt griffbereit daneben. Der Fokus soll auf der Arbeit liegen. Dann leuchtet das Handy auf. Eine neue Nachricht. Eigentlich nur schnell einer Freundin antworten, „nur kurz“ Instagram öffnen, ein Reel, noch ein weiteres. Vielleicht hat man sich ein tägliches Bildschirmlimit gesetzt oder einen App-Blocker installiert. Doch eine Benachrichtigung wegzuwischen oder den Blocker zu deaktivieren, geht nun einmal schneller, als ein Projekt fertigzustellen. Digitale Selbstkontrolle stößt im Alltag schnell an ihre Grenzen. Auch eine Gruppe von fünf Studierenden der Hochschule der Medein machte diese Erfahrung. Sie stellten fest, dass ihre Bildschirmzeiten alle erstaunlich hoch waren. Als Reaktion vereinbarten sie ein gemeinsames App-Limit für gewisse „Brainrot-Apps“. Also Apps wie Instagram, TikTok und YouTube, die mit sinnlosem Endlos-Content das Gehirn „verrotten“ lassen. Wer dieses Limit überschritt, musste zur Strafe die Rechnung der anderen in der Mensa übernehmen. Das Ergebnis überraschte: Bereits nach kurzer Zeit veränderten allein die Absprache innerhalb der Gruppe und die gemeinsame Motivation das Nutzungsverhalten stärker als jeder App-Blocker. Auf der Suche nach einer App, die genau dieses Prinzip aufgreift und ein geteiltes Gruppenlimit für ausgewählte „Brainrot-Apps“ ermöglicht, wurden sie jedoch nicht fündig. Also beschlossen sie, sich der Aufgabe, einer solchen App-Entwicklung, selbst zu widmen. So entstand die App „Pact“.
Zusammen weniger Zeit verlieren
„Pact“ ist eine App, mit der Menschen gemeinsam ihre Social-Media- und App-Nutzungszeit reduzieren können. Beim Öffnen der App erscheinen vier übersichtlich gestaltete Felder. Im Zentrum stehen die Teilnehmenden. Hier können Nutzer*innen eine Gruppe erstellen oder einer bestehenden beitreten und erhalten gemeinsam einen Zeitpool für „Brainrot-Apps“. Über eine vorherige freiwillige Angabe über das eigene Alter werden zielgruppenspezifische Apps für das gemeinsame Zeitlimit bereitgestellt.
Sobald ein Gruppenmitglied eine der im Pool enthaltenen Apps nutzt, wird die genutzte Zeit vom gemeinsamen Zeitpool abgezogen. Alle Beteiligten teilen sich somit dasselbe tägliche Limit. Dieses Prinzip setzt auf Kommunikation, Absprachen und gegenseitige Motivation, um das verfügbare Zeitbudget fair zu nutzen. Im zweiten Feld sieht man, wie viel Bildschirmzeit der Gruppe insgesamt zur Verfügung steht. Gelingt es, an einem Tag unter dem festgelegten Limit zu bleiben, erhält die Gruppe eine Streak. Wird das Limit überschritten, geht die aktuelle Serie verloren. Die aus Apps wie Snapchat oder Duolingo bekannte Streak-Mechanik soll die Nutzer*innen dazu motivieren, ihre Bildschirmzeit konsequent zu reduzieren. Laut dem Projektleiter besteht gerade im Bereich sozialer Motivation noch Ausbaubedarf. Hier setzt „Pact“ an und fokussiert sich konsequent auf soziale Dynamik statt individuelle Disziplin. Auf klassische App-Blocker verzichtet „Pact“ bewusst. Sie werden im Alltag oft umgangen oder ignoriert. Stattdessen soll die App motivieren, ohne zu stören. Innerhalb der Gruppe lässt sich transparent nachvollziehen, wie viel Zeit jedes Mitglied in welcher App verbringt und wer am Ende der Woche am meisten oder am wenigsten Bildschirmzeit für sich beansprucht hat.
Doch warum sollte man überhaupt einen gemeinsamen Zeitpool für Apps nutzen wollen? Studien, aus Jonathan Haidts „Generation Angst“, zeigen, dass mit der Einführung sozialer Medien eine Form sozialer Deprivation eingesetzt hat, ein Mangel an persönlichen Begegnungen und direktem zwischenmenschlichem Austausch, der die soziale Entwicklung beeinträchtigen kann. Die täglich verbrachte Zeit mit Freund*innen nahm ab, während Gefühle von Einsamkeit zunahmen. Auch Schlafmangel ist eine der bekannten Folgen. Man liegt schon im Bett, will eigentlich nur noch schnell den Wecker für den nächsten Morgen stellen – und plötzlich landet man wieder auf TikTok. Das Szenario vom Anfang wiederholt sich: nur noch ein letztes Video ... „Pact“ will die Problemursache, Handy und Bildschirmzeit, mit einer Lösung, der App, verbinden. Den sozialen Aspekt, der durch hohe Handynutzung oft verloren geht, möchte „Pact“ bewusst aufgreifen und in eine gemeinsame Challenge verwandeln. Der Fokus soll dabei nicht nur auf der Reduktion der eigenen Bildschirmzeit, sondern vor allem auf dem Miteinander liegen. Die Bildschirmzeit ist damit keine private Zahl mehr, die sich leicht ignorieren lässt, sondern wird zum gemeinsamen Thema. Motivation entsteht nicht durch Sperren oder Strafen, sondern durch eine soziale Gruppenaufgabe: Wer Apps öffnet, weiß, dass die eigene Nutzung auch die der anderen beeinflusst.
Vielversprechende Ergebnisse
In den vergangenen Wochen wurde die App schon von einigen Studierenden getestet. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Die durchschnittliche Bildschirmzeit der fünf Gruppenmitglieder sank mit der Nutzung der App deutlich. Anfangs konnte man große Unterschiede in der Nutzung der Mitglieder sehen. Mit der Nutzung der App war die Bildschirmzeit aller Teilnehmenden nahezu identisch. Die soziale Motivation und gemeinsame Absprachen scheinen also zu funktionieren.
Die App ist bereits verfügbar und kann heruntergeladen werden. Bislang allerdings nur für Android. Für Apple-Nutzer*innen gibt es noch technische Hürden, wie die Entwickler*innen berichten. Diese seien jedoch bekannt und sollen Schritt für Schritt überwunden werden. Gleichzeitig arbeiten sie bereits an weiteren Features, die das Konzept künftig noch erweitern sollen. Ob die App langfristig tatsächlich dazu beiträgt, unsere Bildschirmzeit zu reduzieren und den Fokus stärker auf soziale Interaktion zu lenken, bleibt abzuwarten. Aber für die Umsetzung des ein oder anderen Neujahrsvorsatzes, beispielsweise Digital Detox, kann „Pact“ schon jetzt einen Ansatz bieten.
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