Bei Therapie denken viele zuerst an Gespräche. Aber was, wenn Worte nicht ausreichen?

Flávia Zöllin

Bei Therapie denken viele zuerst an Gespräche. Aber was, wenn Worte nicht ausreichen?

Flávia Zöllin

Die Bewegungstherapeutin Barbara Köhl arbeitet mit der Sprache des Körpers und hilft so Belastungen zu verarbeiten und neuen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu eröffnen.

Flávia Zöllin

Die Bewegungstherapeutin Barbara Köhl arbeitet mit der Sprache des Körpers und hilft so Belastungen zu verarbeiten und neuen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu eröffnen.

Flávia Zöllin

Tief bewegt

Flávia Zöllin

Tief bewegt

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Inhaltswarnung für Leser*innen: 

Dieser Artikel kann Themen enthalten, die als sensibel empfunden werden könnten, darunter psychische Gesundheit und Traumata. Bitte sei dir dessen bewusst und lies den Artikel entsprechend deiner persönlichen Sensibilität. Unsere Absicht ist es, respektvoll und einfühlsam zu berichten, um die Würde der betroffenen Personen zu wahren.

Die Sonne scheint durch ein großes Fenster, wird aber von einem Raff-Rollo aus weißem Stoff in milchiges Licht verwandelt. Die Außenwelt wirkt in diesen Raum nur gefiltert herein. Eigentlich ein ganz normales Zimmer, hinter einer oben rund gewölbten Tür mit weißem Rahmen. Doch nicht für Andreas*. Jeden Montagmorgen um 8 Uhr, nimmt er sich Zeit für eine Therapiesitzung. Mit dem Rad kommt er den Berg heruntergefahren und schließt es an der Laterne ab. Nach einer Begrüßung mit seiner Tanz- und Bewegungstherapeutin Barbara Köhl, legt er seinen schwarzen Rucksack ab. Es ist spürbar, dass die beiden sich gut kennen. Ohne viele Erklärungen geht es los. Begonnen wird am oberen Ende des schlicht eingerichteten Raums — nur am Rand stehen zwei Stühle mit einem kleinen rustikalen Tischchen — der dunkle Dielenboden lässt viel Raum für Bewegung.

Nach Barbara Köhls Erfahrung verarbeiten Menschen Probleme mit dem Verstand und dem Körper. Gemeinsam mit den Klient*innen überträgt sie emotionale Vorgänge in Worte und Bewegung. „In unserem Organismus haben wir eine große Weisheit. Irgendwo drinnen wissen wir genau, was für uns richtig ist. Im Tanz bewegen wir uns, fühlen gleichzeitig, bringen das zum Ausdruck, da wandelt sich etwas. Das ist etwas Feines, irgendwie eine Verbindung zu unserer großen Kompetenz, Lebendigkeit, ja eben Weisheit. Ich glaube, seit es die ersten Menschen gegeben hat, nutzen wir diese innere Medizin.“ Der Körper sende kleine, eindeutige Signale, etwa im Bauch oder in den Schultern, und das würde immer besser lesbar. „Außerdem macht Bewegung einfach Spaß!“

Beide setzen sich auf zwei weiße Stühle. Andreas lehnt sich im Stuhl zurück und an das Kissen an.

Flávia Zöllin

Beide setzen sich auf zwei weiße Stühle. Andreas lehnt sich im Stuhl zurück und an das Kissen an.

Flávia Zöllin

Tanz- und Bewegungstherapie ist eine Schnittstelle von Kunst- und Körpertherapie. Die Wirkung wird hauptsächlich in der Symbolik der Bewegung verordnet. Dabei grenzt sich die Form allerdings stark von Sporttherapie ab, da es nicht um einen Leistungs- oder Funktionsaspekt geht, sondern der Lebendigkeitsaspekt, das Spüren im Hier und Jetzt, im Vordergrund steht.

Andreas ist in seinen Fünfzigern. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt, dazu helle Shorts aus Stoff. Die dunkelgrünen Sneaker mit orangenen Details, hat er ausgezogen und neben den Stuhl gestellt. Er schließt die Augen.

Es ist still, man hört nur vorbeifahrende Autos und das leise, monotone Ticken der Uhr. Andreas atmet tief ein und beugt sich mit verschränkten Händen vor, während er mit wenigen, geflüsterten Worten seiner Therapeutin erzählt, welches Thema aufkommt. Später erzählt Andreas, was in diesem Moment in ihm vorgegangen ist: „Ich war als Kleinkind in Pflege. Das ist auch ein wesentliches Thema in der Therapie, also welche Auswirkungen das auf mich hat. Da ist die Trauer, ich nenne das immer die Jämmerlichkeit.“ Wieder allein gelassen zu werden, bleibt seine Urangst. Durch die Therapie fühlt er sich aber sicher bis auf „2 Prozent, die halt die Angst bleiben“. Früher wusste er das zwar „hier im Kopf“, aber die Erkenntnis, wie sich das auf sein Empfinden ausgewirkt hat, hat ihn beeindruckt. „Früher war ich eher der Meinung, alle Menschen sind grundsätzlich gut. Inzwischen würde ich sagen, die machen schon das Beste, was sie können. Und selbst wenn jemand sein Bestes versucht, kann das Ergebnis so unzulänglich sein, dass es einfach nicht in Ordnung ist, so wie es ist.“ Immer Leistung erbringen zu müssen, ist auch zentrales Thema. Der Druck hemmt ihn manchmal, treibt ihn aber auch an. In den ersten Therapiestunden war Andreas „am Plappern“, bis er gelernt hat zu fühlen, was hier und jetzt ist und was seine Körper-Signale ihm sagen. „Ich warte ab. Dann taucht Bewegung auf und dann kann ich spüren, was da gerade passiert. Manchmal brauche ich den Kopf auch dazu nicht. Es passiert einfach was und ich bin sozusagen mit mir dabei.“

Bewegungen als authentischer Ausdruck

Sabine Koch, Professorin für Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg, untersucht die Effekte von Tanztherapie wissenschaftlich. Sie hat herausgefunden, dass die Nutzung von nicht-zielgerichteter Bewegung im therapeutischen Prozess die seelische und soziale Integration des Individuums stärken. Die therapeutischen Möglichkeiten werden erweitert, weil auch nicht verbal vermittelbare Erfahrungen zum Ausdruck kommen können. Durch Bewegung können auch vorsprachliche Erlebnisse durch das Köpergedächtnis berücksichtigt werden.

Aus einer leicht angespannten, aber kontrollierten Bewegung heraus, hält Andreas ein blaues Kissen in den Armen und beugt sich zum Boden hin. Nur die Fußsohlen und die Handflächen berühren den Boden. Er spricht an, wie er sich von den Gefühlen nach vorn gedrückt fühlt und dass er einen Druck in der rechten Seite spürt. Andreas kniet auf den Boden und legt das Kissen wieder ab, ehe er sich langsam wieder mit verschränkten Händen hinsetzt. Die Kommunikation mit seiner Therapeutin findet nur mit wenigen Worten statt. Manchmal hakt sie ein und konfrontiert ihn mit einer Frage. Beide wiederholen einen Satz, den sich Andreas später noch aufschreiben wird. Irgendwann schlägt die Kirchenuhr neun. 

Ziele bewegungsorientierter Therapie sind, das Wohlbefinden im eigenen Körper zu fördern, emotionale Erlebnisse und Konflikte zu verarbeiten und authentische Bewegung zu ermöglichen.

Hierbei erzeugt Bewegung das unmittelbarste Körperfeedback, da die Wahrnehmung und Bewegung sich gegenseitig bedingen.

Flávia Zöllin

Hierbei erzeugt Bewegung das unmittelbarste Körperfeedback, da die Wahrnehmung und Bewegung sich gegenseitig bedingen.

Flávia Zöllin

Vor zwei Jahren startete Andreas eigentlich mit einer anderen Intention in die erste Therapiesitzung. 2016 hat er sich selbstständig gemacht und arbeitet nun freiberuflich als Ingenieur. „Ich war mit meiner Arbeit ganz zufrieden. Bin ich auch immer noch. Ich könnte mir aber nicht vorstellen, einfach so noch 15 Jahre weiterzuarbeiten, also dass ich zwar arbeite, aber sich nichts bewegt.“ Da ihm Kontakt mit anderen Menschen wichtig ist, begann er die Ausbildung der Integrativen Gestalttherapie. Dazu gehört auch Lehrtherapie, um zu erfahren, wie Therapie sein kann. Damals war er sich noch nicht bewusst, was die Therapie mit ihm machen wird. „Ich bin schon längst über das Limit raus, was man machen muss an Lehrtherapiestunden. Ich bin eher so drauf geil, dass ich das alles machen darf und mir gönne. Ich muss es ja auch zahlen. Das ist der absolute, ich würde noch nicht mal sagen Luxus, aber es ist ein Geschenk an mich.“ 

Kreativtherapien sind nur bis zu einem gewissen Grad planbar und können je nach Klient*in unterschiedlich ablaufen. Andreas sagt, manchmal liege er auch auf dem Boden und heule vor sich hin. 

Der Prozess benötigt Zeit, aber nicht zwingend viele Sitzungen. Er selbst bezeichnet sich als redselig und offen. Mittlerweile erlaube er sich öfter auch mal nicht offen zu sein. Andreas habe einen Wandel von „ich bin stark, ich kann das“ zu „Ich bin auch bedürftig“ verspürt. Seine Bedürfnisse äußert er heute häufiger und entscheidet bewusst mit Rücksicht auf andere und sich selbst. „Es ist auch anstrengender zu sein, ich zu sein. Aber ich will nicht darauf verzichten. Auf das, was da drin bisher passiert ist und weiter passieren kann.“ Wenn es seinen Kindern gut geht, ist er glücklich — auch wenn sie ihn als peinlich beschreiben würden. Sich in der Therapie ganz fallen zu lassen, fällt Andreas manchmal noch schwer, oft empfindet er Scham. Aber wenn er von den Konfrontationen seiner Therapeutin Barbara profitieren will, muss er sich „anpieksen lassen und aushalten mit schmerzhaften Gefühlen in Kontakt zu kommen“. 

Eine zentrale Methode der Tanz- und Bewegungstherapie ist das Spiegeln von Bewegungen, was den Beziehungsaufbau und die soziale Interaktion fördern. Bewegungen des Gegenübers können nachgeahmt und reflektiert werden.

Manchen hilft es, mit Stühlen sich selbst und das Gegenüber darzustellen, um sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen und zu erkennen, was man eigentlich empfindet. 

Flávia Zöllin

Manchen hilft es, mit Stühlen sich selbst und das Gegenüber darzustellen, um sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen und zu erkennen, was man eigentlich empfindet. 

Flávia Zöllin

Tanzen und Camping sind seine Lieblingshobbies. Früher habe er Standard-Latein getanzt, nun ist ihm dieser Stil aber zu festgefügt, da es ein klares richtig und falsch gibt. „Inzwischen tanze ich andere Formen, die einfach frei sind, wo ich spüren kann, was gerade in mir passiert und das in den Ausdruck bringe.“ Er gesteht sich auch jenseits von Sprachgestik mehr Bewegung im Alltag zu. „Ich komme über die Bewegung ins Spüren. Und dadurch werden Gefühle klarer.“ Andreas denkt einen Moment nach. „Und die erlebe ich, manchmal erleide ich sie.“ Um sich im Alltag zu zentrieren, stützen und beruhigen, legt er eine Hand aufs Herz, die andere auf den Bauch. 

In einer Wirkfaktorenstudie haben Forschende die Wirkung von bestimmten Bewegungsrhythmen untersucht. Ein „Hüpfrhythmus“ wirkte sich auf die Steigerung von Freunde und Vitalität aus, während ein „Wiegerhythmus“ positive Effekte auf die Reduktion von Angst und Anspannung aufzeigte.

„Jedes Bedürfnis ist berechtigt und als Erwachsener kann ich es regulieren und entscheiden, welchem ich nachgehe“. Diesen Satz schreibt sich Andreas nach der Sitzung auf. Er geht immer in das gleiche Café, um zu reflektieren. Hier sinniere er einfach vor sich hin und schreibt irgendwann Gedanken auf. Zwischen klirrenden Tassen und Stuhlbeinen die vom Tisch weggezogen und wieder angerückt werden, ist Andreas ganz bei sich. Bevor er auf Fragen antwortet, schließt er manchmal fest die Augen. Trotz des regen Treibens im Café redet er leise, aber unbeirrt weiter, während er die Kaffeetasse mit beiden Händen auf aufgestützten Ellbogen hält und langsam daran nippt, wenn jemand vorbeiläuft.

„Das klingt jetzt nach einem Kalenderspruch, aber ich glaube, es gäbe mehr Liebe in der Gesellschaft und in der Welt, wenn viele sich therapeutisch heilen, vollständiger werden und damit die eigenen Nöte nicht auf andere ablassen müssen.“ Jeder habe seine eigenen Themen, meint Andreas. Auch er möchte weiter erforschen, was in ihm steckt. Vielleicht wird er noch eine Ausbildung zum Tanztherapeuten machen. „Ich wollte am Anfang gar nicht therapeutisch arbeiten, sondern meine Arbeit vertiefen und ich habe gelernt, dass ich den Wunsch habe, das zu tun. Und gleichzeitig immer wieder ganz schön Respekt davor.“

Die Wirksamkeit von Tanz- und Bewegungstherapie ist für 14 Anwendungsbereiche evidenzbasiert belegt. Unter anderem bei Schizophrenie, Demenz, Depressionen und Stress. Seit den 1980er Jahren wird Tanztherapie in Kliniken und privaten Praxen innerhalb verschiedener Altersgruppen angewendet.

Irgendwann schaut er auch wieder in sein E-Mail-Postfach und der Alltag kommt ins Rollen. Dann steigt er auf sein Fahrrad und fährt die Straße bergauf, während der Reflexionsprozess weiter nachrieselt.

* Weil es hier um sehr private Details geht, möchte Andreas nicht mit Nachnamen genannt und mit Bild gezeigt werden. Die Identität des Protagonisten ist der Redaktion bekannt.