Vor der Prüfung noch schnell einen Blick in die Literaturempfehlungen werfen? Da kommt für viele Studierende schnell ein ganzer Berg an Fachtexten zusammen. | Bild: Julia Frank

Innovation&Geld Trend Speed Reading
Schnelllesigkeit

Vor der Prüfung noch schnell einen Blick in die Literaturempfehlungen werfen? Da kommt für viele Studierende schnell ein ganzer Berg an Fachtexten zusammen. | Bild: Julia Frank

26 Jun 2020

Speed Reading bezeichnet verschiedene Methoden, mit denen man lernt, deutlich schneller zu lesen. Da das Lesepensum im Studium meist sehr hoch ist, nehmen auch immer mehr Studierende an Speed-Reading-Seminaren teil. Doch ist „High Speed“ wirklich das richtige Tempo für komplexe Fachliteratur?

Weltweit gibt es rund einhundert verschiedene Speed-Reading-Methoden. Auch Jonas Ritter, einer der bekanntesten Speed-Reading-Anbieter in Deutschland, hat seine eigene Methode entwickelt – und diese sogar schon in Harvard gelehrt. Da er als Jugendlicher einen enormen Wissensdurst verspürte, aber mit dem Lesen nicht schnell genug voran kam, brachte er sich Speed Reading damals selbst bei.  

„Wenn ich in eine Buchhandlung ging, dann hätte ich am liebsten jedes Werk, vor allem die Sach- und Fachbücher, gelesen.“ – Jonas Ritter

Doch wie beeinflussen die unterschiedlichen Methoden nun unsere Lesegeschwindigkeit? Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick darauf, was beim Lesen überhaupt passiert. 

Der Leseprozess besteht aus Phasen des Innehaltens - sogenannten Fixationen - und ruckartigen Blicksprüngen. Bei einer Fixation fokussieren wir einen bestimmten Punkt im Text. Da wir jedoch nur mit einem kleinen Bereich unseres Auges scharf genug sehen, um Buchstaben zu erkennen, identifizieren wir pro Fixation nur etwa ein bis zwei Wörter. Außerhalb dieses Bereichs nehmen wir lediglich grobe visuelle Informationen wie beispielsweise die Wortlänge wahr. 

Zum nächsten Fixationspunkt gelangen wir über einen Blicksprung. Während dieses Sprungs sind wir blind, wir können also erst beim nächsten Innehalten wieder Textinformationen aufnehmen. Die sechs bis neun Buchstaben, die dabei übersprungen werden, erschließen wir uns entweder durch den Kontext oder die bereits wahrgenommenen Umrisse der Wörter. Gelingt beides nicht, springen wir an die entsprechende Stelle im Text zurück. Diese Sprünge entgegen der Leserichtung - sogenannte Regressionen - machen circa zehn Prozent all unserer Blickbewegungen beim Lesen aus. Von einer Regression spricht man auch, wenn wir beim Lesen verrutschen und erst wieder die richtige Zeile fixieren müssen.

Bewegung ins Spiel bringen

Die meisten Speed-Reading-Methoden zielen darauf ab, Gewohnheiten abzulegen, die den Leseprozess verlangsamen. 

Bei einer populären Technik ist es jedoch genau umgekehrt: Wir haben sie im Grundschulalter erlernt, diese uns dann aber wieder abgewöhnt. Gemeint ist das Lesen mit einer Führungshilfe, etwa einem Stift oder dem Finger. Unser Auge ist von Natur aus gut darin, beweglichen Objekten mit dem Blick zu folgen und unbewegliche Objekte in der Ferne zu fixieren. Den Blick über Objekte in direkter Nähe zu bewegen, die selbst starr sind, fällt dem Auge jedoch schwer.

Nutzt man beim Lesen einen Stift, um damit Zeile für Zeile nachzufahren, vereinfacht man den Leseprozess für das Auge, wodurch man schneller lesen kann. Außerdem wird die Zahl an Rücksprüngen reduziert, was ebenfalls Zeit einspart.  

Eine sinnvolle Technik fürs Studium?

Aufgrund des hohen Lesepensums im Studium sind Speed-Reading-Seminare auch für Studierende attraktiv. Dabei zahlen sie mit durchschnittlich 350 Euro einen hohen Preis für ein zweitägiges Seminar¹. Zudem wird häufig infrage gestellt, ob sich Speed Reading überhaupt fürs Studium eignet. 

Die meisten Methoden – so ein häufiger Kritikpunkt – funktionieren nämlich vor allem bei leicht verständlichen Texten, also beispielsweise populärwissenschaftlicher Literatur.

Für Jonas Ritter ist diese Kritik zu undifferenziert. Speed Reading zu beherrschen bedeutet für ihn nicht, immer in höchstem Tempo zu lesen. Stattdessen wird vor allem das Spektrum an möglichen Lesegeschwindigkeiten erweitert, wie er im Interview erzählt.  
 

Speed Reading wörtlich verstanden, ist also nur eine von vielen Geschwindigkeitsstufen, auf die wir unseren geistigen Motor tunen können. Die Methode ist außerdem vor allem in bestimmten Situationen geeignet. Beispielsweise, um sich während einer Recherche einen Überblick über die Fachliteratur zu verschaffen. Doch wie geht man nun bei komplexen Texten vor, die man im Detail verstehen muss? Hierzu hat Jonas Ritter einen konkreten Tipp.

Wenn du nun einmal herausfinden möchtest, wie schnell du mithilfe eines Stifts lesen kannst und was dabei noch vom Text hängen bleibt, kannst du dies unter folgendem Link testen: https://www.edit-magazin.de/beispieltext-speed-reading.html