Gendern

Soldat*innen muss weg

Mein Alltag bei der Bundeswehr hat mich stärker geprägt, als ich gedacht habe.
12. Dez. 2022
Nach zwei Jahren als Fallschirmjäger bin ich zurück im zivilen Leben. In dieser Kolumne räume ich mit Vorurteilen auf und erzähle, warum die Jungs und Mädels in Flecktarn tun, was sie tun. In dieser Folge geht es ums Gendern.

Ich stehe vor dem Spiegel und bin dabei meine Haarspangen neu zu platzieren. Als jedes Haar wieder streng nach hinten gesteckt ist, erfasse ich mein Abbild mit einem schweifenden Blick: Der Kragen meiner Feldbluse sitzt, die Ränder meines Namensbands liegen an, die Dienstgradschlaufen sind gerade. Dann berührt mich eine Kameradin an der Schulter und konfrontiert mich das erste Mal mit geschlechtergerechter Sprache: „Die wollen doch ernsthaft eine weibliche Form der Dienstgrade einführen! Frau Feldwebelin, wie hört sich das denn an?“

„Die“ waren in dem Fall Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Konsorten (also AKK + K). Durchgesetzt hat sich die Idee nie. Zum Glück. Fragt man bei den Betroffenen nach, stellt man schnell fest, dass der kleinste Teil der weiblichen Truppe diese Änderung begrüßen würden. Ich kenne bis heute keine Soldatin, die sich dafür ausspricht.

Nach diesem kurzen Einwurf habe ich eine ganze Weile nichts mehr vom Gendern gehört. Kam in meiner Bubble einfach nicht an. Keine meiner Freundinnen – auch außerhalb der Bundeswehr – hat sich über ein fehlendes *innen geärgert. Dann begann für mich das erste Semester und ich hörte Leute das Sternchen, den Unterstrich, die Lücke oder was auch immer mitsprechen. Erst komisch für unerfahrene Ohren, irgendwann aber normaler. Wenn sich Menschen damit besser fühlen…

Kein Gendern auf dem Gefechtsfeld

Doch auch bei der Bundeswehr ging die Diskussion darüber los, ob man so für mehr Integration via Sprache sorgen könne. Das ging so weit, dass ein Hauptmann einen Befehl erließ, der das „Sprachgendern“ für den Ausbildungs- und Gefechtsdienst untersagte. Manch einer ist jetzt vielleicht entsetzt. Ich sage: Richtig so.

Wenn 40 Soldaten in ihren Stellungen liegen und die Fetzen fliegen, dann hat ein Zugführer keine Zeit darüber nachzudenken, ob sich alle angesprochen fühlen. Und ganz ehrlich: Wenn es eng wird und ich höre „Männer, zurück!“, werde ich sicher nicht im Dreck liegen bleiben.

Auch außerhalb des Gefechtsfelds hat Gendern bei der Bundeswehr nichts zu suchen. Nicht gegen, sondern ganz im Sinne der Integration. Man stelle sich folgende Szene vor: Der Zug steht in Reih und Glied vor seinem Hauptfeldwebel. Der beginnt einen Befehl mit folgenden Worten: „Männer… und Frauen…“ Oder in meinem Fall: „Männer und Frau…“.

Als Neuling in einem Zug ist es dein Ziel, dazu zugehören. Zu zeigen, dass du keine Sonderbehandlung brauchst. Dass du deinen Rucksack allein tragen kannst. Dass du eine Bereicherung für den Zug bist. Und dann hast du all das geschafft, nur um dann am Ende eine Extra-Ansprache zu kassieren. Die anderen Neuen sind jetzt integrierter Teil des Zugs. Du bist weiter extegriert worden.

Macht der Erinnerungen

Ich kann die Argumente von Gender-Befürwortern nachvollziehen. Sprache ist mächtig. Worte erzeugen Bilder im Kopf. Das geistige Auge verändert die Sicht auf die Welt. Aber was aktiviert denn noch Bilder im Kopf?

Erinnerungen.

Wenn ich das Wort „Soldat“ höre, erinnere ich mich an vieles. An Berichte über die Evakuierung Afghanistans. Einen cholerischen Ausbilder, der die Fensterscheiben aus ihren Rahmen pustete, weil jemand seine Stiefel nicht richtig gebunden hatte. An einen Kompaniechef, der den schneidigen Soldaten mit strengem Scheitel aus dem Bilderbuche repräsentiert.

Aber eben auch an die Aufklärungsfeldwebel beim Kommando Spezialkräfte. Eine Truppe Frauen, die die soldatische Elite dieses Landes tatkräftig unterstützt. An eine Kompaniechefin, die mit ebenso strengem Blick wie ihr männlicher Kollege 150 Soldaten kommandiert. Und eben auch an mich und mein Spiegelbild in Olivgrün.

Eine weitere Folge der Kolumne Nach Uniform kommt Unileben" findet ihr hier