Eine Sexualbegleiterin gewährt Einblick in einen außergewöhnlichen Beruf. | Bild: Natalie Krauter

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Trotz allem Lust

Eine Sexualbegleiterin gewährt Einblick in einen außergewöhnlichen Beruf. | Bild: Natalie Krauter

17 Dec 2018

Wenn es juckt, kratzt man sich instinktiv. Doch was, wenn der eigene Körper den Dienst boykottiert? Rund 10 Millionen Menschen mit Behinderungen leben in Deutschland. Viele von Ihnen verspüren ab und an dieses Kribbeln, dieses Jucken. Reden wir über Sex.

Mit dem typischen Surren eines elektronischen Schlosses geht die Tür zu einem Mehrfamilienhaus in Stuttgart auf. Die Treppen führen uns geradewegs zu einer Wohnung im ersten Stock. Eine Frau steht im Türrahmen. Sie begrüßt uns mit einem warmen Lächeln, den Kopf leicht zur Seite geneigt und bittet uns herein. Die 52-Jährige trägt schlichte, schwarze Kleidung, das ebenso schwarze Haar leicht zerzaust frisiert. Ihre silbernen Ringe an den Fingern schimmern wie die Buddha-Statuen, die einem überall in der Wohnung begegnen. Die Kerzen im Raum tauchen das Licht in ein sanftes Rot und vermitteln das Gefühl von Wärme.  

Zärtlichkeit für den Körper ist wie Luft für eine Flamme. Man braucht es, damit man aufleben kann. | Bild: Frank Wahlenmaier

Alexandra, das ist ihr zweiter Name, ist seit 18 Jahren Sexualbegleiterin. Sie hilft Menschen mit sozialen, körperlichen und geistigen Einschränkungen, Zärtlichkeit und Sexualität zu erfahren. Oft suchen ihre Klienten aber auch nur jemanden zum Reden, alles kann und nichts muss. 

„Wenn jemand im Alltag unterdrückt, dass er Nylonstrümpfe tragen möchte, dann trage ich auch Nylonstrümpfe mit ihm.“ | Bild: Frank Wahlenmaier

„Kaffee?“, fragt Alexandra. Offen und ohne große Hemmungen erzählt sie von ihrer eigenen Sexualität, wie sie damals in der Swinger Szene aktiv war und wie sie und ihr früherer Partner das erste Mal Geld für sexuelle Dienstleistungen genommen haben. „Das war niemals für den Lebensunterhalt oder als Existenzgrundlage gedacht, wir sind dann mit dem Geld in ein schickes Restaurant gegangen.“ Ihre eigene Abenteuerlust hat sie schon viel erleben lassen, wovon sie mit einem verschmitzten Lächeln erzählt.

In ihrem Leben vor der Sexualbegleitung war sie als leitende Angestellte in der Messebauentwicklung tätig, verdiente gut. Nach über 20 Jahren Betriebsangehörigkeit wurde sie wegen Umstellungen im Management ausgemustert, für Alexandra aber weder Hals- noch Beinbruch. In der Schweiz begann eine Odyssee der persönlichen Weiterentwicklung. Dort nahm sie an mehreren Wochenendworkshops des Instituts für Sexualbegleitung (InSeBe) teil. Ihr wurde bewusst, dass sie mit ihrer eigenen sexuellen Erfahrung und dem Erlernten viel Gutes bewirken kann. „Jetzt tue ich etwas, das bereichert, das anderen etwas gibt und mir umgekehrt auch.“

Die Anfrage ist groß, aber ohne ein Vorgespräch geht nichts. Immerhin müsse man sich erst einmal kennenlernen und ein Gespür für den Menschen gegenüber entwickeln. Schönheitsideale sind ihr fremd, eher der Charakter und ein respektvolles Miteinander sind für eine schöne Zeit ausschlaggebend.

Alexandra selbst hat aber bestimmte Rituale, bevor sie Besuch erwartet. Dazu gehört unter anderem, dass sie sich etwas Schönes anzieht, in dem sie sich wohlfühlt. Auf einen Tisch neben dem Bett legt sie Kondome und Spielzeug bereit. Trotzdem nichts Außergewöhnliches, ein Schlafzimmer wie aus einem Ikea-Katalog.

Ein Spielplatz der Sinne, aber auch hier gelten Regeln. | Bild: Frank Wahlenmaier

Der Beruf ist allerdings nicht für Jedermann. Lebenserfahrung und eine ausreichende Menschenkenntnis sind wichtige Kriterien für jemanden, der erwägt, diesen Beruf auszuüben, so Alexandra. Die ein oder andere prekäre Situation musste sie auch schon erfahren, ein Klient verliebte sich in sie. Drohungen und Erpressungsversuche waren die Folgen, aber auch für solche Fälle ist Alexandra gewappnet. Sie scheint eine starke, selbstbewusste Frau zu sein, die so schnell nichts aus der Bahn wirft.

Einen Zuhälter, der sie auf die Straße schickt und Geld von ihr nimmt? Diese Idee lässt Alexandra laut auflachen und den Kopf vehement schütteln.

Sie erklärt, dass sie ihre Arbeit aus freien Stücken macht und selbst entscheidet, wann und wie viele Männer sie trifft. Sie schließt es nicht aus, auch mit Paaren zu arbeiten. In der Regel hat sie zwei bis drei Treffen pro Woche. Als ihr eigener Chef setzt sie die Grenzen selbst. Schließlich muss sie sich wohlfühlen, um ihren und den Ansprüchen ihrer Klienten gerecht zu werden. Alexandra ist überzeugt davon, dass das Gegenüber es bemerkt, wenn man nicht ganz bei der Sache ist. Deswegen bleibt sie auch maximal ein paar Stunden mit einer Person zusammen, um eine gewisse Distanz zu wahren und damit ihre Klienten den Bezug zur Realität nicht verlieren. Denn Sexualbegleitung kann sich über Jahre hinweg erstrecken, sodass man eine Ersatzpartnerschaft entwickelt. „Zuneigung und Sympathie gebe ich und die ist ehrlich und wenn das jemand mit Liebe verwechselt, ist das ganz schwierig“, sagt Alexandra.

Mit circa 150 Euro pro Stunde ist diese Dienstleistung ein teures Vergnügen. In Ländern wie der Schweiz, Österreich oder den Niederlanden werden diese Kosten teilweise von der Krankenkasse bezahlt in Deutschland jedoch nicht. Alexandra findet das richtig so: „Wo ist die Krankheit daran? Also ich finde, Sexualität ist privat.“ 

Doch wie sehen das die Betroffenen? Ein zweischneidiges Schwert, wie Christian Bayerlein aus Koblenz findet. Er war selbst mehrmals in Sexualbegleitung. Als er noch weniger verdient hat, hätte er sich finanzielle Unterstützung gewünscht. Mittlerweile vertritt er die Ansicht, dass man jeden Fall individuell betrachten muss.

Der 42-jährige Diplom-Informatiker sitzt wegen spinaler Muskelatrophie im Rollstuhl. Die Signale vom Gehirn, die über das Rückenmark an die Muskeln weitergeleitet werden, können bei ihm nicht im Rückenmark verstärkt werden. Das führt dazu, dass Christian seinen Körper zwar nicht bewegen kann, ihn allerdings spürt. „Ich habe einen ganzen Körper, der sich nach Berührung und Lust sehnt, wie jeder andere Mensch auch.“ 

Über das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) kam er erstmals in Kontakt mit Sexualbegleitung. Davor hatte er zwar auch schon eine Beziehung, konnte sich aber sexuell nie wirklich frei entfalten. „Ich konnte mich nicht selber erproben. Es stand nicht auf der Agenda, Vorlieben auszuleben.“ 

Christian erzählt, dass er auch schon im Puff war, das schnelle Abfertigen seiner Person jedoch nicht den gewünschten Effekt erzielte. Bedürfnisse und Grenzen austesten? Fehlanzeige. „Das ist wie Burger essen im Schnell- oder Drei-Sterne-Restaurant. Beides hat seinen Reiz.“

Christian lässt sich trotz aller Barrieren nicht einschränken und ist mit seiner Offenheit ein Beispiel dafür, welchen positiven Einfluss Sexualbegleitung auf einen Menschen haben kann. Seine Erfahrungen haben ihm gezeigt, wer er ist und was er möchte. Das ebnete ihm einen Weg in eine stabile Beziehung.

Ja, Sexualbegleitung ist eine Dienstleistung, die man mit Geld aufwiegen kann. Die Erfahrungen und Lebensfreude die manche dadurch erleben, sind es nicht. Es scheint ein Beruf wie jeder andere zu sein, der – wenn man ihn aus Überzeugung und Leidenschaft macht – einem selbst und den Menschen, mit denen man zu tun hat, erfüllt. Aber ist es nun Prostitution oder nicht? Klar ist, dass jeder Mensch ein Recht auf freie Entfaltung hat.