Alltagsausgaben 5 Minuten

Schluck für Schluck ins Minus

Frau trinkt Kaffee
Mit jedem Schluck wird der Geldbeutel ein bisschen leerer. | Quelle: Symbolbild. Klara Appel
21. Mai 2026

Ein Drittel der Studierenden in Deutschland lebt in Armut. Gleichzeitig gehören der tägliche Kaffee und kleine Alltagskäufe für viele Studierende zum festen Ritual. Wie passt das zusammen – wenig Geld auf der einen, tägliche Ausgaben auf der anderen Seite?

„Drei Euro fünfzig.“ Architekturstudentin Jana zückt ihre Karte. Die Cafeteria ist wie jeden Morgen ihr erster Stopp in der Uni. Butterbrezel, Cappuccino – ein Ritual, das den Tag einläutet. Danach geht es ins Studio, dorthin, wo sie mit ihrer Projektgruppe arbeitet. Oder, wie sie selbst sagt: dort, wo sie mit ihrer Projektgruppe lebt. Mit vier Stunden Schlaf gilt Jana noch als ausgeschlafen. Gegen das Mittagstief folgt nach der Mensa der nächste Kaffee. Fünf Euro zwanzig. Zurück an den Tischen zwischen Skizzen und Materialien wächst nicht nur das Modell. Bald stapeln sich auch Kaffeebecher und Energydrink-Dosen. Am Abend zieht es die Gruppe in den Supermarkt. Schnell hat Jana 9,87 Euro weniger auf ihrem Konto. Für Meal Prep am Vortag bleibt keine Zeit. Wer bis drei Uhr nachts arbeitet und um acht wieder im Studio steht, zieht die Backtheke aufwendigem Vorkochen vor.

Leere Flaschen stehen vor einem Projekt.
Auf jedem Arbeitstisch stehen fast mehr leere Flaschen koffeinhaltiger Getränke, als Personen am Tisch Platz haben. | Quelle: Klara Appel
Zwei Frauen fotografieren ihr Projekt
Jana und ihre Projektpartnerin fotografieren um 23 Uhr noch ihre Arbeit für die Zwischenpräsentation am nächsten Morgen – begleitet von einer Cola, um die Müdigkeit zu bekämpfen. | Quelle: Klara Appel
Selbst im Flur ist Koffein allgegenwärtig. | Quelle: Klara Appel

In der Uni zahlt Jana immer mit ihrer Studierendenkarte. Diese ist mit ihrem PayPal-Konto verknüpft und Jana kann sie an der Mensakasse aufladen. Es geht schnell, unkompliziert und vor allem beiläufig.

Das macht die ohnehin schon finanziell schwierige Situation vieler Studierender nicht leichter. Anfang 2025 berichtet die Tagesschau, dass rund ein Drittel der Studierenden in Deutschland in Armut lebt oder als armutsgefährdet gilt. Demnach muss ein Drittel mit weniger als 800 Euro im Monat auskommen. Kaufen sich Studierende täglich einen Kaffee für drei Euro, summiert sich das im Monat auf einen Betrag, der in etwa zehn Prozent des BAföG-Satzes entspricht.

„Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und ziehen Sicherheit aus Routinen.“
Henrike Andersch, Professorin für Marketing

Henrike Andersch ist Professorin für Marketing an der Hochschule der Medien in Stuttgart und forscht im Bereich des Konsumentenverhaltens. Für sie ist dieses Konsumverhalten wenig überraschend. „Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und ziehen Sicherheit aus Routinen“, so die Professorin. Eine Alltagsgewohnheit könne einen positiven Effekt haben, indem sie einen Startpunkt für eine gewisse Abfolge darstelle. So läutet der erste Kaffee bei Jana den Tag und die Projektarbeit in der Uni ein. Doch diese Routinen kosten Geld. 

Wie stark sich kleine Beträge mit der Zeit summieren können, zeigt die 752-Regel. Bei der Regel multipliziert man einen festen wöchentlichen Betrag mit 752, um abzuschätzen, wie viel Geld in zehn Jahren zusammenkommt. Das kann motivieren oder schmerzhaft zeigen, wie viel Geld in Gewohnheiten verschwindet. Allein Janas täglicher Cappuccino mit Brezel unter der Woche würde in zehn Jahren schon 13.160 Euro kosten.

Zum Vergleich: Einen neuen VW Polo bekommt man ab rund 14.000 Euro. | Quelle: Karrierebibel, Grafik: Klara Appel

Diese Regel ist jedoch keine exakte Rechenformel, sondern nur eine grobe Näherung. Sie geht davon aus, dass man das Geld, das man sparen möchte, nicht einfach zur Seite legt, sondern anlegt. Dennoch bildet die Regel Zinseszinseffekte und mögliche Schwankungen über die Zeit nicht vollständig ab. Dazu geht sie vereinfachend von einem jährlichen Zinssatz von sieben Prozent aus.

Was ist ein Zinssatz?

Der Zinssatz zeigt, wie viel Geld du zusätzlich bekommst oder zahlen musst.

Legst du 100 Euro zu fünf Prozent Zinsen an, werden daraus nach einem Jahr 105 Euro.
Leihst du dir 100 Euro bei fünf Prozent Zinsen, musst du 105 Euro zurückzahlen.

Was ist der Zinseszinseffekt?

Beim Zinseszinseffekt gibt es Zinsen nicht nur auf das ursprüngliche Geld, sondern auch auf die bereits verdienten Zinsen. Dadurch wächst das Geld mit der Zeit immer schneller.

Beispiel bei fünf Prozent Zinsen:

  • Start: 100 Euro
  • nach einem Jahr: 105 Euro
  • nach zwei Jahren: 110,25 Euro

 

Quelle: Karrierebibel

Trotzdem bleibt die Rechnung für viele abstrakt. Axel Freudenberger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Mainz. Sein Forschungsgebiet ist die Verhaltensökonomie. Wer eine Gewohnheit umstellen möchte, so empfiehlt Freudenberger, müsse sich die Opportunitätskosten bewusst machen. Gemeint sei damit der Wert der „entgangenen Möglichkeit“, die man nicht mehr habe, weil man das Geld für etwas anderes ausgegeben habe.

Sparschweine im Kopf

Um sich Opportunitätskosten bewusst zu machen, hilft ein Blick in die Verhaltensökonomie. Dort spricht man von „Mental Accounting“, einer Art mentaler Buchführung. Hinter der Idee steckt, dass man sein Geld gedanklich verschiedenen Bereichen zuordnet, etwa für Essen, Freizeit oder zum Sparen. Das Prinzip kennen viele noch aus der Kindheit. Das erste Taschengeld wanderte ins Sparschwein, um den nächsten Kinobesuch oder ein Eis zu bezahlen. Zu Monatsbeginn helfe laut Andersch ein Blick auf das verfügbare Budget, von dem man dann feste Beträge auf die mentalen Konten übertrage. Wenn das Budget nicht mehr reicht, solle man für den Rest des Monats keine weiteren Ausgaben mehr dafür einplanen. So ließe sich vermeiden, dass man mehr Geld ausgebe, als man eigentlich möchte. Dafür empfiehlt Andersch eine einfache Überlegung: Wie viel bin ich bereit, im Monat für eine bestimmte Gewohnheit auszugeben? Dieser Betrag setze den finanziellen Rahmen. 

Hat man nun ein frei verfügbares monatliches Budget von 300 Euro, kann man dieses Geld auf unterschiedliche Weise einteilen. Eine Möglichkeit, erklärt Freudenberger, sei es, das Geld für ein konkretes Ziel zu reservieren. So möchte Jana im Juni gemeinsam mit einer Freundin auf das Southside Festival gehen. Ihre alltäglichen Ausgaben haben dadurch direkte Folgen. Jeder Kaffee wird gedanklich von dem „Festival-Budget“ abgezogen. Je konsequenter Jana an ihrer Gewohnheit festhält, desto weniger Geld bleibt am Ende für das Ticket übrig. Eine andere Möglichkeit sei, das Budget auf verschiedene mentale Konten aufzuteilen. Genau hier liege jedoch eine Falle. Wie Andersch erklärt, gehe es beim Kaffeetrinken oft nicht nur um das Getränk selbst, sondern auch um das, was damit verbunden ist: Gespräche, Pausen, gemeinsame Zeit. Das könne dazu führen, dass man sich selbst austrickst, indem man den Kaffee nicht dem Ausgabenbereich „Getränke“, sondern „Freizeit mit Freunden“ zuordnet. Plötzlich sei man bereit, einen höheren Preis zu zahlen, auch wegen der Atmosphäre im Café. Um diesen Effekt zu vermeiden, sei es laut Andersch sinnvoll, Gewohnheiten klar und konsequent einer Kategorie zuzuordnen. Nur so bleibe sichtbar, wohin das Geld tatsächlich fließe.

„Ich hole mir bestimmt drei bis vier Kaffees am Tag.“
Jana Seifriz, Architekturstudentin

Am Ende bleibt es nämlich nicht bei ein paar Euro. Janas Alltag zeigt, wie schnell das geht. Ein Kaffee am Morgen und ein weiterer am Mittag gehören für viele ganz selbstverständlich zum Tagesablauf. Solche Routinen strukturieren den Alltag, sind auf Dauer aber sehr teuer. Sie infrage zu stellen, heiße allerdings nicht, auf alles zu verzichten, sondern bewusster zu wählen, so Freudenberger. Vielleicht ist es ein Kaffee weniger am Tag, vielleicht ein anderer Umgang mit der Gewohnheit. Genau darin stecke eine Möglichkeit. Denn aus vielen kleinen Beträgen kann etwas entstehen, das langfristig bleibt. Jana liebt Kaffee. „Ich hole mir bestimmt drei bis vier Kaffees am Tag“, so die Studentin. Gleichzeitig träumt sie davon, sich eine Siebträgermaschine zu kaufen und zu Hause eine kleine Kaffeeecke einzurichten. Die passende Tassensammlung besitzt sie längst. Von vielen Reisen bringt sie sich neben Magneten auch eine besondere Tasse mit. Selbst auf dem Jakobsweg, mit nichts weiter als einem kleinen Rucksack, nahm sie zwei portugiesische Keramiktassen mit nach Hause. Eine Siebträgermaschine kostet zwar zunächst viel Geld, ist auf Dauer aber oft günstiger als die vielen Kaffees unterwegs. Und wer weiß, vielleicht schmeckt der Kaffee aus der eigenen Kaffeemaschine auch ein bisschen besser als der für „drei Euro fünfzig“.