Eine selbstgemachte Decke verziert den Flur des Frauenhauses. | Bild: Irina Finke

Reportagen Häusliche Gewalt
Milchglasfenster

Eine selbstgemachte Decke verziert den Flur des Frauenhauses. | Bild: Irina Finke

09 Aug 2019

Bunte Farben, lachende Kinder und trudelnde Erwachsene. Ein Ort, der wie viele andere zu sein scheint und doch fundamental anders ist. In dem schönen Altbaugebäude leben Frauen und Kinder, die vor häuslicher Gewalt Schutz suchen.

Wenn Suna mit ihren Freunden in einem Restaurant sitzt, redet sie nur dann über ihre Arbeit, wenn jemand sie danach fragt. „Ich sitze beim Essen und erzähle. Und auf einmal gucke ich nach oben und alle meine Freunde sitzen um mich herum und essen nicht mehr“, erzählt sie lachend. Sie sitzt in ihrem Büro, einem einladenden und offenem Raum, und berichtet aus einem Alltag, mit dem nicht sehr viele Leute vertraut sind. Nahe geht ihr die Arbeit nur noch in manchen Fällen, erklärt sie, während sie die selbstgemalten Bilder an der Wand betrachtet. Überall sind bunte Farben, die großen Fenster lassen viel Tageslicht herein und das leise Geräusch spielender Kinder hallt durch die Flure. Die letzte Option, Zufluchtsort, Zuhause: ein Frauenhaus.

Ein Haus wie jedes andere

Suna und ihre Kolleginnen arbeiten mit Frauen und ihren Kindern, die Zuflucht vor häuslicher Gewalt und Misshandlung suchen. Die meisten bleiben zwischen einem und sechs Monaten, selten bleiben sie bis zu ein Jahr. Im Laufe der Zeit ist die Zahl der Frauen, die aufgenommen wurden, gesunken. Dies läge vor allem daran, erklärt Suna, dass die Frauen länger bleiben als früher. Je länger die Frauen in der sicheren Unterkunft bleiben, desto unwahrscheinlicher sei es, dass sie wieder in eine Gewaltlage kommen.

Elf Plätze für Frauen und sieben Plätze für Kinder gibt es, verteilt über drei Etagen. Optisch erinnert das Frauenhaus an eine Jugendherberge: PVC-Boden, Gemeinschaftsräume, nummerierte Zimmer. An vielen Wänden hängen Poster, Broschüren oder Kunst. Auch einen kleinen Garten gibt es. „Der Außenbereich ist bei den Frauenhäusern meistens sehr wichtig, weil es immer Bewohnerinnen gibt, die nicht aus dem Frauenhaus raus können. Das geht dann aus Sicherheitsgründen nicht, oder sie wollen sich nicht länger draußen aufhalten, weil sie Ängste haben“, erklärt Suna. Hier können die Mütter, die wollen, einfach mal rauskommen und mit ihren Kindern Zeit verbringen. Die Kleinen sollen die Gelegenheit bekommen, einfach Kind zu sein. Sie sollen angstfrei sein und sich den Frust und die Angst von der Seele spielen können, meint Suna. Sie spricht in einem sanften Ton von den Frauen und Kindern, die sie im Frauenhaus kennengelernt hat. Sie scherzen miteinander, wenn sie sich auf dem Flur über den Weg laufen. Suna begegnet ihnen auf Augenhöhe, lacht viel, fragt sie nach ihrem Tag und erkundigt sich nach dem, was sie noch vorhaben.

Laut Suna bilden die Frauen untereinander ein starkes Netzwerk. Vor allem sei es wichtig, dass die Frauen merken, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind. Sie schließen Freundschaften, tauschen sich aus, helfen sich gegenseitig. Es gibt Hausdienste und ein gemeinsames Frühstück, zu dem alle kommen können. Diese Gemeinschaft hilft den Frauen, wieder Normalität zu erfahren, sagen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses.

„Frauen haben keine Lobby.“

Doch damit die Frauen und ihre Kinder von den Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Schutz, Beratung und Unterstützung bekommen können, müssen sie eines finden, dass noch Plätze frei hat.

Auf einer Informationswebsite im Internet können Frauen, die Schutz vor häuslicher Gewalt suchen, auf einer Karte sehen, wie voll die Frauenhäuser im jeweiligen Bundesland sind. Ein Ampelsystem zeigt an, ob die Frauenhäuser aktuell freie Plätze haben, fast voll belegt oder komplett ausgelastet sind. 182 Frauen musste das Frauenhaus, in dem Suna arbeitet, 2018 ablehnen. Denn deutschlandweit suchen circa 10.000 Frauen und genauso viele Kinder Zuflucht vor Gewalt in der Familie. „Es gibt auch Zeiten, wo hier in NRW alles rot ist. Es gibt auch Zeiten, wo wir von anderen Bundesländern Anrufe bekommen, weil die Frauenhäuser alle voll sind. Wir haben einfach viel zu wenige Plätze“, berichtet Suna kopfschüttelnd.

Wieso es immer zu wenig freie Plätze und zu wenig finanzielle Mittel gibt, ist für Suna klar.  „Ganz einfach: politischer Wille.“ Gelder gebe es genug, die Frauenhäuser würden nur nichts davon abbekommen. Laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2017 über Partnerschaftsgewalt versucht jeden Tag ein Ehemann, seine Frau umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt es. „Wäre das eine Krankheit, dann würden Millionen fließen, aber Frauen haben keine Lobby“, kritisiert Suna.

Auch die Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen stelle ein Hindernis dar. Das Land stellt ca. 65 Prozent der Gelder, die in Suna’s Fraunehaus für Personalstellen eingesetzt werden. Der Tagessatz, der für eine Person die Kosten für einen Tag im Frauenhaus deckt, wird mit der Stadt vereinbart. Wenn die Frauen diesen Tagessatz nicht selber decken können, müssen sie zu verschiedenen Ämtern, um Leistungen zu beantragen. Sie können zum Beispiel Gelder bei dem Jobcenter ihrer Stadt anfragen, welches eine gemeinsame Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit und eines kommunalen Trägers ist und somit auch auf Bundesebene agiert. Manche Frauen fallen hier leider durch das Raster, meint Suna. Studentinnen zum Beispiel haben keinen Anspruch auf Leistungen vom Arbeitsamt, durch die ihr Aufenthalt im Frauenhaus finanziert werden könnte.

Einmal im Monat kommt die Landesarbeitsgemeinschaft der autonomen Frauenhäuser zusammen und redet über die politischen Aspekte ihrer Arbeit. Die Finanzierung ist dort immer Thema Nummer eins. Was von Bund und Land nicht gedeckt werden kann, wird über Spenden finanziert. Sowohl gewerbliche als auch private und Sachspenden empfängt das Frauenhaus. Auf dem Weg in den Keller erklärt Suna, dass sie mit dem Sortieren der Sachspenden nicht mehr hinterherkommen. Der dunkle Kellerraum, in dem die gespendeten Kleider lagern, ist so überfüllt, dass man kaum noch hindurch laufen kann. „Viele wollen helfen“, sagt Suna, während sie erzählt, dass bald wieder jemand vorbeikommen will, um die Spenden zu sortieren.

Patriarchalismus

Neben Hilfestellung bei der Finanzierung des Aufenthalts werden die Frauen bei der Gestaltung eines gewaltfreien Lebens unterstützt. Bei Beratungsangeboten soll den Frauen dabei geholfen werden, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. „Der Aufbau einer Existenzgrundlage der Frauen steht immer im Vordergrund“, erklärt Suna.

Oft seien Machtgefälle zwischen den Ehemännern und ihren Ehefrauen die Ursache für häusliche Gewalt. Diese seien bedingt durch gesellschaftliche- und politisch-patriarchische Strukturen - egal ob in der deutschen oder einer ausländischen Kultur, meint Suna. „Es ist ganz klar: Das gibt es überall.“ Doch nur mit dem Blick auf Frauenhäuser pauschal etwas über die Opfer häuslicher Gewalt zu sagen, gehe nicht. Suna erzählt von vielen Frauen, die kein Netzwerk haben, durch das sie Unterstützung und Schutz bekommen können.  Sie haben auch oft nicht die finanziellen Mittel, ohne die Hilfe anderer aus ihrer Gewaltsituation zu entkommen. Die Frauen jedoch, die ein Netzwerk und Geld zur Verfügung haben, tauchen selten im Frauenhaus auf.

Immer und überall sicher sein

Die Art, wie viele Medien mit dem Thema ‚Gewalt gegen Frauen‘ umgehen, missbilligt Suna: „Es ist immer die Schuld der Frau.“ Was helfen würde, wäre mehr Präventionsarbeit. Suna und ihre Kolleginnen gehen in Schulen, um mit Kindern schon früh über Gewalt, die Vermeidung und Verarbeitung von Misshandlung zu sprechen. „Eigentlich müsste in den Schulen von der Grundschule an im Unterricht das Thema behandelt werden“, findet sie. Auch habe sie schon von Polizisten gehört, die oft mit Situationen häuslicher Gewalt überfordert sind. Frustrierend sei es zum Beispiel für alle Beteiligten, wenn die offensichtlich misshandelte Frau kein Deutsch spricht und der Misshandler als Dolmetscher agiert. Während Suna redet, wandert ihr Blick aus dem Fenster. Doch heraussehen kann man nicht. Alle Fenster des Frauenhauses, durch die jemand hineingucken könnte, sind aus Milchglas. Egal, wo man hinguckt: man merkt immer, dass dies eine Festung der Sicherheit ist.

Doch in seltenen Fällen kann leider nicht einmal das Frauenhaus genug Schutz bieten. Suna erzählt, dass in den 40 Jahren, in denen das Frauenhaus in Betrieb ist, zwei Frauen umgekommen sind. Eine davon wurde sechs Wochen lang betreut und dachte, dass es für sie sicher wäre, wenn sie mit ihrer erwachsenen Tochter zu ihrem ehemaligen Zuhause geht, um ein paar Sachen abzuholen. Ihr Misshandler jedoch ließ sich nicht davon abhalten, dass seine Tochter vor Ort war und erstach die Mutter. „Ich glaube, dass der Mann in diesem Moment wirklich nicht wusste, was er macht, weil da so viel Hass, so viel Wut war“, überlegt Suna. „Eigentlich ist er ja die Person, die von diesem Menschen abhängig ist. Die sehen die Frau wirklich als Eigentum.“ Das würden die Misshandler in dem Moment bemerken, in dem sie von ihrem Opfer verlassen werden, meint sie.

„Wenn du noch Fragen hast und nicht weiterkommst, oder du irgendwas brauchst“, sagt Suna, „dann kannst du mich immer anschreiben oder anrufen.“ Sie öffnet die Haustür und die Geräusche des Frauenhauses gehen im Lärm der Straße unter. Niemand würde ahnen, dass das große, unscheinbare Gebäude ein Frauenhaus ist. So leben die Bewohnerinnen ihr neues, hoffentlich gewaltfreies Leben: direkt vor den Augen der Öffentlichkeit und doch ungesehen.