Überfüllte Strände sind in Europa keine Seltenheit ... | Bild: Paulina Lehhardt

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Touristen – eine lästige Notwendigkeit?

Überfüllte Strände sind in Europa keine Seltenheit ... | Bild: Paulina Lehhardt

15 Jun 2018

Paradiesische Strände ohne eine Menschenseele, keine Warteschlangen vor Museen, die Stadt erleben und entspannen. Für viele Touristen ist dies ein Wunsch für die schönste Zeit des Jahres, jedoch sieht es in der Realität oft anders aus. 

Oft findet man als Urlauber in Europa überfüllte Strände, lange Wartezeiten und alles andere als Entspannung vor. Von dem Land und der Kultur bekommt man dann nicht mehr viel mit. Wenn solche Situationen auftreten, spricht man von „Overtourism“ oder auf Deutsch von Massentourismus. Das bedeutet, es sind einfach zu viele Touristen an einem Ort. Dabei gibt es für „zu viele“ keine definierbare Größe. Es zählt die Anzahl der Touristen im Vergleich zu den Kapazitäten, über die ein Reiseort verfügt. Eine große Stadt hätte somit weniger Probleme mit fünf ankommenden Kreuzfahrtschiffen als eine kleine Stadt wie Venedig, erklärt Prof. Dr. Kirgstes, Direktor des Institutes für innovativer Tourismus und Freizeitwirtschaft an der Jade Universität in Wilhelmshafen.

„Der Massentourismus ist ein Effekt der freiheitlichen Gesellschaftsordnung in Europa. Dazu gehört auch die Reisefreiheit.“ – Prof. Dr. Torsten H. Kirstges

Doch das Problem besteht nicht erst seit gestern. Es ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Laut Prof. Dr. Jürgen Schmude, Inhaber des Lehrstuhls für Tourismusforschung an der LMU in München, ging es in den 80-er Jahren vor allem darum, wie viele Menschen ein Strand benutzen können. Heute ist es nicht mehr nur der Strand, der ein beliebtes Urlaubsziel geworden ist, sondern auch die Städte oder Häfen für Kreuzfahrtschiffe. Dabei kommen immer mehr soziale, ökologische und ökonomische Probleme auf: Die Einheimischen, wie auch die Touristen selbst, fühlen sich vom Tourismus überrannt. Die Wohnräume werden als Ferienwohnung zweckentfremdet. Es entsteht Knappheit auf dem heimischen Wohnungsmarkt. Dadurch steigen die Mieten sowie die Lebenshaltungskosten immer weiter an. Auch das Flair einer Stadt wird durch touristische Attraktionen ersetzt. Dadurch werden zum Beispiel die Supermärkte für Einheimische in der Innenstadt durch Souvenirläden verdrängt. 

Welche Orte sind betroffen?

Bei Overtourism sind jedoch nicht ganze Städte oder Regionen betroffen, sondern nur die touristischen Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel der Eiffelturm in Paris, der Mailänder Dom und die Historische Altstadt in Dubrovnik, die durch die Serie „Games of Thrones“ bekannt wurde. In Europa gibt es verschiedene Städte, bei denen der Massentourismus deutlich sichtbar ist.

Fahre mit der Maus über die Karte, um mehr zu erfahren. 

Von Massentourismus betroffene Städte in Europa

Wie regeln die Städte das Problem?

Da die Städte von dem Tourismus leben, kann man ihn nicht komplett verbieten. Jedoch versuchen einige Touristenmetropolen, die Einheimischen zu schützen und den Tourismus zu lenken. Eine einheitliche Lösung, um den Tourismus einzudämmen, gibt es jedoch nicht. Jede Stadt muss ihre eigene Strategie für ihre Touristen entwickeln. In Venedig zum Beispiel gibt es hauptsächlich Kultur- und Kreuzfahrttouristen. In Dubrovnik jedoch sind die Mehrzahl der Touristen sogenannte „Filmtouristen“. Damit der Besuch der historischen Altstadt weiterhin ein Erlebnis für alle Touristen ist, dürfen nur noch 4.000 Besucher am Tag in die Altstadt von Dubrovnik. Auf Mallorca gibt es einen Zonenplan gegen die Wohnungsknappheit. Dieser gibt vor, wie viele Touristen in einem Stadtbezirk unterkommen dürfen. Je nach Region dürfen Wohnungen nur teilweise oder gar nicht als Ferienwohung vermietet werden. Ziel ist es, wenig besuchte Regionen zu fördern und überlaufene Bereiche zu entlasten.

„Städte haben theoretisch eine Vielzahl möglicher Strategien: zeitliche und räumliche Lenkung, Beschränkungen, Preissteuerung et cetera.“ – Prof. Dr. Jürgen Schmude

Was man selbst gegen Massentourismus tun kann:

Auch die Touristen selbst können etwas gegen den Massentourismus tun. Es gibt Apps von Sehenswürdigkeiten, die es ermöglichen, sich über die aktuellen Wartezeiten einer Sehenswürdigkeit zu informieren. So kann jeder Tourist seine Ausflüge genau planen und Zeit sparen. Auch eine Reise zur sogenannten Hauptsaison sollte vermieden werden. Wenn ein Urlauber jedoch nur zur Hauptsaison reisen kann, sollte er darauf achten, nicht nur die Hotspots zu besuchen.  

Um den Urlaub für alle so angenehm wie möglich zu gestalten, empfiehlt Prof. Dr. Jürgen Schmude, sich als Tourist genau so zu verhalten, wie er als Einheimischer auch behandelt werden möchte.

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Prof. Dr. Jürgen Schmude ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians Universität (LMU) in München. Er ist außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT).

Prof. Dr. Torsten H. Kirstges ist Fachdozent für das Management der Reiseveranstalter und Reisemittler sowie Ökologie im Tourismus und Direktor des Instituts für innovative Tourismus- und Freizeitwirtschaft an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven.