Für Leonora (3) war es bis jetzt nie ein Thema, dass sie keinen Papa hat. „Ich hätte erwartet, dass die Frage jetzt schon mal kommt“, sagt Hanna. Es ist ein warmer Freitagvormittag, Hanna hat es sich am Tisch mit einer Tasse Kaffee bequem gemacht, wo noch Marmelade und Butter stehen. Von Leonoras Frühstück. Und Hanna, die noch nichts gegessen hat, erzählt. „Sie weiß ja, dass ich einen Papa habe, aber sie hat diesen Transfer zu sich noch nicht gemacht. Oder entschieden, dass das im Moment nicht wichtig für sie ist.“ Hanna ist Solomama. Eine Singlefrau, die durch künstliche Befruchtung und Samenspende ein Kind bekommen hat.
Eigentlich kommt Hanna aus Tübingen. Wächst als ungeplantes Einzelkind auf. Nach Hannas Geburt arbeitet ihre Mutter Vollzeit weiter, heiratet Hannas Vater erst, als Hanna 18 wird. Wegen der Steuer. „Ich hatte nie den Eindruck, dass sie aus mir eine Feministin machen will. Aber sie hat es vorgelebt“. Als Hanna erfährt, dass auch sie ein Mädchen bekommt, freut sie sich riesig. „Am Ende wäre ein Bübchen auch fantastisch, aber insgeheim habe ich mir ein Mädchen gewünscht“, ergänzt sie. Hanna weist auf ihre Ahnengalerie.
Hanna ist 26, als sie sich das erste Mal ein Kind wünscht. Es ist 2012 und auf RTL Zwei läuft „Teenie-Mütter“ und „Kleines Wunder – großes Glück“. Gerade ist Hanna nach Düsseldorf gezogen, fängt bei einer Unternehmensberatung als Assistenz an. Fast acht Jahre ist sie da schon mit David* zusammen. Zu früh kennengelernt und viel zu lang behalten, quittiert sie. Die große Liebe ist es nicht. „Aber wir mochten uns, wir kamen gut miteinander klar.“ Zwischen Hanna und David stehen Kinder nie zur Debatte. „Am Ende bin ich ihm systematisch und sehr lange fremdgegangen“, erklärt Hanna. Es ist dieser eine Arbeitskollege, 14 Jahre älter, verheiratet. Es beginnt bei freundschaftlichen Geschäftsessen, später tarnen Dienstreisen die Affäre. Davor hatte sie auch ein Sexleben, sagt Hanna. „Aber es war einfach schlecht“. Irgendwann gibt sie sich keine Mühe mehr, die Affäre zu vertuschen. David kommt ihr auf die Schliche. 2016 ist Schluss.
Endstation Eierstock
Februar 2022: Als Hanna die Kinderwunschklinik in Grevenbroich das erste Mal betritt, ist sie nervös. „Ich hatte das Gefühl, ich muss mich jetzt beweisen, ich muss rechtfertigen, warum ich das will“, erzählt sie. In Deutschland können Kinderwunschkliniken selbst entscheiden, ob sie Single Frauen behandeln. Hanna ist jetzt 36 und seit gut einem Monat hat der Bluttest endlich eine Erklärung geliefert. Eine Erklärung dafür, warum Hanna trotz guter Timings seit anderthalb Jahren nicht schwanger wird von ihrer Affäre. Ihr AMH-Wert liegt bei 0,26. Auf Deutsch: Ihre Eizellreserven gehen zu Neige. „Und dann saß ich da. Was mache ich denn jetzt?“ Eigentlich, als sie sich 2020 die Wohnung bei Düsseldorf gekauft hat, dachte sie angekommen zu sein. Jahre des Ans-Limit-Gehens liegen zurück. Sie wollte raus aus der Assistenzrolle. Hat deshalb einen berufsbegleitenden Master in Wirtschaftspsychologie absolviert. Hanna bekam eigene Projekte, Kunden in München, in Hamburg. Irgendwann konnte sie nicht mehr, wechselt in die Personalentwicklung bei einer Mediaagentur. Jetzt, wo die Arbeit entspannter läuft, wird der Gedanke an ein Baby immer lauter.
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Als Hanna dann von Solomutterschaft liest, weiß sie sofort: Das passt. Schließlich läuft ihr gerade die Zeit weg. Sie macht kein Geheimnis aus ihren Plänen. „Es war für alle nachvollziehbar. Zu dem Zeitpunkt war ich auch echt schon lang allein“. Von der Affäre weiß kaum jemand. Der Einzige, der zweifelt, ist Hannas Vater: „Er hat gezögert, ob er das ethisch richtig findet.“ Bei Kindern von Solomüttern zeigt eine US-ameraikanische Studie der National Institutes of Health (NIH) keine erhöhte Rate psychischer Störungen im Vergleich zu Kindern anderer Familienformen. „Aber er hat dann zügig entschieden, dass die Kinderseele dahin kommt, wo sie hinkommen soll. Und dass das mit einem Mann nicht zwangsläufig zu tun haben muss, wenn es medizinisch andere Wege gibt“, ergänzt Hanna. Bevor sie versucht schwanger zu werden, geht Hanna oft auf Dates. „Ich hatte natürlich auch meine One-Night-Stands und Typen, wo ich dachte, du bist eigentlich ganz cool“, erzählt Hanna, „dann haben sie einen doch geghostet“. Den Kinderwunsch von der Partnersuche zu entkoppeln, fühlt sich gut an.
A wie Augenfarbe
Als die Kinderwunschklinik zusagt, kratzt Hanna ihre Finanzen zusammen. „Andere Solo-Mütter haben Jahre gespart“, erklärt sie, aber dafür bleibt keine Zeit. Bei der European Sperm Bank sucht sich Hanna einen Samenspender aus. Auf der Website der ESB reihen sich Steckbriefe aneinander, auf jedem das Bild eines Jungen. Kinderfotos der Männer, die an die ESB spenden. Sie heißen dort „Jupiter“ oder „Aesop“. Und man kann filtern, nach Körpergröße, Augenfarbe, Ethnizität und so weiter. Hanna achtet auf einen europäischen Look, eine gute Bildungshistorie. Sie sucht „jemanden, den ich im Prinzip auch daten würde“. Drei Samenhalme bestellt sie in ihre Klinik. Heute hat Leonora fünf Halbgeschwister. Zwei leben in Island, bei einem lesbischen Paar. Die anderen wohnen in Hamburg und Berlin, bei Solomamas. Schon als sie schwanger wurde, hat Hanna in einer Facebook Gruppe nach Spendergeschwistern ihrer Tochter recherchiert. „Wir haben ein Treffen geplant, wenn die Kinder etwas älter sind“, erzählt Hanna.
Z wie Zytoplasma
Im März 2022 beginnt die Behandlung. Geplant ist eine Intrauterine Insemination, kurz IUI. Dabei werden Spermien zum Zeitpunkt des Eisprungs durch einen Katheter vaginal in die Gebärmutter befördert. Für die Behandlung muss Hanna ihren Zyklus mit Hormonen ankurbeln.
Als Hanna nach dem ersten Versuch ihre Periode bekommt, hat sie schon ein bisschen damit gerechnet. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer IUI schwanger zu werden, beträgt pro Zyklus zwischen drei und 20 Prozent. Enttäuscht ist sie trotzdem. Als auch der zweite Versuch scheitert, macht sie eine Pause. Die Klinik hat gerade keine Termine frei. Und ihr Zyklus ist durcheinandergeraten. Hanna hat noch ein Spermaprobe. Sie entscheidet, die Methode zu wechseln. Jetzt spritzt sie sich die dreifache Menge Follikelstimulierendes Hormon. Sieben Eizellen werden ihr abgesaugt. Fünf davon sind reif. Vier lassen sich befruchten. Bei der Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI, injiziert man ein Spermium händisch ins Zytoplasma der reifen Eizelle. Die Zygote lässt man bis zu fünf Tage reifen. Zwei der vier befruchteten Eizellen gedeihen gut genug, um sie in Hannas Gebärmutter zu überführen. Zur Sicherheit lässt sie sich beide einsetzen.
Rund 12.000 Euro hat Hanna für ihre Kinderwunschbehandlung ausgegeben. In Deutschland übernimmt die Krankenkasse bis zu 50 Prozent der Behandlungskosten, allerdings nur bei verheirateten Hetero-Paaren. Bund und Länder bezuschussen obendrauf bis zu 25 Prozent des Eigenanteils, in manchen Bundesländern sogar mehr. Kommt eine Samenspende ins Spiel, subventioniert weder Krankenkasse noch Staat. Singles und lesbische Paare müssen deshalb selbst für die Kosten aufkommen. Im Nachhinein konnte Hanna allerdings etwa 3.000 Euro von der Steuer absetzen, wegen außergewöhnlicher Belastung nach Paragraf 33 des Einkommensteuergesetzes.
Vier Wochen zu früh
Es ist die Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 15. März 2023. Hanna ist hochschwanger, der Geburtstermin in vier Wochen. Aber das, was da ihre Matratze durchtränkt, riecht neutral. Kein Urin. Sie bestellt einen Krankenwagen. Eigentlich wollte sich Hanna am Sonntag von ihrem Ex-Freund nach Stuttgart chauffieren lassen, vorübergehend bei ihren Eltern einziehen. Sie hat sich in der Filderklinik angemeldet. Jetzt reist sie mit einem Krankenwagen ins Lukaskrankenhaus bei Düsseldorf. 30 Stunden später kommt Leonora zur Welt. Die Woche darauf befördern ihre Eltern die kleine Familie zu sich nachhause. Wenig später siedelt Hanna endgültig nach Stuttgart über, findet eine Wohnung, ergattert eine 60-Prozent-Stelle. Sie beendet die Elternzeit vorzeitig. Zwei Monate lang kümmern sich ihre Eltern, während Hanna arbeitet. Seit März 2024 darf Leonora in den Waldorfkindergarten. Hanna hat direkt aufgestockt, macht seitdem 32 Stunden die Woche. Inzwischen haben Hannas Eltern eine Sorgerechtsverfügung für Leonora. Falls Mama was passiert.
Wenn Leonora 16 wird
In Stuttgart hat Hanna viele Freunde. Sie ist Vorstand im Kindergarten. Trifft sich mit anderen Solomamas. Einmal die Woche geht sie abends tanzen, dann passt die Babysitterin auf. Trotzdem wünscht sich Hanna manchmal, dass da jemand wäre. „Jemand, der auch so neugierig ist wie ich und einfach Bock hat, Dinge gemeinsam zu entdecken und zu erleben“. Hanna sagt, manchmal wäre es schön, wenn sie nicht immer nur mit ihren Eltern in den Urlaub fahren müsste. Ob sie mit ihrer Affäre eine Beziehung führen könnte? „Der Sex ist intergalaktisch. Und das bis heute, nach 14 Jahren. Aber er ist verheiratet. Und ich glaube, er würde mit meinem Chaos absolut nicht zurechtkommen“. Leonora und er verstehen sich gut. „Er findet sie einfach Zucker, und sie mag ihn auch“, sagt Hanna. Manchmal schickt er ein Geschenk für Leonora. Manchmal, wenn Hanna mit ihm telefoniert, gibt sie das Handy an Leonora weiter. Hanna gestaltet ein Bilderbuch, mit KI. Wenn Leonora anfängt zu fragen, wird Hanna ihr damit erklären, dass sie keinen Papa hat. Dass es da einen Mann gab, den Samenspender, der Mama geholfen hat. „Ich will, dass sie eine Geschichte erzählen kann, hinter der sie steht und die sich für sie richtig anfühlt“. Seit 2018 sind anonyme Samenspenden durch das Samenspenderregistergesetz verboten. 2039, wenn Leonora 16 wird, kann sie beim Samenspender-Register die Identität ihres Spenders erfragen.
*Den Namen von Hannas Ex-Freund hat die Redaktion zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte geändert.
Weiterführende Quellen
Zur Rechtslage von Solomutterschaft in Deutschland: Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz im Hessischen Ärzteblatt 9/2021
Kinderwunschförderung in Deutschland: Informationsportal Kinderwunsch