„Ich habe mich im Büro nicht gesehen"
Du warst schon Barista, Wasenmitarbeiter und arbeitslos, jetzt hast du dein eigenes Kampfsportstudio. Fühlst du dich angekommen?
Ich fühle mich auf jeden Fall angekommen. Es macht jeden Tag Spaß aufzustehen und ich habe richtig Bock, das hatte ich so noch nie. Früher habe ich mir zu große Ziele gesteckt und aus den Augen verloren, deshalb stecke ich mir jetzt kleinere Ziele. Irgendwann wäre es aber schon schön, davon leben zu können.
Andi's Studio „Kaos” ist ein BJJ (Brazilian Jiu-Jitsu) Gym - das ist eine Kampfsportart, bei der es um Kontrolle, Würfe und Bodenkampf geht. Ziel ist es, den Gegner durch Hebel oder Würgegriffe zum Aufgeben, dem sogenannten „Tap”, zu bringen. Andi bringt die Techniken dabei vor allem über Games bei. Sie sind so konstruiert, dass nicht alles direkt funktioniert und durch trial and error „Aha” Momente entstehen. Die Themen rotieren dabei je nach Woche. In einer wöchentlichen „Top to Bottom” Einheit, wird im Stand gestartet und die Positionen zum Boden hin durchgegangen. So sollen seine Schüler*innen zu gut abgerundeten Kämpfer*innen werden, die Instinktiv im Kampf Probleme lösen können.
Gehen wir mal zurück zum Anfang. Wie würdest du deine Schulzeit beschreiben?
Sehr negativ von Gewalt geprägt. Ich hatte große Probleme, mich im Unterricht zu integrieren, vor allem auf der Hauptschule. Und meine Noten waren auch dementsprechend.
Was meinst du mit gewaltgeprägt?
Am ersten Tag in der Hauptschule bin ich von einem Typ angerempelt worden auf dem Schulflur. Und dann habe ich meine Fresse nicht halten können, wie ich halt bin. Er hat mich angerempelt und gesagt, „Was rempelst du mich an du kleiner Bastard.“ dann habe ich gesagt, „Was willst du, du Hurensohn?“ und dann habe ich direkt nach der Schule von fünf Leute auf die Fresse gekriegt. Und so hat es sich durchgezogen. Irgendwann habe ich gemerkt, okay, ich muss, um kein Opfer zu sein, extrem gewalttätig sein.
Wie ging es nach der Schule weiter?
Ich habe erstmal einen Monat gechillt. Das fand mein Vater gar nicht cool. Weil die so eine Schafferfamilie sind, alle Gastro und was weiß ich was, immer schuften. Meinen Eltern gehört in Aalen, wo ich auch aufgewachsen bin ein Hotel-Restaurant.
Wie war damals die Beziehung zu deinen Eltern?
Als Kind sehr gut. Wo ich bisschen schwieriger wurde, war es dann nicht mehr so cool, da waren meine Eltern auch ziemlich streng. Vor allem als Teenie war das Verhältnis Katastrophe.
Wolltest du auch in die Gastro?
Ursprünglich nicht. Nicht, weil ich es komplett scheiße fand, sondern weil ich gesehen habe, wie viel meine Eltern arbeiten. Und eigentlich hatte ich mal überlegt, vielleicht was mit Kochen zu machen. Aber mein Vater hat so Druck gemacht, wegen diesem Monat Pause. Er hat gesagt er schmeißt mich raus, wenn ich nichts mache. Mit 15, da weiß man einfach noch gar nicht, was man machen soll. Also habe ich mich auf Druck in einem Hotel beworben, in Heilbronn. Ich habe aber keine Kochausbildung gemacht, sondern Hotelfach, weil ich nicht das Gleiche machen wollte, wie mein Vater.
Bist du dafür nach Heilbronn gezogen?
Ja, da habe ich mit einem 25-Jährigen zusammengewohnt, der jeden Tag gekifft hat. Wir haben eigentlich nichts anderes gemacht als die ganze Zeit arbeiten, feiern, saufen. Wir waren fünf bis sechs Tage arbeiten, zum Teil auch manchmal 20 Stunden.
Hast du die Ausbildung dort fertig gemacht?
Nein, irgendwann wollte ich dort weg, aber weil ich nicht volljährig war, brauchte ich das Einverständnis meiner Eltern. Da hat mein Vater gesagt, du machst einfach das letzte halbe Jahr bei mir fertig. Also bin ich wieder daheim eingezogen, da wurde unser Verhältnis auch wieder besser. Sobald ich die Ausbildung dann fertig hatte, bin ich nach Stuttgart gezogen.
Wie verstehst du dich heute mit deinen Eltern?
Mittlerweile gut. Es ist nicht das Verhältnis, was ich zu meinen eigenen Kindern haben möchte, aber ich denke das ist bisschen ein Generationsding und dem geschuldet, wie mein Vater aufgewachsen ist, weil er selbst kein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hatte.
Was hast du in Stuttgart gemacht?
Ich habe zwei Jahre in einer Bäckerei gearbeitet, als stellvertretender Filialleiter. Weil ich halt aus der Gastro komme und bei meinen Eltern viel gemacht habe, so mit Planung und halt in diesem Hotelfach Ausbildung hatte. Danach habe ich meine Realschule nachgeholt. Da war ich 22. Als ich fertig war, habe ich im Espressoladen am Rathaus gearbeitet, Vollzeit. Weil ich echt keinen Bock auf Schule hatte, obwohl ich gleich danach eigentlich weitermachen wollte. Ein Jahr später habe ich dann aber meinen Betriebswirt mit Fachhochschulreife gemacht.
Und wann hast du mit Kampfsport angefangen?
Mit 23.
Wie bist du dazu gekommen?
Ich habe kurz Wing Tsun probiert, das fand ich scheiße, da war kein Sparring involviert. Am Rathaus war ein Kampfsportstudio, da bin ich dann reingeschlappt und habe mitgemacht. Davor habe ich keinen Sport gemacht, nur geraucht, gesoffen, die ganze Zeit gefeiert.
Hast du nach dem Betriebswirt wieder gearbeitet?
Ja, ich bin zurück zum Espresso-Laden. Da hatte ich Ideen, die ich einbringen wollte. Erst waren alle überzeugt, dann hieß es auf einmal „Nee, doch nicht.“. Das hat mir ein bisschen den Wind aus den Segeln genommen. Das war das erste Mal, dass ich so richtig krank gemacht hab, obwohl ich nicht krank war. Und dann haben sie mich im Endeffekt auch gekündigt. Wo ich aber gar nicht so traurig drüber war, ich habe mein Arbeitslosengeld gekriegt und dann auch ein Jahr lang komplett arbeitslos durchgezogen.
Und nach dem Jahr ?
Da habe ich angefangen auf dem Wasen zu arbeiten, das habe ich dann fast zehn Jahre gemacht. Letztes Jahr war das erste Mal, dass ich keinen Wasen gemacht hab. Nebenbei habe ich auch bei meinen Eltern ein bisschen gejobbt. Ich war so halb arbeitslos, habe nur das Minimum gemacht, einfach um durchzukommen. Ich hatte irgendwie gar keinen Bock, oder Ambitionen, irgendwas anderes zu machen und habe mich einfach im Büro nicht gesehen.
Gab es nichts, was du machen wolltest?
Naja, ich habe mit meiner Freundin drüber geredet, dass sie noch mal studieren will und sie meinte dann zu mir: du wolltest doch auch schon immer mal studieren, mach doch. Also haben wir uns beide bei der HdM beworben.
Für was denn?
Ich habe mich für Medienwirtschaft beworben und wurde angenommen, obwohl ich das irgendwie nicht gedacht hätte.
Wie war das Studium?
Irgendwann habe ich gemerkt ich packe es nicht, weil ich die Klausuren immer mehr geschoben habe. Dann bin ich durch eine Klausur dreimal geflogen und wurde exmatrikuliert.
Und bei der Arbeit?
Ich habe bei einem Kollegen in der Bar gearbeitet. Wir haben uns dann überlegt, dass wir ein veganes Deli zusammen aufbauen. Also haben wir uns Flächen angeschaut, einen Plan gemacht und um Kredit gekümmert. Dann kam Corona und wir haben zum Glück dem Kredit nicht zugesagt, weil sonst wären wir richtig tief in der Scheiße gewesen.
Wie war Corona für dich?
Corona war das Schlimmste, was mir passiert ist, weil du dich einfach nicht bewegen konntest. Ich bin nur so lethargisch im Bett gelegen und habe mein Kurzarbeitergeld gekriegt, weil ich ja nirgends arbeiten konnte. Da war dann schon immer so die Idee, eigentlich wäre es cool, irgendwie trainieren zu können. Anfangs dachte ich, in zwei Wochen ist eh alles rum. Und dann war ein Monat rum, dann zwei und ich hatte einfach keine Muße mehr zu trainieren.
Wie war es nach Corona mit dem Sport?
Ich habe im Kampfsportstudio wo ich trainiert habe das Morgentraining gemacht, aber mich haben ganz viele Sachen gestört.
Zum Beispiel?
Zum einen habe ich ziemlich viele Ideen eingebracht, die nicht gehört wurden. Auch Hygiene war ein Thema. Und einige zwischenmenschliche Sachen haben einfach nicht gepasst, wo mir gezeigt wurde das ich nicht wertgeschätzt werde. Da war schon so der Bruch vom Studio und dann gab es diese Kurzschlussreaktion, ich mache jetzt mein eigenes Ding.
Also der Schritt zum eigenen Studio.
Genau und ich hatte noch keine Idee, wie alles aussehen soll. Ich wusste nur, ich brauche eine Fläche, die zentral und hell ist. Ich will keine Höhle haben, keinen Keller-Alpha-Male-Vibe, sondern eine schöne Atmosphäre. Und dann habe ich eine Fläche am Rathaus bekommen.
Wie ging es dir, als du die Zusage bekommen hast?
Es war voll die Erleichterung, weil ich wusste, ich habe einen Raum, den ich gestalten kann, wie ich will. Das macht schon mal viel aus. Ich hatte ein bisschen Sorge, weil ich nicht wusste, wer, wie, was kommt.
Wie ist es jetzt?
Wir haben im September 2025 angefangen. Es ist immer aufregend, kein Monat ist gleich. Jetzt bin ich aber ganz zufrieden. Es dauert halt und ist manchmal mühsam, aber es geht auf jeden Fall in die richtige Richtung und macht mir ultra Spaß.
Wenn du auf deinen Werdegang zurückblickst, bist du zufrieren?
Jein. Ich bereue, dass ich nicht früher Sachen für mich selbst ausprobiert habe und mir immer von Erwachsenen reinreden lassen habe. Ich wäre gerne früher nach meinem Bauchgefühl gegangen, mehr meinen Träumen hinterherjagen, anstatt meine Zeit zu verplempern. Mein Werdegang ist Katastrophe. Ich bin damit nicht zufrieden, aber ich kann es nichtmehr ändern. Mit dem Gym habe ich jetzt aber ein großes Ziel erreicht und bin damit auch sehr zufrieden.