Veganismus 3 Minuten

Gewissensbisse mit Senf

Collage mit veganen Ersatzprodukten links und Tieren bzw. Tierprodukten rechts
Tierliebe oder Tierkonsum? Der Pro-Kopf-Fleischverzehr in Deutschland steigt seit 3 Jahren wieder. | Quelle: Jana Bonacker
21. Mai 2026

Wer das Schnitzel ablehnt, rettet Tiere und stört die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber Tierausbeutung. Die Wut auf Veganismus ist meist keine konstruktive Kritik, sondern pure Panik, dass einem beim Kauen auf totem Tier plötzlich das eigene Gewissen im Hals stecken bleibt.

News in Norddeutschland: Wal gestrandet. Deutschlands Reaktion: SOS! Livestreams, Demos, kollektives Zittern. Und nur hundert Meter entfernt ist der nächste McDonald's mit kulinarischer Expertise: gepresste Masse aus unzähligen verschiedenen DNAs, die unter der Wärmelampe noch immer zu schwitzen scheint. Denn täglich sterben in Deutschland zwei Millionen Schweine, Rinder, Hühner und was sonst noch gern so auf dem Teller der deutschen Bevölkerung landet, einen langsamen, qualvollen Tod, der bereits mit ihrer Haltung und Ausbeutung beginnt. Aber Hauptsache Timmy dem Wal geht’s gut, da schlägt das #animallover-Herz auf einmal ganz groß. Und nach der Anstrengung, Timmys Leben zu retten, werden erstmal die Fischstäbchen aufgetischt: knusprig, goldbraun mit ein bisschen Moralmarinade für die Süße: mhm, da schmeckt Tierleid direkt noch viel besser. 

Ich hätte vermutet, wer sich diesem Widerspruch entzieht, würde Zustimmung erfahren. Stattdessen hat über die Hälfte der deutschen Bevölkerung negative Assoziationen gegenüber Veganer*innen. Also ganz nach dem Motto: Massentierhaltung finden wir alle schrecklich. Außer montags bis sonntags zwischen Frühstück und Abendessen. Neid ist bekanntlich auch ein großer Hasstreiber. Und zwar der Neid um die weiße Weste der Veganer*innen, während die eigene in Blutsaft getränkt wurde. Spricht man den Tierkonsum aber an, wirkt das oft wie ein persönlicher Angriff. Warum?

Veganismus zerstört das Zuckerwattengedankenland von Steakschutzbeauftragten. Sobald Frau Veganerin am Tisch in ihren Block Tofu beißt, verwandelt sie sich für ihr Gegenüber zu einem fleischgewordenen Vorwurf. Dieser kaut nun nicht mehr nur auf seinem Schnitzel, sondern auch auf seinem schlechten Gewissen rum. In der Psychologie nennt man das Kognitive Dissonanz. Im Alltag eher „Ich achte darauf, wo mein Fleisch herkommt!“. Denn Veganismus triggert ungewollt diesen inneren Konflikt. Plötzlich beginnen die tierfressenden Protein-Panicker*innen ihre eigene Moral, die Tiere nach Freund, Familie und Filet sortiert, zu hinterfragen. Aber diese Einsicht würde ihren Lifestyle sprengen. Stattdessen suchen sie händeringend nach Ausreden, um das Tierwohlwashing aufrecht zu erhalten: Unsere vegane Sekte frisst nicht nur den Kühen das Gras weg, sondern ist auch verantwortlich für die Regenwaldabholzung durch das gegründete Sojaversum. Dabei wird 77 Prozent der Sojaernten zur Fütterung von Nutztieren verwendet:

Wer Fleisch isst, konsumiert Soja im großen Stil. Nur eben versteckt hinter der Fassade aus Schnitzel mit Panade. | Quelle: Albert Schweitzer Stiftung | Grafik: Jana Bonacker

Wenn beim Familientreffen die vegane Wurst auf meinem Teller landet, spüre ich förmlich, wie die Blicke meines Opas zum Dünger werden, der mir imaginäre Kuhhörner auf meinem Kopf wachsen lässt. Fehlt nur noch, dass ich ein „Muh“ von mir gebe, schon wäre mein Wiederkäuerin-Dasein besiegelt und mein Leben würde nun auf dem nächstgelegenen Bauernhof stattfinden.  

Bin ich selbst schuld an dem Terror, nur weil ich für mein Essen kein Blut vergießen möchte? Die Zahlen sagen ja: 60 Prozent der Menschen auf Social Media finden uns aggressiv. Natürlich sind wir emotional! Ich setzte mich für das Wohl von Lebewesen ein, die ihre eigene Stimme nicht erheben können - dann muss ich eben etwas lauter sein. Die tatsächliche Aggressivität kommt aus der anderen Richtung: Anna Schwaab bekommt beim Tierschutz-Straßenaktivismus eine Kriegserklärung erteilt, indem sie mit Chicken Nuggets attackiert wird. Das schlechte Gewissen klopft offenbar so laut bei der Fleisch-Fraktion an, dass sie es nur mit einem panierten Tiergeschoss übertönen können. Eigentlich müsste ich es genauso machen. Ich schau auch nicht gerne zu, wie links und rechts neben mir totes Tier gemampft wird. Aber komischerweise fliegt von meiner Seite aus kein Brokkoli. Mein Tipp an alle Tierschmausenden: haltet den Spiegel im richtigen Winkel, damit das Licht nicht auf uns fällt, sondern euer eigener, verwesender Teller sichtbar wird. 

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