„Zu sagen, die Infrastruktur im Osten des Kongos sei unterentwickelt wäre eine Untertreibung. Hier gibt es gar keine Infrastruktur", sagt Kamera-Assistent Benjamin | Bild: Jürgen Killenberger

edit.Challenge Im Krisengebiet Kongo
Gefährliches Terrain

„Zu sagen, die Infrastruktur im Osten des Kongos sei unterentwickelt wäre eine Untertreibung. Hier gibt es gar keine Infrastruktur", sagt Kamera-Assistent Benjamin | Bild: Jürgen Killenberger

02 Mar 2020

Überfallene Dörfer, Krankheiten, schwerbewaffnete Rebellenkämpfer und Polizisten, bei denen man sich nie sicher sein kann, ob sie wirklich Freund und Helfer sind. All das ist die bittere Wahrheit in der Republik Kongo. Wieso sollte ein junger Filmemacher das eigene Leben aufs Spiel setzen und so ein Krisengebiet bereisen?

Amelie Kant

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019

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Benjamin ist 23 Jahre alt und inmitten seiner Abschlussprüfungen. Er möchte Regisseur werden und schreibt eigene Drehbücher. Im August 2019 reiste er im Rahmen seiner Ausbildung zum Mediengestalter in den Kongo, um dort zusammen mit einer Journalistin aus Stuttgart und seinem derzeitigen Chef den Dokumentarfilm „Friedenskämpfer“ für den SWR zu drehen.

Doch allein im Jahr 2014 sind  nach Angaben der Internationalen Journalisten-Föderation rund 118 Journalisten und Journalistinnen, bei der Ausübung ihrer Arbeit in Krisengebieten umgekommen. Ihr Ziel war es, über dortige Zustände zu berichten und uns aus direkter Quelle zu informieren. Aber wie kommt man als Journalist und Filmemacher überhaupt dazu in Krisengebiete zu reisen, insbesondere dann, wenn die Gefahr das Leben zu verlieren so real ist?

Die Anfrage

Für Benjamin kam die Anfrage seines Chefs Jürgen, der unter anderem selbst Kameramann beim Auslandsstudio der ARD in Kairo ist , wie aus heiterem Himmel. Es war eine kurze Nachricht über WhatsApp, in der ihm das Projekt vorgestellt wurde und direkt gefragt wurde, ob er denn Interesse hätte als Kameraassistenz und Tonmann, mit in den Kongo zu reisen.

„Ich wusste, dass ich es Jahre später bereuen würde, diese Einladung abgelehnt zu haben.“ – Benjamin

Instinktiv habe er sofort zugesagt. Ihm kamen Bilder von Werner Herzog in den Kopf, eines seiner größten Idole, der im Amazonas und anderen fernen Gebieten Dokumentar- und Spielfilme drehte. Ihm war jedoch bewusst, dass der Dreh kein leichtes Unterfangen werden würde, weswegen er sich mehrere Wochen Zeit nahm, Recherche über die derzeitigen Zustände im Kongo betrieb und sich mit der Geschichte des Landes auseinandersetzte. Am Ende siegte für ihn die Neugier und die Faszination so ein Land zu bereisen.

Ein Kollege, so erzählt Benjamin, reise seit Jahren in Krisen- und Kriegsgebiete, um dort zu filmen. Für ihn sei es mittlerweile fast nichts Besonderes mehr. Es gehöre zu seinem Job dazu und das Risiko, in das er sich begebe, werde, wie bei ihm selbst auch, von der Faszination überlagert.
Eine befreundete Journalistin hingegen sehe die Reisen nicht nur als einen Teil ihres Berufes an, sondern als ihre ganz persönliche Aufgabe,, über die Ungerechtigkeit und horrenden Zustände in Ländern, wie dem Kongo, zu berichten.
Es gibt also von blanker Neugier und Faszination bis hin zur Gleichgültigkeit vor der Gefahr und persönlichen Werten verschiedene Beweggründe für Journalisten und Filmemacher, in Krisengebiete zu reisen.

In einem kleinen Flugzeug ging es von Uganda in den Kongo | Bild: Jürgen Killenberger

Vor Ort

Der Ausgangspunkt für den Dokumentarfilm, den Benjamin drehen sollte, war die Verleihung des Friedensnobelpreises an den kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege, der 2018 für seine Arbeit im Panzi Hospital geehrt wurde. Der Gynäkologe hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, misshandelte Frauen und Kinder zu behandeln.

Vor Ort im Ost-Kongo war für Benjamin schnell klar, dass trotz Leibgarde/Sicherheitseskorte durch die Congolese National Police, seine Sicherheit nicht garantiert war. In einem Gebiet, in dem chaotische Zustände herrschen, in dem es keine brauchbare Infrastruktur gibt und gefährliche Rebellentrupps immer wieder Dörfer überfallen und niederbrennen, wird auch vor europäischer Presse nicht Halt gemacht. Er konnte es kaum abwarten, diesen Ort wieder zu verlassen.

„Die Vorstellung davon in den Hinterhalt von Rebellentrupps zu geraten, ließ mich nicht los.“ – Benjamin

Die Zustände im Kongo haben Benjamin erschüttert. Er erzählt, dass er vor seiner Reise keine große Angst hatte. Im Nachhinein weiß er, dass er trotz seiner Recherche und den Dokumentationen, die er gesehen hat, keine Ahnung davon haben konnte, was ihn dort erwarten wird.

Begleitet von einer Sicherheitseskorte ging es in die Dörfer | Bild: Jürgen Killenberger
Benjamin beim Dreh im Panzi Hospital | Bild: Jürgen Killenberger
Das von Denis Mukwege gegründete Panzi Hospital | Bild: Jürgen Killenberger
Vor Ort führten Benjamin und das Team Interviews mit betroffenen Frauen | Bild: Jürgen Killenberger
Im Interview erzählt die Frau von ihren Erlebnissen und ihrer Versorgung durch das Panzi Hospital | Bild: Jürgen Killenberger

Ein einschneidendes Erlebnis für ihn war es, ein Dorf zu besuchen, das zwei Tage zuvor von Rebellen überfallen wurde. Auf dem Weg dorthin waren die Wasservorräte knapp,- und die unebenen Wege mit den tiefen Wäldern um ihn herum machten ihm Angst. Das Dorf selbst bestand aus Reihen zerstörter Hütten, es machte für Benjamin den Eindruck, als sei es durch eine Naturkatastrophe zerstört worden. Doch die Verwüstung entstand durch Menschenhand. Ein Mitarbeiter der örtlichen Polizei teilte ihnen mit, dass sie am Tage zuvor mehrere Milizeneinheiten festgenommen hätten und eine Pressekonferenz stattfinden sollte. Während der Pressekonferenz präsentierten sie Waffen, die die Rebellen bei sich trugen. Benjamin bekam abgestumpfte Macheten, AK47-Sturmgewehre und Ausweise zu Gesicht. Die Rebellen waren rund 20 Männer, jung und alt, allesamt abgemagert, barfuß und in Lumpen gekleidet. Es erinnerte Benjamin an Bilder aus der Kolonialzeit.

„Ich fragte mich, warum ich mich überhaupt hierauf eingelassen hab.“ – Benjamin

Benjamin ist sich sicher: Die Erlebnisse im Kongo haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Armut, die dort herrscht, sei aus westlicher Sicht nicht vorzustellen. Leid und Armut haben eine völlig andere Bedeutung für ihn bekommen. Darüber zu lesen sei etwas anderes als es zu sehen. Es selbst zu erfahren, sei wiederum mit nichts zu vergleichen.Ob er es noch einmal tun würde, weiß er nicht genau. Er hat großen Respekt vor den Menschen, die ihr Leben damit verbringen, aus Krisengebieten, insbesondere in Afrika, zu berichten und die Aufmerksamkeit der westlichen Welt darauf zu lenken. Er zweifelt jedoch daran, ob er die dort erlebten Ängstenoch einmal erleben möchte.

Dennoch ist er der Meinung, dass es immens wichtig ist, aus diesen Gebieten reale Bilder zu zeigen und das Gefühl vor Ort zu vermitteln. Gerade weil die Zustände für Menschen aus westlichen Ländern so unvorstellbar sind.

DIe Dokumentation „Friedenskämpfer“ gibt es online in der ARD-Mediathek zu sehen:

https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExODAyN...