Forderung der AfD: Rückkehr zur Atomkraft
„Und ich kann euch sagen: Wenn wir am Ruder sind, wir reißen alle Windkraftwerke nieder. Nieder mit diesen Windmühlen der Schande.“ So äußerte sich die Parteivorsitzende der AfD, Alice Weidel, auf dem Parteitag 2025 im sächsischen Riesa. Auf Bundes- und Lokalebene fordern die Anhänger der Partei immer wieder folgende Maßnahmen: Deutschland soll zurück zur Atomkraft. Bis die alten Atomkraftwerke (AKW) wieder in Betrieb gehen können und neue aufgebaut werden, soll die Stromversorgung durch Kohle und Gas sichergestellt werden. Der weitere Wind- und Solarausbau wird abgelehnt. Im Grundsatzprogramm heißt es zudem: Der Ausstieg aus der Kernkraft sei sachlich nicht begründet und wirtschaftlich schädlich gewesen.
Vom Beschluss zum Ausstieg
Das erste deutsche Kernkraftwerk ging 1960 in Betrieb. Hierzulande gab es 36 kommerzielle Kernreaktoren. 2002 wurde das Atomgesetz geändert und der schrittweise Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima beschloss der Deutsche Bundestag aber noch im selben Jahr den sofortigen Ausstieg. Zentral für diese Entscheidung waren der Sicherheitsaspekt und die ungelöste Endlagerfrage der giftigen Abfälle.
Die AKW sollten bis Ende 2022 vom Netz genommen werden, die letzten drei (Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2) wurden aber erst im April 2023 abgeschaltet. Grund dafür war eine Laufzeitverlängerung, die aufgrund einer neuen Debatte über die Energieversorgung wegen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine beschlossen wurde.
Quelle: BASE
Die AfD hat derzeit keine Regierungsmacht. Auch bräuchte die Änderung des Atomgesetzes eine Mehrheit im Bundestag. Für diesen Artikel soll nun aber angenommen werden, dass es keine Einschränkungen gibt und die AfD ihr Vorhaben durchsetzen könnte.
Ja, die Strompreise sind hoch
AfD-Politiker*innen argumentieren oft, dass die Preise aufgrund des teuren Ausbaus der erneuerbaren Energien immer weiter steigen würden. Laut dem Statistischen Bundesamt lag der durchschnittliche Strompreis für private Haushalte im zweiten Halbjahr 2025 bei 40,55 Cent pro Kilowattstunde, das sind 1,6 Prozent mehr als im vorigen Halbjahr. Dass wir, so betont es die AfD ebenfalls häufig, mitunter die höchsten Strompreise aller Industrieländer haben, stimmt ebenfalls. Laut dem Vergleichsportal Verivox war der deutsche Strom im ersten Halbjahr 2025 unter den G20-Staaten ganz vorne dabei. Grund dafür ist unter anderem der voranschreitende Ausbau der erneuerbaren Energien.
Maike Schmidt vom Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung (ZSW) sagt aber: „Die erneuerbaren Energien sind kostengünstiger. Wir haben einmal anfangs Investitionen und dann etwas Wartung. Der Strompreis bleibt dann aber bei einem gewissen Niveau." Die wahrscheinlich durch den Ausbau steigenden Netzkosten seien zwar etwas unkalkulierbar. „Aber die Versorgung kann ich für 20 Jahre kalkulieren. Und selbst wenn ich nicht meinen ganzen Strombedarf decken kann, habe ich zumindest einen fixen Anteil, bei dem ich weiß, dass ich ihn kriege.” Die nachfolgende Grafik verdeutlicht, dass die erneuerbaren Energien auch auf lange Sicht deutlich günstiger sind als die Kernkraft.
Die Aussage der AfD, die Kernenergie sei eine wettbewerbsfähige Technologie, ist faktisch nicht richtig, betont Schmidt. Die gesamten Risiken der Atomkraft seien damals von der Gesellschaft übernommen worden. „Wenn man diese einpreisen würde, wäre die Kernenergie überhaupt nicht wettbewerbsfähig.” Im Gegenteil: Ein Wiedereinstieg würde die Energieversorgung teurer machen.
Laut Schmidt wollen außerdem die Konzerne, die damals AKW betrieben haben, nicht wieder einsteigen. Als Beispiel nennt sie das Energieunternehmen EnBW. 2024 bezeichnete EnBW-Kernkraftchef Jörg Michels den Wiedereinstieg und den Bau neuer AKW als unrealistisch. Er sagte, dass die Probleme der Energieversorgung dadurch nicht gelöst werden könnten.
Unvorhersehbare Schwankungen
Erneuerbare Energien unterliegen, wie es auch die AfD kritisiert, Schwankungen, vor allem wegen des Wetters. Wie Professor Dr. Jörn Birkmann von der Universität Stuttgart aber betont, gibt es auch neuere Batterie-Speichermöglichkeiten. Weiterhin solle man über Speicher- und Wasserkraftwerke nachdenken. „Auch hier kommt es zukünftig sicherlich auf neue Speicherstrategien an, um Wind und Sonne zu günstigen Zeiten zu speichern.”
Würden neu gebaute AKW das Landschaftsbild stark beeinflussen? Schmidt sagt: „Wahrscheinlich nicht. Wenn wir beispielsweise zehn AKW in Baden-Württemberg bräuchten, werden die Menschen in zehn Kommunen davon gestört.” Bei der Windenergie sieht das anders aus, denn um die Leistung eines AKW zu ersetzen, müssten etwa 1160 Anlagen mit durchschnittlicher Leistung gebaut werden (Stand 2023). Trotzdem muss, so Schmidt, beim Ausbau darauf geachtet werden, dass das Landschaftsbild nicht zu sehr gestört wird. Die Visualisierung vor dem Bau ist durch verschiedene Möglichkeiten denkbar.
In der Zwischenzeit mit Kohle und Gas heizen
Die AfD würde nicht, wie bisher von der Bundesregierung beschlossen, den Braunkohleausstieg bis spätestens 2038 vollziehen, sondern mit Kohle und Gas heizen, bis die AKW wieder in Betrieb gehen könnten. Zur übergangsweisen Lösung sagt Schmidt: „Das wäre eine Katastrophe, weil wir dann die CO₂-Emissionen in der Atmosphäre noch stärker anheizen.” Die fossilen Energieträger haben weitere Luftschadstoffe, was negative Auswirkungen auf die Umwelt hätte. „Wir müssen aber schnellstmöglich aus den fossilen Energieträgern aussteigen. Auch bei Kohle und Gas sind wir wieder von anderen abhängig”, sagt Schmidt.
Denn die Brennelemente bekommen wir von teilweise problematischen Partnern wie Russland. Auch die Ressourcenendlichkeit wird außer Acht gelassen, Rohstoffe wie Uran und Plutonium sind endlich. „Dann haben wir keine andere Lösung”, ist sich Schmidt sicher. „Das ist die Problematik der fossilen Energieträger. Man muss sich auf eine Zukunft vorbereiten, in der die Ressourcen aus sind.”
Die Expertin betont auch, dass wir weltweit nach wie vor keine Lösung für den atomaren Abfall haben, der beim Betrieb eines AKW entsteht. „Wichtig ist ja auch, dass die Lager Millionen von Jahren lang dicht bleiben.” Dass die Abfallthematik ausgeblendet wird, bezeichnet Schmidt als fatal. „Wenn ich keinen Umgang mit den Abfällen habe, kann ich keine weiteren Abfälle verpacken.” Dass dieser Aspekt, genau wie die Unfallthematik, für uns bislang nicht wirklich beherrschbar ist, sind für sie Gründe, nicht wieder in die Kernenergie einzusteigen. Die Aussage der AfD, der Ausstieg sei sachlich nicht begründet gewesen, sieht sie aufgrund der Unfälle in Tschernobyl und Fukushima anders. „Es bleibt eine Risikotechnologie”, erklärt sie. „Unfälle, wie durch einen Tsunami, sind bei uns eher unwahrscheinlich. Aber es kann immer etwas passieren.”
Nuklearkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima
1986 kam es im AKW Tschernobyl (Ukraine) zum weltweit schwersten Unfall der zivilen Atomenergienutzung. In der Nacht zum 26. April zerstörten mindestens zwei Explosionen den Reaktorblock 4 und setzten große Mengen radioaktiver Stoffe frei. Sie verteilten sich durch Luftströmungen über weite Teile Europas. Auch Deutschland war betroffen, der Süden stärker als der Norden. Sogar jetzt, 40 Jahre nach dem Unfall, sind gerade im nördlichen Oberschwaben einzelne Wildschweine radioaktiv belastet.
Durch ein Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami wurde am 11. März 2011 das AKW Fukushima Daiichi in Japan stark geschädigt. Dabei wurden große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt. Die Umwelt rund um das AKW ist, wie in Tschernobyl auch, bis heute belastet.
Bedeutung auf lokaler Ebene
Was würde der Wiedereinstieg für Stuttgart bedeuten? Laut Schmidt würde sich die Emissionssituation verändern. Die Feinstaub- und Luftgrenzwerte seien durch den Bau neuer fossiler Kraftwerke schwieriger einzuhalten, was dann auch zu mehr Atemwegserkrankungen führen würde. Weiterhin würden Akteure im Bereich der erneuerbaren Energien verschwinden. „In Stuttgart würde man aber wahrscheinlich kein AKW bauen. Ich glaube, da gäbe es zu viele Widerstände.” Trotzdem würden die ehemaligen AKW in der Region aufgebaut werden, wodurch das Unfallrisiko wieder bestehen würde. „Natürlich sind wir als Nachbarland von Frankreich der Gefahr je nach Wetterlage immer ein Stück weit ausgesetzt”, gibt Schmidt zu bedenken. In Frankreich werden derzeit 57 AKW betrieben. „Das haben wir nicht in der Hand. Aber ich würde das Risiko durch einen Wiedereinstieg nicht selbst eingehen.”
In den Kommunen mit AKW gäbe es wieder deutlich mehr Wertschöpfung. Mit den erneuerbaren Energien würde das aber breiter verteilt, weil dann alle Kommunen mit Anlagen profitieren, so Schmidt. „Eine erneuerbare Erzeugungsstruktur ist einfach sozial gerechter als eine auf fossilen Energien basierende Struktur.” Auch Birkmann sagt, dass die energiepolitischen Ziele der AfD für Stuttgart eher nicht förderlich sind, weil die Unabhängigkeit von externen Partnern wegfallen würde, „was angesichts verschiedener Krisen sicherlich ein wichtiges Ziel sein sollte.”
Für Maike Schmidt ist klar: Die Rückkehr zur Atomkraft, wie es die AfD vorhätte, ist für Mensch und Umwelt gefährlich, zu teuer und auch die Klimaziele könnten nicht erreicht werden. „Wir sind nicht unabhängig in unserer Energieversorgung. Aber die erneuerbaren Energien bieten zumindest in Teilen die Chance, die Erzeugung bei uns zu haben.” Jörn Birkmann sagt: „Ein Wiedereinstieg in die Kernkraft und der damit möglicherweise gekoppelte Ausbau-Stopp der erneuerbaren Energien würden für die Umwelt, gerade auch für den Klimawandel, mittel- und kurzfristig eher negativ sein.”