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Finfluencer*innen – schnell zum Geld(verlust)?

Nachgestellte Finfluencer-Werbung mit Fragezeichen
Geld anlegen, sparen, überhaupt damit umgehen: Auf Social-Media-Plattformen erreichen Finfluencer*innen immer mehr Menschen. Symbolbild | Quelle: Sarah Schäfer
16. Mai 2024

Ohne großen Aufwand viel Geld machen. Das ist das Versprechen vieler Finanz-Influencer*innen und der Markt wird immer größer. Doch Expert*innen warnen: Statt des großen Gewinns folgt meist der Totalverlust.  

Du scrollst durch deinen Insta-Feed – durchschnittlich 49 Minuten am Tag. Hübsche Gesichter, schnelle Autos, Luxusapartments in Dubai – diese Menschen scheinen es geschafft zu haben. Und plötzlich stoppt der Daumen auf einem Post, der verspricht: Du kannst das auch.

Influencer*innen, die für Finanzprodukte werben, sogenannte Finfluencer*innen, gewinnen auf Social-Media-Plattformen an immer größerer Reichweite. Laut einer Studie der HHL Leipzig Graduate School of Management ist die Hälfte der deutschen Finfluencer*innen erst seit 2020 auf Instagram aktiv. Trotzdem folgen ihnen bereits insgesamt über 10 Millionen Accounts – Diese Zahl berücksichtigt allerdings nicht, dass Accounts möglicherweise mehreren Finfluencer*innen-Profilen folgen. 

Bei vielen Social Media Nutzenden könnten der Post und seine Versprechen einen Nerv treffen. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ zeigt: Rund die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen fürchtet, dass es ihnen im Alter nicht gut gehen wird. Und noch mehr junge Menschen belastet die Inflation. Da erscheint es praktisch, dass Finfluencer*innen Möglichkeiten und Anlagestrategien anpreisen, um finanziell unabhängig zu werden – und unabhängig von möglichen gesellschaftlichen Unsicherheiten.

Der Daumen liegt auf dem vielversprechenden Post. Leichte Lösungen für zunehmend besorgte Nutzende. Doch was erwartet sie, wenn sie klicken? Sind die Tipps seriös und halten sie ihre Versprechen?

Geld verdienen nach dem Copy-Paste-Prinzip

Eine Methode, die schnell und unkompliziert Geld verspricht, ist das sogenannte Copy Trading oder auch Social Trading. Dabei können Anlegende über eine Trading-Plattform die Strategien angeblich erfolgreicher Anleger*innen, sogenannter „Top Trader*innen“, kopieren.

Die Infografik zeigt die Beziehungen zwischen den Kopiererenden, Plattformen und "Top Trader*innen"
Gegen Gebühren wickelt die Finanzdienstleistungsplattform den kopierten Trade ab.
Quelle: Sarah Schäfer

Die Message: Jede*r kann es schaffen, wenn man nur ihrem Beispiel folgt. Und der Markt wächst. 2023 gaben in einer Umfrage der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) drei von zehn der Befragten zwischen 18 und 39 Jahren an, in den letzten zwei Jahren Geld mit Copy Trading angelegt zu haben. 

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – kurz BaFin – beaufsichtigt und kontrolliert Banken und Finanzdienstleistende sowie Versicherungen und den Wertpapierhandel.

Doch können die Kopiererende den „Top Trader*innen“ vertrauen? Dieser Frage widmete sich ein internationales Team vom Swiss Finance Institute. In ihrer Recherche untersuchten die Forschenden die Qualität der Anlageberatung von knapp 30 Tausend Finfluencer*innen. 

Infografik zeigt die Verhältnisse von skilled, unskilled und „anti-skilled“ Finfluencer*innen
Für Verbrauchende ist es schwer, die Qualität der Beratung durch Finfluencer*innen einzuschätzen.
Quelle: Swiss Finance Institute

Das Ergebnis: 56 Prozent der Finfluencer*innen gab ihren Kopiererenden schlechte Ratschläge, sodass sie monatlich minus zwei Komma drei Prozent Rendite erzielten, also Geld verloren. Sie werden als „anti-skilled“ bezeichnet. Durch ihre Ratschläge waren ihre Follower*innen in den meisten Fällen übermäßig optimistisch und schwankten in ihren Überzeugungen. Trotzdem haben diese „anti-skilled“ Finfluencer*innen mehr Follower*innen und Einfluss auf private Anleger*innen als qualifizierte Finfluencer*innen.

Rendite bedeutet Ertrag oder Gewinn. Es handelt es sich dabei um den Profit, den man mit einer Geldanlage erzielt. Die Rendite wird in der Regel jährlich ermittelt und in Prozent des eingesetzten Geldbetrags angegeben. Sie kann auch negativ sein. Deshalb ist sie eine wichtige Kennzahl, um zu entscheiden, ob sich eine Geldanlage oder Investition überhaupt lohnt.

Anlagestrategie oder Glücksspiel?

Ein weiterer Faktor, der zum Geldverlust führen könnte: Die Mehrheit der Copytrader*innen ist im Vergleich zu anderen Anlegenden risikobereiter. Sechs von zehn investieren in riskante Anlageprodukte, wie CFDs (Differenzkontrakte). Auch auf vielen Plattformen ist Copy Trading CFD-basiert. Bei diesem Finanzinstrument wetten die „Top Trader*innen“, und somit auch ihre Kopiererenden, auf Kursbewegungen. Bei den Plattformen müssen sie dafür eine finanzielle Sicherheit hinterlegen. Doch schon kleine Kursbewegungen können einen Totalverlust bedeuten.

Ein CFD (kurz für Contract for Difference, Differenzkontrakt) ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien (Anleger*innen und Investment-Plattformen). Mit diesem Vertrag wetten die Anleger*innen, wie sich die Kurse verschiedener Vermögenswerte entwickeln – wie etwa von Aktien, Währungen oder Rohstoffen. Sie können auf steigende und fallende Kurse setzen. Dabei muss man die Aktie oder den Vermögenswert nicht selbst besitzen. 

Der CFD-Handel ist nicht illegal, aber dennoch für die „sehr Risiko robusten“ Anleger*innen, sagt Judith Henke, Wirtschaftsjournalistin und Redakteurin beim Handelsblatt im Team Geldanlage und Märkte. Ungeeignet sieht sie dieses Copy-Trading-Modell für Unerfahrene, die wenig Hintergrundwissen haben und sich der Risiken nicht bewusst sind. 

Über 80 Prozent verlieren ihr Geld

Die meisten Anleger*innen gehen mit leeren Taschen aus dem Geschäft – häufig Studierende, erklärt Henke. „Das waren nicht die höchsten Summen. Aber für sie ist es auch schlimm, 2.000 Euro zu verlieren. Das ist im Zweifelsfall das Ersparte der letzten drei Jahre.“

Die Verantwortung sieht die Wirtschaftsjournalistin jedoch nicht nur bei den Kopierenden, sondern auch bei den Plattformen und Finfluencer*innen. „Man sollte mindestens genauso auffällig auf die Risiken hinweisen und das machen diese Anbieter nicht.“ Stattdessen werben einige Plattformen mit hohen durchschnittlichen Jahresgewinnen ihrer meistkopierten Trader*innen – häufig von über 80 Prozent. Allerdings werden für diese Angaben gezielt nur die Trader*innen ausgewählt, die zu einem Zeitpunkt des vergangenen Jahres erfolgreich waren. Das heißt: Sie haben durch einen guten Trade einen hohen Gewinn erzielt. Diese vergangenheitsbezogene Werbung täuscht die Verbrauchenden bewusst. Denn häufig findet man nur im Kleingedruckten den Hinweis, dass meist über 80 Prozent der Anlegenden mit CFDs ihr Geld verlieren. 

„Man sollte mindestens genauso auffällig auf die Risiken hinweisen und das machen diese Anbieter nicht.“

Judith Henke, Wirtschaftsjournalistin

Auch viele Finfluencer*innen werben stark mit hohen Gewinnaussichten und verlockenden Aussagen: „Wie ich drei Millionen Euro in nur drei Monaten gemacht habe, ohne zu arbeiten.“ Risikohinweise lassen sich in diesen Posts meist nicht finden. Auch die Motivation der Finfluencer*innen ist häufig nicht transparent. Für Beiträge und Empfehlungen für Trading-Plattformen oder andere Finanzprodukte erhalten sie in der Regel eine finanzielle Gegenleistung. 

Wie können Nutzende jetzt aber wissen, ob der Trading-Post unter ihren Daumen seine Versprechen halten kann? Judith Henke ruft zu Vorsicht bei „Protz-Bildern“ und hohen Gewinnversprechen auf. „Wenn Influencer*innen offensiv mit einer Rendite über zehn Prozent werben, kann das ein Warnzeichen sein.“

Nach diesen Tipps, wie sich jede*r selbst vor den Risiken hinter solchen Finanz-Posts schützen kann, liegt eine Frage nahe: Schützt denn niemand die Nutzenden?

Dem Verbraucherschutz sind die Hände gebunden

Wenn etwas – wie das Copy-Trading – hochriskant ist, sollte es dann nicht von jemandem kontrolliert werden? „Ja, und das wird es“, meint Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Für den Schutz der Verbraucher*innen in den sozialen Netzwerken gibt es Verbraucherschutzgesetze, die irreführende Werbung oder das Weglassen wichtiger Informationen verbieten. Im Falle von CFDs bedeutet das, dass die damit verbundenen Risiken auf der Internetseite der Plattform ausgewiesen werden müssen. Für die Durchsetzung dieser Gesetze sind die Verbraucherschutzzentralen verantwortlich. Sie dürfen auch gegen einen Gesetzesbruch vorgehen.

Eine Durchsetzung mit gebundenen Händen: „Häufig haben wir nicht das Geld, um Jurist*innen zu bezahlen, die die Prozesse führen“, erklärt Nauhauser. Da die Verbraucherzentralen Vereine sind, sind sie auf staatliche Mittel angewiesen. Ein weiteres Hindernis ist der Firmensitz der Plattformen und Influencer*innen. Denn wenn diese ihre Geschäfte von Ländern wie Dubai aus führen, entziehen sie sich dem europäischen Recht. „Hier geht die Rechtsdurchsetzung ins Leere. Deshalb muss man schauen, wie man hier rechtlich nachbessern kann.“

Dringende Gesetzesanpassungen sind erforderlich

Nicht nur aufgrund der eingeschränkten Durchsetzung des Rechts im EU-Ausland sei eine Anpassung der Rechtslage erforderlich: „Wenn man finanzielle Unabhängigkeit verspricht, die man nicht liefern kann, dann gehört sowas verboten. Das ist einfach Betrug“, meint der Verbraucherschützer. 

Auch die Grünen wollen die Gesetzeslage verschärfen. Das berichtet das Handelsblatt und bezieht sich dabei auf ein bisher unveröffentlichtes Positionspapier mit Empfehlungen an die EU-Kommission, das ihnen exklusiv vorliegt. Darin fordern die Grünen ein härteres Vorgehen. Sie wollen Influencer*innen europaweit Werbung für Finanzprodukte verbieten. Niels Nauhauser steht diesem Vorstoß skeptisch gegenüber. „Für das Problemfeld des CFD Trading und Copy Tradings sollte überhaupt keine Werbung gemacht werden. Das gehört verboten.“ Doch in anderen Bereichen ist er unsicher, ob ein Verbot die richtige Lösung ist. „Da muss man schauen, wie weit man mit dem bestehenden Recht kommt.“

„Wenn man finanzielle Unabhängigkeit verspricht, die man nicht liefern kann, dann gehört sowas verboten. Das ist einfach Betrug.“

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Grundsätzlich rät der Verbraucherschützer den Nutzenden: „Lieber einmal zu viel fragen, als einmal zu wenig.“

Infografik zeigt Tipps, worauf man selbst bei Finfluencer*innen-Werbung achten und wen man fragen kann.
Auch wenn man auf vieles selbst achten kann, sind die Verbraucher*innen nicht auf sich alleine gestellt.
Quelle: Sarah Schäfer

Kann der vielversprechende Post unter dem Daumen also in der Regel weggewischt werden? 

Ausnahmen von der Regel: positiver Einfluss

Die Finanzbildung in Deutschland ist ausbaufähig. Laut einer aktuellen Studie schätzt nur jede dritte Person ihr Finanzwissen als gut ein. Zwei Top-Hinderungsgründe, sich mit Finanzen und Vorsorge zu beschäftigen: Die Informationen sind widersprüchlich, und das Thema ist komplex. 

An dieser Stelle setzen seriöse Finfluencer*innen an, die transparent handeln und eine seriöse Finanzbildung vorantreiben.

Meinungen seriöser Finfluencer*innen zu schnellem Geld und passivem Einkommen
Auf der Finanzmesse INVEST in Stuttgart haben sich diese Finfluencer*innen kritischen Fragen gestellt. | Quelle: Sarah Schäfer
@aktiengrams Meinung zu schnellem Geld
SPIEGEL-Bestseller-Autorin Lisa Osada alias @aktiengram ist bekannt durch ihren Blog Aktiongram.de | Quelle: Lisa Osada | @aktiengram
@finanzhackers Meinung zu passivem Einkommen
@finanzhacker erklärt, dass nicht jede Strategie für jede*n die richtige sein kann. | Quelle: @finanzhacker
@teaching.finances Meinung zu passivem Einkommen
Laut @teaching.finance ist passives Einkommen nie ganz passiv. | Quelle: @teaching.finance
Sören Boockmanns Meinung zu der Kennzeichnung von Werbung
Finanzblogger und Social-Media-Experte Sören Boockmann spricht sich für mehr Transparenz aus, damit Nutzende über mögliche Motivationen der Influencer*innen aufgeklärt werden. | Quelle: Sören Boockmann

Ein letzter Tipp von @finanzhacker an die Social-Media-Nutzenden: „Lerne, es zu lieben, andere Menschen zu analysieren.“ Oder in anderen Worten: Lerne, den Post unter dem Daumen, mit einem kritischen Auge zu betrachten.