Die Fotografin Rannvá Joensen am Hafen von Klaksvík. | Bild: Diana Mühlberger

edit.Connect Reportage
Färöer — Traditionen und neue Horizonte

Die Fotografin Rannvá Joensen am Hafen von Klaksvík. | Bild: Diana Mühlberger

30 Jun 2019

Irgendwo im Atlantik auf 62 Grad nördlicher Breite, zwischen Island und Norwegen und oberhalb von Großbritannien: dort liegen die Färöer-Inseln. Die Abgeschiedenheit der Inseln, die auf vielen Weltkarten einfach vergessen werden, stellt gerade für moderne Frauen ein schwieriges Lebensumfeld dar. 

Wind peitscht um ihr Gesicht, die Wellen lassen das Boot in die Höhe schießen, der Regen wird immer stärker, die Ankunft: ungewiss. Und doch nehmen ein kleines Mädchen und seine Großmutter die lange Reise auf sich, um von einem Ausflug zur Urgroßmutter zurückzukehren. Die größeren Schiffe, die sonst die Inseln Streymoy und Suðuroy miteinander verbinden, sind wegen des Wetters auf unbestimmte Zeit ausgefallen. Ein anderes Boot kommt deshalb den festsitzenden Menschen zu Hilfe. Das Mädchen sieht neben sich eine Braut in ihrem komplett durchnässten Brautkleid. Sie und ihr Mann sind gerade auf dem Weg in die Flitterwochen. An diesem eisigen Tag schaffen es die Großmutter und ihre Enkelin zurück auf die größte Insel Streymoy, wo sie per Anhalter zum nächsten kleinen Boot fahren, das sie auf ihre Heimatinsel Vágar bringt. Dort fahren die Einheimischen die Ankömmlinge in ihren privaten Autos nach Hause. „Ich hatte große Angst“, erinnert sich die heute 36-jährige Rannvá Joensen.

Ein Sturm solchen Ausmaßes ist sicherlich keine Seltenheit auf den Färöer-Inseln. Die raue Wirklichkeit des Wetters und wie abhängig die Menschen davon sind, wird einem erst bewusst, wenn man es selbst erlebt hat. In tiefhängende Wolken gehüllte Berge, neblige Landschaften mit geringer Sichtweite, Wind, der so stark sein kann, dass er einen in den Abgrund von einer Klippe zu schubsen vermag und Regen, der nie vorhergesehen werden kann. Das beschreibt das chaotische Wetter dort, bedingt durch das Zusammenkommen warmer und kalter Ströme. Obwohl die Durchschnittstemperatur im Sommer bei nur 11 Grad liegt, werden die Winter aber nie richtig eisig. Neben dem rauen Klima bedingt auch die Abgeschiedenheit des 50.000 Einwohner Archipels, dass viele Färingerinnen heutzutage den Inseln den Rücken kehren. Es gibt wenig Arbeit und Möglichkeiten auf der männerdominierten Inselgruppe. Was bewegt vor allem Frauen dazu wegzugehen, zu bleiben oder doch zurückzukommen?

Ein Land für Männer

In einem gemütlichen Café, das einzige in der mit rund 5.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Klaksvík, treffe ich die färingische Fotografin Rannvá zu einem Interview. Mit großen Augen und aufrechter Körperhaltung erzählt sie mir die Geschichte von ihrer „abenteuerlichen“ Reise zu ihrer Urgroßmutter und sagt, „das Wetter hier ist unberechenbar“. Aber nicht nur das Wetter, auch die Lebensumstände seien hart, insbesondere für Frauen. Für sie gibt es wenige Möglichkeiten der Weiterbildung und Arbeit auf den Färöer-Inseln, da Fischfang und Seefahrt das Haupteinkommen der meisten Färinger darstellt und viele Schiffe Frauen gar nicht mitnehmen. „Jeder hat in seinem Leben bereits irgendetwas mit Fisch zu tun gehabt.“ Für Frauen sei weder der Fischfang attraktiv, noch das alleinige Leben zuhause mit den Kindern, wenn die Männer meist mehrere Monate auf See sind. Hinzu komme, dass das Gehalt für Frauen deutlich niedriger sei und man zwei Einkommen brauche, um gut leben zu können, weil alles extrem teuer sei. Zwar sind die Färinger durch das Internet genauso gut verbunden und informiert wie der Rest der Welt, jedoch lässt der Umbruch zu einer moderneren Denkweise in manchen Hinsichten etwas auf sich warten.

Auf den Färöer ist eben alles noch unberührt und echt, sie liegen nur zeitlich gesehen etwas hinten. Erst seit ungefähr fünfzehn Jahren sind die Inseln durch kilometerlange Unterwasser- und Bergtunnel verbunden. Davor ist man, wie in Rannvás Geschichte, mit Booten von Insel zu Insel gefahren oder über hohe Berge gelaufen, um in den nächsten Ort zu gelangen. Die kleinen Orte schrumpfen teilweise noch weiter zurück, weil es die Menschen hauptsächlich in die Hauptstadt Tórshavn treibt, da dort die meisten Jobs zu finden sind. Es gibt aber auch Färinger, die vom anderen Ende der Inseln jeden Tag dort hin zur Arbeit fahren. Die Fahrt über die durch Straßen verbundenen Inseln dauert von West nach Ost zwei bis drei Stunden und von Norden nach Süden fährt man eine Stunde. Da es auch nur eine Universität gibt, ist es für viele üblich zum Studieren nach Kopenhagen zu gehen. „Die Zwanzig- bis Dreißigjährigen fehlen meist auf der Insel, weil sie das Land für viele Jahre verlassen, um zu studieren“, so war es auch bei ihr. Viele bleiben danach weg, doch manche kehren danach wieder zurück. Mit ihrem sechsjährigen Sohn kam auch Rannvá wieder, was sie anfangs selbst nicht ganz verstehen konnte: „In Dänemark gibt es so viele Möglichkeiten, warum bin ich ins Nichts zurückgekehrt?“

Zurück zu den Ursprüngen

Als alleinerziehende Mutter auf Jobsuche hat sie es nicht leicht, deshalb kommt sie anfangs bei ihren Eltern unter. Ohne Plan, ohne alles, aber doch aus einem klaren Grund ging sie zurück: Ihr Sohn soll die gleichen Freiheiten haben wie sie. Ihn in der Großstadt aufwachsen zu sehen, habe ihr das Herz gebrochen. Ständig müsse man aufpassen und alleine könne er nirgends hin. Sie erinnert sich an ihre eigene Kindheit und findet: „Man sollte seine Wurzeln und Sprache kennen.“ Auf den Färöer-Inseln seien die Kinder sicher und frei, stundenlang können sie alleine draußen spielen. Seit ihrer Rückkehr habe sie auch angefangen zu wandern und die Natur wieder neu zu genießen. „Wenn du deine Umgebung so sehr gewohnt bist, wirst du blind für die schönen Dinge, die direkt vor deiner Haustür liegen. Die Touristen haben mir die Augen geöffnet.“ Vielen geht es so wie Rannvá. Sie verstehen nicht, dass sie in einem einzigartigen Land leben und erst jetzt, da so viele Menschen anffangen die Inseln zu bereisen, verstärkt sich auch ihr Verhältnis zur Natur. 

Durch den wachsenden Tourismus fühlen sich viele Färinger jedoch bedroht und haben Angst, dass ihr friedliches Leben und die Natur irgendwann zerstört wird. Gleichzeitig ändere sich aber auch ihre Einstellung und sie sähen darin neue Chancen für Jobs. „Es kommt darauf an, wie du es betrachtest. Es gibt so viele Möglichkeiten, wenn es viele Dinge einfach noch nicht gibt.“ So ist Rannvá zu ihrem jetzigen Job als Fotografin und Tour-Guide gekommen. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner bietet sie Foto-Touren und Wanderungen zu den Sehenswürdigkeiten auf den Färöer und Island an. Auch wenn „Neid die Krankheit der Nation ist“, so Rannvá, da viele eingeschüchtert seien vom möglichen Erfolg ihrer Mitmenschen in so einer harten Welt, mache die große Hilfsbereitschaft die Menschen hier aus. Auch wenn das widersprüchlich erscheint, können mir viele Leute während meiner Reise bestätigen, dass Gastfreundlichkeit und Zusammenhalt die wichtigsten Werte der Färinger sind und dass es deshalb für jeden schwer sei, das Land komplett zu verlassen.

Kein Ort liegt weiter als nur ein paar Kilometer vom Meer entfernt. | Bild: Diana Mühlberger
Die bunten Holzhäuser, sowie die mit Gras und Moos bewachsenen Häuser sind typisch für die färingische Architektur. | Bild: Diana Mühlberger
Rannvá Joensen zwischen alten traditionellen Häusern, die gerade restauriert werden. | Bild: Diana Mühlberger
Der Großteil der Bevölkerung ist gläubig und sehr konservativ. | Bild: Diana Mühlberger
Border Collies und Schafe laufen überall auf den Inseln frei herum. | Bild: Diana Mühlberger