Welche Auswirkungen das Duschen auf die Luftfeuchtigkeit hat? Das interessiert nicht nur den Octopus. (Symbolbild) | Bild: Zita Hille

Data Sensorjournalismus und Kindheitsträume
Duschen mit einem Octopus

Welche Auswirkungen das Duschen auf die Luftfeuchtigkeit hat? Das interessiert nicht nur den Octopus. (Symbolbild) | Bild: Zita Hille

08 Feb 2020

An den beschlagenen Badezimmerspiegel mit den Fingern Muster malen – das war eine Freude meiner Kindheit, die meine Mutter zur Weißglut brachte. Ich aber konnte so die Künstlerin und neugierige Entdeckerin in mir ausleben. Warum beschlug der Spiegel? Warum verschwanden meine Kunstwerke nach einiger Zeit? Und warum passierte das Ganze immer nur nach dem Duschen?

Dass diese Fragen mit Luftfeuchtigkeit zu tun hatten, wusste ich schon damals. Auch, dass man durch bestimmte Bedingungen, wie zum Beispiel dem Öffnen des Fensters, Einfluss auf die Höhe der Luftfeuchtigkeit nehmen kann. Und doch wusste ich auch vor Kurzem, mit 23 erfahrenen und doch irgendwie frischen Jahren, nicht Recht, welche genauen Werte die Luftfeuchtigkeit im Badezimmer durch das Duschen erreicht, warum sich Schimmel bildet oder wie genau das Lüften Einfluss darauf hat.

Dank des Datenjournalismus, an dem wir uns dieses Semester fleißig austoben dürfen, hatte ich nun die Möglichkeit, meinen Kindheitsfragen mit dem Bosch-Umwelt-Sensor BME680 „Octopus“ (der Name stammt von Gründer der Platine Guido Burger, dessen Tochter während des Erstellens des Prototypen gerade einen Tintenfisch malte) auf den Grund zu gehen. Ich wollte es genau wissen: Wie verändert sich die Luftfeuchtigkeit im Badezimmer durch einen Duschvorgang? Hierbei wollte ich verschiedene Szenarien ausprobieren: Den Sensor ins Bad legen und einmal bei geschlossenem Fenster duschen, einmal bei geöffnetem Fenster und einmal bei gekipptem Fenster. Entsprechen die allgemein in der Wissenschaft geltenden Zahlen auch für unser Bad Cannstatter Bad aus dem 4. Stock der Taubenheimstraße? Oder herrschen dort eventuell klischeehafte Ghetto-Verhältnisse, die das Ganze aus dem Durchschnitt bringen? Bekannt ist, dass „feuchte Räume“, wie zum Beispiel das Bad, eine hohe Wahrscheinlichkeit für potenziellen Schimmelbefall haben (Reuter, 2010, S. 5) - ich wollte allerdings überprüfen, ob meine Annahme, dass die Luftfeuchtigkeit im Bad bei geschlossenem Fenster höher ist, als bei geöffnetem und dass die Werte bei gekipptem Fenster vermutlich im Mittelbereich liegen, wahr ist oder nicht. Vielleicht würden mich die Ergebnisse ja vom Gegenteil überzeugen. Allerdings wollte ich herausfinden, wie ich Schimmelbefall durch Luftfeuchtigkeit im Raum vorbeugen kann.

Das Experiment

Zur Durchführung dieses Experiments musste ich natürlich Einiges beachten: Zuerst einmal durfte sich nur der Zustand des Fensters von allen herrschenden Umständen unterscheiden. Der Sensor des Bosch-Geräts sollte möglichst also immer gleich weit entfernt sein (in diesem Fall ca. 2 Meter von der Dusche entfernt), die Außentemperatur sollte immer ungefähr gleich sein (in meinem Fall ca. 4 Grad Celsius), die Wassertemperatur war stets lauwarm (da ich anders nicht duschen kann) und am Duschtag hatte noch niemand zuvor das Bad der WG betreten, um veränderte Luftfeuchtigkeit durch vorherige Duschvorgänge zu vermeiden. Das Fenster stand die Nächte zuvor durchgängig auf Kippe. Zudem wollte ich das Experiment pro Bedingungswechsel zwei Mal wiederholen, damit ich mit Kontrollergebnissen Zufälle ausschließen konnte. Da ich immer ca. zehn Minuten lang dusche, beschränkte ich für die Experimente die Duschdauer auf maximal zehn Minuten, damit sich auch da die Verhältnisse nicht voneinander unterscheiden.

Im November wagte ich es also: Ich duschte mit dem Octopus-Sensor im Raum.

Die Ergebnisse beim ersten Versuch mit geöffnetem Fenster fielen wie folgt aus:

Die Werte der Luftfeuchtigkeit variierten während des Experiments nur wenig: Anfangs sanken die Zahlen auf 41,52 Prozent, stiegen dann mit zunehmender Anzahl der Duschminuten minimal auf 42,96 Prozent und blieben bis zum Ende hin ungefähr auf gleichem Level (zwischen 40,44 und 43,46 Prozent). Die teilweise extremen Werte der Messung vom Anfang sind nur durch den Transport des Sensors ins Bad gegeben, hier aber nicht beachtenswert.

Man könnte meinen, dieser Unterschied sei schon hoch, denn wie man sieht, erreichte die Luftfeuchtigkeit kurz nach dem Ende des Duschens ihren Höhepunkt von 48,74 Prozent – und trotzdem sollten mich die Ergebnisse der weiteren Experimente vom Gegenteil überzeugen.

Die Ergebnisse des zweiten Experiments, nämlich bei gekipptem Fenster, unterschieden sich schon deutlicher vom ersten:

Die Luftfeuchtigkeit stieg in der Zeit des Duschvorgangs von 42,64 Prozent auf 58,01 Prozent, also um ca. 16 Prozentpunkte, wobei sie nach dem Abschluss des Duschens nochmal auf 66,46 Prozent anstieg – insgesamt also eine Steigerung von mehr als 20 Prozentpunkten. Bedenkt man, dass das Fenster ja eigentlich halb geöffnet war, fast wie im ersten Versuch, jedoch ein solch markanter Unterschied festzustellen ist, bestätigt sich zwar meine Vermutung vom Anfang, jedoch hätte ich mit diesen enormen Werten nicht gerechnet. Laut der Durchschnittswerte verschiedener Tabellen (zum Beispiel von luftfeuchtigkeit-raumklima.de oder von aero-check.de) belaufen sich die Durchschnittswerte der Luftfeuchtigkeit im Raum zwischen 40 und 60 Prozent, im Bad kann es auch mal höher sein, also bis zu 70 Prozent. Auch die Jahreszeiten seien hier ausschlaggebend, im Winter (zu dem man den November wie ich finde definitiv zählen kann) höher als im Sommer. Also scheinen die fast 70 Prozent zwar normal zu sein, jedoch meiner Meinung nach bei gekipptem Fenster im Vergleich zum geöffneten zu hoch, wenn man das Ziel hat, schimmelvermeidend zu duschen, denn manche Schimmelarten bilden sich laut luftfeuchtigkeit-raumklima.de bereits ab 70 Prozent.

Schauen wir uns jedoch die Ergebnisse des dritten Duschvorgangs bei geschlossenem Fenster an:

Anfangs betrug die Luftfeuchtigkeit noch einen „Normalwert“ von 41,76 Prozent, welcher sich durch das Duschen und das Stauen der Feuchtigkeit, welche nicht durch das Fenster entrinnen konnte bzw. durch kalte Luft ausgeglichen werden konnte, auf fast das Doppelte anstieg: 77,39 Prozent in der letzten Duschminute und ganze 84,65 Prozent drei Minuten nach Beenden des Duschens. Dieser Wert war also nicht nur eine extreme Abweichung von den letzten Versuchen oder vom Anfang dieses Versuches, sondern überstieg auch den Durchschnittswert der oben genannten Tabellen, bei der über 80 Prozent schon nicht mehr als empfohlener Normalwert galt.

Nochmal im Vergleich sieht man die enorme Abweichung der einzelnen Duschzustände:

Bei geschlossenem Fenster (rote Linie) ist der Wert in der letzten Duschminute eindeutig am Höchsten, bei gekipptem Fenster im Mittelbereich und bei geöffnetem Fenster am Niedrigsten – sogar 34,82 Prozent höher, als bei geschlossenem Fenster.

Auch die Kontrollversuche bestätigten diese Ergebnisse: Es gab bei keinem der Zweitversuche ausschlaggebende Abweichungen. Auch dies überraschte mich, da ich doch die Temperaturveränderung durch das Duschen im Raum selbst zwar wahrgenommen hatte, aber trotzdem niemals einen solch extremen Wert der Luftfeuchtigkeit vermutet hätte.

Meine Hypothesen vom Anfang hatten sich also bestätigt: Die Luftfeuchtigkeit ist am Höchsten, wenn man das Fenster während des Duschens geschlossen hält.

Ich finde es wirklich schockierend, dass man auf so leichte Weise die Möglichkeit hat, die Luftfeuchtigkeit im Raum zu beeinflussen und entweder auf ziemlich gleichem Level zu halten bzw. die Werte zu verdoppeln und die Wahrscheinlichkeit zur Schimmelbildung zu fördern. Die hohe Luftfeuchtigkeit bei geschlossenem und selbst bei gekipptem Fenster stellen für den Schimmelbefall schon eine „Gefahr“ dar. Natürlich heißt das realistischerweise nicht, dass ich ab jetzt im tiefsten Winter nur noch bei geöffnetem Fenster duschen werde. Aber was sich eindeutig durch das Experiment geändert hat, ist mein Bewusstsein für die Luftfeuchtigkeit bzw. dessen, dass man nach einem Duschvorgang bei geschlossenem Fenster schleunigst lüften sollte. Und generell so viel lüften, wie nur möglich – bei geöffnetem und nicht nur gekipptem Fenster, da das ja auch einen großen Unterschied macht, wie ich jetzt gelernt habe. Durch das Duschen mit einem Octopus.