Gemeinsam mit Ingrid Mickler, Annegret Richter und Heide Rosendahl gewinnt Christiane Krause (Zweite von rechts) die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1972 in München. | Quelle: Christiane Krause

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Durch tiefste Tiefen in höchste Höhen

Gemeinsam mit Ingrid Mickler, Annegret Richter und Heide Rosendahl gewinnt Christiane Krause (Zweite von rechts) die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1972 in München. | Quelle: Christiane Krause

27 May 2019

Christiane Krause, ehemalige deutsche Sprinterin, nahm 1972 für die Bundesrepublik Deutschland (BRD) bei den Olympischen Spielen in München teil. Als Startläuferin des bundesdeutschen Quartetts in der 4-mal-100-Meter-Staffel gewann sie zusammen mit Ingrid Mickler, Annegret Richter und Heide Rosendahl die Goldmedaille in 42,81 Sekunden. Die 68-Jährige gibt Einblick in ihr damaliges Leben als Profisportlerin und erzählt, was der Sport für sie heute bedeutet.

Christiane, wie hast du das Attentat in München 1972 erlebt?

Die Olympischen Spiele 1972 waren die ersten Spiele in Deutschland nach den sogenannten Hitler-Spielen 1936. Man wollte sich nach dem zweiten Weltkrieg unheimlich offen zeigen. In München herrschte deshalb vom Tag der Eröffnung an Fröhlichkeit. Die neuen Spiele waren im Vergleich zu früher freundlich, fast schon frech. Am Tag des Attentats waren wir erstmal alle irritiert. Im Hochleistungssport war jede Minute getaktet, bei den Olympischen Spielen natürlich noch viel mehr. Jede Sekunde. Wir hatten an diesem Tag eigentlich ein Staffeltraining auf unserem Plan, wie jeden Vormittag. Allein durch die Verzögerung war man als Sportler schon verwirrt, da sich der gesamte Zeitplan verschoben hatte. Wir hatten zu der Zeit keinen eigenen Fernseher auf unseren Zimmern, auch keine eigenen Handys. Nur einen Aufenthaltsraum, in dem sich alle Sportler des olympischen Dorfes versammelten und versuchten, über die Medien mehr zu erfahren. Aber wir wurden nicht informiert und es galt dann einfach nur zu warten. Als dann allmählich durchsickerte, um was es sich handelte, waren wir alle einfach nur erschrocken und traurig. Es gab damals Tote, für uns nahestehende Tote. Wir kannten Trainer, wir kannten Sportler... mein Team und ich, wir waren einfach wie gelähmt.

Prägt dich dieses Erlebnis bis heute noch?

Natürlich! Mir hat dieses Erlebnis gezeigt, dass die Welt durch nichts aufgehalten wird. Dass es im Leben immer wieder Tiefschläge gibt, die es zu überwinden gilt. Dinge so zu nehmen, wie sie kommen, abzuhaken und positiv in die Zukunft zu schauen. Der Mensch ist dazu geneigt, sehr schnell, sehr negativ zu denken. Das ist stark abhängig davon, wie man die Dinge im Leben betrachtet. Man muss sich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren. In München 1972 herrschten zunächst natürlich Unverständnis und Trauer. Aber das Wesentliche in dieser Situation damals war, sich nicht unterkriegen zu lassen. „The Games must go on!“, wie Avery Brundage, der US-amerikanische IOC Präsident, bei der Trauerfeier im Olympiastadion verkündete. Diese sportpolitische Entscheidung war meiner Meinung nach eine der wegweisenden Aussagen für die internationale Politik. Von da an bis heute gibt es immer mehr und mehr Attentate. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten, dass es weiter gehen muss. Und zu lernen, mit diesem Frust, den man im ersten Moment vielleicht erlebt, fertig zu werden. Das ist auch auf den Sport übertragbar: Als Sportler musst du verlieren können und Rückschläge hinnehmen, um letztendlich als Sieger aus den Spielen zu gehen. Denn nicht wer gewinnt, ist der Sieger. Der, der es schafft mit dem Frust und der Niederlage fertig zu werden, das ist der wahre Sieger!

Ursprünglich war zu der Zeit ja die DDR klarer Favorit. Wie waren denn damals die Unterschiede zwischen der DDR und der BRD?

Ja, das stimmt. Wir wussten einfach, dass die DDR sportmedizinisch und sporttechnisch sehr gut betreut war und  rein rechnerisch war uns klar, dass wir gegen die DDR keine Chance haben würden. Sie hatten die damalige weltbeste Sprinterin – Renate Stecher – in ihrem Staffelteam. Da war es für uns fast ausgeschlossen, gegen die DDR Gold zu gewinnen. Auch die Medien sahen die DDR in dieser Zeit ganz klar vorne. Die DDR hatte also top Läuferinnen mit top Zeiten. Aber darum ging es uns zunächst auch gar nicht. Wir wollten zu allererst einmal ins Finale kommen. An die Platzierung war erst einmal nicht gedacht. Als wir uns schließlich für das Finale qualifizierten, waren wir alle top vorbereitet und hochmotiviert. Im Stadion waren schließlich 80.000 Zuschauer und dazu starteten wir noch im eigenen Land. Da hatten wir sicherlich den Heimvorteil in München. Und den kann man im Sport ganz oft nutzen. Dieser Heimvorteil verleiht einem Flügel. Und du bist zu Dingen in der Lage, die du vorher nicht für möglich gehalten hast. Das Adrenalin steigt. Die positive Stimmung. Die Zuschauer. Du wolltest zu Hause einfach dein Bestes geben. Unser Bundestrainer sagte aber immer und immer wieder: „Die Staffel ist unberechenbar. In der Staffel kann viel passieren!“. Und so war es tatsächlich. Im Sprint zählen viele kleine Einzelheiten, die am Ende entscheidend sind. Als vierte und letzte Sprinterin startete bei uns Heide Rosendahl, für die DDR Renate Stecher. Das Geheimnis im Sport ist es, in den angespanntesten Situationen Höchstleistung zu zeigen, sein Bestes zu geben aber gleichzeitig einfach locker zu bleiben. Das ist der Schlüssel. Und das gelang unserem Team sehr, sehr gut. Das Glück war an diesem Tag definitiv auf unserer Seite. Gegen die DDR zu gewinnen, war damals einfach sensationell. Und mir kommt es so vor, als wäre es gestern gewesen.

Und wenn du heute die Olympischen Spiele siehst, bemerkst du irgendwelche Unterschiede im Vergleich zu früher?

Also im Sprint gab es lange Zeit keine großen Leistungsunterschiede im Gegensatz zu früher. Allerdings waren wir damals alle Amateure, denn wir haben neben unserer sportlichen Karriere studiert oder gearbeitet. Ich habe morgens um 6 Uhr vor dem Studium meine erste Trainingseinheit absolviert, am späteren Nachmittag folgte dann die zweite. Heute machen die Sportler der Olympischen Spiele das Ganze hauptberuflich. Wir hatten materiell gesehen damals Adidas oder Puma als Hauptsponsoren. Daneben gab es vom Verein monatlich einen sogenannten Ernährungszuschuss. Heute haben die Sportler in dieser Hinsicht im Vergleich ja wirklich traumhafte Bedingungen. Das war zu meiner Zeit kaum vorstellbar! Ich muss aber auch dazu sagen, dass das auch gar nichts für mich gewesen wäre. Ich musste neben dem Sport auch noch eine andere Tätigkeit haben, als Ausgleich. Ich wollte immer Lehrerin werden, insofern galt für mich: „Hochleistungssport ist die schönste Nebensache der Welt!“, das habe ich immer gesagt. Und so war das auch für mich, bis zum heutigen Tag.

„Hochleistungssport ist die schönste Nebensache der Welt!“ – Christiane Krause

Hast du damals dann auch von Doping in deinem Umfeld mitbekommen?

Ich habe zur damaligen Zeit nicht viel mitbekommen. Es gab natürlich Vermutungen über Sportler, an denen möchte ich mich allerdings nicht beteiligen. Das kann ich auch gar nicht. Aber ich fand und finde es nicht richtig, dass man alle Sportler nach 1972 eine gewisse Zeit lang unter Generalverdacht stellte, gedoped zu haben. Das kann man nur, wenn man das Ganze auch beweisen kann! Und ich denke, die Meisten waren wirklich nicht gedoped. Wenn dann vielleicht nur ganz vereinzelt. Eine Siebenkämpferin zum Beispiel – Birgit Dressel – war damals gedoped, was dann leider auch tödlich endete.  Das Ganze ist eine grundlegende Entscheidung. Ich lehne es grundsätzlich ab, denn meiner Meinung nach ist es schlichtweg eine Manipulation des Körpers. Ich habe ja Sport studiert. Da wusste ich auch einfach schon ein wenig über das gesamte Thema Bescheid. Für mich war es damals ein großer Reiz, und das ist es bis heute noch, seinen Körper durch Training an die körperlichen und mentalen Grenzen zu treiben. Und das ganz ohne Manipulation, ganz ohne Doping. Kaffee ist im Alltag mein Doping, das gebe ich ja zu! 

„Kaffee ist im Alltag mein Doping, das gebe ich ja zu!“ – Christiane Krause

Aber ansonsten bin ich da ganz strikt. Genauso wie mit Alkohol oder Nikotin. Das Motto „Einmal ist keinmal!“ gilt bei mir nicht. Wenn du nämlich einmal eine gewisse Hemmschwelle überwunden hast, dann bist du für solche Dinge offen. Und das immer und immer wieder.

Was war das schönste Erlebnis in deiner Sportkarriere?

Für mich waren das immer die Olympischen Spiele. Als 10-Jährige habe ich die Olympischen Spiele 1960 in Rom geschaut und ab diesem Zeitpunkt stand für mich fest, dass ich eines Tages daran teilnehmen will. Das war dann einfach immer in meinem Kopf. Und als ich das erreicht hatte, war das einfach gigantisch für mich! Natürlich, eine Goldmedaille bei der Olympiade zu gewinnen ist sagenhaft. Aber daran denkt man ja zunächst einmal gar nicht. Allein die Teilnahme war für mich das Allergrößte!

Wie ging es nach deiner Zeit als Profisportlerin weiter?

Als ich aufgehört habe, war ich 25 Jahre. Während ich Hochleistungssport betrieb, studierte ich Lehramt für Sport, Hauswirtschaft und Englisch. Das war dann auch mein späterer Beruf. Anfangs war es eine unheimliche Umstellung. Denn im Hochleistungssport ist man getaktet. Da ist alles geplant. Von morgens bis abends. Jeden Tag. Dein ganzes Leben richtet sich nicht nach Feiertagen oder Jahreszeiten, sondern nach Wettkämpfen und dem anstehenden Training. Man lernt in dieser Zeit natürlich, sich gut zu organisieren und zu planen und wird absoluter Perfektionist, was manchmal für das Umfeld schwer auszuhalten ist. Aber hast du den Sport dann plötzlich nicht mehr, dann musst du dich neu erfinden und dir selber eine neuen Zeiteinteilung geben. Du musst dann einen Sinn für dich finden und das dann natürlich mit einer gewissen Zufriedenheit. Abtreten von der Sportbühne, das war nicht ganz einfach für mich. Anfangs fühlte es sich an wie Stillstand. Aber ich hatte schon immer einen Lebensplan, ich wollte Familie und Kinder. Später in meinem Beruf als Sportlehrerin versuchte ich, den Schülern die Freude am Sport zu vermitteln. Aber auch außerhalb trainierte ich unterschiedlichste Gruppen und war in Sportvereinen ehrenamtlich tätig. Eigentlich bis zum heutigen Tag. Ich wollte dem Sport immer etwas zurückgeben.

Du bist jetzt ja schon dein ganzes Leben sportlich aktiv. Was bedeutet der Sport für dich?

Ja, Sport ist mein Leben! Schon immer gewesen. Schon von klein auf. Und ich denke, wenn man sich sein Leben lang körperlich fit hält, regelmäßig etwas für sich und seine Gesundheit tut, dann hilft das einem enorm. In so vielen Bereichen. Durch Sport gewinnt man Selbstbewusstsein. Und das braucht man einfach, wenn man durch das Leben geht. Ich habe durch den Sport so viel über mich und meinen Körper erfahren dürfen. Und das versuche ich schon mein ganzes Leben lang den Leuten weiterzugeben und zu vermitteln: Spaß am Sport und der Bewegung ist der Schlüssel zu sich selbst. Denn man ist zufriedener und man bewältigt Dinge aus dem Alltag viel einfacher. Dinge, die man vorher vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte. Das ist Sport für mich. 

 

 

Der Sport ist bis heute ein großer Teil des Lebens der 68-Jährigen. | Bild: Christiane Krause